Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 121 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. m DIE NEUE WELT Seil« 3 Der deutsche Zionistentag in Jena. Für und gegen den Judenstaat. — Weizmann's Eingreifen. — Revisionisten. Radikale und Unabhängige treten nicht in die Leitung ein. — Eine unglückliche Instruktion Weidmanns. Der deutsche Zionistentag in Jena, welchem eine monatelang, aufgeregte Diskussion vorausging, drehte sich um einen Punkt: „Was ist das Endziel des Zio* nismus?" Die von Blumenfeld geführte Partei* leitung und das von Weltsch redigierte Parteiorgan „Jüdische Rundschau" arbeiteten immer stärker im Sinne des „Brith Schalom", das heißt im Sinne der völligen Absage an den Judenstaat, des Vers zichtes auf Bildung einer jüdischen Majorität in Palä» stina, der Einrichtung eines palästinensischen Parlamentes mit arabischer Majorität, der Preisgabe des Prinzipes der jüdischen Arbeit. Sie arbeiteten, ohne es auszu« sprechen und ohne es vielleicht sich selbst einzu* gestehen, für einen „Zionismus", dessen Endziel lediglich die Errichtung eines „k ulturellen Zern trums" in Palästina ist. Ihre Haltung während der blu* tigen Unruhen war dementsprechend. Sie waren bemüht, die Araber zu entlasten und den radikalen zionistischen Elementen, vor allem den Revisionisten, einen Teil der Schuld zuzuschreiben. Die Reaktion gegen diese Haltung führte schließlich zur Einberufung des Delegiertentages. Er hat wohl die Stellung der bisherigen Leitung er« schüttert. Während sonst in Deutschland die Leitung der Wahl und die Annahme des Programms der Leitung fast einstimmig erfolgte, ergaben sich diesmal ganz andere Abstimmungsverhältnisse. Die Annahme des von Blumen» feld vertretenen Programmes erfolgte mit 82 gegen 53 Stimmen bei 8 Enthaltungen. Das Mik »uensvotum gegen die „Jüdische Rundschau" wurde mit 94 gegen 47 Stimmen und 4 Enthaltungen abgelehnt. Wenn man in Betracht zieht, daß die Opposition in Deutschland bisher immer sehr schwach war, daß ihr keine Organe zur Verfügung stehen, daß die Leitung über einen sehr starken Apparat, man kann sagen den stärksten, verfügt, so kann von einem' Siege nicht gespro»J»en werden. Die Tendenz gegen das Prinzip der heutigen Leitung ist gestärkt und alles spricht dafür, daß sie schließlich durchdringen wird. * Der Zionistentag in Jena erhielt sein besonderes Gepräge durch das Eingreifen Weizmann s. Daß Weiz* mann nach Jena kam, ist begreiflich. Bildet doch die deut« sehe Organisation die treueste, festeste Stütze seiner Po* Iitik! Blumenfeld und Weltsch waren bisher seine unbe* dingten Anhänger. Es ist daher selbstverständlich, daß er keine Mühe scheute, die deutsche Organisation vor Er* schütterungen zu bewahren. Er trat einerseits ziemlich deutlich gegen die Tendenzen des Brith Schalom auf und rückte von der Tendenz, in Palästina nur ein „kultu* relles Zentrum" zu schaffen, entschieden ab. Er trat gegen die unwürdigen, unzeitgemäßen und schädlichen Verhand« lungen mit den Arabern auf. Er sagte: „Es sind „Retter" des jüdischen Volkes in allen Winkeln der Erde aufgestanden, vor allem in Jerusalem. Man wollte das jüdische Volk retten — auf Kosten des jüdischen Volkes. Wir wurden durch sie m eine Zwangslage versetzt, wir konnten sie nicht des» avouieren und wir konnten sie nicht a k z e p t i es ren. Wir wollten nicht den Schein aufkommen lassen, als ob wir gegen Verhandlungen mit unseren Gegnern wären. Wir sind dafür, aber zur rechten'Zeit und im richtigen Geist. Die Grundlage unserer Existenz ist das Recht, in Erez Israel unser nationales Heim aufzubauen. Ein Recht, das uns verbrieft ist seit Jahrtausenden und nicht eist durch die BalfoursDeklaration. Es ist das Recht, das entstanden ist durch die Verheißung von Gott an Abraham und das wir mit uns getragen haben durch die ganze Welt, durch eine sehr bunte Karriere. