Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 127 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 19T Absperrung, zumal wenn man bedenkt, daß der Zuwachs ans den östlichen Landern in den letzten sechs Jahren fast 15.000 Köpfe betragen hat. Damit ist den Ostjuden nnn auch die Möglichkeit der Auswanderung nach der bis jettt liberal orientierten Südafrikanischen Union genommen. Sowjetrußland hat einen Verniclitungsrcldzug gegen das Judentum unternommen, die zu Demonstrationszwecken in Szene gesetzten Kolonisation»* versuche im Hinterland Moskaus, auf der Krim und nm Amur sind zusammengebrochen. In Bessarabien sind die Juden den antisemitischen Horden als Freiwild preisgegeben. Die Juden Polens brechen unter der Bürde wirtschaftlicher und sozialer Not zusammen. Auch die Randgebiete lassen für die Zukunft kein besseres Schicksal erhoffen. Was nun? Amerika ist seit langem versperrt, nun hat auch Südafrika seine Tore vor den Juden verschlossen. Zwangsläufig führt der Weg zur Bcfrein n g, zur Erlösung von seelischer, kultureller und wirtschaftlicher Bedrückung dorthin, wo durch die nntio- SIEGM. KORNMEHL aftOSSPUlSCHHAUlAEI Zentrale IX., Bergga««e. 19, Telephon ,17-3*9» u. 16*9*34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für -^»Pleitch anter Aufsicht des Ehrwürdigen Kabbmat» der Isr. Kul* tusgemeinde Wien Autoxuatellung kosUnlo« IX«. Berggasae IS ✓ XVill., Währlngcrstr. 97 ....... .... itiniraiiiuiHiMtniiminitiwMiinwnnifimtmnnK wmHmnmmiiHminNMimiftmmwmmm^ nale Energie das alte jüdische Heim wiederaufgerichtet wird, — nach P a 1 fi s t i n a. Dort müssen die .Tore geöffnet werden: gemäß dem Mandat, gemäß der Balfour- Deklaration, gemäß unserem eigenen Willen. In den jüdischen Siedlungen wird intensiver denn je gearbeitet. Palästina blüht wieder auf. Hunderttausende jüdische Hände regen sich. Und für weitere hunderttausende ist Platz für Arbeit u n d. A u f b a u. Das Verbrechen am jüdischen Volke. Die Nachrichten über das Schicksal der Juden in Sowjetrußland lauten immer trauriger. Während die Regierung einen Scheinkampf gegen den politischen Antisemitismus führt, hie und da Reaktionäre aus der Zarenzeit wegen Antisemitismus zu schweren Strafen verurteilt und dafür Lob in jüdischen und nichtjüdischen Zeitungen des Auslandes einheimst, richtet sie die Judensehnft wirtschaftlich systematisch zugrunde. Kein Tag vergeht, an welchem nicht eine Verordnung erscheint, welche tausende jüdischer Existenzen vernichtet, tausende jüdischer Familien dem Hungertode preisgibt. Gegen diese wirtschaftlichen Pogrome, von der Regierung veranstaltet, muten die politischen Pogrome der Zarenzeit wie dilettantische, kleinliche Versuche an. Von den politischen Pogromen wurden Hunderte, Tausende betroffen. Die Wirtschaftspogrome der Sowjetleute treffen Millionen von Juden. Empörend ist das Verhalten eines Teiles der ausländischen Judenschaft, insbesondere eines Teiles der amerikanisch-jüdischen, welcher den Sowjetleuten durch Geld und erlogene Nachrichten Beistand leistet, alles unter dem Deckmantel eines barmherzigen Werkes. Um dem Zarismus zu schaden, haben die reichen amerikanischen Antizionisten gemeinsam mit Moskau den verbrecherischen Betrug von der Jud-enkolonisation in der Krim und der U k r a i n a in Szene gesetzt. Millionen und Millionen Dollars wurden den Juden abgeknöpft, bis der traurige Schwindel zusammenbrach. Dann kam das plumpe Märchen von der Judenrepublik in Birbidschan, im fernen Osten. Dieser Plan ging noch rascher in Fetzen. Aber