Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1930-01-10 · Heft 121 (10.1.1930) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 121 (10.1.1930)
Date
1930-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711736-2711739--1595-2714821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seife 1 DIE NEUE WEL j Nr. 121 reden: in denen sie ihnen Honig um den Mund streichen, damit man die Butter auf ihrem Kopf nicht sehe; in denen sie Schulter an Schulter mit denen marschieren wollen, die auf den Vornamen Mosc9 hören; ja noch mehr, in denen sie all die koscheren Herrschaften organisieren und gegen die Mnlkontenten, die Zionisten, mobilisieren. Ich vreifi nidit — soll man die sozialdemokratisch organisierten Pclzhündler, Zugereisten, Spekulanten und Gastwirte, die je nach Laune Ton den Blättern ihrer Partei einen Fußtritt bekommen, bemitleiden, oder soll man ihnen die saubere Gesellschaft der Führer gönnen, welche in ihrer Jugend die zehn Gebote näher dem Ort Nadworna als dem Kahlenberg gelernt haben! Eines ist gewiß: heute werden die organisierten jüdi-. sehen Kaufleüte und Gastwirte als koschere Spekulanten beschimpft, morgen als gesinnungstreue Wähler gepriesen I o. r. * Genosse Renner und „Dr. Tarnopol". Ein Beispiel: Das Organ der österreichischen „Poale Zion'\ welche der österreidiisdicn sozialdemokratischen Partei organisatorisch angeschlossen ist, bringt folgende „Glosse": „Muß das sein? Genosse Karl Renner hat gelegentlid) 'ines Prozesses den Erpresserverteidiger Gürtler „Dr. Tarnopo 1" genannt: Wenn wir auch glauben, daß Entschlüpftes in höherem Grade für die wahre Gesinnung charakteristisch ist, als wohlüberlegt Gesagtes, immerhin, es war eine Entgleisung! Was soll man aber dazu sagen, daß der Gerichtssaalberichterstatter der „Arbeiter-Zeitung" dieses Wort wieder verwendet? Wenn es für diesen sonderbaren Genossen schon keine prinzipiellen Gründe gibt, seine antisemitischen Ausfälle zu unterdrücken, so möge doch der Chefredakteur verhindern, daß in einer Zeit, da es so sehr auf das Zusammenhalten aller Parteimitglieder ankommt, wir jüdischen Sozialdemokraten, die wir uns mit den Tarnopoler Juden solidarisdr fühlen, in unserem Zentjr al or gan b eleidigt werden I" Leo Pinsker. 31. Dezember 1891 bis 31. Dezember 1929. . Von Josef Fränkel. Die intensive Beschäftigung mit dem Judentum bat zwangsläufig zum Problem der nationalen Lösung der Judenfrage geführt — ein schlagendes Beispiel hiefür die russische Haskalah-Bewegung, die die Juden auf „zivfrisaforischefti Wege" dem Russentum näherbringen und sie in den Ström der damaligen allgenfeinen Kultusbestrebungen einbetten wollte. Je mehr Boden diese Bewegung im jüdischen Volke gewann, desto nationaler wirkte sie. Die hebräische Sprache, anfangs dazu bestimmt, als Verständigungsmittel mit der Masse zu dienen, fand allmählich Liebe und Verständnis. Die Haskalah löste bei den russischen Juden die Wirkung aus, daß die Chowewe-Zion ihre Ideen mit umso größerer Durchschlagskraft verbreiten konnte. So kann man die HaskalaJi als Vorboten der Chowewe- Zion und damit als Einleitung zum modernen fZiqhismus bezeichnen. Leo Pinsker, als geistiger Führer der Chowewe-Zion, leitet also zum Zionismus in unserem Sinne über. Eine sonderbare Erscheinung! Moses, Pinsker, Herzi zeigen eine, gleichartige Entwicklung» sobald sie in die Geschichte ihres Volkes eintraten. Alle drei waren in assimilatorischem Sinn.erzogen: Moses von ägyptischen Priestern, Pinsker von russischen Lehrern, H e r z 1 an einer deutschliberalen Universität. Und alle drei empfingen die gleichen Impulse — die jüdische Not, das tragische Schicksal