Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 121 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seflfe 5 DIE NEUE WEET nt. m igen, die auf dem Jenaer Delegiertentag erörtert werden sollten, darlegten. Diese Ihre Auffassung mir mitzuteilen, War Ihr gutes Recht und Ihrt Pflicht als derzeitiger Leiter unseres Zentralbüros. Herr Dr. Taubes, der in dem« selben Eisenbahnabteil saß, in dem ich un< sereri Freunden von Ihrem Brief berichtete, hat das Gc* sprach wohl mitangehört und hat sich bemüßigt gefühlt, darüber in Her „S t i in m e" in einem durchaus entstcl« lenden Sinne zu berichten, was journalistisch im höchsten Grade als unfair zu bezeichnen ist. Zur Sache selbst sei folgendes bemerkt. Ich habe in meiner Rede in Jena nicht den Judenstaatsgedanken attackiert, sondern dargelegt, daß dieser Begriff in erster Reihe einen propa* gandistischen Gefühlswert hat . und daß diejenigen, die mit ihm operieren. keinesfalls damit die Politik einer Unterdrückung oder Entnationalisierung der Araber in Palästina vertreten Wollen. Ferner führte ich aus, daß meiner Ansicht nach die ganze Debatte über die Formulierungen der letzten politischen Endziele des 2io* nismus im gegenwärtigen Moment eine überflüssige sei, da Gemeinwesen und Staaten organisch wachsen und es unmöglich ist, durch vorzeitige Formulierungen die wirk» liehe Entwicklung vorwegzunehmen. Diese Argumenta* tion richtete sich jedoch in erster Reihe gegen die „Jü# dischc Rundschau" und , dje Wortführer des „Brith Schalo m". die glauben, durch die Formel vom binationalen Staat oder ähnliche Formeln die Schwierigkeiten der arabischen Frage überwinden zu kön* nene. Daß Herr Dr. T u u b e s -dieses Argumentation so darstellt, als ob ich in erster Reihe gegen den Judenstaats« gedanken polemisiert hätte, ist — gelinde gesagt — zu* mindest eine Entstellung. Der Tenor meiner ganzen Rede in Jena war gegen den „Brith Schalom" und die „Jüdische Rundschau" gerichtet, nicht gegen die Judenstaatlcr, wie es auf Grund meiner Einstellung selbstverständlich ist. Ich bitte Sie, diese Zeilen in der „Neuen Welt" zu publU zieren, damit nicht durch den irreführenden Bericht der „Stimme" Legenden entstehen. Mit besten Grüßen Ihr Dr. N. G o 1 d m a n n." * Aus Berlin wird uns übrigens berichtet, daß Herr Dr. Israel Taubes behauptet, über den Brief nichts geschrieben zu haben, sondern daß der Redakteur der „Stimme", Herr Dr. N. Gelber, diesen Passus eigenmächtig in den Bericht des Herrn Dr. Tau* b.es ohne dessen Wissen eingeschoben habe. Es liegt nicht an uns, den Widerspruch zu klären. Jeden» falls eine ganz sonderbare Art, Berichte zu erstatten 1 Trauriges Erinnern, Synagogeneinweihung, in Izsak. Vor kurzem fand in Izsak die Einweihung der neuen Synagoge statt. Izsak liegt etwa dreißig Kilometer von Kecskcmet in der ungarischen Tiefebene und wohl niemals wäre dieser nach einem der Patriarchen genahnte Ort über seine Gemarkung hinaus bekannt geworden, wenn ihn nicht antisemitische Bestialität vor zehn Jahren in die Geschichte des jüdischen Martyriums eingezeichnet hätte. Vor zehn Jahren, am 18. November 1919, als der weiße Terror in Ungarn so viel jüdisches Leben vernichtete, erschienen um Mitternacht auch ,in Izsak die Banditen vor dem Hause des Jiul^ni 2o^an Paneel und forderten die Herausgäbe des Vj^amilieriobcrha^iptes. Gegehüber der in Soldatenuniform gekldideten Horde war jeder .Widerstand aussichtslos. Paneel wurde gefesselt auf den Wagen geladen, dasselbe geschah mit den Juden Arpad Schmiedel und Alexander Beck. Vergebens knieten die Angehörigen dieser drei Juden vor den bis an die Zähne bewaffneten Räubern und flehten sie um Gnade an, die Opfer wurden in den nahegelegenen sogenannten „Diebswald" verschleppt und aus diesem