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Die neue Welt · 1930-01-24 · Heft 123 (24.1.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 123 (24.1.1930)
Date
1930-01-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 125 Dlß NEUE WELT Seite 3 Simonsbrot nod) Immet unmei(f)t oW ©efunbhet's* unb $«l.tuttef)D«ot »ftdä <m 9WMfaIji'n nnb Sit minni. tfewäßtt 6ei Stu^rrf ftoöfimo, 9»iq*nlcibm urtö ^mfett antom. $a$ eijfr örot In lii).i»fni'A«i ©«• potfangl @föc nrqurm: S>mon*htoi in edjefien (©tanntoipattung;. Su bahn m nuten {Hnfjftfjanbium.en unb Sfidttciin. gimondbrolfabttft roten äaßratt 11 im I Elidier ^oftttertanft-Gsport ........■■■» ' Wie das amerikanische Judentum gesehen wird. „Der Zionismus isi ein versöhnendes Element." — Der New Yorker Bürgermeister über seine jüdischen Mitbürger. — Horthy-Ungarn will bluffen. — Amerika in der jüdischen Geschichte. Während vor dem Krieg das amerikanisdie Judentum als K o 11 e k t i v u m in sozialer, politischer und kultureller Hinsicht im Hinblick auf die Stellung des europäischen Judentums eine verhältnismäßig untergeordnete Bedeutung hatte, innerjüdisch alle seine geistigen und produktiven Energien von seinen europäischen Brüdern beziehen mußte und sich damit abfand, keinen positiven jüdischen Willen in die Welt zu setzen, stellt es heute in der nichtjüdisdien und jüdischen Welt einen mächtigen Faktor dar. Diese Erscheinung ist umso verwunderlicher, als es Elemente waren, die, obwohl in der alten Heimat geistig und sozial wurzellos, in knapp dreißig Jahren ein relativ stabiles Gebäude schufen, das in sich alle Merkmale wertvoller jüdischer Kräfte für die Zukunft trägt. Was bedeutete vor dem Kriege die große Masse der osteuropäischen „Desperados" und „Luftmenschen" neben den einzelnen Geldmenschen, deren jüdisdie Solidarität sich bloß darin kundgab, daß sie jeweils, so oft das jüdisdie Leid in den europäischen Ghettos alles Maß übersdiritt, in ihre Geldsäckel griffen oder, mehr gepreßt als willig, der Zarenregierung Anleihen verweigerten; deren kulturelle Leistungen sidi in der Reformwut deutschen Kalibers an Synagoge und Ritus erschöpften; deren zivilisatorische Einstellung den Typ des ostjüdischen Proletariers ablehnte, seine Sprache und sein Wesen veraditete; zwischen sidi und ihm unüberwindliche soziale Schranken aufriditete.v Heute stellt das amerikanische Judentum ein anderes Bild dar. Während vor rund zwanzig Jahren Israel Zangwill in seinem Bühnenstück „Sch me 1 ztiegel" dem amerfkanisdien Judentum wie den anderen ä.iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ E Verband demokratischer Zionfsten S Mittwoch, den 29. Jänner 1930 um halb 9 Um 5 abends im Cafe Produktenbörse, 11., Taborstr. 10 jjjj f Versammlung | s Gegenstand: E I Was geht im Zionismus vor! i | Politische Lage der Juden | sf Referent: iE | Pberbaurat Robert Stricker | 5 Freie Aussprache . Gäste willkommen E ^iiiiimiiiiiiitmiiiiiiiiiiiiiiitiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii? nithtangelsädisisdien Völkern Amerikas die sidiere Auflösung prophezeite, vernimmt man heute andere Stimmen» In jedem, ob literarisdiem oder wissenschaftlichem, Werk über Amerika bekommt das Judentum den ihm gebührenden Platz. Auch Artur H o 1 i t s c h e r, dem weltreisenden Sdiriftsteller, der das Palästina, das Sowjetrußland, das Ostasien der Nachkriegszeit in seinen politisdi nicht unbeeinflußten Sdiriften dargestellt hat, mußte bei seinem gegenwärtigen Besuch