Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 127 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nf. IST DIE NEUE WELT Seite t nranistisobeii Partei Rußlands in einer soeben abgehaltenen Sitzung den Beschluß gefaßt hat, die „Jewsekzija" (jüdische Sektionen der Kommunistischen Partei) aufzulösen und die Führung der Parteiarbeit innerhalb der jüdischen Bevölkerung Rußlands Bevollmächtigten des Zentralkomitees anzuvertrauen. Diese Instrukteure des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei werden »ich — so lautet der Beschluß weiter — in keiner Weise in die Arbeit der Regierungsorgane in der jüdischen Sphäre einmischen, sondern sie werden einzig und allein die Instruktionen des kommunistischen Zentralkomitees befolgen, ohne etwas mit den Verordnungen und Gesetzen des Zentralexekutivkomitees oder des Volkskontmdssarenrates der Regierung der Sowjetunion zu tun haben. — Wie der J. T. A.-Korrespondent weiter erfährt, ist der Beschluß, die „Jewsekzija" aufzulösen, in Verfolg der gegenwärtig in der Durchführung begriffenen allgemeinen Reorganisation des kommunistischen Pafteiapparates in der Sowjetunion gefaßt worden und wird in der offiziellen kommunistischen Presse amtlich nicht publiziert werden. — (Es bleibt abzuwarten, ob die Auflösung der „Jewsekzija" den auf großen Teilen der jüdischen Bevölkerung Rußlands lastenden fürchterlichen Druck mildern wird. Die „Jewsekzija" hat ihren ganzen Einfluß für die vollkommene Ausschaltung der jüdischen „Deklassierten" (ehemalige Kaufleute und Angehörige intelligenter Berufe) aus dem wirtschaftlichen Leben der Sowjetunion wirksam werden lassen und hat sich dadurch in Gegensatz zu der offiziellen Politik der Regierung der Sowjetunion gegenüber der jüdischen Bevölkerung gestellt. Politik und Beschlüsse der „Jewsekzija", die auf die Vernichtung großer jüdischer Bevölkerungsteile in Rußland gerichtet waren, wurden in der ietzten Zeit durch Beschlüsse der maßgebenden Regierungsorgane, die darauf gerichtet waren, auch den jüdischen Deklassierten irgend eine Existcnzmäglichkpit zu geben, desavouiert. Es bleibt ferner abzuwarten, ob nach der Auflösung der „Jewsekzija" der von dieser Körperschaft geführte Vernichtungsfeldzug gegen jüdische Religion, hebräische Sprache und Zionismus in Rußland aufhören oder wenigstens eine Milderung erfahren wird.) Robert Kien gestorben, Samstag, den 15. d. starb erst 45jährig im Rothschild« Spital nach einer Nierenoperation Robert Kien, der hochverdiente ehemalige Leiter des Kreises Westösterreich der jüdischen Turn« und Sportvereine. Ein gebürtiger Mahrer, nahm er sehr frühzeitig an der zionisti* sehen Bewegung Anteil, begeisterte sich für den Gedan* ken. der körperlichen Regeneration und wurde im Jahre 1912, als anläßlich des Wiener Kongreßturnens die österreichischen Turnvereine zusammengefaßt wurden, an die Spitze des Kreises West*Oesterreich berufen. Sein aufrechtes Wesen, seine feste jüdischnationale Gesinnung, sein Sinn für Disziplin sowie ein ganz ungewöhnliches Rednertalent schienen ihn für diese Stelle besonders zu befähigen.: Er hat die in ihn gesetzten Erwartungen im vollsten Maße gerechtfertigt.' Seiner hingebungsvollen Arbeit war das glänzende Kreisschauturnen in Brünn im Jahre 1913 zu danken, und als die furchtbare Sturzwelle des Weltkrieges die eben erblühende jüdische Turnbewe« gung mit vollkommenem Üntergange bedrohte, war es Robert Kien, der sich unermüdlich bemühte, zu retten, was zu, retten war r— und mit Erfolg. Die jüdische Turner* schalt hat den Krieg überdauert und ist heute im Begriffe, dem jüdischen Volke im allgemeinen, der zionistischen Bewegung irrt besonderen eine Kerntruppe volksbewußter, junger Menschen zu schenken. Die