Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 125 (7.2.1930)
- Date
- 1930-02-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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9 Seite 1 Das Kownoer jüdische Kinderhaus abgebrannt — Ein Kind tot, zwei lebensgefährlich verletzt. Kowtio, 30. Jänncf. (J. T. A<) In der Nacht zum 28. Jänner brach in dem Kownoer JüdischenKinder« fittis, der Uber die Grenzen Litauens hinaus in der ge« samten jüdischen. Welt populären Waisenerziehungsinsti* tution, ein Brand aus, der das Gebäude zu einem großen Teil vernichtete. Ein Kind fand da$ei ien T © tf, sytei er» hielten schwere Brandwunden,, sa;da§ Be^L ihnen L e b e n $t g e f a h r besteht. Die übrigen Kjw«äe> gönnten dHdj ohne daß sie an ihrer Gesundheit Schaden genommen hatten, gerettet werden. Die obdachlos gewordenen Kinder wur* den vorübergehend an verschiedenen Stellen untergebracht. Der entstandene Sachschaden ist groß. Die Verwaltung des Kinderhauses wandte sich an -ausländische Institu» tionen, die das Kinderhauä fördern, um-Hilfe. Das Kownoer Jüdische Kinderhaus wurde nach dem Kriege von dem hervorragenden Berliner Pädj> agogen Dr. Siegfried L>e h m a n n gegründet. Dr. Lehmann sammelte die obdachlosen und verwahrlosten jüdischen Kinder, deren Eltern im Kriege und in den Bürgerkriegen, sowie durch.Epidemien umgekommen sind, von:. der Straße, wo sie halb v e » h ü n g'e r t, fast ü n b ei kleidet und frierend sich herumzutreiben pflegten, und bildete sie nach modernsten Erziehüngsprinzipien aus. Ein1 Teil dieser Kinder wurde später nach Palästina ge* bracht, wo für sie das durch seine neuen erzieherischen Arbeits« und Verwaltungsprinzipien bekannte Kinderdorf ^Ben Schemen" eingerichtet wurde. ' kennen. Wir sahen, wie ein reicher Jude, den man vor ungefähreinem Jahre gefangen hatte, um 400 Skudi verkauft wurde.v Da er sich frei glaubte, weil er einen venetianischen Paß besaß, griff, er den Käufer tätlich an. Er wurde sofort ins Gefängnis zurückgeschickt, Bart und Augenbrauen wurden ihm abrasiert, mächtige Ketten an die Beine1 gelegt und- 50 Stockhiebe ve rab r ei cht." IL. Jüdische Solidarität. Der Heilige, selbst, gesegnet sei er, sagt ein hekanntes rabbinisches Sprichwort, schafft das Rettungsmittel vor dem Leid. So auch in diesem Falle. Für einen Juden ist der Gedanke unerträglich, daß ein Volksgenosse von einem Nichtjuden zum Sklaven gemacht, in der Religionsausübung behindert, an Leib und Ehre bedroht werde. So stand seit den frühesten Tagen die „Erlösung der Gefangenen" unter allen Wohltätigkeitsakten, die ein Jude zu vollführen hat, in hohem Range, und es wurde als richtig angesehen, daß eine .Verlassenschaft ohne Bestimmung für diesen pidjan schewuim verwendet werde. Das ganze Mittelalter hindurch ist dieser Brauch geübt worden und hat in der halaehischen und historischen Literatur reiche Spuren zurückgelassen. Im allgemeinen war die Hilfsorganisation nur eine sporadische.. Wenn es die Not erheischte,, wurde eine Sammelaktion veranstaltet, die dem Umfang der Not entsprach. Die Eiablierung der Ritter, auf Malta aber systematisierte die Seeräuberei auf den Mittelmeerschiffen, so daß Malta das Hauptzentrum darstellte. Die Errichtung einer» permanenten Hilfsorganisation war daher notwendig. Das große Sammelbecken des Mittelmeerhandels war damals immer noch Venedig, dessen Geschäfte mit der Levante zum großen Teil von Juden besorgt wurden. So gab es in Venedig eine ansehnliche Niederlassung von Juden, die direkt von den hiberischen Inseln herübergekommen waren. Im Zusammenhang damit gründete sieh in Venedig im 17. Jahrhundert die erste- Gesellschaft zur Erlösung der Gefangenen, „Chewrath Pidjan Sehewuim'', die in den folgenden 100 Jahren bei allen großen sphardischen Ge- __DIE NEUE WELT_ Sechs Wochen Gefängnis wegen Ritualmordhetze. Berlin, 2. Februar. (J. T. A.) Aus Köln wird telegraphiert: Der „Westdeutsche Beobachter", das schon vielfach wegen Beleidigung verurteilte Kölner nationalsozialistische Blatt, hatte im August vorigen Jahres ein Bild gebracht, das eine menschliche ,.S c h ä c h t u n g" darstellte. Die Unterschrift unter diesem Bild lautete: „Trotz der Verschlcierungsversuehe der jüdischen Journale, das Geheimnis des jüdischen Blutmordes zu bewahren, bringt die Fackel des erwachenden Deutschlands doch Licht in das Dunkel und demaskiert die Lüge von der ethischen Sittcnatiffassung der Juden." Unmittelbar nach der Veröffentlichung dieses Bildes war der Abgeordnete Dr. Ley wegen der gleichen Beleidigung bestraft worden. Diesmal verhängte das Kölner Schöffengericht, vor dem der neue Fall zu Verhandlung stand, gegen den verantwortlichen Redakteur Robert Longerich sechs Wochen Gefängnis wegen Bedrohung des öffentlichen Frieden« und groben Unfugs. Wieder zwei Friedhofsschnndungcn in Deutschland. In Preußisch*H o 11 a n d, einem kleinen Städtchen Ostpreußens, wird aus der Leichenhaie des jüdischen Friedhofes ein Leichentuch entwendet und verbrannt. Acht Tage spater dringt derselbe Täter nachts auf dem Friedhof ein, stürzt dort fünf Grabsteine um und zer» schlägt einen Teil von ihnen mit dem Hammer. Die Po» Nr. 125 MM—^*«M—————« I I I i i Hl——»«—»I »Ii I....... ■ i .. , i. i .....« Ii eher Konfession in Vorschlag bringen. Hierzu sdireibt „C. V.-Zeitung": „Einen Künstler nach seiner Konfession zu fragen heißt, nicht nach seiner Kunst zu fragen. Ihn mißachten, weil er als Jude zur Welt gekommen ist. heißt in den Theaterbetrieb Gesichtspunkte einführen, die ihn seiner Bedeutung und Würde entkleiden. Herr Hans Erdmann von Kutzschenbach scheint sich ein „Ensemble" als ein antisemitisches Kr äri z c h e n vorzustellen. Die Koburger Bühne ist ein Landestheater, dessen Eigentümer der Freistaat Bayern ist. Wie denkt man in München darüber?" Nationalsozialistische Stinkbomben gegen einen jüdischen Jugendvertreter. Berlin, 2. Februar. Der „B und e n t s c Ii i cdener Schulreformer" veranstaltete eine Diskussion über die nationalsozialistische Idee zwischen einem jungen Nationalsozialisten und einem Vertreter der jüdischen Jugend. Die Diskussion fand in der Aula des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in der Kochstraße statt und war überaus stark besucht. Prof. Oestreich, der die Veranstaltung leitete, appellierte an die Schüler, Würde zu bewahren. Der nationalsozialistische Redner sprach ungefähr eine Stunde unter riesigem Beifall seiner Anhängerschaft, ohne sich von der Manier gewöhnlicher nationalsozialistischer Redner zu unterscheiden. Als aber der jüdische Redner, Dr. Georg Lubinski, das Rednerpult betrat, entstand Unruhe, die sich bald zu einem Tumult steigerte. Man hörte Pfiffe, Schreie, es entstund eine S c h 1 ä'g e r e i. Prof. Oestreich löste die Versammlung auf. In diesem Augenblick flogen Stinkbomben auf das Podium, alles floh aus dem verpesteten Raum. * Es wäre wohl vernünftiger und würdiger gewesen, wenn der jüdische Vertreter Garantien für einen honorigen Verlauf dieser „Diskussion" gefordert hätte. Jüdische Massenkundgebung in Brünn. — Redner: Kareski, Stricker, Reisz. Brünn, 1. Februar. (J. T. A.) Aus Anlaß des 70. Semesters der Jüd. Akad. Verbindung „Veritas" fand in Brünn eine Massenkundgebung statt, in der Abgeordneter Dr. Julius Reisz über jüdische Politik in der Tschechoslowakei sprach, wobei er sich auch für eine radikale IV.lästinapoiitik einsetzte. Gespannte Aufmerk« samkeit fanden die Ausführungen von Direktor Georg Kareski, der über .die Entwicklung des jüdi» sehen Gemeindelebens in - Berlin , und Deutschland, sprach; der Rednet wurde stürmisch