Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1930-01-31 · Heft 124 (31.1.1930) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 124 (31.1.1930)
Date
1930-01-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711736-2711742--1634-2714863
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

f Seffe 1 DIE NEUE WELT Nr. 124 Agency zu beginnen, hat fortan, trotz seines juristischen Diploms, sich mit Prophylaxe zu befassen. Er wird sich in der Gesellschaft von Doktor Victor Jakobson sicher ganz wohlfüMen, der für Impf ungen bestellt ist. Für Blinden- Unterricht wurde Dr. Mossinson auserkoren; wohl aus ebenso triftigen Gründen Maler Hermann Struck für das Radio Wesen. Ob sich Doktor Nachum G o 1 d m a n n als mitverantwortlich für die „religiöse Erziehung" bewähren wird, bleibt eine offene Frage. Hingegen ist vieles von Herrn Motzkin zu erwarten, wenn er sich, wie vorgesehen, der Reform des Gefängniswesens zuwenden wird. Herrn Motzkin ist aber noch eine andere Funktion vorbehalten, die Sorge für die Industriearbeiter; für die Heimarbeiter soll der Dichter Schalom Asch sorgen. Die Krönung des Ganzen wird wohl durch die Bestellung des palästinensischen Arbeiterführers Berl Katznelson für das Synagogenwesen erreicht. Man hätte an eine Persiflage der Agency denken können, wenn diesem Dokument nicht ein von Herrn Felix Warburg eigenhändig unterschriebener Brief beigelegen hätte, in dem der Vorsitzende des Administrative Committee mitteilt, daß er sich der-ihm in Zürich übertragenen Aufgabe nach Beratung mit den Freunden, die er heranziehen konnte, entledigt hat. Es ist also ein authentisches Dokument und kein Purimwitz, und es bleibt vollkommen unbegreiflich, wie es möglich war, daß man mitten in dem von 2,5 Millionen Juden bewohnten New York eine judenweltfremde Oase schaffen konnte, in der ein ganzer Stab' von Beamten wohl mit sorgfältig geordneten Kartotheken unter vollkommenem Ausschluß der zionistischen Mitwirkung einen solchen Humfoug produzieren konnte; die Heranziehung eines halbwegs orientierten Ziomsten hätte genügt, um dieses an Blödsinn grenzende Elaborat von seinen schlimmsten Auswüchsen zu befreien. Es muß geradezu als persönliche Verhöhnung empfunden werden, wenn sich plötzlich im Namen der Agency ein Büroangestellter (denn es ist kaum anzunehmen, daß es eine halbwegs politisch verantwortliche Person gemacht hat), hinsetzt und mit Kartothekkarten, auf denen Namen unserer in lebenslanger Arbeit bewährten Führer stehen, heruanspielt, wie etwa bei der Verteiiung der Ehrensitze bei einem Purimf e s t. Berl K a z n e 1 s o n hätte es wahrlich verdient, daß die von ihm mitgeschaffene Agency seine Weltanschauung soweit kennt und respektiert, um nicht ihn, den alten Kämpfer für ein säkularisiertes Judentum neben Rabbi Kaplan aus Polen zum Hüter und Mehrer des Synagogenwesens in Palästina zoi bestellen. Entscheidend ist dabei die Leichtfertigkeit, mit der man sich hier über eine große Bewegung und eine glorreiche Tradition hinwegsetzt. Gewählte Repräsentanten einer Befreiungs- 'bewegung sind für diese Herren ein Haufen hergelaufener Namen, die man irgendwie abschieben muß, um den an ihre Stelle tretenden „Neuhinzugekommenen" den Weg zu den Hebeln des großen Werkes zu eröffnen. Es ist wahriich höchste Zeit, daß eine gebieterische Stimme „hands off" sagt. Besonders soll noch zum Schluß eine Kommission unter die Lupe genommen werden, die als die ffi SSI » SITMAR « Nach ÄGYPTEN und PALÄSTINA mit den Luxusdampfern Rundfahrten Im Mitt«lm««r Genua — Neapel — Sizilien — Aegypten — Palästina — Syrien — Zypern — Konstantinopel — Athen — Neapel — Marseille — Genua zu besonders ermäßigten Preisen Auskünfte: .Sitmar*, l Kärntnerring 18 (Ecke Schwatzenbergplate) Telephon U-45009 QS: iB für „Diplomatie Relations" („Diplomatische Beziehungen") betitelt wird. In Zürich wurde eine politische Kommission der J. A. eingesetzt, die die Aufgabe hatte, den Präsidenten zu beraten und deren Befugnisse eng umgrenzt waren; mit der Pflege der diplomatischen Beziehungen hatte sie wahrlich nichts zu tun. Die Leitung der