der Juden, den tiefen Haß gegen sie. Moses sah wie ein Aegypter einen sklavisch arbeitenden Juden schlug. Pinsker war Zeuge der Judenpogrome des Jahres 1891. Herv.l erlebte den Dreyfus- Prozeß. Moses sah, wie ein Aegypter einen sklavisch arbeischrieb die „Autoemanzipation". Herzl dichtete den „Judenstaat". Leo Pinskers Vater war ein angesehener Odessaer Haskalah-Schriftgelehrter, der zahlreiche Werke in hebräischer Sprache verfaßte. Der Sohn (geb. 1821) studierte anfangs Jus, wendete sich später in Moskau dem medizinischen Studium zu. Hier in Moskau tauchte er in den Kreis jener, die die Russifizierung der Juden propagierten, und wurde selbst ein Anhänger dieser Bewegung. Während des Krimkrieges leistete er ärztliche Dienste, für die er, ein Jude, mit einem hohen Orden ausgezeichnet wurde. Die Judenpogrome von 1871 machten ihn in seiner Aufklärungsgesinnung schwankend, und als nach der Ermordung des Zaren Nikolaus wieder allenthalben Pogromwolken über Rußland hingen, fand er, unter dem Eindruck der ungeheuren seelischen und . physischen Judennot, sich selbst. Die Frucht seiner Einkehr ist die „Autoemanzipation" vom Jahre 1882. Ruhig und ernst, wie ein Arzt die Symptome einer Krankheit feststellt und deren Heilmittel vorschreibt, so analysierte er die Ursachen der Judennot, um zur einzig möglichen Lösung der Judenfrage, der Selbstbefreiung, zu gelangen. Die Größe des Gedankens fand die Größe der Sprache: „Das auserwählte und heilige Volk — für die Lebenden das B*tt der Gegenwart und Zukunft III iftllOffauttiuils, mit einem Griff als Bett verwendbar '"t:::- Josef Röblitz & Sonn nass,i 2 ein Toter, für die Eingeborenen ein Fremder, für die Eingesessenen ein Landstreicher, für die Besitzenden ein Bettler, für die Armen ein Ausbeuter und Millionär, für die Vaterlandstreuen ein Vaterlandsloser, für alle Klassen ein verhaßter Konkurrent" (und weiter im Kreise der Völker) „unser Vaterland — die Fremde, unsere Einheit — die Zerstreuung, unsere Solidarität — der allgemeine Haß, unsere Waffe —- die Demut, unsere Wehr — die Flucht, unsere Originalität — die Anpassung, unsere Zuflucht — der nächste Tag." Es gibt flüri:eW Mittel: Selbstbefreiung! Wieder eine Nation werden, auf eigener Heimatserde! Die zerstreute Chowewe-Organisation faßte Pinsker zusammen und schuf damit ein geistiges Zentrum für das zum nationalen Bewußtsein erwachte russische Judentum. Mitten in der Arbeit wurde er vom Tode ereilt. Aber sein Wirken brachte jene Kräfte in Bewegung, die aus seiner Botschaft „Selbstbefreiung" die große Parole „Zionismus" schufen. Religionsverfolgung in Sowjetrußland. 646 Synagogen beschlagnahmt. — Aerzte werden wegen Vornahme der Beschneidung eingekerkert Moskau, 1. Jänner. Nach einer statistischen Aufstellung, die jetzt veröffentlicht wird, ist die Zahl der gegenwärtig auf dem Gebiet der Sowjetunion, bestehenden Synagogen um 646 geringer als die entsprechende Zahl v.or der Revolution. 1914 gab es in der Ukraine mehr, als 1400 Synagogen, Ende 1929 werden es um 506 weniger sein. Die übrigen aufgelösten 140 Synagogen verteilen sich auf Weißrußland und Zentrair ußland. Sie sind in , A r b e i t e r k 1 u b' s, Werkstätten oder Warenhäuser umgewandelt Wörden. Die Zahl der geschlossenen Synagogen entspricht, wie festgestellt Wird, entsprechend der Proportion der jüdischen Bevölkerung genau der Zahl der geschlossenen christlichen Kirchen. Im Laufe des letzten Monats wurden in verschiedenen Städten der Ukraine 14 Synagogen in Klubs usw. umgewandelt. In Kiew erhielten 33 'Betstuben (Mi^amin)'*4ie; Aufforderung, zur Räuiriung der 'Gebäude^ in : denen sie" untergebracht waren. Die Gebäude sollen in Arbeiterwohnhäuser umgewandelt werden. Das ukrainische .Zentralexekutivkomitee, in Fragen der Umwandlung von Synagogen die höchste Instanz, hat gegenwärtig <. über' njehre-xe. D u t zen d E in g ab e n . von Seiten j ü&.