Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 123 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. W DIE NEUE WELT Seife? pin^wiHiiwqiBi IUfetea de* ZieaUtea-RevUtoafiteii Oesterrftfclts | IrtefawteHrtfl Wien Poit 38, Fach 20 § s ■■■■■■■'■■'■■■■■■■■■^^ y I Montag, den 27. Jlnner m\ halb 9 Uhr abtnda, »pticht im Cafe § 1 Arkaden, f., Unltersltätsstfaß« 3 (Souterrain) |j | f m Um m Veisl:! i „Persönliche Eindrucke von den | | August-Ereignissen In Palästina". | m Gaste willkommen I Eintritt frei! I Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Zur selben Zeit« als Balfour, Lloyd George und Smüts die Lage für unhaltbar und dringendes Eingreifen ohne Rücksicht auf die Untersuchungskommission für unerläßlich erklärten, Weizmann im Anglo-Palestine Club tm respektvollem Abwarten des Berichtes der Untersuchungskommission aufforderte . . . Es drängt sich unwillkürlich die Erinnerung an George Clemenceau auf, der die klassische Verkörperung bürgerlichen Mutes darstellt. In der Stunde höchster Not hat er mit dem unbeugsamen Glauben an die Gerechtigkeit seiner Sache, mit dem eisernen Willen, nur auf das Ziel zu blicken, seine Mitbürger und die verbündeten Mächte zur letzten Anstrengung gezwungen. Staaten .und Armeen beugten sich der Willenskraft dieses einzigen Mannes. Bei uns das Gegenteil. Das Volk, die Jugend, unsere Siedler in den vordersten Kampfreihen wollen aufstehen und nicht ruhen, bis der ganzen Welt bekannt wird, was heute nur . ein enger Kreis von Lesern der Verhandlungsberichte weiß, daß in Palästina eine Regierung am Werke ist, welche bei Vernichtung aller Früchte der Opfer an Leben, Geld, Blut mithilft. Diese Kraft wird von unseren Führern gebremst, bis der Wille sich wieder in Trägheit verflachen wird. Unsere Leitv?? aber wird uns erhalten bleiben, gesund; intakt Traurige Komödien. Die Moskauer Regierung, vor allem ihre jüdische Abteilung „Jewsektia", begnügt sich nicht damit, das Judentum in Rußland zugrunde zu richten. Sie glaubt auch, die Opfer verhöhnen zu müssen. Die Bedrücker tun sehr „judenfreundlich". Wenn man irgend einen Reaktionären beseitigen will, forscht man seine Vergangenheit aus. Ergibt es sich, und in Rußland ist das in den meisten Fällen so, daß der Betreffende einmal auch antisemitisch tätig war, so verurteilt man ihn wegen des Verbrechens des Antisemitismus, auch wenn diese Verbrechen zwanzig und dreißig Jahre zurückliegen. Das nimmt sich gut aus und ist das beste Argument gegen jene, welche die Moskauer Regierung beschuldigen, die Juden zugrunde zu richten. Ueberdies läßt man es sich angelegen sein, zu beweisen, wie begeistert die russischen Juden über ihr Schicksal sind. Mart arrangiert jüdische Demonstrationen. Zu diesen gehören die „freiwilligen" Opfer der Juden für das Werk der Sowjetregierung. Ueber das Schicksal jener, die nicht „freiwillig" opfern, schweigen die Berichte. Die beiden folgenden Meldungen illustrieren das System: Jüdische Frauen geben ihren Schmuck und ihre Sabbat-Leuchter für das Industrialisierungswerk« Die jüdischen Kommunisten Weißrußlands gaben die Losung au«: „Jüdische Frauen gebt eure Sabbat-Leuchter für das Sowjet- Industrialisierungs werk!" Dieser Losung wurde in verschiedenen Städten Weißrußlands entsprochen. Es wurden — wie die Sowjetblätter melden — Frauenversammlungen abgehalten, in denen beschlossen wurde, die S a b b a t-L euchter dem staatlichen