Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 122 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711740--1608-2714835- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seife 1 DIE NEUE WELT Nr. 122 Clemenceau: „Die Kreuzigung? An ihr hat alles teilgenommen, lieber Freund, nicht nur die Juden. Sie wird sogar heute noch fortgesetzt . . .** Georg Mandel. Georg Mandel, von dem hier die Rede ist, ist jener jüdischer Abgeordnete, der zu den intimsten Freunden und Anhängern Clemcnceaus gehörte und Gegenstand der heftigsten Angriffe und dankbare Ob« jekt der Karikaturisten war. Clemenceau: „Da fällt mir ein, daß Mandel heute früh bei mir zu Besuch war. Er setzte sich in meinen Fauteuil und sprach ununterbrochen eine halbe Stunde lang. Ganze Sturzbächc der Worte quollen aus seinen Lippen, aber, ehrlich gestanden, viel Sinn hatten diese Worte nicht. Mandel entstammt der Rasse der Propheten, er predigt gerne." Der Sekretär: „Er hat letzthin gegen die Regierung gestimmt. Oder stimmte er für die Regierung?" Clemenceau: „Nein, gegen die Regierung. Mandel ist ein mutiger Mensch, der sich nichts daraus macht, wenn er auch allein bloibt. Ich rechne es ihm als großes Verdienst an, daß er sich niemals seine Gedanken von anderen holt. Er schöpft immer aus eigenem. Es ist eine große Frage, ob die Juden ins Paradies hineingelassen werden. Es würde mich furchtbar ärgern, wenn ich mich im Jenseits anderswo aufhalten müßte als Mandel." Der Sekretär: „Hoffen wir, Herr Präsident, daß Sie dort drüben einander begegnen werden." Zur Lage der Juden in Rumänien. Senator Dr. Mayer Ebner über die Stellung der Regierung, zu den Juden. — Gutgewillt, aber energielos; —Die jüdischen Kommunisten an der Arbeit. Senator Dr, Mayer Ebner, Präsident des Jüdischen Parlamentsklubs in Rumänien, gewährte dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur ein Interview, in welchem er sich über die folgenden Fragen aussprach: , . Welches ist das Resultat des ersten Regierungsjahres der Nationalzaranisten für die Juden? Nach einem Jahre verhältnismäßiger Ruhe, die durch gütliches Einwirken der Regierung auf die cuzistischen Studenten erzielt wurde, hat die antisemitische Agitation und haben die antisemitischen Exzesse wieder begonnen. Die Ursachen sind: 1. Die weiter bestehende antisemitische Mentalität einer gewissen intellektuellen Schicht. 2. Die fortgesetzte Hetze, die vom cuzistischen Zentrum in Jassy ausgeht. 3. Die allgemeine Not im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise; die Unzufriedenheit macht eine . Diversion gegen die Juden., 4. Die parteipolitische Opposition gegen die Regierung dürfte die cuzistische Agitation direkt oder indirekt heimlich fördern, um der Regierung Verlegenheiten zu bereiten und sie zu stürzen. Die gegenwärtige Regierung will wohl die antisemitischen Exzesse nicht, aber sie bringt nicht die Kraft auf, den gewalttätigen Antisemitismus mit Gewalt zu unterdrücken und wie alle früheren Regierungen bleiben studentische Exzedenten das wm der Gegenwart and Zukunft II! Schlaffautetiilt, mit einem Griff als Bett verwendbar Dl"..r Josef Röblitz * Sohn 2 ohne gerichtliche Strafe, was den Cuzismus ermutigt. Das verflossene Jahr brachte den Juden an positiven Erfolgen sehr wenig, aufler einer sehr geringen Subvention für den jüdischen Kultus, 10 Lei pro Kopf, was lächerlich gering ist, namentlich im Vergleiche zu den anderen Kulten; ferner eine Subvention für die jüdischen Privatschulen in der Höhe von etwa 4 Millionen Lei, d. s. ungefähr 17 Prozent ton den 