Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 129 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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" Nr. 129 DIE NEUE WELT Seite } LLOYD TRIESTINO *" DIREKTE LINIE TriestJaffa-Haifa mit den vorzüglichen Salonschiffen „Adrla" und „Carnaro". Fahrtdauer 4'/« Tage. Fahrpreise: I. KI. Lst 22.-, II. Kl. Lst 15.-, III. Kl. Lst. 6.-^ inklusive Bett und Verpflegung. Für Chalusim und Touriatanajaaallachaltait besonder« Ermüßigungen. Für Einzelreisende kostet die Fahrt nach Palästina und surück in der III. Klasse inklusive Kabine und Verpflegung bloß österreichische Schilling 416.— Auskünfte: Lloyd Tri est) no, Wien, I., Kärntnerring 6 tungen nicht, obwohl er mit den Mitgliedern der Zionistischen Exekutive in Jerusalem und besonders mit deren Sekretär, Leonhard Stein, einem genauen Kenner der Ereignisse von 1920, in stetem Kontakt war. Erst einen Monat später, als Jabotinsky selbst nach Palästina kam und sich durch einen Brief persönlich an M e r r iman wandte, führte der Advokat der Jewish Agency die nötige Richtigstellung durch. Jetzt wiederholt sich dasselbe Spiel. Die Zionistische Exekutive kennt die wirkliche Rolle Jabotinskys in den erwähnten Ereignissen genau. Sie weiß sehr wohl, daß Jabotinsky nicht auf eigene Initiative die Organisierung des Selbstschutzes übernommen hat, sondern auf die direkte Bitte der damaligen zionistischen Kommission in Jerusalem hin, die die Kompetenzen der Zionistischen Exekutive hatte. Der Präsident der Kommission, Ussischkin, bestand in einer Sitzung, an der eine Reihe der angesehensten zionistischen Führer teilnahmen, darauf, daß Jabotinsky den schweren und verantwortungsvollen Auftrag auf sich nehme. Es ist nicht möglidi, daß die Exekutive nicht weiß, daß Jabotinsky 1920 seine Arbeit mit den Mitteln der zionistischen Kommission ausführte und daß sein Hauptquartier das Lokal dieser Kommission war. Als es aber zur Uebernahme der Verantwortung gegenüber der englischen Militärverwaltung kam, berief sich Jabotinsky nidit auf seine Auftraggeber, sondern .übernahm allen Instanzen gegenüber die volle persönliche Verantwortung. Das Resultat ist bekannt: 15 Jahre Gefängnis! - Es erfordert die elementare Loyalität, daß der gute politische Name eines Mensdien, der seine zionistische Pflicht erfüllte und die schweren Folgen auf sich nahm, seitens der Zionistischen Exekutive geschützt werde; daß man nicht zulasse, daß dieser Name gerade im Zusammenhang mit seiner aufopfernden Tätigkeit für den Selbstschutz 1920 von antizionistischen Feinden im britischen Parlament attackiert werde. Wir sind der Ansicht, daß die Exekutive moralisch verpflichtet ist, sofort enerigsche Schritte zu unternehmen, um allen Angriffen öffentlich zu begegnen, die den Zweck haben, Jabotinsky den traurig berühmten arabischen Hetzern und Pogromführern gleichzustellen. Jabotinsky nach Südafrika abgereist. London, 2. März. (J. T. A.) Wladimir Jabotinsky, der Führer der Zionisten*Revisionisten, hat sich vor eini* gen Tagen an Bord der ,»Arundel Castle" auf die Reise nach Südafrika begeben und wird dort am 10. März ein« treffen. Der J. T. A. wird mitgeteilt, daß die in einigen Zeitungen erschienene Mitteilung, daß Jabotinsky an einer Kehlkopfkrankheit leidet, keine Grundlage hat. Jabotinsky erklärte vor der Abreise, er werde, wenn er hierzu einge* laden werden