Industrialisierungswerk zur Verfügung zu stellen. — In allen Städten der Ukraine werden bei den jüdischen Frauen ihre Schmückgegenstände, wie Ringe, Ohrringe usw., zugunsten des Industrialisierungsfonds ab* gesammelt. In Tscherkaa, Schpolje, Korsun und in anderen Städten der Kiewer Rayons haben die jüdischen Frauen Schmuckgegenstände im Werte von Zehn« tausenden Rubeln zur Verfügung gestellt. In der ganzen Sowjetunion wird unter den jüdischen Frauen eine Kampagne für Her gäbe ihres gesamten Schmucks zugunsten de« Industrialisierungsfonds durchgeführt. Drei Homeler Pogromführer nach 24 Jahren verurteilt. Mehrere Anstifter des zu einer traurigen Berühmtheit gelangten Homeler Judenpogroms vom 13. Jänner 1906 wurden jetzt in Hornel erkannt, verhaftet und vor Gericht gestellt. In der Gerichtsverhandlung, die sechs Tage dauerte, wurde festgestellt, daß die angeschuldigten Mitglieder der Exekutive der zaristischen Pogromorganisation „Sojus Ruskago Nu* roda" gewesen wa.reu. Etwa 50 Zeugen wurden verhört, unter ihnen sechs Juden, die Leidtragende des nunmehr 24 Jahre zurückliegenden Pogroms waren. Es wurden harte Strafen gefällt: Ivan Davidow wurde zum Tode, Sergej Makosewski zu acht jahren .und Jeffün Katscbanow zm fünf Jahren Kerker verurteilt Der antireligiöse Kampf In Rußland. Moskau, 18. Jänner. (J. T. A.) Abram Bern* stein, Lehrer an der technischen Berufsschule In Minsk, Sekretär des Atheistenvereins und Mitglied des Minsker Stadtsowjets, wurde aus dem Lehrcrvereln aus* geschlossen, weil er sein Söhnchen hat b c* schneiden lassen. Die Minsker Lehrerin Rebekka DI u g i n a wurde vom Lehrerverein ausgeschlossen und aus dem Schuldienst entlassen, weil sie ihren alten Vater, der Rabbiner in Minsk ist, unterstützt hat. Umwandlung der jüdischen Fakultät In Minsk in eine Institution für antireligiöse Propaganda. Moskau, 15. Jänner. (J. T. A.) Das weißrussische Erziehungskommissariat hat beschlossen, die Fakultät für semitische und hebräische Literatur «n der Minsker Uni» versität aufzulösen und an ihre Stelle eine Fakultät für antireligiöse Propaganda einzusetzen. Im Dezember 21 Synagogen In Rußland beschlag« nahmt Moskau, 1". Jänner. (J. T. A.) „Emess" berichtet, daß im Verlaufe des Dezember 1929 21 Synagogen in Arbeiterklubs usw. verwandelt worden sind, davon fünf in Hömel und drei in Uman. Vierzehn neuen Gesuchen um Beschlagnahme von Synagogen wurde vom Zentral exekutivkomitee der Sowjets im Laufe des gleichen Mo nats stattgegeben. _ Hunderte Jüdische Kaulleute aus Moskau nach Narlm verbannt Moskau, 18. Jänner. (J. T. A.) Hunderte Moskauer Juden, die sich mit privatem Handel beschäftigt haben, wurden soeben zur Deportierung nach der öden fernsibirischen Gegend Narim verbannt Ihr gesamtes Hab und Gut sowie das ihrer Familien ungehörigen verfallen dem Staate. Die meisten der Verurteilten hatten die Erlaubnis/privaten Handel zu betreiben, und zahlten hohe Steuern; das Gericht aber % MMsm habe Richard Herzog I. , Adlergasse S T»l. R-23-4-90 II. ,KI.PIarrg.2S =, T»l. A-41-«-24 ff sowie Radio- und Rundfftinkoörlt« Jeder Art, ferner fg] Jüdische und iienrfifsche Schnllplotten Is sowie alle modernsten Tanz- und Gesangsschlaeer ,s »n relclurer Auswahl auf Lager I Auch Teilzahlungen! Provinzversand! ül stellte sich auf den Standpuukt, daß sie mit Waren Handel trieben, die nur in den Regierungsgeschäften verkauft werden dürfen. Aus