}s eh.e r Komm u n.i s t e n in verschiedenen .ukrainischen. Städten; zu entscheiden, in denen,..die Umwandlung von Synagogen in'Klubs und^Arbeüshäusex gefordert, wird. \ Rabbi Jarchon in Minsk, einer der. angesehensten Rabbiner in Weißrußland, wurde mit elf Mitgliedern seiner Gemeinde verhaftet . unter der Beschuldigung, Panikger Uchte verbreitet zu haben. Zwei prominente jjidisch c Aerzte in PetrosawQdsk wurd,en zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt, wtil.;sie im Stadthospitale an einem jüdischen Kintlp <je,n - R-e schneid ungsakt vollzogen haben. Die Ankjajge, vertrat das Leningrader Mitglied des Atheistenverbandqs R a f a lowi t s ch. Der eine der Angeklagten Dr. Isser söhn verteidigte sich dahin, daß die Beschneidijng vom rein medizinischen Standpunkte nützlich sei. Der zweite Angeklagte, David Baranow, erklärte, er habe sich verpflichtet gefühlt, den Wunsch der Eltern des Kindes zu erfüllen. . Die Minsker jiddische Zeitung „Oktiabr" veröffentlicht die Namen, von 13 jüdischen .Arbeitern, die sich an das Minsker Rabbinat um materielle Unterstützung gewandt haben, , und fordert ihren A u s- Schluß aus d en Ber uf sTer einigun.gen. Voraussichtlich wird diese Forderung erfüllt werden. 51 Millionen Dollar für jüdische Zwecke im Jahre 1939 aufgebracht. '• New York, 1. Jänner: Dia/Zeitschrift „American Hebrew" veröffentlicht -eine Statistik über die von den amerikanischen Juden im Laufe des Jahres 1929 für. jüdische phiiantr opische und soziale TOINS Schnalliugstatlon Stalnach am Br»hn»r. Wunderschöne» Sklgeländ» mit gUnstlgan Schn»avarhältnlss«nvon Mitte Dezember bis Endo März. Skikurs», Rodelbahn, Eis» laufplatz. Behaglicher Autenthalt im HOTEL UND PENSION TRINttftHOF 1214 m U.d. M., In sonniger Lag», neu er-» baut, modern und gediegen eingerichtet, W Betten, fUcBendes Kalt» und Warm* Wasser, Zentralheizung und- Blder. Erst» klauig* Wiener KUch». Pensionspreis ab Mk. 7.80. Auf Verlangen Prospakt». Zwecke gespendeten Beträge. Die Spendenzusammenstellnng umfaßt h u r Einzclspenden, deren Betrag höher ist als 10.000 Dollar. Für verschiedene Bildungszweckc wurden 13,780.000 Dollar gespendet (darunter sind Spenden des Filmmagnalen Fox im Betrage von 9 Millionen und des bekannten Warenhausbesitzers Julius Rose nwald im Betrage von 2 Millionen Dollar). Für verschiedene soziale Zwecke innerhalb Amerikas wurden 13,760.000 Dollar gespendet und für soziale Zwecke außerhalb Amerikas 1,760.000 Dollar. Die Spenden für rein philantropische Zwecke erreichen den Betrag von 11,543.000 Dollar. Für P a 1 ä s t i n a z w e c k e sind 7,025.000 Dollar aufgebracht worden. In dieser Summe ist auch die Spende Felix Warburgs in Höhe von einer halben Million Dollar enthalten und die zwei Millionen Dollar, die nach den Augustunruhen unter Führung von David A. Brown gesammelt worden sind. Insgesamt erreichen die statistisch erfaßten Spenden im Jahre 1929 den Betrag von 51 MillionSi Dollar. Das Heine-Denkmal in Düsseldorf. Der Plan der Stadt Düsseldorf, ihrem großen Sohne Heinrich Heine ein Denkmal zu setzen, nähert sich der Verwirklichung. Aus deutschen und europäischen Persönlichkeiten hat sich ein Ehrenausschuß gebildet. Die Deutsche Dichter-Akademie erläßt einen von Heinrich Mann verfaßten Aufruf, in dem es u. a. heißt: „Heine ist das vorweggenommene Beispiel des modernen Menschen. Er hatte schon damals die uns gewohnte