Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 124 (31.1.1930)
- Date
- 1930-01-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 124 Or. Deutsch meinte, das sei ein Mißverständnis. So etwas wie eine Judenfrage existiere ja ftichtl Ja, wem keine Juden mehr dabei sind! Mit roter Taufe,' NichthereinJassefl und Hinauswerfen, begleitet vom Achselstücken des „Miß* Verständnisses", wird die Judenttage praktisch gelöst. Die Sozialdemokratie kann sich übrigens zu ihrer Rechtfertigung darauf berufen, daß in Oesterreich auch andere tat dieser stiüen Art die Juderrfrage „liquidieren**. So etwa hl jenen Berufen, welche als Jüdische Domäne gegolten halben. Man sehe »ich die Kliniken an und frag« (ihren jungen jüdischen Arzt, wo er praktizieren wird. Es gfbt auf der Wieden, ein — kleines Spita-I, dort findest du deine Juden. Und die Advokaten? Sie werden sich in absehbarer Zeit nicht mehr über die „ Verladung" ihres Berufes zu beklagen haben. Und die Banken? Man frage zum Beispiel jene Bankdirektor-en, welche aus Rabbinersf a m i l i e n abstammen, aus welchen Kreisen sie sich ihren Beamteunacih'wuchs geholt haben, als ma>n noch Beamte aufgenommen hat. Die Industrie ki Oesterreich war nie „verludet". Aber auch sie hat fetzt Prinzipien Mgenommen. J<et*t stellt sie- „prinzipieir* fcfehie Juden an. StaStsÄngesteHte, Richter, Postbeamte, Ottlziore, Wchrmännet, Kandrätimer, Straßenbahner? Mamtetk Arbeiter? Da gibt ed die bodenständigen „freien Gewerkschaften"»,'die —■ ach wie gerite „fretf" von Juden sein möchten, tüftd die „Unabhängigen Gewerkschaften", die von niemand so unabhängig sind als von den Jud^n, die ihnen den Geldbeutel füllen. Frei nach dem GnwidsartZj■; den ein Heim weh rf ührer ausgeplaud-ert hat, als ihn ein Fabrikant, der sein Judentum nicht verleugnete, um seine Stellungnahme zur Judenfrage interpellierte. Er meinte treuherzig, daß diese Frage 'für ihn „nicht aktuell" sei. Er staune immer wieder, wieviel Geld die Juden der Heimwehr gehen. Solange dieser Zustand anhalte, sei die Judenfrage „nicht a k t u e 11". Aber eine andere Frage dürfte aktuell werden: Wo srjtlil — in absehbarer Zeit — ein jüdischer Vater seine Kinder unterbringen? Es wird in Oesterreich auch wieder die Zeit kommen, wo Arbeitslosigkeit nicht eine altgemeine UngJsfickserscheinung bilden, wird. Nach Amerika? Oder in die österreichische Industrie? Oder in den Gemeindedierfist? Nach Bir*Bldschan? . Die Juden, die ihren Staat haben woHeti, werden Sich Ihn erbauen; nicht Üi Bir-Bidschan, sondern in Palästina. Und die Juden, die in Oesterreich Ihr Brot verdienen wollen, werden dies tun können,'wenn sie sich daran erinnern« daß sie zwar nicht gescheiter sind als die amderetu aber als Menschen dasselbe Recht auf Existenz haben als die anderen. Wenn alle Menschen mit gleichen Interessen sich organisieren, dann werden die Juden ihre jüdische Organisation schaffen. Wenn sie eben leben wollen. Wer die Judenfrage leugnet, der lehnt damit nicht die Judenfrage ab, die eine Tatsache ist, sondern er lehnt die Juden ab. Das kann nicht deutlich genug gesagt werden. Und wie werden die Juden wählen? Die Wahlagitation hat bereits begonnen. Allerdings nicht bei den Juden, h. k. Hinter den Kulissen der erweiterten Jewish Agency. Ein lustiges Spiel, das traurig enden kann. — Eigenmächtige Ressorteinteilung und Bestellung von Funktionären. — Vetorecht gegenüber der Exekutive. —Selbständige politische Aktionen ohne Präsidenten Weizmann und die Exekutive. —Neue Präsidenten und Vizepräsidenten. — Sachverständige: Juristen für Prophylaxe, Politiker für Impfung, Dichter für Heimarbeit, Maler für Radio, Freigeister für religiöse Erziehung, Sozialdemokratische Arbeiterführer für Synagogen etc. — Ausschaltung der Zionistischen Exekutive und des Präsidenten. — Wohin führt der Weg? Wir bringen die Ausführungen eines mit der Materie vertrauten Mitgliedes einer der leitenden Instanzen der erweiterten Jewish Agency. Beim letzten Kongresse in Zürich wurde im Freudentaumel ein Bund geschlossen, ohne daß man der Erstellung eines unzweideutigen Statutes, einer festen Konstitution, die