geblieben sind hoch immer die Geld Sammlungen, deren Ertrag in die Taschen lachender Moskauer Agitatoren fließt* die längst verronnen sind, ehe sie einen Juden in Rußland erreichen. Uriter solchen Umständen mutet es wie teuflischer Hohn an, wenn aus Amerika triumphierend gemeldet wird, daß es gelungen sei, auch Nichtjuden für Leistung größer Spenden für das „r u s s i s c h - j ü d ische Hilfswerk" zu veranlassen. Nicht genug daran, daß Juden düpiert werden, auch Nichtjuden werden gerupft. Welches das Schicksal - dieser unterstützten „Kolonien" und „Kooperativen" ist, lehren die nachstehenden Nachrichten aus den wenigen, letzten Tagen: Hunderte jüdische Bauern werden aus den Kolonien entfernt. Moskau, 4. Februar. Das Departement für Landwirtschaft der weißrussischen Sowjetregierung hat soeben eine Verordnung erlassen, deren Durchführung nicht weniger bedeutet, als daß hunderte jüdische Bauern im Verlauf des Monats Februar die kollektiven Landwirtschaften Weißrußlands werden verlassen und dabei ihr gesamtes Hab und Gut werden zurücklassen müssen. Folgende Kategorien von Kolonisten sollen gemäß der Verordnung als „unerwünschte Elemente" ausgeschlossen werden und nicht nur ihren Viehbestand und ihr bewsgliches Vermögen, sondern auch ihr Bargeld zurücklassen: 1. Kolonisten, die gegenwärtig in irgend einer Form Handel treiben; 2. Kolonisten, deren Angehörige Handel treiben; 3. Kolonisten, die früher einmal Handel getrieben oder sich fremder Arbeit bedient haben; 4. Kolonisten, die gegen die Kollektiv!, sierung Propaganda treiben; 5. Kolonisten, die ihre Produkte statt an Konsumgenossenschaften an Bjivatpersonen verkaufen, Im Februar wird in allen jüdischen Kolonien Weißrußlands eine strenge Untersuchung durchgeführt werden, um festzustellen, wer ein Recht hat. in den Kolonien zu bleiben und wer nicht Jeder jüdische, Bauer ist verpflichtet, einen Fragebogen zu beantworten und seinen Lebenslauf darzulegen. Auf Grund dieser Dokumente wird festgestellt werden, welche der Bauern als „unerwünschte Elemente" unverzüglich aus der Kolonie zu entfernen sind. Mehrere Mitarbeiter an der Juden kolonisatiou in Weißrußland haben freiwillig auf ihre Posten verziehtet, weil sie mit der Hinaussetzung der einstigen jüdischen Händler aus den Kolonien nicht einverstanden sind. Die Minsker jiddische Tageszeitung „Oktjabr" nimmt gegen diese Mitarbeiter Stellung und führt aus, daß man sogar mit den Kindern ehemaliger Händler nicht Mitleid haben dürfe! „Oktjabr" teilt mit, die jüdischen Kolonisten Weißrußlands seien gegen die Kollektivisierung und erklären, die Kollektivierung führe zu vollständiger Assimilation und zur Vernichtung der jüdischen Religion. Jüdische Kolonisten In der Ukraine erhalten keine staatliche Unterstützung. Moskau, 5. Februar. Die Regierungskommission für Bcrufsumschichtung der Juden, „Komzet". hat in ihrer soeben abgehaltenen Sitzung besdilossen, in diesem Jahre den jüdischen Kolonisten in der Ukraine keinerlei Unterstützung zukommen zu lassen, weil die Regierung das Komzet-Budget für 1930 von sieben auf fünf Millionen Rubel herabgesetzt hat. Der Hinauswurf ..Jüdischer Kulaken" nimmt Massencharakter an. Moskau, 4. Februar. Die Verfolgung der besser» gestellten jüdischen Kolonisten setzt sich auch im Rayon Cherson fort. Bisher hatte man den sogenannten „jüdischen Kulaken" den guten Boden weggenommen >.