Erkenntnis, daß solcher Art das Lebenswerk Robert Kiens kein vergebliches ge* wesen ist, sondern gerade jetzt im Begriffe steht, herr« liehe Früchte zu tragen, möge den großen Schmerz, den alle Freunde und Mitkämpfer dieses selten vornehmen Menschen ob seines unerwartet jähen Heimganges empfin« den, wenigstens etwas mildern. Bank Haolim. Eine empfehlenswerte Gründung. Eine wesentliche Erschwerung in der Entwicklung der kleinen und mittleren Industrie, des Handels und des Gewerbes in Palästina bildet der Umstand, daß Geldinstitute, welche diesen Berufszweigen länger laufende Kredite zu erschwinglichem Zinsfuße zuführen könnten, fast gänzlich fehlen. Di« mittelständische, auf Privatinitiative beruhende Kolonisierung hat überraschende Erfolge erzielt Tel- A w i w, die große jüdische Stadt, einer der wertvollsten Bestandteile des jüdischen Siedlungswerkes, ist ihre Schöpfung. Unendlich mehr könnte auf diesem Gebiete geleistet werden, wenn der oben erwähnte Mangel nicht hemmend einwirkte. Die Zionistische Organisation hat hier nicht Abhilfe schaffen können. Die von ihr gegründeten und gestützten Bankinstitute, die jüdische Kolonialbank (J. C. T.) und ihre Tochtergesellschaft, die Anglo-Palesfcine Bank (A. P. C.), haben das für die Entwicklung des Landes ausschlaggebende Kreditgeschäft mit kleinen und mittleren Kaufleuten, Gewerbetreibenden und Industriellen wenig oder gar nicht betrieben. Um so begrüßenswerter ist, daß sich eine Vereinigung mittelständischer Juden in Palästina entschlossen hat, ein Bankinstitut, die Bank Haolim, zu gründen, welche einzig und allein dem Zwecke dienen soll, durch Gewährung langfristiger und billiger Kredite an Kaufleute, Gewerbetreibende und Industrielle die Entwicklung des jüdischen Palästinas zu fördern. Die Namen der Gründer — Bürgermeister Diaengoff, der .Vorsitzende des palästinensischen Industriellenverbandes Schenker, Supräsky, der Handelsattache des polnischen Generalkonsulates Dr. B. Hausner n. a. — bürgen ausreichend für die Vertrauenswürdigkeit des Unternehmens. Im Auftrage der Gründer bereisen die Herren Abraham Lerner, früher Vizebürgermeister und jetzt Stadtrat von Tel-Awiw, und Dr. David Spindel, Beirat der polnischen Handelsinissiion in Palästina, Europa, um Interessenten und Aktienzeichner für die Bank Haolim zu werben. Sie sind derzeit in Wien. Es bietet sich die Möglichkeit, die Entwicklung des jüdischen Palästina zu fördern. Nicht in der Form der Schenkung, sondern in Form der Erwerbung guter Aktien. Die Wiener Auskunfts- und Einzahlungsstelle der Bank Haolim ist bei Herrn Dr. D. Rothblum, Rechtsanwalt, Wien, I., Bräunerstraße. Der Preis einer Aktie beträgt 5 Dollar 25 Cent Ungarisches Mosaik. Von unserem Budapester Korrespondenten. Jüdische Redakteure antisemitischer Zeitungen. — Die vornehme jüdische Geste. — Hin und her, auf und ab. — Der erwachende Totschläger. Daß getaufte Juden und Jüdenstämmlinge die ver« läßlichsten Mitarbeiter antisemitischer Blätter und Förderer der antisemitischen Literatur sind, ist eine Erscheinung, die nicht nur in Ungarn zu be» obachten ist. Das hebräische Sprichwort: „Deine Zer* störer und Verfolger stammen aus deiner Mitte" hat sich im Laufe der jüdischen Geschichte oft in blutiger Form bewahrheitet, daß eine neue Bestätigung dieses propheti* sehen Sprichwortes kaum mehr auffällt. Aber das assimi* latorische Ungarn hat auch hierin den Rekord geschla» gen. Anläßlich der jüngst abgehaltenen ungarischen Bischofskonferenz unterbreitete der Erlauer Erzbischof Ludwig Szmrecsanyi der Konferenz einen Ausweis, aus dem hervorgeht, daß die ungarische Regierung den Antisemitismus durch jüdische Journalisten verbreiten läßt. Der Bericht des Erlauer Etzbischofs