nötige Aufmerksamkeit ge* schenkt hätte. Es ist höchste Zeit, das Ver* gessene oder leichtfertig Unterlassene gründ* lieh nachzuholen. Sonst kann das mühselig er* richtete Gebäude in Stücke gehen und hiebei dem Palästinawerke, zu dessen Nutz und Frommen es geschaffen wurde, schwersten Schaden zufügen. Freundschaft von gestern könnte Haß von morgen werden. Es gibt viele gute Zionisten, welche gegen die Erweiterung der Jewish Agency waren. Es kann keine; geben, welche ihre gewaltsame Sprengung im jetzigen, für den Zionismus so kritischen Zeit* punkte gutheißen könnten. I. Die ernsten politischen Probleme, die seit Monaten im Mittelpunkt des zionistischen Interesses stehen, haben naturgemäß die Aufmerksamkeit von den internen zionistischen Fragen abgelenkt. Es ist aber höchste Zeit, , daß; man sich wieder ihnen zuwendet, insbesondere im Zusammenhang mit der neuen Entwicklung, die durch das Zustandekommen der erweiterten Agency eingesetzt hat. . Man ist in Zürich nicht, dazu gekommen, die Organisation der Agency, ihre Funktionen und ihre Beziehung zur Zionistischen Organisation genau zu regeln, man begnügte sich mit der Annahme der ganz allgemein gehaltenen Konstitution und verließ Zürich mit dem Vorhaben, in den nächsten Monaten durch energische Zusammenarbeit der alten und.der neu, geschaffenen. Organe die Grundlagen für ein vernünftiges Zusammenwirken m schaffen. Daß hier eine schwierige Aufgabe vorlag, wurde bereits im letzten Stadium der Verhandlungen mit den Nichtzionisten allen klar: bei der Erörterung der1 Fragen der Konstitution hat es sich nämlich herausgestellt, daß die leitenden Personen der nicht zionist istischen Hälfte der Agency eine grundsätzlich andere Konzeption von der Struktur der Agency haben, die der unserigen, aus den langjährigen Erfahrungen einer Volksbewegung emporgewachsenen, widerspricht, ja oft diametral entgegengesetzt ist. Als Volksbewegung denken wir an der Spitze unserer Organisation die F ü h r e r d e r Bewegung, in deren Hand die Leitung der Geschäfte liegt. Den Herren von der anderen Seite schwebt als oberste Instanz ein Notabelnkomitee vor, welches die Richtlinien der Tätigkeit bestimmt und die Leitung der unmittelbaren Geschäfte in die Hände eines Gremiums von untergeordneten Sekretären legt. Für uns ist die Exekutive die höchste Instanz, gleich einer gewählten Regierung in einem Voiksstaate; für die anderen ist die Exekutive ein untergeordnetes Organ gegenüber dem Gremium der ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder wie in einer philanthropischen oder sonstigen gemeinnützigen Organisation. Die Funktionen dieses leitenden Komitees hätte, wenn es nach der Meinung der Nichtzionisten gegangen wäre, das Administrative Committeeder Agency, mit Felix Warburg an der Spitze, übernehmen müssen. Daß beim Ausgleich dieser beiden Aulfassungen (und ein Ausgleich hätte gefunden werd#n müssen) sich große Schwierigkeiten ergeben würden, war von Anbeginn klar, und das Aktionskomitee hat in Zürich der Exekutive den Auftrag gegeben, mit der größten Aufmerksamkeit über die Entwicklung der Dinge in Amerika zu wachen, um niefit einen Zustand entstehen zu lassen, der später bekämpft werden müßte, um den für uns entscheidenden Charakter der Agency als wenigstens zum Teil auf einer V o 1 k s b e w e g u n g ruhenden Organisation zu wahren. Ob die Zionistische Exekutive in dieser Beziehung tätig war, kann nach der Lage der Dinge der Öffentlichkeit nicht bekannt sein. Wenn sie es nur in geringem Maße war, so ist dafür in der politischen Situation der letzten Monate eine Erklärung Vielleicht zu finden; Tatsache ist aber; daß verschiedene Vor-' gänge darauf hinweisen, daß von Amerika aus eine Tätigkeit seitens des Administrative Committee entfaltet wurde, die der zionistischen Auffassung von der Verteilung der Funktionen widerspricht. So erschien in der Presse zu Beginn der Arbeitender Untersuchungskommission eine für die gesamte zionistische Oeffentlichkeit unverständliche Nachricht, daß das Administrative-Committee von Amerika aus einen. Recht-s bei stand zur Wahrnehmung der jüdischen