Amerikas — der erste liegt aditzehn Jahre zurück — die gewaltige Veränderung bewußt werden, die das amerikanisdie Judentum erfahren hat. Sogar einem Reisenden, der den gewaltigen Nationalisierungsprozeß des amerikanisdien Judentums im Sinne einer Rückassimilation zum Jüdisdien nicht verfolgt hat und daher auch alle die Kiemente nicht kennt, welche die Impulse zur heroischen Hilfeleistung des jüdisdien Amerika gegeben haben (Joint, Jüdischer Kongreß, Palästina-Aufbau, Jewish Agency, positive Einstellung der ArbeiteiOrganisationen zu den Aufgruben der jüdischen Erneuerung) muß die Tendenz auffallen, daß, so sieht Artur Holitscher, die amerikanische Judenschaft sich, bei erwachendem Nationalbewußtsein, im Innersten gegen vollständige Assimilation zu wehren beginnt..., daß sie ihre Zn- »UA&SfiUftG« anrufender bequemste Die führende schwedische Weltmarke Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen gehörigkeit zur alten Heimat — es ist aber in diesem Falle nidit das ehemalige Zarenreidi, sondern eher Zion — stärker zu betonen scheint; daß das Judentum in Amerika sich zu allgemein anerkannter Madit und Ansehen emporgehoben hat, so daß Juden in den leitenden Stellen der Wirtsdiaft und Politik, in den hödisten Sdiiditen des Staatsapparates einnehmen und behaupten können. (In den Obersten Gerichtshöfen Amerikas sitzen Juden, der zweite Gouverneur des Staates ist Jude...) Holitsdier konstatiert weiter die Wirkung des nationalen und religiös eingestellten Judentums auf das Zusammenleben zwischen jüdisdien und nidit jüdisdien Amerikanern: „Als die Kunde von dem großen palästinensischen Unglück des August 1929 nach Amerika drang, trat dort zwisdien Juden und Christen eine religiöse Solidarität in Erscheinung, an deren ergreifende Formen ich nur mit Rührung zu denken vermag.,. Das Sdiicksal der zionistisdien Juden, jener, die zu ihrem Glauben zurückgefunden haben und'deshalb dem gläubigen protestantischen Amerikaner gesinnungsmäßig näherstanden als die oberflächlich weltlidien und antireligiösen im eigenen Lande, hat im August 1929 eine Solidarität in erhöhtem Maße gezeitigt. Der Zionismus, der viele junge Juden zu ihrer Religion zurückgeführt hat, gilt als versöhnendes Element.«' Entgegen den oberflächlichen Behauptungen europäisdier Assimilanten, daß die amerikanische Judenschaft es ängstlich vermeidet, als geschlossene Einheit innerpolitisch einzugreifen, stellt Holitsdiers politisch gewiß nicht ungeschulter Blick mit Bedeutung fest. ' ' quemsre . Vaschtagl TEL' 0 2^-5-20 S£&I{£ q „Da es in den Vereinigten Staaten nadi der letzten Zählung 43/« Millionen Jnden gibt, davon in New York allein 1,800.000, bilden sie in politischer Hinsicht ein wesentlidies Element, mit dem man sidi zumindest vertragen muß, dem man aber, wie es zum Beispiel die letzten Wahlen in Amerika gezeigt haben, bedeutsame Avancen macht, um es zu gewinnen." Wie riditig Holitsdier diesmal gesehen hat, erhellt die Tatsache, daß trotz heftigster Opposition seitens zahlreidier New Yorker Parteien die Juden allein imstande waren, dem alten, verdienten James J. Walker seinen Bürgermeisterstuhl wieder zu sichern. Bürgermeister Walker seinerseits bewies seinen politischen Instinkt, indem er die Interessen seiner jüdisdien Mitbürger öffentlich zu wahren wußte. Unvergeßlich ist sein Auftreten bei der jüdisdien Straßendemonstration New Yorks anläßlidi der arabischen Palästina* Revolte. Ebenso freimütig sind seine Aeußerungen in der