akklamiert. Baurat Robert Stricker, Wien, behandelte in seiner Rede-, die Rolle der: jubilierenden Verbindung .in. der Entwicklung,5 der mährjsohen, Assimilation und >in: ihrem Schwanken zwischen den nationalen Lagern des Deutschtums und Tschechentums, sowie in der zionisti» sehen Bewegung. Ein Jude organisiert das Hygienewesen in der Türkei Prag, 1. Februar. (J; T. A.) Die türkische Regie» rung hat durch Vermittlung des tschechoslowakischen Außenministeriums den Arzt des Prager staatlichen Ge» sundheitsinstituts- Dr. B. Feierabend, eingeladen, die , Ueber das . palästinensische Kinderdorf „Ben Schemen" hat die „Neue Welt" erst vor kurzem be* richtet. Einschneidende Einwanderungsbeschränkung für Südafrika vorbereitet. Kapstadt, 30. Jänner. (J. T. A.) Der Minister der südafrikanischen Union M a 11 a n hat im Parlament einen Gesetzentwurf eingebracht, der für Einwanderer aus bestimmten Ländern nach dem Beispiel der Vereinigten Staaten von Nordamerika Quoten festsetzt und eine einschneidende Ed n w a n d c r u n g sbeschränkung bedeutet. Sollte der Gesetzentwurf vom Parlament angenommen und in die Praxis umgesetzt werden, so würde dies für die Judenschaftbes t i m m t e r L a n d e r, deren Auswanderer besonders nach Südafrika den Weg nahmen, ein schweres Unglück bedeuten. Die Judenschaft von Litauen zum Beispjel;;!^^ afrika kommenden Immigration. Während .im vergangenen Jahre 15,79^jEi n wanBer.er nach, .jäer südafrikanischen Union aus' Litauen rkamen, sieht die neue Eftt» wanderungsbill; edi»e-> jährliche Quote von nur 50 Eiiw Wanderern aus Litauen vor. Das bedeutet eine fast volls t än dli ge » Abd ross elu n g der ji-tauische.n .jüdischen tfätäxiüiöm..Aehhti&h fge-:j -■' "K';^ ■ ''*' 1 * V ' ■ f-r- *3,' "'"V Jv '" ä* <i* ' "*'v stalten such' die' Dinge 6«.^Aihal^me iidefe. (^esewesofür^ r» _ i _ ' „':.-:i «■••• -vi«-: ~ ja« i-iT'v/.. 'Fk'^-L £ ~ i.*^ Polen und Lände r, die n der e h o s t e u r op äis c h e h Wieder wird den Juden eine Möglichkeit genommen, dem Hunger und der Verfolgung1: zu entrinnen. Wohin: mit den Juden? das Bell, der Gegenwart und Zukunft!!! Schlaffauteuils, mit einem Griff als Bett verwendbar Jose! Röblitz notin vlİr;el2 Direkt beim Erzeuger lizei nimmt als Täter den siebzehnjährigen arbeitsscheuen Walter Werner fest, der der ganzen Stadt als Unhold bekannt ist. Der Bursche behauptet, von keiner Seite zu dieser Tat aufgestachelt forden zu sein. — Am 21. Jän» ner werden auf dem israelitischen Friedhof G e o r g e n s» graiind bei Nürnberg« Grabsteine umgeworfen, be* schädigt und beschmutzt. Ein Polizeihund nimmt die Spur der Täter auf, verliert sie aber wieder, und so konnten sie bisher noch nicht festgenommen werden. Die national» sozialistische Ortsgruppe Georgensgmürid hat hundert M ar k, B e-1 ohnu n g , fite; die Auffindung des Täters > ausgesetzt. Sie will damit offenbar deutlich von der^Tat und dem Täter .abrücken. Sie .hat; das umsomehr , nötig, ■als GeÖrgensgmundi,;pin^ der ,Orte i%t,' wo die national« sozialistische ' Bewegung stark' agitiert ' und* der „Stürme r" viel,vgelesen , wird. —V.'< Da$^Kotfifrgej- ^dä|ie^e^^.:||id!e^ein gemacht Berlin, 2. ^ebr^r.^t,'';?. A^) Der seit kurzem, in-, Ii 6 b u r g, der Stadt mit nationalsozialistischer Stadtratsmehrhedt, ( als , Intendant des .dortigen; Theaters tätige'Herr Erclmahn von Kutzschen-, b'a c h hat, wie von dort berichtet wird', die Theateragentureh. darauf hingewi^feen, sie möchten ihm mir Schauspieler deutscher Staatsangehörigkeiit christ- ,meinschaften des Westens Fuß gefaßt hatte. Scheinbar Iging diese Gründung auf die ''furchtbaren Verfolgungen durch Chmelnizky in'Pden und Ukraina zurück.. Tausende von Juden würden damals als Sklaven verkauft jund die philanthropisdieri' Brüder Aboab gründeten einen Fonds, der zu einer