Simferopol, Schmerinka, Nowograd-Wolynsk, Chmelnik, Kitaigerod, Wolotschik, Mohilew-Podolsk und aus mehreren anderen Städten der Sowjetunion tretfen Nachrichten ein, daß viele hunderte jüdische Heimarbeiter, die einstmals Händler waren, aus den Produktionsgenossenschaften (Arteis) ausgeschlossen wurden. Säuberung der jüdischen Kolonien von Antisowjet- Elementen. Moskau, 17. Jänner. (J. T. A.) Bei einer Sitzung des Präsidiums der privaten Gesellschaft für jüdische Kolonisation OZET wurde beschlossen, allen OZET-Abteilungcn in der Sowjetunion die Weisung zu erteilen, die Regierung in den^ Werk der Kpllektivisierung zu unterstützen und die Möglichkeit zu schaffen, alle antisowjetistisch. gesinnten jüdischen Kolonisten aus den Kolonien zu entfernen. Staatsorgane sabotieren die Verordnungen über Verbesserung der Wirtschaftslage der Juden. Moskau, 14. Jänner. (J. T. A.) Der Beschluß des Rates der Volkskommissäre der Sowjetunion betreffend Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Juden in den Städten, kann infolge der Sabotage seitens der Vertreter von vielen staatlichen und kooperativen Organen nicht durchgeführt werden: Die; zur Berätung über solche Maßnahmen einberufenen Konferenzen werden von vielen Organisationen nicht beschickt. Die RegierungsgeseUschaft AOMZET,h^t Maßregeln getroffen, um die oetreffonden Organisationen zu zwingen, •den Beschluß des Rates der Volkskommissare in die Wirklichkeit umzusetzen. .1 Ii i... : ■ . Die Kiewer jüdische Hilfsgesciischaft behördlich aufgelöst. Moskau, 16, Jänner. (J. T. A.) Laut Verordnung der ukrainischen Sowjetregierung ist die Kiewer jüdjsche Hilfsgesellschaft „KEPO" (Kiewskoje jewrejskoje Qbschestwo Pomischtschi), die tausenden verarnvten Juden Unterstützung gewährt hat, aufgelöst worden. Der Gesellschaft wurde anhekngestellt, sich als Hilfsorganisation für Arme aller Nationen wieder zu' konstituieren. In Verbindung mit dieser Verordnung führen die jüdischen Kommunisten einen rücksichtslosen Kampf gegen den Vorsitzenden der aufgelösten Gesellschaft, den hervorragenden Mediziner Professor Lurjc und verlangen dessen Ausschluß aus der Aerzteschaft, weil er eine „n a t i onalistische" Gesellschaft geleitet hat die ihre Hilfr hur verarmten Juden angedeihen ließe. Kongreßmitglied Dickstein erhebt Im amerikanischen Kongreß Beschwerde über die Religionsverfolgung in Sowtetrußland. New York, 17. Jänner. (.T. T. A.) Samuel Dick, stein, der jüdische Vertreter von New York im Kon» greß der Vereinigten Staaten, erhob in seiner im Kon« greß am 15. Jänner gehaltenen Rede schwere Vorwürfe gegen die Sowjetmacht wegen der Verfolgung aller For» men der religiösen Uebung in den Sowjetländern. Rabbi* ner Und Geistliche werden in die Verbannung geschickt, weil sie religiösen Unterricht erteilen. Solche Verhältnisse schlagen der Zivilisation ins Gesicht. Amerikanw sches Geld hat zur Gesundung Rußlands beigetragen, aber Amerika werde in seiner Hife für Rußland nicht fortfahren, wenn die Verfolgung der Religion fortgesetzt wird. Die Mischehe in Rußland. Interessantes Material über Mischehen und Ehescheidungen bei der jüdischen Bevölkerung Rußlands hat jetzt die Sektion für Wirtschaft und Statistik des Jiddischen wissenschaftlichen Instituts (IWO) bearbeitet. Die veröffentlichten Ziffern beziehen sich auf die Ukraine und betreffen die Jahre 1924, 1925, 1926 und 1927, auf das europäische Großrußland, dus