-und ihnen den schlechten Boden zugeteilt. Nunmehr fordern die jüdischen Kom« munisten, daß die Kulaken vollkommen enteignet und aus den Kolonien vertrieben werden. Die Moskauer Zeitung „Emess" entsandte .nach dem Rayon Cherson eine Gruppe von Agitatoren speziell zur Bekämpfung der „jüdischen Kulaken", In Kalinindorf, dem Hauptort des* jüdischen Rayons, wird für die Dauer von zwei Wochen eine jiddisch geschriebene Zeitung herausgegeben, die speziell der Niederringung der Jüdischen Kulaken" gewidmet ist. Aus dem Rayon Odessa wird berichtet, daß der Hinauswurf von wirtschaftlich bessergestellten Juden aus den dortigen Kollektivkolonien einen Massencharakter an» genommen hat. Aehnliche Berichte kommen aus Zapo* roschje, wo sich die alten und die neuen JCA»Kolonien befinden, Unerbittlicher Kampf gegen die jüdischen Deklassierten. Moskau, 6. Februar. Der Beschluß des Zentral* exekutivkomitees der So w j e t u n i o n, gewissen Katego« rien einstiger jüdischer Händler das Wahlrecht zu den Sowjets zu verleihen und sie sonst als gleichberech» tigte Bürger zu betrachten, wird von der jiddischen kom* muhistischen Tageszeitung „E m e s s", dem Organ der jüdischen kommunistischen Sektionen, ignoriert. Dagegen richtet „Emess" scharfe Angriffe gegen die ausländischen, jüdischen Hilfsgesellschaften „Ort" und Agro*Joint, die den jüdischen Deklassierten helfen/und fordert eine vorstärkte Sowjetkontrolle gegenüber diesen Gesell» Schäften. „Ort" wird es als schwere Sünde angekreidet,:, daß er Produktionsgenossenschaften für Deklassierte, die als einstige Händler aus allen GeV nqssenschaften ausgeschlossen wurden, gründet; gegen; AgrWoint richtet „Emess" Angriffe deswegen, weil an» gebllch ein Angestellter von AgroJoint in einem Schrei«, ben an einen hohen Sowjetfunktionär mitgeteilt hat, daß 70 Prozent der Jüdischen Heimarbeiter aus den Produkt tionsgenossenschaften ausgeschlossen und so dem Un«> tergang geweiht wurden. III Hioisg ZIMET Wien, XX., Qerhardusg. 26, Tal. A*49-3-84 offeriert sämtliche Flaschen für den OSTERBEDARF llllllllMlllllllllllllllH 400.000 Juden In der Ukraine hilfsbedürftig. Moskau, 5. Februar. Die Moskauer Zeitung „Emess" hat vor kurzem mitgeteilt, daß im ganzen 65.000 Juden in der Ukraine der Hilfe bedürftig sind. Der Direktor der wirtschaftsstatistischen Abteilung von „Ort" in Rußland, L. Singer, weist in einem ebenfalls vom „Emess" veröffentlichten Aufsatz nach, daß nicht weniger als 400.000 Juden in der Ukraine der dringendsten Hilfe bedürfen, unter ihnen sind 125.000 vollständig Arbeits« lose und 60.000 Familien einstiger Händler. Das klingt sehr teilnehmend und besorgt. Nur ver* gessen Herr Singer und die Zeitung „Emess" hinzuzufügen, daß diese Leute, auch wenn Spenden eintreffen sollten, rettungslos verloren sind. Denn in Sowjetrußland gilt es als schweres Verbrechen, ata „konterrevolu« tionärer Hochverrat" ehemalige Händler zu unterstützen. Sie verhungern zu lassen, ist Pflicht aller Patrioten. Drohungen gegen die ausländischen jüdischen Hilfsgesellschaften. Aber sie geben weiter Geld, für „jüdische" Kolonien, welche verschwunden sind. Moskau, 6. Februar. Die jiddische Tageszeitung „Emess", Organ der jüdischen Sektionen der kommunisti» sehen Partei, stellt in einem Aufsatz, der die gegen« wärtige Kampagne für Umwandlung aller jüdischen indi. viduellen Wirtschaften in Kollektive behandelt, an die in Rußland arbeitenden ausländischen jüdischen Aufbau*Organisationen die ultimative Forde* rung, sich klar für oder gegen die Kollektivisierung der jüdischen Kolonien zu entscheiden. Wir müssen den aus* ländischen Bourgcoise*Organisationen klar machen, schreibt die Zeitung, daß in