politischen Geschäfte liegt nach der Verfassung der J. A. einzig und allein in den Händen des Präsidenten der Agency. Für die politische Arbeit hat — nach dem genauen Wortlaut der Verfassung — der Präsident ein Büro in London zu unterhalten, das unter seiner Leitung steht. Der Council der Agency kann nach Beratung mit dem Präsidenten für die Leitung dieses politischen Büros neben dem Präsidenten noch andere Mitglieder der Exekutive ber stellen. Statt dessen wird in willkürlicher Weise, unter Ausschaltung des Präsidenten der Agenc3', das Mitglied der Exekutive. Colone! Kisch «um Exekutor dieses Diplomatischen Komitees bestellt, welches gegenwärtig aus acht Nichtzionisten und vierZionisten bestehen soll. Dieses Komitee ist nach Ländern verteilt, in Deutschland sind Oscar Wassermann, in Rumänien Herr Fil der mann, in Aegypten Baron Menasze diejenigen, die diese diplomatischen Beziehungen pflegen sollen. Der Vorsitz liegt in den Händen von Lord Melchett, der Vizepräsident ist Cyrus Adler. Hier wie bei der Bußines9 Corporation, scheint nicht mehr die das ganze Dokument beherrschende Sinnlosigkeit* » sondern eine k 1 a r e Tendenz der ausschlaggebende Faktor gewesen zu sein. Man könnte die grotesken Einzelheiten der vorliegenden Tabelle noch ins unendliche weiter belegen, aber schon das bisher Angeführte genügt, um zu zeigen, von welchem Geiste viele unserer neuen Partner beseelt sind. Das Bedrückendste in diesem das Bell der Gegenwart und Zukunft!!! Schlaflauteuüs, mit einem Griff als Bett verwendbar Dtn Josef Koblltz & Sohn VH,usr'^.l 2 Dokument, das hoffentlich doch nur eine kurze Episode charakterisiert, ist — wie schon betont — die völlige Isolierung, in der sich das neugegründete Agency-Büro in New York befindet. Die Troubadoure der Agency haben immer versichert, daß wir die Bürokraten der J o i n 11 e u t e mit dem „frischen" Geist der in uns „wallenden" Volksbewegung beleben werden. Statt dessen kam als erste offizielle Manifestation der Agency ein Organisationsplan, in dem nichts vom Geiste unserer Bewegung enthalten ist, der ein reines Produkt einer verknöcherten Bürokratie, eines tötenden Formalis, mus ist. Ueber allem schwebt noch der Hauch des genius loci, der Geist, von dem man nicht weiß, ob er senil oder infantil ist, den aber so schnell wie möglich zu vertreiben, die wichtigste Aufgabe der Zionistischen Organisation ist. Man muß nunmehr billigerweise erwarten, daß die Exekutive unverzüglich zu diesem Dokument in aller Offenheit Stellung nimmt, um von diesem beschämenden Machwerk vor der Oeffentlichkeit abzurücken und um zu erklären, ob sie nach wie vor die Exekutive der Jewish Agency ist, oft» sie sich ihrer Verantwortung bewußt ist und ob sie es dulden will, daß in dieser ernsten Zeit ihre Arbeit durch Spielereien von Müßiggängern oder Intriganten durchkreuzt wird. Wir geben allen uns Nahestehenden bekannt, daß Herr Leo Weiss Industriolltr am 20. Jänner 1930 zufolge eines Herzschlages für immer von uns gegangen ist Alle, die wußten, was er im Leben schuf und was er für seine Familie war, werden unseren Schmerz ermessen. Einfach wie er im Leben war, wünschte er auch seinen letzten Weg anzutreten und wir haben ihn demzufolge in aller Stille am 22. <L M. am hiesigen jüdischen Friedhof zur Ruhe gebettet. Klosterneuburg, 22. Jänner 1930. Familie Leo Welll Wir danken allen herzlich, welche die Absicht haben, uns persönlich ihre Anteilnahme aaszusprechen, doch bitten wir inständig, von Besuchen abzusehen. Negerghetto und selbst die Tschechen haben ihre eigene Siedlung, in welcher sie die Mehrheit bilden. Es sind das natürlich freiwillige Ghettosiedlungen, die dem natürlichen Instinkt der Eingewanderten entspringen, in der ersten Zeit mit ihren Volksgenossen beisammen leben, ihre Sprache sprechen und nach den heimischen Sitten leben zu können. Durch die strengen Einwanderungsgesetze in den meisten Immigrationsländern sowie infolge der riesigen Stadtregulierungen macht sich in diesen freiwilligen nationalen Ghettozentren eine allmähliche Auflösung auch des jücfischen Ghettos fühlbar, da es nicht mehr