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, nach 2000 Jahren, als die Chance entstand, jüdische Männer und Frauen in allen Ecken der Welt zum Aufbruch zu rufen, die dann auf allen Wegen der Welt zu den Häfen gezogen sind, um nach Palästina zu kommen und das zu schaffen, was ge* schaffen, worden ist. Diese Menschen schrieben jüdi* sehe Geschichte auf den Boden Palästinas mit Spaten, Pflügen und Hämmern. Es gibt kein Beispiel in der gan« zen Welt für diese Art der Kolonisation und wir können heute jedes Volk fragen: Wenn du Kontinente erobert hast, wie hast du sie erobert? Wir, die wir von der gan« zen Welt angegriffen sind, wissen, daß wir unseren ersten Schritt nicht mit einer Ungerechtigkeit gegenüber anderen verbinden dürfen. Das soll jeder Jude wissen und jeder Nichtjude, und das ist unser größter Ehrentitel. Und von diesem Platz — ich weiß, daß meine Worte zu ihnen kommen werden — sage ich den Arabern: Wir kommen nach Erez Israel in unserem Recht und nichts wird uns davon abbringen, hinzugehen. Wir wollen mit ihnen ein gemeinsames Vaterland aufbauen. Wir haben es auf dem XII. Kongreß gesagt, und auch diese Pogrome bringen uns davon nicht ab. Wir werden alles tun, uro Annäherungspunkte und Berührungsflächen her« zustellen —aber dazu gehören zwei! Nicht nur wir allein können es machen, es liegt auch an ihnen, das zu verstehen. Wir brauchen sie, und sie brauchen uns. Noch erkennen sie in uns nicht ihre Verwandten. Sie haben im Kampf unter dem Einfluß anderer Kräfte, die •ich weder für Juden noch für Araber interessieren, ver* geasen, daß Israel und Ismael verwandt sind. Wir werden sie dazu bringen, das zu erkennen — durch unsere red* liehe Arbeit. Aber, auch sie müssen ihren Schritt dazu .tan, und ich glaube, es gereicht einem Volke, das sich auf dem Wege zur Befreiung befindet, nicht zur Ehre, daß von seiner Seite nicht ein einziges Wort des Bedauerns über Hebron und Sa* fed ausgesprochen wurde. Wenn sie verstehen werden, daß sie ihr Heim nicht auf Leichen unschuldiger Menschen aufbauen können, dann ist die Zeit der Ver« ständigung gekommen. Wir sind dazu jeden Tag bereit." Anderseits bemühte sich Weizmann, seine Freunde Blumenfeld und Weltsch zu schützen. Er tat dies, indem er sie als „Verführte" hinstellte. Er trat dafür ein, daß zwischen ihnen und den prominenten Führern des Brith Schalom, M a g n e s und Dr. Hugo Bergmann, ein Unterschied gemacht werde. Gegen diese beiden trat er entschieden auf. Aber seine Bemühungen brachten keinen nachhaltigen Erfolg. Auf dem Delegiertentage selbst übten sie wohl eine gewisse Wirkung aus und verschafften der Leitung gewiß einige Stimmen. Aber nach dem Dele* giertentage machte Redakteur Weltsch selbst die Bemü* hungen Weizmanns ihn und Blumenfeld als von Magncs und Bergmann „Verführte" und als „O p f e r" des Brith Schalom hinzustellen, gründlich zunichte. Weltsch über* gab am Tage nach Schluß der Sitzung der Jüdischen Telegraphenagentur eine Erklärung zur Veröffentlichung, in welcher es u. a. heißt: „Leider hatte ich auf dem Dclegiertcntag keine Möglichkeit, Herrn Dr. Weizmann zu erwidern, da nach seiner Rede die Sitzung geschlossen wurde. Ich kann mir Dr. Weizmanns Bemerkung nur damit erklären, daß Dr. Weizmann offenbar die internen Vorgänge in Deutsch« land zu wenig verfolgt hat. Die Gegnerschaft gegen die Führung der „Jüdischen Rundschau" wandte sich stets gegen die von mir seit Jahren dort vertretenen Ansichten. Dieselben Ansichten habe ich jetzt auf dem Delegiertentag ausgesprochen. Ich bin also nie* mandes „O p f e r", sondern stehe selbst für meine zio* nistischen Grundanschauungen ein, die sich mit den G r un d a n s c h a u u n g e n der Gruppe Brith Schalom in Palästina decken, so daß ich mich