weist nach, daß die antisemitischen Regierungsblätter „Nemzeti Ujsag" und „Uj Nemzedek" hauptsächlich von Juden redigiert werden und in diesen Blättern mehr jüdische als christliche Mitarbeiter tätig sind. Beim „Nemzeti Ujsag" arbeiten 14 jüdische Redakteure. Unter diesen jüdischen Redakteuren und Mitarbeitern gibt es nicht nur getaufte Juden und Jüdenstämmlinge, sondern auch eine beträchtliche Anzahl von „Nochjuden", die in der jüdischen Gemeinde ihre Kultussteuer bezahlen und sich gelegentlich auch von den Juden als angesehene Glaubensbrüder anstrudeln lassen. Aber nicht nur als Skribenten des Antisemitismus erniedrigen sich diese jüdischen Assimilanten. Erzbischof Szmrecsanyi war auch in der Lage, dem jüdischen Buchhändler L an tos auf dem Museumsring das Lob zu zollen, daß er als Leiter des Buchverlages des „Apostolischen Heiligen Stuhls" sich um diese Unternehmung große Verdienste erworben habe und deshalb auch das vollste Vertrauen der Bischofskonferenz verdient. ■ Die „Neue W e 1t" brachte vor kurzem die Mel* dung, daß 17 Juden, die auf einer eigenen jüdischen Liste bei den letzten Munizipalwahlen im Zempliner Komitat den Sieg davongetragen haben, mit einer „vor nehm en Geste" auf ihre Mandate verzichtet haben, um Christ« liehen Wahiwerbern die Möglichkeit zur Erreichung eines Mandats zu bieten. Die vornehme jüdische Geste, wie die ungarischen Blätter solche Dummheiten zu nennen belieben, wirkt ansteckend und zeitigt die widerlichsten Erscheinungen. Da hat ein jüdischer Student, der infolge des Numerus clausus ins Ausland vertrieben worden war, in Deutschland das Glück gehabt, auf ein Klas» senlos einen hohen Treffer zu machen. Man sollte nun glauben, daß dieser junge Märtyrer seines Judentums, plötzlich reich geworden, wenn schon nicht des Aufbaues der jüdischen Heimstätte in Palästina, so doch wenigstens jener vielen darbenden jüdischen Stu« denten, die gleich ihm Vaterhaus und Heimatland ver» lassen mußten, weil sie Juden sind, mit einer großen Spende gedenken werde. Weit gefehlt l Das wäre zu ge« radlinig, zu selbstverständlich und zu anständig. Dieser junge Mann, der unter dem Zwang der Verhältnisse bloß das Domizil, aber nicht seine eklige assimilatorische Ge* sinnung gewechselt hat, spendete dem.Feuer wehrv er« e i n seines Heimatsdorfes den namhaften Betrag von 100.000 (hunderttausend) Pengö und laßt sich jetzt für diese seine „vornehme jüdische Geste" von den Blättern aller Richtungen beloben. Er wird vielleicht Ehrenmit« glied der Feuerwehr seines Heimatsdorfes, aber nicht inskribierter Student einer ungarischen Hochschule werden. * In der sonst sehr diskreten Rabbinat s» kanzlet der Budapester jüdischen Gemeinde hat sich dieser Tage ein Rollenwechsel vollzögen, bei dem zwei der angesehensten ungarischen Schauspieler die Helden waren. Fast zur selben Zeit hat der in Ungarn berühmte jüdische Schauspieler Koloman Rozsahe'gyi, der erst Vor kurzem seinen 60.- Geburtstag und sein 40jährigea Künstlerjubiläum feierte, im Rabbinat seinen Austritt aus dem Judentum angemeldet, während der 70jährige, durch Jahrzehnte gefeierte Schauspieler Emmerich Sfirraai seinen Rücktritt zum Judentum bekannt* gab. Er tat dies aus Anlaß seines 70. Geburtstages, Der Rücktritt Szirmais zum Judentum wäre, wenn er nicht durch die von seinem Kollegen zum Platzen gebrachte UFA-TON-KINO m°° 1;?tSÜ *»9»W!NW«»*WN*9»^ Oai FÜmtftMtor dar guttut O«aollach«ft Mtflft t 9. Woch« Ur- und AllalnauttOhrurtg DIR NIM UFATON.aftOSSMLM Der weiße Teufel nach Leo Tolstois „Hadschi Murat" Produktion i Blootfftablftowltaoh Hauptdarsteller: ... M*""™*"™"«^ ■HriiaMMamai LIL DAGOVER BETTY AMANN Ragl«I ALEXANDER WOLKOFF Der weltberühmte Don-Kosakenchor in Ton «. Bült Beginn: