Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 123 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 1 oit mm mir Nr. 125 Der europäische Weltreisende Holitscher und der New Yorker BürgcnmHSter Walle er schützen die Bedeutung der amerikanischen Judenheit als eines politischen Faktors richtig ein. Audi Horthy*Ungarn tut es. Aber zwischen der Ofener Burg nfid der Freiheitsstatue fließt ein großes Wasser. In der Jubiläumsausgabe des „American Heb'rew" läßt Horthy —' wir wissen nicht, durch «reiche dunklen Kanüle — seinen Rassenschüt2ler Dt. Komis, einen streitbaren Antisemiten natürlich, zu Worte kommen. Den amerikanischen Juden geht es gut, den ungarischen — noch besser. Ungarn, kon» stutiert Herr Kornis mit Genugtuung, kennt keinen Numerus clausus nur für die jüdischen Studenten. Toleranz ist ein alter Brauch im Lande der heiligen Stefanskronc. Ja. mehr noch: die Juden erweisen sich als bmve Bürger und nützliche Faktoren im Wirtschaftsleben. Sie wurden immer wie die Augäpfel geflutet, bis auf die'pnnr Bajonettstiche und kalten ßüder in Theiß und Donau, die nur harmlose und vorübergehende Reaktionen auf die Revolutionsmonate waren! Ansonsten ist das Verhältnis zwischen Juden und Macht habern in Ungarn, gleich Amerika, wie ein Ei dem andern. Dieser plumpe Versuch Horthy-Ungarns, der amerikanischen 'OeffetitHchkeit> Satitl1 in die Augen zu streuen, findet ein gefälliges Echo im judenliberalen ..Pe.s:ter Lloyd", der von Kornis' plötzlicher Einkehr ganz entzückt ist und ihr das entgegenstellt, was die Schilderer der polnischen und rumänischen Verhältnisse in bezug auf die jüdische Position in diesen Ländern im gleichen ».American Hebrew" zü erzählen wissen. Die ungarischen Assitnilönten mißbrauchen die Notlage der Juden Polens und Rumäniens, um das jüdische Leid im eigenen Lände mit dem Vorhang des UeberpatribUsmus zu verdecken und dabei noch ein politisches „Geschäftchen" auf Kosten der beiden Nachbarlkhder 2U versuchen. * Das axaerkanische Judentum, ist eine Macht und wird als solche gewertet. Abör es ist eine Macht geworden erst Vom Augenblick ab, .da die im Anfang seines Kristallisationsprozesses Herrschenden Assimilielungs- und Amalgamierüngstendenzen zurückgedrängt wurden; vom Augenblick ab, da die sich erst formende, heterogene Masse eine sie einende Idee bekam; da der Zionismus a 11 e na tionalen u nd k u 11Ureilen Pro 1>leme: des' Ghe11o aufro 111e und die amerikanischen Juden vor die Entscheidung stellte, 'der Auflösung anheimzufallen oder sich in die nationale Bewegung des Weltjudentums einzugliedern. Es ist ein '[;CSfltt«]c 'fÜE'^'.-J'diie;'\'zM^3^tlidibe jüdische Gesc^lchje,. daß das. amerikanische Judentum den Weg des Lebens, den 'Weg nach 'Iftrete. Israel gehen will. ^ÄSSfeÄ^ •■■>• v. rr-~- ' v 'äi,»-- ' Ei^'iMM. ■• m Jrolen. ■ Schlechte Behandlung der Judengemeiödei*. — Verzweifelte wirtschaftliche Lage. — Monopolbetriebe judenrein. — Antisemitische Steuerpolitik. —' Zorengesetee noch immer gültig. — Schikanierang jüdischer Schulen and Studenten. Im Verlauf der Hauptäussptache über die vom Ministerpräsidenten Bartel im Sejm in Warschau verlesene Regierungserklärung ergriff der Sejmdeputierte Dalättina-Orangen WT IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUI!^^ III IIIIIIIII IIIIUI Uli II ll£ 1 In Aroma mihi Ctosriimack vorzüglich | S Bestellungen — auch nach Hause s s in Originalpackung zustellhar. s 2 Prosta t S 3 t filat», •ntlitfttend 60, 00, 78, 00 Stßek 5 1 &sfak2% 7^40 1 | Firma S. HALPERN f s Delikatessenhandlung s 5 Wien, n* Pftrotorgnot« 6 // Tei.