25 Millionen Lei, welche den Privatschulen der Minderheiten bewilligt worden sind. Beide Subventionen werden im Laufe dieser Tage ausgezahlt. — Es wurden uns jüdische Staatsgymnasien und eine Staatsnormalschule versprochen. Das Versprechen wurde bis heute nichterfüllt. Dem Zionismus gegenüber verhält sich die rumänische Regierung sehr freundlich, wir bekommen im allgemeinen alle notwendigen Erleichterungen. Dem Präsidenten der Weltexekutive Nahum Sokolow wurde ein sehr freundlicher Empfang bereitet. Was ist gegenwärtig Aufgabe der jüdischen Politik? Sie muß gegen die antisemitische Propaganda mit allen gesetzlichen Mitteln kämpfen, die Regierung an ihre Pflicht zur Wahrung der Ordnung erinnern und im Parlamente durch die Vertreter des jüdischen Parlamentsklubs energisch die Unterdrückung der cuzistischen Hetze verlangen. Die jüdische Politik muß sich bemühen, die Auswirkungen des im verflossenen Jahre abgeänderten Kultusgesetzes zu verhindern und eine Propaganda für die Einheitlichkeit der jüdischen Gemeinden zu entfalten. Ueberdics hat die jüdische Politik auf die Einberufung eines jüdischen Gemeindekongresses und allenfalls auf eine einheitliche Verfassung eines Gemeinderahmensstatutes zu drängen. Die jüdische Politik mufl ihre Forderungen in bezüg auf die Schule, in bezug auf Sabbatruhe und insbesondere in bezug auf die faktische Durchsetzung der Gleichberechtigung aufrechterhalten und diese Forderung kräftig betonen. wm II. PRATEBSTER». —»- TEL. R-M-2-91 GASTSPIEL: WILLY HAGENBECK - HAMBURG Täglich 2 Vorstellungen: ^5Uhr u.8 Uhr abends Sonnu. Feiertag 3 Vorstellungen: 7,4, ya6, 8 Uhr Volkstümliche Preise. Kärtenvorverkauf ab 10 Uhr vormittags an der Zirkuskasse und in sämtlichen Theaterkartenbüros Tierbesichtigung tägi.v.io bis7Uhr abds. Ausgiebige Unterstützung erfährt der Antisemitismus durch die in letzter Zeit immer heftiger werdende kommunistische Agitation. Moskau scheint jetzt größten Wert darauf 2U legen, in Rumänien Unruhen zu stiften. Wöchentlich finden Ausschreitungen und Prozesse statt. Die Träger der kommunistischen Agitation sind fast ausnahmslos Juden. Hunderte jüdische Jugendliche befinden sich in Haft. In diesen Tagen findet in Czernowitz ein Monstreprozeß gegen Kommunisten statt. Die erste Verhandlung richtet sich gegen folgende Personen: Lazar Stein fei d, Haim Heinrich, Rubin Mühlstein, Frl. S. Weißeiberger, Bernhard Katz und Vasile Hotincean. Also unter sechs Angeklagten fünf Juden. Als Herd der Unruhen in Czernowitz wurde die von Juden geleitete Arbeiterküche „Morgenrot" festgestellt. Geistiger Leiter der Agitation ist der in Moskau weilende Dr. Wiznitzer, ein Czernowitzer Jude. Selbstverständlich nützen die antisemitischen Redner und Zeitungen diese Umstände aus, um gegen die Juden als Zerstörer der Gesellschaft und Rumäniens loszugehen. Die Juden stehen diesen Angriffen ziemlieh wehrlos gegenüber. Argumente helfen da wenig. Nür eine gründliche nationale Erziehung kann die jüdische Jugend vor den Lockungen Moskaus schützen und die Juden Rumäniens davor bewahren« die Sünden Moskaus abbüßen zu müssen. glllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllg § Verijaru^^^^ 5 Mittwoch, den 22. Jänner 1930 um halb 9 Uhr 5 abends im Cafe Produktenbörse, IL, Taborstr. 