sollte, an der Keren Hftjessod*Knmpagne in Südafrika teilnehmen. U Und wieder: Kampf um den Begriff „jüdische Nationalität Vor der Volkszählung in der Tschechoslowakei. ft. Prag, 3. März 1930. Im Laufe dieses Kalenderjahres soll in der T s c h c* choslowakci abermals eine Volkszählung, die zweite seit dem Umsturz, stattfinden. Das zentrale Staatsamt für Statistik hat im Rahmen seiner gesetzlichen Kompetenz der Regierung einen detaillierten Plan zur Durchführung der Volkszählung vorgelegt, der auch Anträge auf Feststellung der Nationali« t ä t der einzelnen Bewohner beinhaltet. Es soll, nach alt« österreichischem Vorbild, wieder zu einer I d e n t i f u z i e r u n g der Begriffe Volkszugehörigkeit und Umgangssprache kommen, so daß das Bekenntnis zur jüdischen Nation von dem Gebrauche der h e b r ä i* sehen und jiddischen Sprache abhängig gemacht wird. Für unrichtige Angaben sind Strafen festgesetzt und überdies besteht die Möglichkeit, das Bekenntnis zur Nation Sprache im administrativen .Instanzenzuge zu überprüfen, welche Sinnwidrigkeit gleichfalls ein Erbstück des alten Oesterreich darstellt. In größter Aufmachung, am Kopfe des Blattes, brachte das „Prager Tagblatt" die Meldung und ließ sich sie außerdem von einem Artikel de$ Hochschul« Professors R a u c h b e r g, eines jüdisch*deutschen Assi* Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke milanten, garnieren. Dieser Herr, der vor mehr als 20 Jahren als Rektor der Prager Deutschen Universität sein Verständnis für jüdischnationale Forderungen be* künden durfte, indem er allen jüdischnationalen Studentenkorporationen die Anerkennung verweigerte, als ob die Existenz oder Nichtcxistenz des Judentums von seinem Wohlwollen abhängig wäre, dieser Herr also kann sich nicht genugtun vor Freude über das geplante Attentat auf das primitivste aller subjektiven Bürgerrechte: das B e« kenntniszu seinem Volk. Er macht einen geisti« gen Luftsprung und spricht von „vexatorischen Stamms baumforschungen" und dann kommt ein Salto mortale vor Genugtuung darüber, daß „zionistische Kund« gebungen" bei der Volkszählung ausgeschlossen sein werden. Nur eines hat Herr Prof. Rauchberg nicht zu Papier gebracht, obwohl es ihm als Lehrer der tschecho« slowakischen Verfassungs* und Vcrwaltungskundc doch -#< LIANI HAID-GUSTAV FRÖHLICH in dem großen deutschen Sprech- und Tonfilm der Jaa-MayProduktion der Ufa llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll mit M. A. Schlattow und Carl darhardt Manuskript: Robert Liebmann und Karl Hartl nach Felix Doermann und Edmund Eysler Regie: GUSTAV UCICKV Musik: Ralph Banaflky Prachtvoll« Originalaufnahman aus dan ttstarr. Alpanlttndern und Wlanl Ur- und Alleinaufführung ab 6. März im: Ufo-Ton-Klno SÄSSW Narlo-Thereslen-Rino SJEETSÄS wohl aufgefallen sein wird: daß nämlich der Antrag des Statistischen Amtes der Verfassung der Repu« blik zuwiderläuft. Jede gewaltsame £ntnatio« n a 1 i s i c r u n g, heißt es dort, ist verboten und jede Nichtbeachtung dieses Grundsatzes kann das Gesetz als strafbare Handlung erklären. Im Motivenbericht, dessen Mitverfasser der jetzige Justizminister Dr. Meißner« Mitglied der tschechischen Sozialdemokratie, ist, wird aus« geführt, daß die Verfassungsurkunde nicht den in der Wissenschaft umstrittenen Begriff der Nation eindeutig festlegen oder gar dekretieren wolle, diese Gruppe bilde eine Nation, jene