Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 124 (31.1.1930)
- Date
- 1930-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zlöty 2.—. vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15 —; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljahrig Lei 120.—* REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.— : Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20, Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—. Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6-8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 4 Freitag, den 37. Jänner 1930 Nr. 124 Hinter den Kulissen der Agency. Seite 3 An die Freunde und Leser des Blattes! Wenn Sie der Ansicht sind, daß die „Neue Welt'* ein empfehlenswertes Blatt ist, geben Sie uns freundlichst die Adressen von Freunden und Bekannten an. Wir werden denselben die „Neue Welt" durch mehrere Wochen zur Probe gratis zukommen lassen. Wenn wir uns'bei der Werbung auf Sie berufen dürfen, bitte dies ausdrücklich zu bemerken. Aus der Zusendung erwachsen weder Ihnen noch den Empfängern irgend welche Verpflichtungen. Die Verwaltung der «Neuen Welt"., Hälsmann-Tragödie, letzter ^Lkt* ■ ' ^~ ■ <•-.'. . . l?er Vorhang ist — zum letztenmal? — gefallen. Hinter ihm sitzt ein junger Mann voll Energie, Talent und Stolz und beteuert seine Unschuld. Ja mehr noch, er will G n ad e nicht annehmen, Wo Gei^rechtigkeit zu sprechen bat. '•• -■>;'', < 'Gerechtigkeit Schaudern müssen wir an die Monate denken, da über Innsbruck Nebelschwaden von "Haft- und Verblendung gezogen wurden, dem sich auch die Gemüter der _ Gerich tsfünktiönäre und der Geschworenen nicht entziehen konnten/ Was half es, daß gerade die Besten und Vornehmsten, Rechtsgelehrfc und Laien, in ihrem Rechtsgefühl beleidigt, die Ueberzeugung in die Welt riefen, daß Philipp Halsmann auf keinen Fall der Mörder seines Vaters sein könne! Was-half es, daß äie 'aussprachen,?'/ man' wolle nicht den Mörder, sondern den Juden in der Schlinge zappeln sehen! Und Wie ^bezeichnend in .solcher Atmosphäre . die Aufforderung einer katholischen: Lehrerin an ihre Schülerinne.h, Sie mögen für die Rettung des unschuldigen Jünglings beten! '■' r Schon die Voruntersuchung zeigte Scheuklappen. Sie -Wiöh' objektiven Tatbeständen ~ aus und schlug, alle anderen Möglichkeiten außer acht lassend, nur die eine Richtung zur Täterschaft Hälsmanns ein. Die. Verteidigung hinwiederum war von dem Plan fasziniert, den Tod! des alten Halsmann als die Folge eines Unfalles zu. rekonstruieren: ein Unfall, sagte Sie, nichts weiter, und .kümmerte sich nicht um das Gutachten der Aerzte, die todbringende Wunden an dem Schädel des Ermordeten feststellten; Die Verteidigung ging weniger in diei Tiefe als in , die Breite, in die; breite Oeffentlichkeit, die sie mit Interviews und Sentenzen zu füttern sichnicht genugtun konnte. So lief, die Kuh, während der 7 Knecht tratschte, aus dem Stall. ■ \ . : ■ . ' ' "| Der Würfel war gefallen.- Vom komplizierten Apparat der psychiatrischen Untersuchung, von der zerstörten Beweiskontinuität durch die. Unterbrechung der Verhandlung vor den Geschworenen, von diesen selbst war in der vergifteten Atmosphäre nichts Befreiendes, das' Gerechtigkeitsgefühl Befriedigendes zu erwarten. D^e Räder waren im Gang — wer sich in-ihren Speichen verfjng, war verloren. : i Die letzte Phase, die Abweisung der Nichtigkeitsbeschwerde durch den Obersten Gerichtshof in Wien, war < nur ein Epilog von platonischer Bedeutung. Es gingum Formalitäten, nicht um Tatsachen. (Den Juden Philipp Halsmann hatten die Innsbrucker Geschworenen zum - Totschläger gestempelt, damit war den Haß- und Verirrungsinstinkten Genüge getan. Philipp Halsmann sitzt-in der Kerkerzelle von Stein und Gericht und Geschworene