Jubiläumssdirift der seit 50 Jahren erscheinenden jüdisch-amerikanisdien Revue „The American Hebrew" in bezug auf die Bedeutung der Juden für New York. Er weist dem künftigen Historiker New Yorks die Aufgabe zu, festzustellen, daß die Juden einen ganz gewaltigen Anteil an dem Wunder des 20. Jahrhunderts: New York! haben. Wenn sie im Interesse der Stadt nichts als die karitativen Institutionen gesdiaffen hätten, würden sie schon die Dankbarkeit des Gesamtbürgertums verdient haben. Aber sie haben viel mehr geleistet. Nur der blinde Haß kann ableugnen, was die Juden für Handel und Gewerbe der City getan haben. Die weltberühmte Fifth Avenue ist die Frucht ihrer Findigkeit, ihrer rastlosen Bemühungen. Aus dem Osten der Stadt sind die unternehmungslustigen, genialen energisdien Handelsleute gekommen, mit geringem Kapital, mit viel Mut und Initiative, und sind zu stolzen Kaufherren geworden. Broadway, der Mittelpunkt der Bühnenkunst und des Kinos für die ganze Welt, hat das jüdische Genie und Geld der Shubert, Loew, Zukor, Gest, Warners aus dem Nichts hervorgebracht. Juden haben die Baukunst New Yorks revolutioniert und die Wolkenkratzer in die Höhe getrieben. Die Schauspieler der „Wiliiaer" in Wien. „Tag und Nacht." — „Der Gedanke." 'Die nationale Welle hat alle jüdischen Kulturbestrebungen emporgehoben, allen künstierischen Tendenzen einen Resonanzraum verschafft. Bedeutende Theater sind entsanden und haben die Kraft gehabt, neue Quellen jüdischer Energien zu erschließen und der Wiedererneuerung dienstbar zu machen. Aber auch diese war von Krisen nicht verschont. Die Habima erlitt eine Spaltung, indem einige wichtign Kräfte in Amerika verblieben, das Moskauer Akademische Theater, von Granowsky losgelöst, kehrte in den sowjetrussischen Nebel zurück und die „W i 1 n a e r Truppe" — sie zerfiel und zersplitterte, einen Strom tiefster Erinnerungen hinter sich lassend. Warschau, das jüdische Zentrum des nahen Ostens, mit seinem starken Kulturwillen, war nicht imstande, den Wilnaern eine stabile Stätte zu sichern. Alex Stein rettete eine Säule, hütete sie und machte sich auf, alles, was an lebendiger Tradition vorhanden war, wieder in die Welt zu tragen: die innige Verbundenheit mit der jüdischen dramatischen Dichtung, die unzerbrechliche Disziplin und den für die Wilnaer charakteristischen Stil des harmonisch gestalteten, gefeilten Naturalismus. Wir erkennen ihn wieder bei seinem diesjährigen Gastspiel in den „Jüdischen Künstlerspielen". Den Anfang machte A n - s k i mit der Tragödie „Tag und Nacht". Hier ist wie im „Dybuk" eine alte Legende gestaltet, in dessen Schatten das Fatiim im Sinne der antiken Chortragödie droht. Das Doppelbcwußtsein, aus dem gemischten Blut geboren, führt den Reb Dan seinem Schicksal zu: er ist rein und sündig, er ist Zaddik und Kosak, er wandelt zwischen Tag und Nacht. Daß er die Sünde durch das Mittel der Sünde bekämpft, indem er sich selbst und die schuldlose Nichte Mirjam zum Opfer bringt und durch diese Tat das Volk entsühnt, gibt dem Stück die innere, erlösende Gerechtigkeit, ohne die kein Mythos bestehen kann. Alex Stein verkörpert den Zaddik. Er zieht die Linien der Legende weiter, zerbricht zeitweilig das Symbolhafte seiner Gestalt dadurch, daß er ihr hamletische Züge verleiht. Derart strebt er aus dem Rahmen der Legende, ohne ihren kabalistischen Kern zu verletzen. An-skis Dichtung bekommt in seiner Deutung einen allmenschlichen Sinn. Neben ihm wirkt die Gestalt des Gabbc