Geisteshaltung, er war sachlich bei aller seiner Phantasie, scharf zugleich und zärtlich, ein Zweifler, doch tapfer. Wäre er da, er würde dieselben Kämpfe führen wie wir. Ungerechtigkeit und Entwürdigung des Menschen müßten ihn bewegen wie je. Sein Ziel wäre immer noch Vermenschlichung der Welt, Vergeistigung des Lebens. Auch zu den überlieferten Mächten, die er angriff, und die ihn bis in die Verbannung verfolgten, stehen wir Deutsche unserer Tage nicht anders als er. War er aber Jude, so bezeugt er gerade, darum die werbende Kraft der deutschen Sprache, die ihn schöpferisch machte.** Wieder eine Friedhofsschändung. Nürnberg, 2. Jänner. Wie aus Nürnberg gemeldet wird, wurde auf dem Israelitischen Friedhof in Günzenhausen bei Ansbach eine neue Friedhofsschändung entdeckt. Man fand 18 zertrümmerte Grabsteine. Die Täter konnten noch nicht gefaßt werden. Auf ihre Ergreifung ist eine Belohnung von 500 Mark ausgesetzt. Der Historiker Duhnnw — Weißeardist! Den Antisemiten ist keine Beschuldigung zu absurd, wenn' es den Kampf gegen die Juden gilt. Die bolsche* wikischen Machthaber huldigen dem gleichen Grund* satze. Um eine neue Barbarei gegen den jüdischen Geist zu rechtfertigen, machen sie den in Berlin lebenden be» rühmten Historiker S. Dubnow, welcher eben seine „Uni*, versalgeschichte des jüdischen Volkes" beendet hat, zum zionistischen Verschwörer, zum W e i ß g a r d i s t e nl Die J. T. A. meldet aus Moskau: Die seit 7 0 Jahren bestehende jüdische wissenschaftliche Gesellschaft „Ope" zur Verbreitung von Bildung unter den Juden und das jüdi« sehe Museum der Historischsgeographischen Gesellschaft, eine Gründung des Dichters A n s k y, sind durch die Behörden liquidiert worden. Die jüdischen Kom* munisteh planen die Gründung einer „jüdischen wissen* schaftlichen marxistischen Gesellschaft", der die Ver* waitung der Bibliothek der „OPE" übertragen werden soll. Die Bibliothek umfaßt mehrere zehntausend Werke und besonders wichtiges Material. Auf Anfrage des; JTAfKorrespondenteri wurden von zuständiger Stelle folgende Gründe für die Auflösung der beiden Institut? angegeben: 1. sei die durch sie geleistete Arbeit ideo* logisch der Sowjetmacht fremd, 2. erhalten sie Beziehungen zii dem „weißgardistischen Etni* granteri" S. Dubnow, und 3. lassen sich viele der im jüdischen Museum aufbewahrten Gegenstände der antireligiösen Propaganda dienstbar machen. Der englische König begrüßt die Chanukkah-Feier der jüdischen Soldaten. London, 1. Jänner. (J. T. A.) Unter Führung von R. H. J o s e p h begaben sich am letzten Sonntag 4 0 0 j üdische Soldaten der britischen Armee auf den Heldenfriedhof und legten dort einen Kranz nieder, der die Inschrift trug:, „Dem Andenken unserer jüdischen Kameraden, die im Weltkrieg die hödisten Opfer brachten". Von dort marschierte die Truppe zum Gottesdienst in die Große Synagoge, die von Andächtigen gefüllt war. Unter den Anwesenden bemerkte man viele hohe Offiziere, unter ihnen Generalleutnant Sir Travers C1 a r k e, Generalmajor 01 d f i e 1 d, Generalfeldkaplan Colonel Edwards. Der Daian Gollop hielt die Gedächtnisansprache. — Am Abend fand im First Avenue Hotel ein C h a n u k k a h - B a n k e 11 statt. Major Lionel de Rothschild verlas als Vorsitzender ein Telegramm des Königs Georg, welches lautet: „Ich bitte Sie, den jetzigen und den früheren jüdischen Mitgliedern der Militärmacht, die auf ihrem Jahres-Dinner versammelt sind, meinen aufrichtigsten Dank für ihre loyale Begrüßung auszusprechen." Chief Rabbi Dr. Hertz hielt eine Anspradie über die Bedeutung des Chanukkah- Festes.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.