10 s j Versammlung | s Gegenstand: £ 1 Die Juden und die 1 | Naturwissenschaften | 2 Referent: £ | Redakteur Theodor Monteser I •7lllllllllllll!llllllllllllllll1llllllllllllllllllllfll!lllllllllllllllllli; Die Konferenz der Zionisten Polens. Sieg der Radikalen. — Abg. Grünbaum Präsident de* Organisation. Am 5. und 6. Jänner d. J. tagte in Warschai die Landeskonferenz der Zionisten Kongreßpolens, Wilnas und der Randgebiete. Bei der vorherigen Konferenz hatte die Gruppe, welche die Zionistische Exekutive in London unterstützt und die sich in Polen Ejt LiwnotbT (Zeit zu bauen) nennt, die Majorität. Die Opposition bildeten die vom Abg. I. Grünbaum geführten Radikalen Zionisten, deren Organisation dort AI Hamischmar (Auf der Wacht) heißt. Vor mehreren Monaten trat das Landeskomitee, welches ausschließlich aus Mitgliedern des Ejt Liwnoth bestand, zurück. Es wurde ein Landeskomitee gebildet, welches zu gleichen Teilen aus der bisherigen Majorität und aus der Opposition unter Vorin der Hand; seine Kapuze war herabgezogen, sein An« blick war entsetzlich. Die Aufregung, die den Rabbi er» griff, war so heftig, daß alle Lebenstätigkeit aufgehoben zu sein schien, es dauerte beinahe eine Stunde, ehe er imstande war, wieder ein Glied zu rühren. In der Angst, überrascht und dann sofort zur Folter geschleppt zu werden, kam ihm einen Augenblick lang der Gedanke, in seinen Kerker zurückzukehren. Aber immer noch lebte die Hoffnung in seiner Seele, jene wunderbare Macht, die den Unglücklichen selbst in den verzweifeltsten Lagen noch Kraft verleiht. Er versuchte abermals dem Aus« gang zuzukriechen. Ermattet von der Qual des Hungers und zitternd vor Todesangst kam er demselben immer näher. Es war, als ob dieser düstre Gang sich in ge* heimnisvoller Weise mehr und mehr in die Länge zöge. Langsam, langsam kroch er durch das Dunkel, in der Hoffnung, den rettenden Ausgang zu gewinnen. O Schrecken! Abermals ertönten Schritte und zwar dieses Mal ruhig und fest. Die Gestalten zweier Inqui« sitoren mit breiten, aufgeklappten Hüten erschienen in der fahlen Dämmerung vor ihm. Sie plauderten mit leiser Stimme miteinander und schienen in lebhaftem Widerspruch über einen wichtigen Gegenstand zu sein, denn sie gestikulierten heftig. Bei diesem Anblick schloß der Rabbi Aser Abar» banell die Augen, sein Herz klopfte zum Zerspringen. Die Lumpen, in die er gekleidet war, wurden feucht von kaltem Angstschweiß. Unbeweglich, lang ausgestreckt, drückte er sich so fest wie möglich an die Mauer. Gerade über ihm leuchtete eine kleine ewige Lampe, er wagte nicht, sich zu bewegen und flehte inbrünstig zu dem Gotte Davids. — Als sie gerade bei ihm angekommen waren, blieben die beiden Inquisitoren, die ganz und gar von ihrer Unterhaltung in Anspruch genommen schienen, stehen, und zwar gerade unter der Lampe. Der eine von ihnen, der den Worten des andern gespannt zu lauschen schien, warf einen Blick auf den Rabbi. Unter der Ein* Wirkung dieses Blickes war es dem Unglücklichen, als ob er schon von glühenden Zangen gefoltert würde. Die Qual sollte also von neuem beginnen! Halb ohnmächtig, kaum zu atmen wagend und mit gesenkten Augenlidern Itjr er heftig zitternd da, als das Gewand des Inquisitors ihn leicht streifte. Aber seltsamer« und doch vielleicht ganz natürlicherweise war der Inquisitor so vollständig von dem Inhalte seines Gesprächs in Anspruch genom« men, daß seine Augen auf dem Rabbi ruhten, ohne ihn doch zu sehen. Nach einigen Minuten setzten die beiden düsteren Gestalten ihren Weg fort und gingen eifrig und leise miteinander sprechend dem Kreuzgange zu, aus dem der .Gefangene gekommen war. Man hatte ihn nicht gesehen! In dem furchtbaren Aufruhr seiner Sinne durch* kreuzte der Gedanke sein Gehirn: „Sollte ich schon tot sein, da man mich nicht mehr sieht?" Eine entsetzliche optische