Interessen vor der Kommission nach Jerusalem entsandt hat, dies nach der inzwischen erfolgten Ernennung des Agency-Anwaltes durch die Exekutive. Herr Rechtsanwalt G o 1 d s t e i n kam nach Jerusalem, fand alle Rollen bereits verteilt und sah keine Möglichkeit, sein Mandat auszuüben. Einige Wochen später kam eine zweite Nachricht, daß ein Herr Dr. Hexter sich im Auftrag des Administrative-Committee nach Palästina begibt, mit weiten Befugnissen in bezug auf die Verteilung der Gelder, die aus der Hilfsaktion fließen werden. Es hieß in manchen Zeitungen, daß KÖRPERLICHE UND GEISTIGE FRISCHE sind die kostbarsten Güter des Lebens in der Jugend wie insbesondere im Alter Bewahren und mehren Sie diese Schätze durch ständige sorgsame Pflege Ihres Körpers. Das beste Mittel für alle Zwecke der Körperpflege — Einreibungen Fackungen (Umschläge), Mundwasser usw. — ist DIANA FRANZBRANNTWEIN mit Menthol Achten Sie genau auf die Marke „D i a n aM. — Weisen Sie alle Nachahmungen energisch zurück. — Ein Versuch überzeugt. UBERALL ERHÄLTLICH I er gegenüber der Exekutive mit einem Vetorecht ausgestattet sei. Man sprach von ihm als von einem der künftigen Mitglieder der Exekutive, die von den Nichtzionisten zu bestellen sind.. Daß in der berüchtigten M a g n e s - P h i I by- Affäre (es handelt sich um die „politischen" Verhandlungen mit dem antizionistischen Faiseur Philby) die entscheidenden Fäden nach Amerika (und zwar in das Privatkatbinett des Herrn Warburg) führten, und daß die unverantwortliche Aktion des Universitätskanzlers Magnes nie stattgefunden hätte, wenn er nicht in der Person des Vorsitzenden les Administrative-Committee einen Rückhalt gehabt hätte, ist auch allgemein bekannt. Es ist anzunehmen, daß die Zionistische Exekutive allen diesen Vorgängen, die einen immer bedrohlicheren Charakter annahmen," nicht untätig gegenüberstand; man raunte sich zu von Spannungen zwischen London und Amerika und insbesondere zwischen den beiden Hälften der Agency in Amerika selbst, und sah der. bevorstehenden Tagung* des Administrative Committee mit Bangen entgegen, wo, zu einer höchst ungelegenen Zeit, eine Entladung zu befürchten war. Dann kam der Zwischenfall mit der einberufenen und abgesagten Tagung des Administrative-Committee in New York, woraufhin ein vielbeachtetes Schreiben von Warburg veröffentlicht wurde, aus dem. die klare Sprache einer gereizten Stimmung herausklang. Die zionistische Peripherie hat bis jetzt dieser ernsten Frage sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zu verzeichnen ist nur, daß bei der letzten Vereinigungskonferenz der Arbeiter in Tel-Awiw mit begrüßenswerter Offenheit über den verfahrenen Zustand in der Agency gesprochen wurde, und daß Dr. Arlosorow (ausgerechnet Dr. Arlosorow, der seinerzeit den KongreßHampf der Opposition für konstitutionelle Garantien in der Verfassung der Agency als juristisches Hirngespinst bekämpfte und bagatellisierte) die Forderung aufgestellt hat, die Tätigkeit der Agency genau nach Paragraphen zu normieren, um Ue-bergriffe in Zukunft zu verhüten. Das war die Situation, als ein Schriftstück auf unseren Schreibtisch flatterte, das ein grelles Licht auf die Zustände, die in den amerikanischen Agencykreisen herrschen, wirft, und dem wir uns nunmehr zuwenden wollen. II. „Flatterte" ist ein etwas gewagter Ausdruck für das zur Diskussion stehende Dokument, denn es handelt sich um eine gedruckte Tabelle, deren Fläche dreiviertel Quadratmeter (genauer 80 om mal 70 cm) umfaßt und die die künftige Struktur der Jewish Agency, wie sie sich in den Augen der führenden nichtzionistischen Mitglieder ausmalt, darstellt. Zur Vorgeschichte dieses Schriftstückes ist noch folgendes nachzutragen. In Zürich wurde folgender Beschluß gefaßt: zwecks Verbindung sämtlicher Councilmitglieder mit dem Palästinawerk (wobei selbstverständlich in erster Reihe an die Peripherie der nichtzionistischen Mitglieder gedacht war), deren faktische Tätigkeit doch nur In einem einmaligen Zusammentreten zur Counciltagung besteht, sollen einige Subkomitees geschaffen werden, von denen ein jedes einem bestimm«