Diebswald gab es keine Rückkehr. Während die drei Juden im Walde unter den grüßlichsten Qualen hingerichtet wurden, plünderte der übrige Teil der Banditen die Judenhäuser aus, schändete den Tempel, den sie ganz demolierten, und bis zum heutigen Tag blieben diese Gewalttaten ungesühnt. Zur Zeit dieses Unglücks zählte die jüdische Gemeinde von Izsak, die auf eine Existenz von 150 Jahren zurückblicken konnte, über 200 Mitglieder, von denen 22 im Weltkrieg kämpften und 2 gefallen sind. Nach diesem Pogrom im Jahre 1919 verließen sämtliche Juden von Izsak ihre alte Heimstätte. Erst vor nidit allzu langer Zeit begannen einzelne wieder zurückzukehren und eine neue Existenz zu gründen. Das erste, woran sie dachten, war der Bau einer neuen Synagoge, die, ein schmuckes Gebäude, vor kurzem eingeweiht wurde. Interessant ist, daß in dem neuen jüdischen Gemeindehaus, das auch drei Geschäftslokale hat, zwei christliche Kaufleute Geschäfte eröffneten. Unmittelbar an das jüdische Gemeindehaus grenzt das Gebäude des katholischen Gesellenvereines und vor der jüdischen Synagoge erhebt sich das Kriegerdenkmal für die Kriegsopfer von Izsak, auf welchem auch die zwei jüdischen Gefallenen verzeichnet sintl. Gegenwärtig herrscht zwischen den beiden Konfessionen friedliches Einvernehmen. Die Christen behaupten, daß die Banditen vom Jahre 1919 ortsfremdes, von den Weißterroristen angeworbenes Räubergesindel: gewesen sei, iObgleich auch die Juden mit Bestimmtheit wissen, wer die Banditen waren, trauen sie sich nicht, es auszusprechen. Man spricht nicht davon, aber man denkt unaus. {gesetzt daran. ' SIEGM. KORNMEHL aftOSSFLtlSCHHAUBRBl Zentral« IX., Bcrgga»»« 19, Telephon 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten J^^j2SSSJSL^SsSlä5äL unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kol* tusgemeinde Wien Autosusteffting keeienfos IX* Berggatt« IS ✓ XVIII., WMhrlngcritr. BT Die jüdische Wanderung. In diesen Tagen fand in Paris unter dem Vor sitz des Herrn Dr. Oskar Cohn (Berlin) eine Sitzung der Exekutive der vereinigten Gesellschaften zur Re gclung der jüdischen Wanderung Hias-Ica Emigdircct statt. Direktor Üungre erstattete den Tätig keitsbericht über die ersten zehn Monate des Jahres 1929. Er schilderte die Lage der jüdischen Wnndcrtings bewegung im allgemeinen und legte an Hand der bis jetzt vorliegenden Statistiken dar, daß in diesem Jahre die Zahl der jüdischen Wanderer wahrscheinlich die gleiche sein wird wie im vergangenen Jahre und jedenfalls nicht weniger als 35.000 Personen betreffen wird. Infolge der unklaren Einwanderungspolitik der neuen argentinischen Regierung hat sich die Zahl der Einwanderer in Argentinien zuletzt verringert, dagegen hat sich die Einwanderung in Brasilien fast doppelt; etwa 5000 bis 6000 Juden werden im Verlauf des Jahres dort eingewandert sein. Auch in Uruguay und in Südafrika hat sich die jüdische Einwanderung erhöht. Dio Zahl der jüdischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in anderen Ländern bleibt ungefähr die 'gleiche wie im vergangenen Jahr. Besonders fruchtbar arbeiteten die Komitees in Brasilien, wo im Zusammenhang mit der verstärkten Einwanderung das Ausgabenbudget den Voranschlag um das Dreifache überschritten hat; in den ersten neun Monaten dieses Jahres wanderten 3 2 40 Juden ein, von denen 2357 in den Wander erhotcls der Hjcem-Komitees in Rio de Janeiro, San P a u 1 o und Porto Älegro Unterkunft gefunden haben. 