-Nr. R-40-4-12 s niiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiifiiHiiittiitfifttriii Hartglas das Wort, um im Namen des jüdischen Parlamentsklübs die folgende Deklaration zu verlesen. Der Herr Ministerpräsident Bartel hat in seinem Expose unter anderen Staatsartgelegenheiten auch das j U d i s c h e Problem berührt, ist aber nur auf die Frage der jüdischen Religion und der jüdischen Ge* nieinden etwas eingegangen und hat in diesem Zusammenhang mitgeteilt, daß diese Angelegenheiten durch entsprechende Dekrete geregelt werden sollen. Es Unterliegt keinem Zweifel, daß die Frage der Organisation der jüdischen Gemeinden, besonders der in den Grenzgebieten, die auf ein totes Geleise geschoben wurde, jetzt eine endgültige Regelung erfordert, damit endlich das Gebäude der jüdischen Selbstverwaltung fertiggestellt werde. Die Frage der G emeindes feuern wurde nicht geregelt, die Budgets wurden nicht bestätigt,, es fehlt eine Regelung betreffend Wahl von Rabbinern. In Kongreß-Polen selbst wurden Neuwahlen nicht ausgeschrieben, obwohl die Geltungsdauer der bisherigen Gemeindeverwaltungen überschritten ist. Der im Gemeindegesetz vorgesehene religiöse Rat ist noch nicht in Funktion. Sollte die Regieruhg des .Herrn..Bartel all das im. Sinne der jüdischen Forderung zur Erledigung bringen, wird sie., sicli die Anerkennung der jüdischen Bevölkerung erringen. Wir betonen aber mit aljer Entschiedenheit, daß die Frage der jüdischen, Gemeinden das jüdische Problem in Polen nicht erschöpft,'es gibt Probleme,, die mehr wehe tun. Die wirtschaftliche. Lage. der Jüdischen Bevölkerung ist eine v e r z,w ei f,e 11 e, die * im Lande, herrschende Wirtschöftekr^is^ .trifft besonders schwer; die Juden, die aus den i>lshCr von ihnen eingenommenen Positionen fryljahdel :und Industrie sei es in Gesejjs^^ Regiert ngste&oreri:- 'toMi<m*^&<i£nt: sei "'es ^in ]•staat'r, liehen Mchtfo p^ö'lz^wM|renC mv den -Vohi""Staäfe^ein-J gerichteten Kartelieh ifhd-iäetatmäßigen Experimenten das Bett der Gegenwart und Zukunft III Schlatlauteullt, mit einein Griff als Bett verwendbar »tjz Josef Körnitz & Sohn "HS&f 2 zur Hebung von Industrie und Handel — systematisch hinausgestoßen werden. Die wirtschaftlich hinausgestoßenen Juden werden in keine Acmter oder Unternehmungen, die von der Regierung geleitet oder subventioniert werden, aufgenommen: nichts wird für die berufliche Umschichtung der verarmten jüdischen Massen getan, im Gegenteil: man e r s c h w er t d c n J u d e n d e n Zug a n g z u Landwirt s c h a f t , u n d / u p h y s i s e Ii e r A rb e it. bei rlcn;stotit,l ichen und kommuiuilc n Institutionen. Die Anstrengungen der jüdischen-Gesellschaften für eine ßernfsumschichtung der verarmten und ökonomisch hinausgestoßenen jüdischen Bevölkerung'werdeti .in keiner Weise unterstützt. Die Ste u e r 1 a s t e n weiden noch wie vor in der Hauptsache auf die Schultern der wirtschaftlich ruinierten Juden geladen, und für das Geld, das man den Juden abnimmt, werden Institutionen errichtet, deren wesent.-. liehe Aufgabe es ist. eben die jüdischen Steuerzahler weiter dem Ruin entgegenzuführen.;'<'.'•; . * . . , •' Die antijüdischen Beschränkungen aus der Zarenzeit werden in der Praxis noch immer angewandt. , . Auf dem Gebiete des jüdischen Schul-. Wesens hat sich ebenfalls noch nichts zum Besseren gewendet. Im Gegenteil, es sind Anzeichen der Verschlechterung zu konstatieren. Nicht uur den jüdischen Studienwilligen, im Iniande, sondern auch denjenigen jüdischen. Studenten, die sich zum Medizinstudium nach dem Ausland begeben yrollen, werden, Schwierigkeiten bereitet. Die jüdische Bevölkerung hat keine Elementarschulen; mit jiddischer nnd hebräischer Unterrichtssprache (gdmäß den kulturellen, Bedürfnissen der Juden), die Zahl" der jüdischen Lehrer in den Elementarschulen, die von jüdischen Kindern besucht werden, wird immer mehr reduziert, die