Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 122 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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" Kr. 123 DIE NEUE WELT Seite 3 ANKÜNDIGUNG DER VERTRIEB DER PALÄSTINA AZZOTH HERGESTELLT AUS DEM GE¬ TREIDE DER FELDER JÜDISCHER KOLONIEN EREZ ISRAELS IN DEN GROSSEN, MODERNST EINGERICHTETEN MÜHLEN DES LANDES LIEGT JETZT AUSSCHLIESSLICH IN DEN HÄNDEN DER FIRMA GUSTAV WILDER WIEN, IV., BLECHTURMGASSE 12 TEL.: U-43-8-19 GROSSMÜHLEN u. MAZZOTHFABRIKEN HAIFA Baron Edmond de Roischild. Clemenceau: „Was gibt's Neues, Herr Sekretär?" Der Sekretär: „Haben Herr Präsident nicht gelesen, daß ein großer Bankier Selbstmord begangen hat? Löwenstein." Clemenceau: „Löwenstein? No ja. Er war Jude." Silberhell bleibt blankes Aluminium- Geschirr beim Reinigen mit StHICHTS ALU HIN-SO DA Verwenden Sie auch zum Kochen und Einweichen der Wäsche nur SCHICHTS ALUHIN-SODA diese entfernt mühelos den größten Schmutz Der Sekretär: „Er war Bankier." Clemenceau: „Eine etwas zu lärmhafte Todesart, aus dem Flugzeug ins Meer zu springen . . . Apropos — Juden, fällt mir ein: Gestern war der alte Edmond de Rothschild bei mir. Der arme Alte hält sich noch ganz gut auf den Beinen. Nun, lieber Freund, diesen Edmond de Rothschild halte ich für den besten Juden unter allen Juden der Welt. Er saß hier neben mir und sprach äußerst vernünftig über die verschiedensten Dinge. Was von einem Bankier überrascht. Er sprach auch Dinge und brachte Anschauungen zum Ausdruck, die den Edelsinn des Herzens verraten. Dieser alte Edmond de Rothschild gehört nämlich zu jenen Menschen, die wirklich interessante Ansichten haben. Auch das war schließlich nicht der schlechteste Gedanke, dreißig Millionen Francs zur Errichtung von wissenschaftlichen Laboratorien an der Pariser Universität zu spenden. Wahrlich nicht der schlechteste Gedanke. Und er ist Jude! Und noch dazu was für selbstbewußter Jude! Und er ist stolz darauf, daß er Jude ist. Eines Tages, ich war gerade sehr schlecht gelaunt, begann ich vor ihm auf die Juden zu schimpfen. Da erhob sich der alte Herr, schlug mit der Faust auf meinen Tisch, auf meinen Ministerpräsident e n t i s c h, Herr Sekretär, und brüllte mir förmlich ins Gesicht: „Schweigen Sie, IIe.r r Clemenceau, das Judentum und Israel sind das größte Volk auf dem Erdenrund!" Und er begann mir einen Vortrag zu halten über die M a k k a b ä c r. Wissen Sic, Herr Sekretär, ich liebe die Makkabäer nicht. Aber das gefällt mir unendlich gut, wenn jemand sich nicht dessen schämt, was er ist, und vor allem sich nicht dessen schämt, daß er Jude ist. Denn ein Mensch kann nur so etwas sein, daß er es vollständig ist. Die übrigen Juden sind leider nicht alle so geartet wie der alte Rothschild." Citroen. Der Sekretär: „Herr Präsident, was für großartiges neues Auto haben Sie? Was haben Sie mit Ihrem alten Citroen wagen gemacht?" Clemenceau: „Ich sage es Ihnen sofort. Ich fuhr zum Autokönig Citroen. Ich übergab ihm meinen alten Wagen und sagte, daß ich ihn gegen einen neuen umtauschen möchte. Citroen sah midi an und antwortete: „Geht in Ordnung, Herr Präsident, aber von einem Mann, wie Sie, der Frankreich gerettet hat, kann ich .auch nicht einen Sou annehmen." Ich schaue ihn verständnislos au, denn es gibt nur wenige Franzosen, die mit mir in einem solchen Ton zu sprechen pflegen. Dann sagte ich ihm: „Hören Sie, Citroen, der Einfall ist nicht schlecht. Ich nehme das Geschenk an, hingegen nehmen Sie diese zehntausend Francs und widmen Sie sie in meinem Namen Ihren Arbeitern.'