zum Brith Schalom rechnen kann, obwohl ich natürlich infolge der räumlichen Entfernung keinen Einfluß auf die konkrete Tätigkeit dieser Vereinigung habe. Wenn von den verschiedensten Seiten heute leider der Versuch ge* macht wird, den Gedanken des Brith Schalom durch eine beispiellose Verleumdungskampagne zu diffamieren, so bedaure ich dies zwar im Interesse der zionistischen Moral, es kann aber an meinen und meiner Freunde zionistischen Grundäns.chaüungen. nichts ändern," * Diese persönliche Erklärung ist an sich gewiß nicht von entscheidender Bedeutung. Gewisse Begleitumstände lassen sie aber wichtig erschienen. Sie bildet einen der Beweise für die Richtigkeit der Haltung der Opposition, welche es ablehnte, an der neuen Parteileitung teilzunehmen. Der Obmann der deutschen Organisa* tion, Blumenfeld, hatte dem Delegiertentage eine grund* sätzliche Erklärung vorgelegt, welche die Richtlinien der künftigen Politik der Leitung enthielt. Sie ist an sich auch vom Standpunkte der Opposition nicht zu verwerfen. Sie beinhaltet auch ein Abrücken von der Politik des Brith Schalom. Aber die Opposition schenkte dieser Erklärung keinen Glauben. Sie war nicht davon zu über* zeugen, daß unter einem Regime Blumenfeld*Weltsch eine Abkehr von der bisher betriebenen Politik möglich sei. Die Führer der oppositionellen Gruppen (Revisio* nisten, Radikale und Unabhängige) erklärten daher, daß sie es ablehnen, in die Leitung einzutreten. Der Vertreter der Radikalen, Dr. N. Goldmann, sagte: „Nachdem ich dem G. A. viele Jahre angehört habe, veranlassen mich schwerwiegende Motive, das An« gebot, auch jetzt einzutreten, abzulehnen. Wenn ich nicht eintrete, trotzdem meine Gruppe auf dem Boden des Koalitionsgedankens steht, so geschieht es in erster Reihe nicht, weil wir hier eine Minorität sind, son* dem weil wir geglaubt haben, daß wir nach dem Aus* gang der politischen Debatte und Bestätigung des Kur* ses des Redakteurs der „Jüdischen Rund* schau", Dr. Weltsch, aus gesamtzionistischen Grün* den nicht die Verantwortung nach außen übernehmen kön* nen. Wir hoffen, daß der rtächste Delegiertentag eine Majorität für einen politischen^ Kurs bringen wird, welche es uns ermöglichen wird, an der Leitung wieder teilzu« nehmen." Die Erklärung, welche Dr. Weltsch nach dem Jfar* teitage abgegeben hat, beweist die Richtigkeit dieser An« schauung« Die deutsche Organisation, welche immer eine Leitung besaß, welche von allen Richtungen anerkannt würde, hat sie heute nicht mehr. '* Präsident Weizmann nahm in Jena den Anlaß wahr, um eine wichtige Frage zu berühren. Jn sjionisti* sehen Kreisen war das Gerücht verbeitet, daß Weizmann den Mitgliedern der palästinensischen Exekutive die Wei* sung erteilt habe, vor der Untersuchungskom* roission in Jerusalem im Falle ihrer Befragung über die Endziele des Zionismus ausweichende oder verkleinernde Antworten zu geben. Weizmann be* richtete in Jena, daß er folgende Instruktion erteilt habe: „Sollte, man Sie (Sacher) oder Ruppin fragen, ob wir vielleicht die Majorität erstreben. UFA-TON-KINO Wien, 11., Taborstr.« Tel. R-42-3-41 Oas Filmtheater der guten Gesellschaft zeigt: Prolongiert! Ur- und AllelnauffUhrung[: Nelodie des Herzens mit Dlta Parlo und Willy Frltsoh Der erste Ufa-Ton- und Sprechfilm der Erich-Pommer-Produktion rarfaBt ton Hau* Szftkaiy. Retje Hanns Schwarz Beginn: Wochentag 5, 7, 9 Uhr, Sonn- und Feiertag 3, 5, 7, 9 Uhr. Vorverkauf ab 11 Uhr vormittags. schlage ich Ihnen folgende Antwort vor: Wir wollen die Durchführung des Mandates, wir wollen Freiheit der Einwanderung in Einklang mit der ökonomischen Ent* Wicklung des Landes. Diese Entwicklung soll von der Mandatarmacht gefördert und die Gesetzgebung dazu im Sinne des Mandats ausgebaut werden. Ob dies zu einer Majorität führen wird, ist schwer