heißt auf die So w je t - Rep u b I.ik (RSFSR) ohne den asiatischen Teil (1925, 1926 und 1927) und auf Weißrußland (1926). Des Vergleiches wegen werden auch die Prozente der Mischehen bei Russen, Ukrainern, Weißrussen und Deutschen gebracht. Die Ziffern sind auf je 100 Eheschließungen der betreffenden Nationalität berechnet, für Ukraine und Weißrußland noch dazu gesondert für Männer und für Frauen. > In der Ukraine haben von 100 Männern, die Ehen eingegangen sind, fremde, nicht derselben Nationalität angehörenden Frauen geheiratet: bei Juden 3,6 (im Jahre 1924), 4,1 (1925), 4,4 (1926) und 4,8 (1927); bei Russen 28 (1924), 35,7 (1925), 31,3 (1926) und 30,4 (1927); bei Polen 25,9, 38,3, 33 und 30,2; bei Deutschen- 10,5, 11,4, 11,6 und 11,5, Von 100 eheschließendea Frauen haben fremde, nicht derselben Nationalität angehörenden Männer geheiratet: bei luden 4,1 (1924)* 4,4 (1925)« 4,8 (1926) und 5,1 (1927); bei Russen 18,9, 26, 24 und 23,8; bei Polen 28, 40, 54,8 und 33,6; bei Deutschen 9,3, 10,2 10,5 und 10,7. Im europäischen Groß ruß 1 and waren unter 100 Eheschließungen Mischehen: bei Juden 18,8 (1925), 25 (1926) und 27,2 (1927); bei Ukrainern 10,1, 12,7 und 14,5; bei Weißrussen 33,8, 37,6 und 48*8; bei Polen 80,5, 82,6 und 85,6; bei Deutschen 15,3 10,9 und 14,1, In Weißrußland haben im Jahre 1926 von 100 eheschließenden Männern fremde Frauen geheiratet: bei Juden 2; bei Russen 72; bei Polen 33; von 100 eheschließenden Frauen haben fremde Männer geheiratet: bei Juden 4; bei Russen 40; bei Polen 41. Aus diesen Ziffern ist zu ersehen/daß der Prozentsatz der jüdischen Mischehen in Rußland in daüerndem Steigen begriffen ist. Besonders stärk ausgewachsen ist er in Großrußland, wo er im Jahre 1927 die kolossale Zahl von 2 7,2 erreicht hat, eine Zahl, die zweimal so hoch ist, als die betreffende Zahl bei den Ukrainern und Deutschen für das gleiche Jahr. Die ukrainischen und weißrussischen Zahlen zeigen, daß mehr jüdische Frauen Nichtjuden heiraten als jüdische Männer nicht jüdische Frauen. . In der Ukraine sind im Jahre 1927 3092 jüdische Männer und 3087 jüdische Frauen geschieden worden. Von den 3092 geschiedenen Männern waren 236 (7,6 Prozent) mit nichtjüdischen Frauen verheiratet; von den 3087 geschiedenen Frauen waren 231 (7,5 Pro-.- zent) mit Nichtjuden verheiratet. Da der Prozentsatz der jüdischen Mischehen im Jahre 1927 in der Ukraine nur 4,8 bei den Mänern und 5,1 bei den Frauen war, so ergibt sich, daß die Zahl der Ehescheidungen unier Mischehen eineinhalbmal so groß ist wie die Zahl der Mischehen selbst. Im europäischen Rußland (ganz Rußland' ohne den asiatischen Teil) sind im Jahre 1926 geschieden worden: 3939 jüdische Männer und 3749 jüdische Frauen, von denen 518 (13 Prozent) Männer mit nichtjüdischen Frauen und 328 (8,8) Frauen mit Nichtjuden verheiratet waren. Schalom Schwarzbort ins Goldene Buch des Nationalfonds eingetragen. Jerusalem, 16. Jänner. Der während des Sc'h war*« b a r t-Prozesses im Oktober 1927 gemachte Vorschlag, den für die Eintragung von Schalom Schwarzbart ins Goldene Buch des KKL notwendigen Betrag durch Öffentliche Sammlungen aufzubringen, ist jetzt realisiert worden. ($chwarzbart hat im Jahre 1927 den ukrainischen AtaTnan und Pogrom-Anführer Petljura in Paris erschossen und ist dann vom Schwurgericht freigesprochen worden. Schwarzbart ist jetzt in das Gokkne Boen des KKL eingetragen worden.)