* Der Sekretär: „Und hierauf erhielten Sie diesen herrlichen neuen Wagen. Ich höre übrigens, daß Citroen Ihren alten Wagen nicht verkaufen will." Clemenceau: „Auch ich habe davon gehört; Angeblich will er den Wagen einem Museum schenken. Ein seltsamer Mensch dieser Citroen. Jude. Aber er ist ein sehr guter Jude. Denn Sie müssen wissen, lieber Freund, es gibt auch sehr gute Juden." Der Sekretär: „Natürlich, nicht alle haben art der Kreuzigung teilgenommen." »WAßSßUCG« anrufender bequemste quemsre , Waschtag! TEL* *2<H5-20 fP SBa* Q Die Marter der Hoffnung. Von Villiers de TIsl. Adam. Es war in Saragossa. Der Abend dämmerte, als der ehrwürdige Pedro Arbuez d'Espila, sechster Priester der Dominikaner von Segovia und dritter Groß*Inquisi» tor Spaniens, in den Keller des Inquisitionsgebäudes hinabstieg. Zwei Beisitzer des Gerichtes gingen ihm mit Laternen voran, der Foltermeister folgte ihm. Sie nahmen ihren Weg zu einem versteckten Kerker. Ein Schlüssel knirschte in dem Eisenschloß einer schweren Türe, sie kamen in einen mit Stickluft erfüllten dumpfen Raum. Ein dämmeriger Tagesschein fiel hinein und beleuchtete matt die in die Mauern eingelassenen schweren eisernen Ringe, eine von eingetrocknetem Blute schwarz gewor* dene Folterbank, ein Kohlenbecken und einen Wasser« krug. Gefesselt, einen eisernen Ring um den Hals, in elende Lumpen gehüllt, lag da ein ganz verstörter Mann, dessen Alter schwer zu bestimmen war, auf einem halb» verfaulten Strohlager. Dieser Gefangene war niemand anders als der Rabbi Aser Abarbanell, ein aragonischcr Jude, der, des Wuchers und großer Härte gegen die Armen angeklagt, seit mehr als einem Jahre täglich gefoltert wurde. Da aber seine geistige Blindheit ebenso hart wie seine Haut war, weigerte er sich dennoch auf das entschiedenste, sich zum Christentum zu bekehren. Er rühmte sich, die Reihe seiner Ahnen über tau» send Jahre zurückzählen zu können; sind doch alle vor« nehmen Juden außerordentlich stolz auf ihre Abkunft 1 Er stammte dem Talmud nach von Othoniel ab, dem letzten Richter in Israel, und von seiner Gattin Ipsiboe. Das hielt seinen Mut trotz der unaufhörlichen Folter stets aufrecht. Dem ehrwürdigen Pedro Arbuez d'Espila füllten sich die Augen mit Tränen, wenn er daran dachte, wie diese starke Seele sich so hartnäckig ihrem Heile ver* schlösse. Er näherte sich dem zitternden Rabbi und sagte freundlich zu ihm: — „Mein Sohn, freue dich, das Ende deiner irdischen Prüfungen ist gekommen. Wenn ich angesichts deiner Hartnäckigkeit mit schwerem Her» 2«n dich streng zu behandeln gezwungen war, so hat doch meine Aufgabe, dich zu bessern, ihre Grenzen. Du bist wie der dürre Feigenbaum, der, nachdem er un* fruchtbar befunden worden ist, abgehauen und verbrannt werden soll. Aber es kommt Gott allein zu, über deine Seele zu richten. Vielleicht wird die unendliche Gnade des höchsten Gottes dir noch im letzten Augenblicke leuchten. Hoffen wir es: es gibt solche Beispiele! Ruhe daher heute abend in Frieden. Morgen früh wird man dich zu dem Autodafe abholen, das heißt du wirst dem „Quemadro" ausgesetzt werden, der glühenden Kohlen* pfanne, die dir einen Vorgeschmack des ewigen Feuers geben soll. Du weißt, mein Sohn, sie brennt nur ganz langsam und aus der Ferne. Dank den nassen, eiskalten Tüchern, mit denen wir sorgsam die Stirn und das Herz des Brandopfers bedecken und kühlen, tritt