haben jetzt Zeit,- fern von Gut und Böse über den wirklich Schuldigen nachzudenken. Denn.daß es der Verurteilte wäre, daran müssen wohl auch, die Regisseure hinter den Kulissen zweifeln. Was nun? Philipp Halsmahn ist rechtmäßig verurteilt.: Auf seine Stirue: hat 'das/.Innsbrucker Gericjht das Mal des Vatermörders gezeichnet Und er selbst verzichtet auf Gnade. Er allein? Mit nichten. Auch die Millionen Gesitteter, denen Recht alles, Formalität nichts bedeutet. Sie werden immer wieder die eine Forderung erheben: daß nach dem wirklichen Mörder geforscht werde! Aktionen für den Unglücklichen müßten diese Richtung einhalten, wenn sie zum Erfolge führen sollen. Den Mörder finden! Alles andere kann wenig nützen. Revision des Todesurteils gegen Josef Urphali. Jerusalem, 26. Jänner. (J. T. A.) Vor dem Appellationsgericht in Jerusalem, unter Vorsitz des britischen Richters Corrie mit den Richtern Baker und Copeland als Beisitzern, wurde am Sonnabend, den 25. d. M. in der Berufsverhandlung wegen des gegen den Jaffaer Juden Josef Urphali im Herbst vorigen Jahres gefällten Todesurteiles die Entscheidung getroffen. Das Todesurteil ist aufgehoben und der Prozeß an die erste Instanz zwecks Einvernahme neuer Zeugen zurückverwiesen worden. Das gegen Josef Urphali (ausgesprochene Todesurteil ist das erste und einzige gegen einen Juden in Palästina gefällte Todesurtei 1. Er ist beschuldigt, während der Augustunruhen einen Araber - erschossen zu haben. Der Beschuldigte ist ein -^wbiJh'abender sephardischer Jude aus Jaffa. ' . Jabotinsky vor der Sha\v>Köntmission. London, 26. Jänner. (J. T. A.) Freitag nachmittags wurde Jabotinsky vor der Palästina-Untersuchungskommission in London vernommen. Wie die J. T. A. erfährt, dürfte Jabotinsky der letzte von der Kommission einzuvernehmende Zeuge sein. Der bekannte englische Orientpolitiker und Arabienkenner John Philby, der kurz nach den Unruhen in Palästina weilte und in einer öffentlichen in „New York Times1* geführten Diskussion mit Dr. J. L. Magnes den arabischen Standpunkt vertrat, aber anerkannte, daß „keine Lösung als durchführbar angesehen werden kann, die eine Aufhebung der Balfour-Dcklaration voraussetzt", wird nicht mehr — wie ursprünglich erwartet wurde — von der Kommission einvernommen werden. Die J. T. A. erfährt weiter, daß der erste Teil des Kommissionsberichtes, der die Ursachen der Unruhen darlegt, fertiggestellt ist und daß der! ganze Bericht in ungefähr drei .Wochen abgeschlossen sein wird. Die Vernehmung Jabotinskys durch die Shaw- Kommission währte volle vier Stunden, Jabotinsky erklärte Pressevertretern, die Vernehmung höbe einen freundschaftlichen Charakter getragen, er wurde nur selten durch ein Mitglied der Kommission unterbrochen. Er fühle sich nicht berechtigt, über den Inhalt der in einer vertraulichen Sitzung stattgefundenen Vernehmung etwas verlauten zu lassen. Jabotinsky teilte weiter mit, daß er am?. oder 14. Februar eine Reise nach Südafrika antritt. Wieder Schwierigkeiten an der Klagemauer. Jerusalem, 23. Jänner. (J. T. A.) An der Klagemauer ist es am 20. Jänner wieder zu einem Zwischenfall gekommen, der in seinen Ausmaßen > zwar unbedeutend, aber für die Lage charakteristisch "ist. Als jüdische Andächtige beim Abendgebet an der Mauer Lichter anzündeten, kam ein Trupp von 20 jungen Arabern unter , Führung eines ehemaligen Scheichs heran und entfernte die Lichter. Einer Meldung des „Doar Hayom" zufolge weigerte sich ein arabischer P p 1 i z i s t, an den sich die Betenden um Hilfe wandten, einzuschreiten, mit dem Hinweis, daß das Anbringen vo'n Lichtern au der Klagemauer n i c h t g e s t a 11 e t seL Tatsächlich war auch während des diesjährigen Rosch-Haschanah- und - Jora-Kippur-Gottesdieristes die Passage'vor der