1336 Einwanderern wurde Arbeit nachgewiesen, wobei zu beobachten war, daß Handwerker und qualifizierte Arbeiter schon in den ersten acht bis zehn Tagen auf Arbeitsstellen "untergebracht werden konnten; während bei ,de,r, Unterbringung der Personen ohne bestimmte Berufe Schwierigkeiten bestanden. — Ueber die Lage in Kaiitfda berichtete Direktor Benjamin, der ausführte, daß jährlich im Durchschnitt 4000 Juden in Kanada •er^tfntldrn können; auf eine Erhöhung d i ose r Zn Hl sei nicht zu hbffen. — Die Exekutive uahin die Beriqhte der drei Direktoren zur Kenntnis und bestätigte den Budgetvoranschlag für 1930, der Ausgaben in Höhe von rund 200.000 Dollar vorsieht. Es wurde beschlossen, Herrn Aron Benjamin nach Südafrika zur Führung von Verhandlungen mit den dortigen jüdischen Führern wegen Organisierung einer angemessenen jüdischen Einwanderung in dieses Land zu entsenden. Professor Michelson lebt. Berlin, 5. Jänner. (J. T. A.) Offizielle Nachrichten- Agenturen in Europa verbreiteten aus New York die Meldung, daß der berühmte amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Albert Abraham Michelson verstorben ist. Die Berliner JTA glaubte umsomehr, diese Nachricht mit übernehmen zu können, als sie vor einiger Zeit von ihrem New Yorker Schwesterbüro die Mitteilung erhielt, daß der jetzt 77jährige Gelehrte an einer Lungenentzündung sdiwer erkrankt und daß mit seinem Ableben jeden Augenblidc zu rechnen sei. Auf unsere heutige Rückfrage an die New Yorker JTA wird uns von dort telegraphiert, daß die Nachricht vom Ableben des großen Gelehrten falsch ist; Professor Michelson lebt. 13.502 Juden kamen im letzten Einwanderungsjahr nach Amerika. Washington, 1. Jänner. Dem soeben herausgegebenen Jahresbericht des E i n w a n d e r u.n g s k o mmissariats ist zu entnehmen, daß im letzten Einwanderungsjahr — 1. Juli 1928 bis 30. Juni 1929 — 1 3,5 0 2 j ü d i seh e E i n w*n d e r e r — unter der allgemeinen Zahl von 479..527^ Einwanderern — nach den Vereinigten Staaten gekommen sind. Von den jüdischen Einwanderern kamen 7073 "außer der Quote und 6429 auf Grund der Quote ins Land. Außer der Quote wanderten ein 206 Männer amerikanischer Bürgerinnen, 1568 Frauen amerikanischer Bürger, 2877 Kinder amerikanischer Bürger, 996 Rückkehrer, 850 Einwanderer aus Ländern, die außer der Quote stehen, 130 religiöse Funktionäre, 302 Frauen und Kinder von Rabbinern, 141 Professoren und Studenten. Viele englische Juden ausgezeichnet. London, 2. Jänner. (J. T. A.) In der E h renIis te, die in England von Jahr zu Jahr am Neujahrstage erscheint und Titelverleihungen und Auszeichnungen enthält, stehen diesmal die Namen von vier Juden: Louis Bernhard Baron, der Sohn des vor kurzem verstorbenen bekannten jüdischen Philantropen Bernhard Baron, wurde in den Baronettstand erhoben; die Privatsekretärin MacDonalds Miss Rosa Rosenberg erhielt den Orden des British Empire; der Präsident der ICA, Leonard Lionel Cohen, wurde Ritter des Königin Victoria-Ordens, und Honourablc Michael Myers, Oberrichter von Neuseeland, Ritter dos Ordens von St. Michael und St. George. Kurz vor dem Tode von Bernhard Baron hieß es, er würde in den Peer-Stand erhoben werden, und man meint, daß die Erhebung seines Sohnes in den Baronettstand eine posthumc Ehrung für seinen Vater ist; Louis Bernhard Baron selbst setzt die soziale und pliilantropische Wirksamkeit seines Vaters in reichem Ausmaße fort. Leonard L. Cohen hat sich als Ehrensekretär des King Edward's Hospital Fund Verdienste erworben, die erst vor 14 Tagen öffentlich vom Prince of Wales gerühmt worden sind. Miss Rosa Rosenberg ist die Tochter eines jüdischen Immigranten in Whitc-chapel, wo sie auch ihre Erziehung genossen hat. Sie ist seit vielen Jahren MacDonalds Privatsekretärin und hat ihn auf seiner letzten Amerikareise zur Vei'handlung über das Flottenabkommen begleitet. Honourable Michael Myers ist Oberrichter von Neuseeland, wo er aucii geboren ist. Er ist Präsident des Jüdisch-Sozialen Klubs in Wellington (Neuseeland). Auszeichnung jugoslawischer Juden. Belgrad, 1. Jänner. Im Zusammenhang mit der Verlautbarung des Gesetzes über dicRcligionsgemeinschaft der Juden verlieh König Alexander von Jugoslawien dem Großrabbiner Dr. J. A 1 k a 1 a y den Karageorg-Ordcn und den Mitgliedern des Präsidiums des jüdischen Gemeindebundes sowie Vertretern der Orthodoxie und anderen prominenten jüdischen Persönlichkeiten den Weißen-Adler-, respektive Skt.