Täuschung riß ihn aus seiner Lethargie. Als sein Blick auf die Mauer fiel, schien es ihm, als ob aus derselben, ganz nahe seinem Gesichte, zwei wilde Augen ihn beobachteten. Aufs äußerste bestürzt, in wahrer Todesangst, warf er den Kopf zurück, sein Haar sträubte sich! . . . Aber nein, nein, er überzeugte sich von der Täuschung, indem er längsam mit der Hand über die Steine fuhr, Es waren nur zwei weiße Flecken an der Mauer. Vorwärts! Er mußte sich eilen, das Ziel zu er» reichen, das ihm die Erlösung bringen sollte. Er war noch etwa dreißig Schritte von einem Punkte entfernt, wo der Gang sich in völlige Dunkelheit zu verlieren schien, Auf dem Bauche liegend und auf Händen und Füßen rutschend, nahm er seinen beschwerlichen Weg wieder auf. Er erreichte bald den dunkelsten Teil des schreck* liehen Ganges. Da fühlte er plötzlich einen kalten und scharfen Luftzug, der unter der kleinen Tür herkam, auf welche die beiden Mauern mündeten. O Gott! Wenn diese Pforte sich öffnen sollte. Das ganze Sein des be* klagenswerten Flüchtlings wurde von einem Schwindel der Hoffnung ergriffen. Er versuchte die Ursache des Dunkels zu ergründen. Er tastete umher, kein Schloß, kein Riegel! Eine einfache Klinke! Er richtete sich auf. Die Klinke gab dem Drucke seiner Hand nach; die kleine Pforte öffnete sich vor ihm. ,Halloluja!" murmelte der Rabbi mit einem tiefen Seufzer der Dankbarkeit, als er aufrecht in der Tür stehend hinausblickte. Die Pforte ging auf weite Gärten, über denen der Sternenhimmel sich ausspannte. Um ihn war Frühling, war Freiheit, war Leben! Die Gärten führten auf das nahe Feld und'zogen sich bis zum Gebirge hin, dessen wellenförmige Züge sich bläulich vom Horizont abhoben. v — Da, da war das Heil! O fliehen! Er würde die ganze : Nacht durch die Zitronenwälder laufen, deren Duft ihm . entgegenkam. Einmal in den Bergen, war er gerettet.. Er . atmete die köstliche, heilige Luft ein. Der Wind belebte ihn, seine Lungen dehnten sich! Und um Gott für die unendliche Bärmherzigkeit zu danken, breitete er in in« brünstigem Gebet seine Arme weit aus und erhob die. Augen zum Firmament. Er war in Verzückung. Da plötzlich war es ihm, als tauche ein Schattenbild vor ihm auf und dann, dann glaubte er zu fühlen, wie ein Schattenarm ihn , zärtlich umschloß, sich fest an ihn klammerte — er fühlte sich liebevoll an die Brust eines anderen gedrückt- --und wirklich, eine hohe Gestalt stand vor ihml Ver« trauensvoll richtete er das Auge auf diese Gestalt, dann zuckte er zusammen, ihm war, als habe er den Verstand verloren, eiskalter Schauder überrieselte ihn, der Schaum trat vor seine Lippen. ■— Entsetzen! Er lag in den Armen des Großinquisitors, des ehrwürdigen Pedro Arbuez d'Espila, der ihn liebevoll anblickte; große Tränen füllten sein Auge, er betrachtete den Rabbi mit der Miene des guten Hirten, der sein verlorenes Schäfchen wiedergefun« den hat. Der finstere Priester drückte den unglückseligen Juden mit einer solchen Inbrunst an sein Herz, daß die härenen Spitzen des Büßergewandes, das er unter der Kutte trug, seine eigene Haut ritzten. Und während der Rabbi Aser Abarbanell zückend und mit verdrehten Augen schreckenschauernd in den Armen des aszetischen Arbuez lag, wurde ihm klar, daß alles, was er an diesem verhängnisvollen Abend erlebt, eine ihm Vorher be« stimmte Folter war, die Folter der Hoffnung. Der Großinquisitor jedoch flüsterte ihm mit sanfter Miene und vorwurfsvollem, mildem Tone die Wort« ins Ohr: „Was denn, mein Kind, am Vorabende des Heils wolltest du uns verlassen?" — — j