Wochentag 5, 7 9 Uhr — Sonn- und Feiertags, 5,7,9 Ühr Bombe gestört worden wäre, sicher ein willkommener Anlaß gewesen, den Führern der Assimilanten die Rette Szirmais als einen Bombenerfolg ihrer Aktion „Zurück zum Judentum" zu buchen. Aber da kam Rozsahegyi, der verhätschelte Liebling der Assimilanten, und machte mit seinem Streich die ganze Freude zunichte. Peinlich ist es überdies, daß im allgemeinen angenommen wird, daß Rozsahegyi sich zu seinem Schritt aus Rache gegen den Vorstand der jüdischen Gemeinde gedrängt fühlt Als dieser Schauspieler vor kurzem sein Künstlerjubiläum be« ging, war er der Gegenstand zahlreicher Ovationen und Ehrenbezeigungen. Rozsahegyi ist in der Tat ein in allen Kreisen beliebter und gefeierter Schauspieler, und als seine Verehrer ihm zu seinem Jubiläum eine Villa erbauen ließen, trugen nicht nur zahlreiche christliche Privatpersonen und Gesellschaften, sondern auch die ein« zelnen christlichen Kirchengemeinden durch Spenden zu diesem Ehrengeschenk für den Künstler bei. Bloß die jüdische Gemeinde, die sonst für ihre Leibjournalisten teure Bankette und Ehrengaben in Hülle und Fülle übrig hat, habe sich des jüdischen Künstlers, der Mitglied der Kultusgemeinde war, nicht erinnert, und sich von den Jubiläumsveranstaltungen ostentativ ferngehalten. Da rauf ging der berühmte jüdische Schauspieler hin und spielte di. Rolle des Verärgerten mit solcher Naturalistik, daß er sein ganzes Judentum der Kultusgemeinde und ihrem Rabbinat an den Schädel warf und dafür jetzt den Jubel aller Antisemiten einheimst. Die Assimilanten hoffen allerdings noch, daß er bis zu seinem siebzigsten Geburtstag zur Besinnung kommen und wie sein Kollege S z i r m a i wieder den Weg zum Rabbinat zurückfinden werde. * In Erlau wurde dieser Tage der Führer der Ost« gruppe der Erwachenden Ungarn, Franz Toth, wegen Totschlags zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Dies allein würde kein Anlaß sein, daß wir uns mit dem antisemitischen Totschläger besonders befassen. Eine ganze Anzahl von amnestierten und nicht amnestierten Führern der Erwachenden Ungarn hat ihre Karriere schließlich doch als Defraudanten, Betrüger und Mörder im Zuchthaus abschließen müssen, da es heute nicht mehr gut möglich ist, die inzwischen verjährten Verdienste der Judenverfolger durch Niederschlagung solcher Pro« zesse zu belohnen. Ueberdies hat Franz Toth diesmal keinen Juden erschlagen, sondern einen christlichen Glaubensgenossen und da kennt auch' die ungarische Justiz keinen Spaß. Daß wir uns mit dem Fall des Franz Toth besonders befassen, hat seinen Grund darin, daß er in der Geschichte der Judenverfolgungen in denletz« ten zehn Jahren in Erlau und Umgebung eine ganz be« sonders gefährliche Rolle gespielt hat Er hatte als städtischer Unternehmer für die Reinheit und Sauber« keit des äußeren Stadtbildes von Erlau zu sorgen und bat sich in dieser Eigenschaft offenbar als so tüchtig erwie« sen, daß er auch mit der Führung der Aktion zur Säube« rung der magyarischen Gesellschaft vom jüdischen Ein« fluß betraut worden war. Zahlreiche jüdische Existenzen mußten in die Säuberungsfähigkeit dieses Franz Toth glauben und den Ruin ihrer Existenzen resigniert bin« nehmen, da zur Zeit der Herrschaft des weißen Terrors der Erwachenden Ungarn Franz Toth in Erlau der all« mächtige Herr und Gebieter war. Im Jahre 1923 machte sich Franz Toth durch eine besondere Heldentat berühmt. Man befand sich mitten drin in einer Wahl« Wochen-Kalender Feber 1930 £3? JTW Schebath 5690 21 Freitag 23-33 Sabbateingang 5.15 22 Samstag 24-13 Sabbatausgang 6.06 pon itd rr.ttQ «eon ,i>t 28 Sonntag . 25-ro 24 Montag 26-13 25 Dienstag 27-ra 28 Mittwoch 28-ro 27 Donnerstag 29-03 vm v»i 3^y