entlassenen jüdischen Lehrer werden durch Nichtjudeh ersetzt. Zu Schulen, die von nichtjüdischen Kindern besucht werden, haben j ü d i s c h e L e h r e"r überhaupt keinen' Zutritt. Dem jüdischen Fachschulwesen werden ungeheure' Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Die Re-' gierurig 'gewahrt den jüdischen Fachschulen keinerlei' Stütze, sie streicht jene Budgetpositionen der Stadtverwaltungen, die für . jüdische Bildungs- oder philan-' thropische Institutionen bestimmt' sind.' Das Gesetz über die Zwangssonn'tagsf ulie zwingt die ihrem Glauben anhängende Jüdische Bevölkerung, zwerTage iü "der Woche zu feiern, wodurch ihr' Einkommen und ihre Konkurrenzfähigkeit gemindert wird. ..! 'u 1 Wir. stellen mit .Bedauern, fest, daß in dem Exßose^ :-des '''Ministe^r'äsictchien' auf" diese traurige'\aie['äh% jüdischen Bevölkerung nicht mit einem Worte" Bezug g e n o m m e n w u r d e. Wir halten es für notwendig, gegenüber der jüdischen und der aUgemeiheir Oeffentlichkeit im Lande die wirtschaftliche Position des polnischen Judentums darzulegen und erwarten, daß die Regierung die Notwendigkeit einsehen wird, .sich ernstlich allen diesen Fragen zuzuwenden und das Notwendige zu veranlassen, daß diese katastrophale' Lage der jüdischen Bevölkerung beseitigt wird. Die geschilderten Zustände dürfen nicht länger andauern, sollte nicht auch dem Staate ernster Schaden daraus erwachsen. maWciUe, durchaus das Gef ühl betonende, von Leben überströmende C Ii a s's i d i s m us, 'eio6 Form geäebter Mys'tHc, die. selbst starke kftnstlerischie Züge in sich trägt. - So ist es durchaus (Wünscht und m Qrdnun«, daß neuere .Jüdische Forschung lind Literatur den Chassidism^u s. §tark in deji Vorderarund stielten. Chaiiim B l o c h, dem , wir; ma-nche schöne Gabe aus der, chassWischen. Gelstcswelt dauken, beschert uns ein neues, chassidfeohes Buch, und es i$t ern wiiKiommen^s Geschenk. Nicht nur daß Wer ein Kenner, uod Erforscher der Materie unbekannte oder vörschoMene Schätze vor uns ausbreitet, was Blochs chasskllsobe Bücher so reizvoll macht,.-Ist, daß er nicht Von der Literatur kommt, sondern aus seiner eigensten Sphäre, aus. seiner eigenen Welt: ein richtiger phassid bringt uns Aussprüche und Legenden von cje.n großen ZaddUc-hn,'. in. crejuackehder Naivität ued ohne poetische Umafbeitu-ng dargeboten.' . Priester der Li elbe"*) nennt Bloch sein Buch, und e,s ist von Interesse, daß dieser THel, dem Ausspruch eines Rabbi entnommen, von dem großen. ReJigionsverneiuer P p p p e r - L y n.k e u, s' empioblcn wurde, der, wie Bloch in einer guten Bniührung berichtet, von der Geistesweit des,Gbassidisnius «anz, ergrtffen war. . .; Qott und Gütet die lösende. Kra<J von Buße und Um», kehr, die läuternde Gewalt eohter Freude, völlige Hingabe im Gerbet als Weg zur Ver-einigung mit Gott, Demut als sitttiche Forderung, der ZaddHc als erkewemer Mittler zwischen der irdischen und der höheren W<?H — das sind die Hauptthetnen dieser naiv^rominen und ebenso tiefen Legenden. * Nach der sittlichen Auffassung des Chassidismus gibt us cigentüch nuf Stufen »rnl Uebcrgänge in der moralischen Welt; auch das Böse, das eigentlich mir das unvollk«mmeue Gate ist, hat seinen Hätz Im Schöpfungsphw, Wie schon ,der Sobar sagt:„Der Mensch 'kennt nicht den Geschmack des Stißen, ehe er nicht das Bitter« *e- •) An»W»ö-Ver4tK. Wien. kostet hat". — Darum verwirft der Bai Schern die strenge Büße auch für schwere Sünden. Nicht Kasteiungen führen zur Buße, sondern Freude. Das Herzweh über-begangene1 Sünden'ist des Menschen wirksamstes SiUinebpier. ' Wie man "erkennt,'ob ein berühmter Mann wahr und vollkommen sei? Wenn er'"einen Rat zu geben weiß, wie man beim' Beten „fremde" Gedanken bannen kann,' dann ist er, ein