unserem Lande eine „dop* pelte Buchhaltung" nicht zugelassen werden kann. Wir müssen sie warnen und ihnen sagen, daß das Tempo der Kollektivisierung auch im jüdischen Dorf nicht gehemmt werden kann und darf. Die Zeitung behauptet, daß „AgroJoint" in der Krim die Kollektivisierung der jüdischen Kolonien stört, den jüdi« sehen Kollektiven Kredite verweigert, während gleich* zeitig individuellen jüdischen Kolonisten, die sich den Kollektiven nicht angeschlossen haben, Kre* dite gegeben werden. „Emess" glaubt, daß es am 1. April im gesamten Rayon „Krivojrog" keine einzige in* dividuelle jüdische Wirtschaft geben wird, sondern daß alle in Kollektiven zusammengeschlossen sein werden. Heute seien 60 Prozent der jüdischen Kolonisten im Rayon Krivojrog zu Kollektiven vereinigt. Das Mitglied des KOMZET, J. Golde, arbeitete ein Projekt aus, demzufolge noch vor dem kommenden Frühjahr die jüdi sehen Kolonien in Zentralruß* land sich mit den nichtjüdischen Kolonien zu gemeinschaftlichen Kollektiven — wie dies jetzt schon in Weißrußland durchgeführt wird — vereinigen sollen. Der Antisemitismus in Rußland. Moskau, 6. Februar. (J. T. A.) Die in Chaba» rpwsk im Fernen Osten erscheinende Sowjetzeitung „Tiohaokeanskaja Swesda" teilt mit, daß auf; Sachalin, wohin mehrere Juden, die in Biro*Bidschange* scheitert sind, übersiedelten, eine scharfe anti» semitische Stimmung herrscht. Russische Arbei« ter haben den 20jährigen jüdischen Arbeiter David Schuster eine Zeltlang schwersten Peinigungen unter» worfen, sie rissen ihm büschelweise die Haare vom Kopf, trieben ihm Nägel in die Haut und Übergossen ihn mit eiskaltem Wasser. Dies dauerte so lange, bis Schuster irrsinnig wurde. Kommunisten sahen diesen Miß» handlungen untätig zu. Aus Chabarowsk traf ein Bevoll« mächtigter der Kommunistischen Partei auf Sachalin ein, um die Angelegenheit zu untersuchen. Die gesamte militärische Garnison in Tula hielt' eine Versammlung ab und beschloß, den Verkehr mit jenen Soldaten der Roten Armee, die für Antisemitismus Propaganda machen, abzubrechen und zu fordern, daß die Soldaten aus der Armee entfernt werden. Die Dorfkollek* tiven und die städtischen Gewerkschaften ihrer Heimat wurden ersucht, sie auszuschließen. Der Führer dar „Kulaken" (reiche Bauern) des Dorfes Witegri, Pawel Gorski, wurde verhaftet, weil er die Bauernschaft des Dorfes aufforderte, über die jüdi* sehen Mitbewohner herzufallen und sie abzuschlachten. Die ärmere Bauernschaft des Dorfes fordert Todesstrafe für ihn. Weitere Fälle von barbarischem Antisemitismus in Rußland. Moskau, 11. Februar. (J. T. A.) Godja Gr Iben* k o w a, Aufseherin in einem Kindertagesheim zu Kiew, ist verhaftet worden und wird ' sich unter der Anklage des Massenmordes an jüdischen Kindern vor Gericht zu verantworten haben. Der Gribenkowa wird zur Last gelegt,' daß sie aus Antisemitismus zahlreiche jüdische Kinder im Säuglingsalter, die von ihren tagsüber In Arbeitsstätten beschäftigten Müttern dem Heime zur Betreuung übergeben wurden, schwer mißhandelt und da« durch ihren Tod herbeigeführt hat. In Minsk wurden drei antisemitisch verhetzte Ar» heiter, unter ihnen ein Kommunist, verhaftet, well sie ihren jüdischen Arbeitsgenossen Moses Lapidus syste* matisch gepeinigt und ihn gezwungen haben, vergifteten Branntwein zu trinken, wodurch er schwer erkrankte. Die ,Jewsekzija" wird aufgelöst? Moskau, 13. Februar, (J. T. A.) Aus sicherer Quelle wird dem Korrespondenten der Jüdischen Telegraphen-« Agentur mitgeteilt» daß das Zentralkomitee der Kom-