nicht. Expressis verbis stellt jedoch der Motivenbericht fest, daß sich die Juden zur jüdischen Nation bekennen dürfen. Wenn auch der Motivenbericht nicht Gesetzeskraft hat, so ist er doch sehr maßgebend für die Beurteilung des Geistes, dem die Norm dient. Und die tschecho« slowakische Verfassungsurkunde darf trotz aller Ein* reden politisierender Professoren der Deutschen Universis» tät in Prag geradezu als Muster einer liberalen und wahrhaft fortschrittlichen Verfassung be« zeichnet werden. Ihr Autor, der berühmte tschechische Rechtslehrer Hoetzl, ist ein Mann, dem Liberalismus mehr ist als das freiheitliche Lippenbekenntnis Rauchbergs, der als sozusagen „ächter teutscher" Mann aufhört, liberal zu sein, wenn es um die Rechte anderer Völker und; zu» mal der Juden geht. Dabei aber handelt es sich Rauchberg nur indirekt darum, den nationalen Juden Gewalt, anzutun. Sein pri» märer Zweck besteht darin, die deutsche Minder« heit zu stärken, wobei es ihm gänzlich gleichgültig ist, ob er durch diese Stärkung jemandem Zwang antut Er weiß genau, daß sich, bei Gleichstellung von Nationalis tät und Umgangssprache, viele Juden zur deutschen Umgangssprache bekennen müßten und damit in einigen, nicht unwichtigen Bezirken, das gesetzliche Minoritätss quorum zugunsten der deutschen Minderheit erhalten Eine seltene Bibliothek« Von Tunkelcr. Hört, meine Herren, ich habe in meinem Leben schon viel gesehen an Bibliotheken. Ich habe die große Bibliothek in Löwen gesehen, die Nationalbibliothek in Paris, von der man sagt, daß ihre Bücher, hintereinander in eine Reihe gelegt, bis nach Marseille reichen würden; ich habe die kgl. Bibliothek in Berlin gesehen, deren Kataloge allein eine eigene Bibliothek ergeben; die Bibliothek im British Museum; kurzum, ich habe eine Menge Bibliotheken gesehen. Aber solch eine Bibliothek, wie das Städtel Kureschmelkin sie besitzt, habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Der Führer, der mir alle Sehenswürdigkeiten von Kureschmelkin zeigte, ein dürrer junger Mann mit großer Brille, hat midi in die erwähnte Bibliothek hineingeführt. Und schon im Augenblick, da ich die Schwelle betrat, blieb ich erstaunt und überrascht stehen. Rings um die Wände zogen sich, wie in jeder Bibliothek, lange Reihen Regale, doch auf den Regalen befand sich kein einziges Buch: durchwegs leere Regale, wie in einem Schnittwarenladen nach dem Bankrott. Dieselbe Leere und Oede war auch an den Wänden anzutreffen. Kein Bild und kein Porträt von irgend einem Schriftsteller oder Dichter, wie es in anderen Bibliotheken üblich ist, war zu erblicken: leere, glatte Wände; ein öder Laden, nidit eine Bibliothek. Ich zuckte mit den Schultern. Mein Führer bemerkte meine Ueberraschung und hub an in hohen Tönen zu reden: „Da ich sehe, daß Sie über unser Institut staunen, muß ich Ihnen erzählen und Sie darüber aufklären, weshalb unsere Bibliothek ein so pessimistisches Aussehen hat. Schon vor langer Zelt bedurfte unser Städtel eipes Kulturfaktors, wie eine Volksbibliothek ihn darstellt. Es begriffen alle unsere Macher, alle unsere Parteien und die anderen Volksschichten, warum unser Städtel geistig so tief gesunken ist und in Finsternis und Unwissenheit taumelt. Und um einen Strahl von Licht in unsere finstere Atmosphäre hereinzubringen, haben alle eingesehen, daß man eine V o 1 k s b i b 1 i o t h e k als Kulturfaktor eröffnen