ständigen Einrichtung^ wurde. Gegen 1683 hatte diese Föndsaktion so erfolgi eidi gewirkt, daß sie sich unter den jüdischen Gesellschaften des höchisten Ansehens erfreute. Die Organisation stand unter der Leitung der levantinischen und portugiesischen Gemeinden. Die/ 7 deutschen und italienischen Gemeinden nahmen an den Arbeiten der Gesellschaft offiziell keinen Anteil, wenn sie auch den Fonds reichlich unterstützten, nicht ein Mangel an Solidarität, sondern aus dem Grunde, jyeil die sphardischen Gemeinden in kontinuierlichen Handelsbeziehungen zur Levante standen und trefflich organisiert waren. Die Gesellschaft hing bezüglich "ihres Fonds nur zum Teil von Spenden ab. Es strömten natürlich milde Gaben aus Venedig und anderen'fremden Städten zu, wo der Ruf der Gesellschaft groß war. Zacharias Po r t o aus Florenz ließ in seinem Vermächtnis für den Fonds 1700 Piaster zurück. Abraham T e x e i r a, ein schwedischer Einwohner Hamburgs, leistete sein Leben lang einen jährlichen Beitrag, der in der Folge von seinem Sohn fortgesetz wurde. Moses Pinto, ein anderer wohlhabender Jude in Hamburg, leistete eine jährliche Subvention von 20 Patacas (Pesos). Die Hamburger Gemeinde selbst etablierte eine Hilfsgesellschaft unter dem Namen „Camara de Cautivos de Veneza" mit einem speziellen Gabbai (Schatzmeister). In Zeiten großer Dringlichkeit rief die Gesellschaft von Venedig sogar so ferne Gemeinden wie die Londoner und Amsterdamer zur Hilfeleistung auf, die niemals verweigert wurde. Im Jahre 1705 leistete jede Gemeinde Italiens, mit Ausnahme der römischen, die von Steuern hart bedrückt war, Beiträge für den Fonds. Dann und wann wurde die Heimatsgemeinde eines Gefangenen zur Beistelluug des Lösegeldes aufgefordert Das waren außerordentliche Einkünfte. Die regulären waren mehr Sache des Geschäftes als der Wohltätigkeit. Zunächst mußten die Mitglieder der Gesellschaft einen gewissen'Teil ihres jährlichen Gewinnes, eine spezielle Steuer von 25 Prozent von allen an ihre Filialen zu liefernden Waren, diesem Fonds abführen. Diese hohe Steuer machte sich insofern bezahlt, als die Gesellschaft den levnntinischen Kaufleuten hiefür eine Art Versicherung bot. Der Fonds wurde in zwei verschiedenen Kassen verwaltet, der levantinischen und ponentinischen (portugiesischen). Die Höhe der Beträge schwankte. Gegen 17^2 betrug die Gesamtsumme 5 5 0 0 Dukaten, davon zwei Drittel im Besitz der Portugiesen. Für die.Ausgabe größerer Beträge war ein einstimmiges Votum erforderlich. Die Trennung der Fonds hatte Unstimmigkeiten zur Folge, so daß man im Jahre 1742 beim venezianischen Magistrat um eine Entscheidung ansuchte. Er entschied sich für die Zusammenfassung der Fonds und für die Zusammensetzung des Vorstandes aus 2 JLevantinern" und 3 „Portugiesen", Zur Entscheidung waren vier Stimmen nötig. Die öffentlich ausgetragenen Differenzen brachten den Wohlstand der Gesellschaft zutage und riefen den Neid der Nichtjuden hervor. Die Folgen zeigten sich bald. Im selben Jahre konfiszierten die Inquisitori sopra gli Ebrei (das für die Juden bestimmte Inquisitionsgericht) den ganzen Fonds, um die mit Defizit arbeitenden Leihkassen, welche die Juden als Bedingung ihrer Tolerierung in Venedig zu erhalten hatten, kapitalsfest zu machen. Ein rührender Appell wurde gegen diesen Anschlag errichtet. Die Summen, so führte man aus, seien zu klein, um die Leihkassen wesentlich stützen zu können, da die levantinischen Kaufleute, ihres Fonds, das ist ihrer Vor* Sicherung beraubt, den Handel mit Venedig aufgeben würden. Vielleicht würde auch die Türkei Repressalien Üben. Daraufhin wurde, der Fonds zwar freigegeben, verblieb aber unter der Kontrolle der Jnquisitori, ohne deren Zustimmung keine Ausgabe gemacht werden durfte. i ■ ■ (Ein awelter Artikel folgt.)