-Sava-Orden. — Unter den Ausgezeichneten befindet sich auch Herr Direktor Herrmann Deutsch aus S u b o t i c a, Präses des orthodoxen Gemeindcbtmdcs, welcher den Skt.-Sava-Orden erhielt. Papst Pius XI. sendet einem Juden seinen Segen. Budapest, 5. Jänner. (J. T. A.) Das Mitglied des Vorstandes der Pester Israelitischen Religioiisgcmeinde Eugen Vi da, Mitglied des ungarischen Oberhauses, hat es als Generaldirektor der Ungarischen Allgemeinen Kohlenbergbau A. G. durchgesetzt, daß seine Gesellschaft zur Erinnerung an den Besuch des Kardinal Fürstiprimas S e r e d i in Tatabanya eine Kirche für die Arbeiterschaft erbaue. Diese neue Kirche wurde vor vier Wochen vom Kardinal Fürstprimas Seredi eingeweiht. Anläßlich seiner jüngsten Romfahrt hat FHrstprimas Sercdi dem Papst von dieser Initiative Eugen Vidas berichtet und 'hinzugefügt, daß Vida ein glaubcnstreuer Jude Ist. Daraufhin hat Kardinal Staatssekretär Gasparri an Oberhausmitglicd Eugen Vida: ein Schreiben gerichtet, in welchem es heißt: „Der Heilige Vater hat von Sr. Eminenz Kardinal Seredi Kenntnis davon erhalten, daß Sie eine Kirche in Tatabanya errichtet haben, um für die religiösen Bedürfnisse der in den dortigen Bergwerken beschäftigten zahlreichen Arbeiterschaft Sorge zu tragen. Seine Heiligkeit, lebhaft erfreut über diese Tat, die so vielen seiner Kinder religiöse und moralische Wohltaten bringen wird, betet zum Herrn, Sie und Ihre ganze Familie mit seinen erlesensten Segnungen zu belohnen." Wirtschaftliche Verfolgung in Sowjetrußland. Verzweiflungsakte. Moskau, 1. Jänner. (J. T. A.) Hunderte jüdische Handwerker in Moskau, die bisher der Moskauer Kreditgenossenschaft „Selbsttätigkeit" angehörten und von dieser mit Arbeit und Rohmaterialien versorgt wurden, sind soeben, weil sie einstmals Händler waren, aus dieser Genossenschaft ausgeschlossen, wodurch ihre wirtschaftliche Existenz vollkommen vernichtet wurde. Die Verzweiflung unter den Familien der Ausgeschlossenen ist umso größer, als sie nunmehr auch die Anweisungen auf Lebensiq,ittelrat,ionen verlieren. <? In Weißrußland wurden zahlreiche jüdische Bauern, die schon seit zehn Jahren ihren Boden bearbeiten, aus den Kollektivkolonien ausgeschlossen, weil sie gegen die Vereinigung ihrer Wirtschaften mit nichtjüdischenKollektivs waren. Die jüdische landwirtschaftliche Genossenschaft „Pachor" im Kreise Mohilew wurde „internationalisiert", indem man sie mit nicht jüdischen Kollektivkolonien vereinigte. Jüdische Genossenschaftsmitglieder, die sich gegen den Zusammenschluß aussprachen, wurden als „Kulaken" (nicht klassenbewußte Bauern) ausgeschlossen. Die Genossensehaft „Pachor" wurde 1919 gegründet. 11.000 jüdische Handwerker in Leningrad wandten sich mit einem Memorandum an die Regierung der Sowjetunion, in der sie sich gegen die „Reinigung** der Genossenschaften der jüdischen Heimarbeiter von „ehemaligen Händlern" wenden. Auf der ersten jüdischen Heimarbeiterkonferenz in Leningrad, die soeben nach dreitägigen Verhandlungen geschlossen wurde, waren diese 11.000 Heimarbeiter durch 380 Delegierte vertreten. Einige der Delegierten erklärten: „Sollte man uns aus den Genossenschaften ausschließen, so werden wir an die Regierung die Bitte richten, uns in die Düna oder in die Newa, zu werfen." Einen tödlichen Schlag für tausende jüdische Deklassierte bedeutet die soeben .von der. Sowjetregierung l