voraus« zusagen. Aber was immer geschehen wird, wir wollen niemand beherrschen und von niemand beherrscht werden." Weizmann hätte wahrlich besser getan, diese In* struktion nicht zu erteilen. Sie steht zum Wesen des Zionismus, welcher Ehrlichkeit auf seine Fahne ge* schrieben hat und mit der Ehrlichkeit steht und fällt, in schreiendem Gegensatze. Wen will man täuschen? Sich, die Araber, die ganze Welt? Diese Instruktion ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Zionismus. Bekenntnis zum .Judenstaat. Jabotinsky spricht in TelsAwiw. in einer Massenversammlung in Tel«Awiw führte Jabotinsky aus, daß in ihren Bemühungen um die Balfour* Deklaration Sacher und Weizmann den Juden« staat verlangt haben. Auch Lord B a 1 f o u r, Lord C e c i 1 und andere englische Staatsmänner hätten an einen Judenstaat gedacht. Aus der Wendung des Mandates von der Wiedererrichtung der jüdischen Heim* stätte gehe die Intention auf einen Judenstaat hervor, der auch der Wortlaut des Weißbuchs nicht widerspreche. Die Engländer, sagte Jabotinsky, fühlen sich wegen der Augustereignissc schuldig, daher wäre es jetzt mög« lieh, unsere legitimen Rechte zu erhalten. Dazu sei aber eine große und würdige Formulierung unse« res Programms notwendig und ferner eine neue. Exekutive. Denn die gegenwärtige Exekutive hat schon oft erklärt, daß sie ihre Haltung nicht ändern wolle, und diese habe den gegenwärtigen .Zustand herbei* geführt. Schließlich gab Jabotinsky seinem Glauben Aus* druck, daß es unserer Generation obliege, .den > Weg . zur. Erlösung zu bahnen. Wir können die Befreiung, erlangen, denn starke Kräfte sind im palästinensischen Judentum und in der Diaspora vorhanden. Präsident Weizmanns Amerikareise. Berlin, 2. Jänner. (J. T. A.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Dr. Cliaim Weizmann, der un dem Jenaer Delegierfentag der Zionistischen Vereinigung für, Deutschland teilgenommen hat, verließ am Morgen des 30. Dezember Jena, um sich nach Paris zu begeben. Wie wir erfahren, wird sich Dr. Weizmann voraussichtlich am 23. Jänner nach den Vereinigten Staaten einschiffen, wo er an der für den 1. Februar anberaumten Sitzung des Administrative Committee der Jewish Agency teilnehmen dürfte. Sitzung des zionistischen Aktionskomitees. Für den 19. Jänner ist das Aktionskomitee einer Sitzung nach London einberufen. zu Sonderbare Berichterstattung, Im Organ des Wiener zionistischen Landeskomitees erschien ein Bericht über den Deutschen Zionistentag in Jena, welcher von Dr. Israel Taubes (Berlin) gezeichnet war. Der Bericht enthielt einen ganz sonderbaren Passus. Es wurde' geschrieben, daß der Vertreter der radikalen Zionisten in Deutschland, Dr. Nahum G o 1 d m a n n, eine Rede gegen die Judenstaatsidee gehalten habe, obzwar Oberbaurat Robert Stricker, sein en«' gerer Wiener Parteifreund, ihn brieflich ersucht hatte, für den Judenstaat zu sprechen. Eine ganz nette Art, mit Briefen, die an Dritte gerichtet sind, zu mani* pulieren. Aber das Wiener Parteiorgan scheint sich de* finitiv für diese, von der anständigen Journalistik nicht geübte Methode entschieden zu haben. Kürzlich wurde ein Brief von Stricker an Dr. Ornstein behandelt, jetzt ist es ein Brief an Dr. Goldmann. Wir erhielten von Dr. Nahum Goldrnann folgendes Schreiben zur Veröffentlichung: Berlin, am 5. Jänner 1930. Lieber Herr Stricker! Der Bericht des Herrn Dr. I. Taubes über den Zionistentag in Jena in der letzten Nummer der „Stimm e" veranlaßt mich, Ihnen folgen« des mitzuteilen: Auf meiner Reise nach Jena zum Deut« sehen Delegiertentag habe ich einigen radikalen Gesinnungsgenossen von dem Briefe erzählt, den Sie mir im Namen, des Zentralbüros der Vereinigung ra> dikaler Zionisten geschrieben haben und in dem Sie die Auffassung des Zentralbüros zu einigen prinzipiellen Fra«