der Tod erst nach zwei bis drei Stunden, oft sogar noch viel später ein. Dreiundvierzig Sünder sollen geopfert werden. Erwäge wohl, daß dir als allerletztem die nötige Zeit vergönnt wird, Gottes Barmherzigkeit anzuflehen, daß er die Feuertaufe annehmen möge, die der Heilige Geist selbst über dich verhängt. Hoffe auf Erleuchtung, und nun, ruhe in Frieden!" — Nach diesen Worten ließ er dem Unglückseligen die Ketten abnehmen und umarmte ihn auf das zart» lichste. Dann umarmte ihn der Folterraeister, wobei er ihn leise bat, ihm zu vergeben, daß er ihm so viele Schmerzen zugefügt habe; darauf begrüßten auch die beiden Be* gleiter den Gefangenen mit einem Kusse, beide ohne ein Wort zu sprechen. Endlich ließ man ihn einsam und verlassen in der Finsternis zurück*. * Stumpfsinnig vor Leid, mit ausgedörrten Lippen betrachtete Rabbi Aser Abarbanell ohne besondere Auf» merksamkeit die verschlossene Tür. „Verschlossen?" . . . Das Wort erweckte in ihm eine verwirrte Träumerei. Es war ihm nämlich plötz|jch, als habe er den Schein der Laterne durch die Oeffnüng zwischen Mauer und Tür schimmern sehen. Ein matter krankhafter Hoffnungsgedanke tauchte in seinem ent» kräfteten Gehirn auf und erschütterte ihn. Er schleppte sich näher, um den Zustand der Tür zu prüfen. Er ver» suchte ganz leise und vorsichtig seinen Finger zwischen eine kleine Ritze zu schieben, und sieh! es gelang ihm, die Tür vorsichtig nach innen zu ziehen. O Wundert durch einen Zufall hatte der Begleiter des Inquisitors, der ihn eingeschlossen, den großen Schlüssel ein wenig zu früh umgedreht, das verrostete Schloß hatte nicht richtig gefaßt, er war zurückgesprungen, und die Tür war tatsächlich unverschlossen geblieben. Der Rabbi wagte es, hinauszublicken. Es war hell genug, einen Halb» kreis dunkler Mauern zu unterscheiden, in dem spiral» förmige Stufen angebracht waren. Ihm gerade gegenüber führten fünf oder sechs steinerne Stufen in eine Art dunkle Halle, die in einen weiten Gang mündete, von dem man, von seinem Standpunkte aus, nur die ersten Bogen sehen konnte. Auf allen Vieren kroch er langsam bis auf die Schwelle. Es war ein Gang von endloser Länge. Ein blasses Licht, ein traumhaftes Halbdunkel herrschte darin; kleine Lampen, die von den Gewölben herabhingen, ers hellten mit mattem, bläulichem Glänze die Luft. Der Gang verlor sich in tiefen Schatten, nirgends war eine Tür sichtbar. Nur an der linken Seite waren hie und da sogenannte Ochsenaugen, die stark vergittert waren, in der Wand angebracht, durch die die Dämmerung herein» brach. Es mußte wohl die Abenddämmerung sein, da zu« weilen ein rötlicher Schimmer auf den Steinplatten spielte. Diese schreckliche Stille! Aber vielleicht war der Weg, der durch diese Finsternis führte, der Weg zur Freiheit! Fest klammerte sich der Jude an diese schwache Hoffnung, war sie doch seine letzte! Ohne zu zögern, wagte er sich weiter und tastete sich an der langen Mauer hin. Er kroch langsam und unterdrückte einen schmerzhaften Schrei, als eine Wunde aufbrach und ihn mit furchtbaren Schmerzen erfüllte. Plötzlich drang der Widerhall leise sich nahender Schritte an sein Ohr. Ein Angstschauder schüttelte ihn, die Aufregung erstickto ihn beinahe. Sein Auge verfinsterte sich. Nun also war alles ans! Er kauerte sich angstvoll in einer Höhlung der Mauer zusammen und wartete halb tot vor Auf« regung. Es war einer der Inquisitionsrichter, der vor« übereilte, er ging rasch vorbei, mit einem Folterwerkzeug