Ohananje, der Adam Domb anvertraut ist, holzschnittartig fest, mittelalterlicher, fanatischer, veristiseber. Er ist mehr getreuer Knappe als untertäniger Diener, gerade in seiner Opferbereitschaft. Sonja A1tbaum als Mutter Dvojre schlägt Funken des Adels aus ihrer großen jüdischen Seele. Dem braven Gedal'je verleiht Samuel S c he ft el die ganze Hingabe des Gläubigen an seinen Zaddik. Die „Juden an sich", Max Morison, Frajim Sorokin, der Sawranjer Rabbi des Israel Kamay, Dobe Rive (Franja Scheftel) und Riwke (Jenny Witsch) vervollständigten, von der routinierten Regiehand Alex Steins geführt, das gelungene Mosaikbild. „Der Gedanke" von Leonid Audrejew ist in seinem Kern ein russisches Stück, russisch in der Problemstellung und in deren Reflex'auf die Gestalten. So war es natürlich, daß das Slawische durchschimmerte» Das Hineingehen in sich, das Spielen mit dem Gedanken, bis man ihm zum Opfer fällt, das Sich-vergrübelu in die feinsten Kanäle des Geistes und der Seele — es wandelt hier auf den Wegen Dostojewskys und verrinnt im Sande. Denn die Frage, ob der Mensch auch der Herr seines G ed a n ke n s ist, kann nur problematisch gelöst werden. Niemals ist ein Fragezeichen am Schluß günstig. Hat der Held des Schauspiels, Dr. Kerzsenzeff, den Mord vollsinnig begangen, dann muß er nach Sibirien; war er wahnsinnig, gehört er ins Irrenhaus. Für eine Lösung muß man sich entscheiden ... Alex Stein spielte den Dr. Kerzsenzeff von des „Gedankens" Blässe ange* kränkelt. Nicht der Gedanke, nein: Furien durchrasen sein Hirn. Wird er töten? Seine große Kunst bestand darin," die Möglichkeit der Tat offenzulassen und sich als einen von seinem Gedanken Besessenen zu zeigen, dem — vielleicht — der Gedanke genügt. Man fürchtete und bemitleidete: er formte einen tragischen Helden. Wieder, wie in „Tag und Nacht", war. Adam Domb sein Gegenspieler. Wieder ward, ihm die Gestaltung der Wirklichkeit zugeteilt. Im gedanklichen Duell mit Dr. Kerzsenzeff war die Sympathie auf seiner Seite. Sonja A11b a u m zeigte ein neues Gesicht. Ihr Talent, Konversation zu führen, hinter jedem Wort Spannung zu verdichten, ist außerordentlich. In der undankbaren Rolle des Irrenarztes schuf Samuel Scheftel einen Menschen. Israel Kamay als Kraft, Jenny Witsch als Krankenschwester zeigten mit sparsamen Mitteln die Kunst, milieuecht zu sein. Der Erfolg? Er war so groß, wie er erwartet wurde. Wieder einmal echtes jüdisches Theater zu sehen, ein richtiges Jiddisch zu hören, Zeuge eines starken künstlerischen Willens und Ehrgeizes zu sein, das mußte das Publikum in seinen Bann zwingen. Alex Stein wurde mit seiner Schar geieiert, als Wiedergekommener — hoffentlich für längere Zeit. Ein kurzes Gastspiel ist zu wenig für das nach jüdischer Theaterkuust hungernde jüdische Wien. o. >r. Aus der Welt der Chassidim. Der Cliassidisiuus ist die letzte Aeußeruug jüdischer religiöser Schaffenskraft. Ein „gerader Nachläufer der alten Kabbaia", von dem gleichen Gefühl getragen wie sie und doch eine religiöse Schöpfung eigener Prägung, wenngleich ohne starres System, hat er auf die seelische Gestaltung des Ostjudentums den größten Einfluß ausgeübt. Erst künftige Forschung wird wohl erweisen, daß an der Wendung zum Weltlichen im Ostjudentum, an dem Durchbruch künstlerischer Schaffenskraft nicht bloß die kalte Aufklärung, die Haskaiah» Anteil hatte, sondern größeren vielleicht Ihr geistiger Antipode, der ge-.

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