wie früher durch den Zustrom neuer geschlossener Einwandererschichten gespeist wird. (—bus) Christliche Schauspieler auf jiddischen Bühnen. Demnächst erscheint in New York das „Lexikon da* jüdischen Theaters" von S. Si 1 berzweig, der in zwölfjähriger Arbeit mit moralischer und finanzieller Unterstützung des jüdischen Schauspielei Verbandes zwölf Jähre lang an diesem äußerst interessanten Geschichtswerk gearbeitet hat Silberzweig bereiste sämtliche Länder und Städte, wo jüdisches Theater gespielt wird, war auch in Wien, und kam so in die Lage, sehr reiches und auch kulturell lehrreiches Material zu sammeln und zu verarbeiten. Wir sind in der Lage, schon jetzt manches aus diesem Werk zu veröffentlichen und wollen heute einiges Uber die interessante Tatsache wiedergeben, daß im Laufe der Zeiten eine ganze Anzahl nichtjüdischer Schauspieler und Schauspielerinnen auf jiddischen Bühnen mitgewirkt und auch Erfolge erzielt haben. Im zaristischen Rußland war es nicht leicht, öffentlich jiddisches Theater zu spielen. Man nannte das Theater „deutsches. Theate r", hatte aber auch so mit den geldhungrigen Bürokraten und dem zumeist getauften Zensor große Schwierigkeiten. Da verfielen die Schauspieler in Südrußland auf die Idee, eine wirkliche Deutsdie, eine christliche Schauspielerin namens Elsa, in die Truppe aufzunehmen, welche sozusagen der Verbindungsoffizier zwischen der Truppe, den Behörden und dem Zensor war. Mit dieser Elsa war das „Deutschtum" der jiddischen Truppe nach außenhin gewahrt Elsa, die Deutsche, erlernte allmählich die jiddische Sprache, spielte dann selbst jiddisch und blieb schließlich ein jiddischer Star. Christeska und ihr Mann Bisesko waren seinerzeit aus Rumänien nach Rußland gekommen, um rumänisches Theater zu spielen. Sie waren beide gute Sänger, wurden dann, da sie mit ihrem rumänischen Theater keinen Erfolg hatten, als Sänger, beziehungsweise Sängerin in eine jüdische Truppe aufgenommen. Bisesko lernte Jiddisch, wurde dann ordentliches Mitglied des jiddischen Theaters und ist sogar später zum Judentum übergetreten. In Polen lebt heute noch ein alter jüdischer Schauspieler namens Israel Weinblatt Ursprünglich ließ er Stephan Wojko, war Christ, stammte aus Rumänien, wo er bei einem jüdischen Bäcker in Lehre und später in Dienst gestanden hat. Dort in dem jüdischen Milieu ist Stephau so sehr verjudet worden, daß ihn seine Familie verstieß. Er zog lange Zeit mit einer jüdischen Wandertruppe als Statist durch Rumänien, Rußland und Polen, bis er später auch offiziell das Judentum annahm und bis zum heutigen Tag als jüdischer Schauspieler sein Leben fristet Zwei interessante Typen sind die echt christlichen Polen Ruinski und Schitkofski. Beide sind auch heute noch Christen, wirken aber am jiddischen Theater als Schauspieler mit. Schitkofski ist sogar als Verfasser jiddischer Chansons und als Charakterdarsteller in verschiedenen Stücken bekannt. Er hat sich so sehr in das jüdische Milieu hineingelebt daß er, obgleich heute noch Christ die wichtigsten jüdischen Feiertage genau einhält Wenige wissen, daß der beliebte jiddische Schauspieler H e i n z e ein Deutscher aus Riga ist, der zum Judentum übergetreten ist und heute auf der jiddischen Bühne erste Rollen spielt Jenny W o 1 i e r, die vor Jahren noch auf der jiddischen Bühne }n New York große Rollen spielte, ist eine deutsche Christin. Sie spielte jiddische Typen in unverfälschter jüdischer Sprache mit solcher Vollkommenheit, daß kein Mensch ahnen konnte, daß sie eine Deutsche und Christin sei. Anerkennung als jiddische Schauspielerin hat auch die deutsche Christin Grete Mayer auf verschiedenen amerikanisch-jiddischen Bühnen gefunden. Sie nahm ihren Beruf als jiddische Schauspielerin so ernst, daß sie Jiddisch schreiben und lesen lernte, um ihre Rollen in der Originalschriftsprache studieren zu können. Auch sonst enthält das Buch Silberzweigs, auf das wir noch zurückkommen werden, interessantes kulturgeschichtliches Material im Zusammenhang mit dem jiddischen Theater in allen Weltteilen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.