Schwindler, antwortet der"Rabbi.'Denn' nicht mit einem Male kann man das Böse abtun —'marn muß vielmehr mit ihm ringen sein Leben lang; um sich van Stufe zu Stufe der Vollkommenheit zu nähern.' Hier ist die Geschichte, von dem reichen Frommen Chassid, der mit besonderer Hingabe das Gebot der Gastfreundschaft erfüllt, bis/tihm plötzlich alle seine Geschäfte mißraten. Er ".hat ~ wie, der L ub.liner,- dem er sein Leid klagt, durch Fragen leststellt — einem Trumkenboid keinen Branntwein mehr,, gegeben, seit er ihn in einer 'Gosse liegen fand. Erst als er ihn auf Rat,,des Rabbi um 'Verzeihung.bittet .und .ihm wieder seinen Branntwein gibt, kehrt sein Glück, zurück. , Seine Umgebung drängt in den . A p t e r, die Freidenker zu verfluchen, die ihm Verfolgungen..bereiten. Aber er, der solches in seiner Jugend mit starker Wirkung zu üben pflegte, hat reuig von Gott erfleht, daß er alle seine Flüche in Segen verwandle. . Der . Jude, der dem Rabbi klagt, daß ihn des Nachts furchtbare Träume Verfolgen, ist sündig, w ei l er ^erklärt, er habe ein reines Gewissen und sei. sich keiner Schuld bewußt. Dehn diese Einbildung ist die -große Sünde des unvollikommehen Menschen, . / Hier stehen die entzückenden,Geschichten und Aussprüche des. Rabbi Meier von Przemyschlany, der zum Beispiel den Hochmütigen, der sich rühmt, daß er ins heilige Land reise, anfährt, ob er sich für besser halte als der Messäas, daß er ihm zuvorkommen .wolle; der andererseits erklärt, man verzichte auf das Kommen des sehnsüchtig erwarteten Messias, wenn e,r nich,t in Ruhe kommen wolle, sondern im Sturm und Leid und Not über die Welt bringen solle. Reizend die Anekdote* vom PrzemyschJaneiY :der mit dem' Morgengebet nicht eher anhebt, als bis er sicher ist, daß -Jeder-MJtbeter besser ist als er selbst. Eines -Tages ist ein unwissender, schlichter und entyudeter Jude;aus Ungarn da, der den Rabbi um Hilfe bittet, daß seine — •Schwelnezucht gedeihe..So zögert diesmal der Rabbi zum Schrecken'der Anwesenden sehr lange mit dem Gebet., ■Endlich aber: kommt Ihm der Gedanke: wenn er selbst' tSchweine züchtete, e f würde nicht zum Rabbi fahren, um' .sich mit diesem im Gebet zu vereinen. So ist denn doch auch dieser Jude besser als er. und die Stlmrnmig der De: mut da, aus der heraus, der Rabbi, sein Gebet beginnt.. . Herrlich in EmpfindungsgeJialt und Tiefe ist die Geschichte von Rabbi Levis Ji.zchak von Berdytschew, der mit dem. „Kol Nidrei" nicht beginnt, bevor nicht der Steider Berl im Bethaus ist, der durch sein Fernbleiben „den Aufstieg der Gebete hemmt". Aber Berl hat einen Prozeß mit Gott, den der Rabbi entscheiden soll: er bat vor kurzem auf dem Schlosse eines Gutsherrn einen Pete , genäht, einige Wieselfeile dabei, erspart und sie, in einem geschenkten. Brotlaib versteckt, heimbringen wollen -rbat er doch eine fochter aus seiner reichen Kiuderschar zu verheiraten aber der Laib ist ihm gestohlen worden, und das kann nun Gott getan haben, der nicht wollte, daß ein Sohn des auserwählten Volkes stehle. Aber Berl will es Gott weisen: wenn sie, die Bauern, stehlen dürfen und die Jaden nicht, so will er nicht mehr zu den „Auser-. wählten" gehören. Und seit damals hat er wirklich kein Gebet mehr beobachtet. Heute aber ist der Versöhnungstag, und da muß Berl ihm verzeihen, da auch er heute die Sdnden vergilbt, dje man gegen i h ri begeht. Aber Berl stellt harte Bedingungen: er verzeiht Gott nur, wenn jener allen Missetätern ausnahmslos vergibt. Und nun möge der heilige Rabbi entscheiden, ob er, der Schneider, recht, hat oder nicht. Und der Rabbi gibt nach kurzem Ueberlegen dem Schneider recht,' recht gegen Gott, und mH Inbrunst stimmt er das Kol Nidrei an. Was eiti Rabbi einem anderen erwiderte, der Hm