müsse. Ist aber unser Städtel klein und unsere Parteien sind klein und keine Partei ist imstande, für sich eine gesonderte Bibliothek zu schaffen! Aber sobald jede Partei von der Ueberzeugung durchdrungen war, daß Licht und Kultur wie ein Quell sei dem Verdurstenden in der Wüste und wie ein Mor-! genstern dem Irrenden in der finsteren Nacht, — einigten sich alle Parteien auf einer Plattform und beschlossen, auf gemeinsamer Kompromißbasis eine Bibliothek zu gründen mit einer Auswahl von Büchern und Zeitungen, und periodenweise die Bedürfnisse aller Richtungen, Strömungen, Splitterurigen, Schichten und Ideologien zu befriedigen. Daraufhin sammelte man Geld und schuf eine Liste von Büchern, Journalen, Zeitungen, periodischen Drudeschriften aller Arten und Schattierungen. Und mit Porträts behingen wir die Wände; mit allerlei Porträts und Bildern — jede Partei war mit dem Bild ihrer Führer und ihrer Leiter und ihrer Ideologie vertreten. Und es wurde eine überaus schöne Bibliothek ge-; schaffen, eine reiche Bibliothek, man kann sagen „ein Glanzstück", eine Zierde. Und ein Schild schlugen wir. an die Tür an: „Die Bibliothek vom leuchtenden Strahl" — das war alles. Soll das Volk nun kommen und sich ins Lesen vertiefen! Soll man Kultur und Zivilisation in" sich aufnehmen und Intelligenz und Ideologien und sollen unsere Menschen politisch reif werden! Eine kurze Zeit ging es gar nicht schlecht. Unsere Stadt fühlte sich als Besitzerin ihres Kulturfaktors vom „leuchtenden Strahl". Doch plötzlich bemerken wir, daß die Bücher der Bibliothek zu verschwinden beginnen, zu versinken wie ins Wasser. Die Stellagen werden leerer und öder. Von den Tischen schwinden die Zeitungen und die Journale und verlieren sich irgendwohin. Mit einem Wort, ein Zusammenbruch unserer ganzen Bibliothek und Ideologie macht sich geltend. Wir brachten eine Warnung an den Wänden an, indem wir die Freunde aufforderten, die Bücher und Zeitungen, die sie zufällig hätten mitgehen lassen, zurückzubringen, aber es half nichts. Die Bücher und die Journale und die Zeitungen ließen sich in ihrem Verschwinden nicht innehalten und so — wurde unsere Bibliothek kahl und ausgetrocknet. Wie das möglich ward, wollen Sie wissen? Es ist einfach folgendermaßen geschehen: Obwohl unsere Parteieu in bezug auf die Gründung des Kulturfaktors, d. h. der Bibliothek, solidarisch und kosmopolitisch waren, führten sie dennoch auf dem Boden unserer Bibliothek unaufhörliche Klassenkämpfe und Parteistreitigkeiten; keine Partei konnte nämlich die Zeitungen und Bücher und Zeitschriften ihrer Gegner vertragen. Da z. B. der „Bund" nicht die Bücher der Zionisten, wie Herzl, Lilienblum, Achad Haam, vertragen konnte, die „das Bewußtsein der Arbeitermassen verfinstern", — haben sie diese Bücher weggeschleppt und irgendwie verschachert. Worauf die Zionisten kamen und in aller Stille die bundistischen Bücher verschwinden machten mit der ganzen sozialistischen Agitatiousliteratur von Marx, LassaUe, Osip Dymow, A, Litwak, Kaütsky und Jenkel Pat, welche die nationalen Gefühle nicht gelten lassen. Sind nun die Jiddischisten gekommen und haben die hebräischen Bücher herausgefischt, sind die Hebraisten gekommen und haben die jiddischen Bücher herausgeschleppt, ist die „Aguda" gekommen und die Orthodoxen und haben der beiden Bücher weggeschnappt, ein Feuer errichtet und zu Asche verbrannt f i