Klagemauer nur von einer Azety lenlampe beleuchtet, die in einer Höbe von'50 Fuß angebracht war und erst unmittelbar vor Beginn des Gottesdienstes angezündet wurde. KOHLE - KOKS ANTHRACIT höchster Qualltai BÄSCH. IV. ArgentinlcrstraBe 22 TaIabIum U-46-40a Teiepnon ü.41.2.g7 Weg mit der Judenfrage! Gibt es eine Judenfrage? Wie gerne vertrauen die Menschen den Aussprüchen von Autoritäten, auch wenn sie keine Ohassi'd'im sind und die Autorität kein Zaddik. Warum sollten die braven Juden in Oesterreich nicht der Autorität der Sozialdemokraten vertrauen, die den „Fortschritt" in Oesterreich zu vertreten vorgelben? Es gibt ksinc Judenfrage, sagt die Sozialdemokratie in Oesterreich. Das soll natürlich heißen, daß es bei Wahlen und bei der Auswahl der Partei, welcher man als Mitglied beizutreten wünscht, für die Juden keine Judenf rage gebendarf. Wenn so ein jüdischer Führer auf dem ..Lande" agitiert, dann spricht er gegen die Juden, dann antisemitelt er. Aus Bescheidenheit, aus Selbsterkenntnis, weil er selbst Jude ist? Bescheidenheit ist heute -keine Zier. „Wenn man auf dem Lande vorwärtskommen will, da.nn muß. man antisemitisch sein", so sagte vor kurzem Herr Dr. Darcneberg öffentlich und ungeniert. Es gibt eben keine Judenfrage. Ein - anderer, der Führer der Bankbeamte-n, AKina, ist sein gelehriger Schüler. Wie gut es das Schicksal gefügt, daß — gegenwärtig — die Bankdirektoren' in Oesterreich meist Juden sind. Und die herrschende Partei im Staate, die „C b r i s 11J c h s o z i a i e n". In Jeder Rede kann daher Aldi na verkünden: „Prälat Seipel -und süffle lieben jüdischen Bankdiretotorem." Und die jüdischen B#h<kbeamten lachen aus vollem Herzen. Ob die Antisemiten unter ihren Kollegen — und diese verfügen in diesem Berufszweige über die überwältigende Majorität — deshalb ihren Allina besonders Weben? Jedenfalls, für einen AHtoa gibt es keine Judenfrage. Er glaubt, sich das Antisemitein feisten zu können, wie der Mieterschutzverteldiger Doktor Arnold Eisler'aus Boskowitz, für'den es, wenn er eine Fensterrede im Parlament Mit, nur ostjüdische Hausbesitzer in Wien gibt. Auch für ihn gibt es keine Judenfrage, denn man wird nur auf die von ihm angeprangerten Ostjuden schimpfen.* Doch nicht auf dem so freimütigen Juden Dr. Eisler! Auch in der Wohnungsfrage 'gibt es 'keim« Judenfrage. Denn für nicht Getauft© —- ich meine, wenn ich" im Jahre 1930 von Getauften spreche, natürlich die rat Getauften, die „-Konfessionslosen4* — gilbt es keine Wohnungen. .Auch keine Gemeindeansteldungen. Dabei Ist die Bemerflnrag nicht zu umgehen, daß täglich ein größerer Prozentsatz der Wohnungen Gemeindewohnungen werden und der .Herrschaftsbereich der Gemeinde in Betrieben und Branchen eine stetige Vergrößerung erfährt. Daher erfährt die Judenfrage eine stetige Verminderung — soweit es eben überhaupt eine Judenfrage gibt. Böse Zungen behaupten, daß der Prozentsatz der jüdischen Gemeindeangestellten in der Aera Lueger größer war als i-n der fortschrittlichen Aera, In der wir jetzt leben dürfen. . Auch in den verscliiedenfcHchen Parteikörperschaften der Partei des Fortschrittes' gibt es keine Judenfrage. Juden haben den Arbeitersport aus, einer Wohltat für die aufstrebenden wirklich proletarischen Schiebten zu etnem Instrument des Klassenkampfes gemacht. Dort gibt es auch keine Judenfrage. Nämlich nur Klassenkampf. Als dieser Betrieb des Klassenkarnpifkonzerns so weit gediehen war, daß man auch die teuersten Fußballer abkaufen konnte, wurde die Judejifrage'liquidiert und die jüdischen Macher und Angestellten In Motoren umgewandelt. Sie haben Ihre Schuldigkeit getan und können gehen. Der jüdische Führer Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes G bezeichnet. fö\^:'>'r\ w-v--\;;£ v ''iAw *y c