Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 121 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. m DIE NEUE WELT Seife 5 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiif Sj Frisch eingelangt: I Jaffa- 1 I Orangen| ES Kisten ä 35 Kilo S 42.— EE fürWiederverkäufer EngrosPreise! s 1 Gustav I 1 Wilder! Pal&stina-Produkte-Vertrleb | Wien, IV., Blechturm t>. 12 § SS Telephon 11-43-8*10 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiil Bernsteins Interesse für das Judentum erwachte spät Ueber sein Verhältnis zum Judentum und die jüdische Atmosphäre seines Elternhauses berichtet er in seinen Kindheitserinnerungen, die er aus Anlaß seines 75. Geburtstages schrieb und die damals durch die J.T. A. verbreitet wurden. 187? war er aus sozialistischer Ueberzeugung aus dem Judentum ausgetreten. Aber der Weltkrieg machte auch bei ihm den Blick für die Judenfrage frei. 1917 schrieb er einen größeren Aufsatz: „Von den Aufgaben des Judentums im Weltk r i e g" in dem er den Gedanken der jüdischen Mission in dem Sinne entwickelt, daß die Juden infolge ihrer Geschichte und ihrer Stellung unter den Nationen die völkerpolitische Aufgabe haben, für die Verständigung zwischen deu Vöikern zu wirken. Seit 1919 steht Bernstein der Poale 7 i o n Bewegung nahe. 1924 trat er dem „Komitee für das arbeitende Palästiaa" bei und hielt Propagandavorträge zugunsten der palästinensischen Arbeiterschaft. Er ist Mitglied des Deutschen Komitees Pro Palästina. ■ Eduard Bernstein gewährte einem Mitarbeiter des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine Unterredung, in der er sich über seine Stellung zum Judentum u. a. folgendermaßen äußerte: „Wenn ich auch in den Siebzigerjahren still und unbemerkt der jüdischen Gemeinschaft den Rücken gekehrt habe, so bin ich doch immer Jude geblieben und bin stolz darauf, von Juden abzustammen. In den Siebziger jähren hat Stoecker, der Vater der heutigen Nationalsozialisten, ganz besonders in Berlin den Rassenhaß geschürt, und da hielten wir als Gegenwehr es für richtig, den Kirchenaustritt zu empfehlen. Wenn ich auch als Redner nirgends den Kirchenaustritt propagiert habe, so hielt ich mich doch, da ich dem Büro jener Austrittsversammlungen angehörte, für verpflichtet, auch für, micn den Trennungsstrich zu ziehen. Ich habe es damals im stillen getan und niemand hat etwas davon erfahren. Heute würde ich es nicht mehr tun. Denn man kann es einem Jaden, der jetzt die Gemeinschaft verläßt, als Feigheit anslegen. Wer eine bedrängte und unterdrückte Religion verläßt, ist feig. Die heutige antisemitische Welle ist giftiger denn je. Und darum würde ich in der Jetztzeit niemals den Schritt tun. Ich stehe nicht an, dies an meinem Lebensahend zu erklären. Als Parlamentarier und Politiker habe ich dann als „Konfessionsloser" immer die berechtigten Forderungen der deutschen Juden weitgehend unterstützt . . „Sie sehen'*, sagte Bernstein zum Schluß, „daß ich trotz der äußeren Abkehr positiv zum Judentum stehe". Gegenüber einem Vertreter des „Israelitischen Familienblattes" äußerte sich Bernstein wie folgt: „Ich vertrete, ohne Nationalist und Militaris^zu ,sein, den Standpunkt, daß die immer größer werdende anlisömttische Welle die Juden zwingt, den Gedanken einer nationalen Heimstätte kraftvoll und einheitlicher zu vertreten, denn bishe r." Dieses Bekenntnis des alten sozialistischen Kämpfers berührt wohltuend. Doppelt wohltuend, wenn man die Verhältnisse in der mittel- und osteuropäischen Soziardemokratie, besonders in der österreichischen Sozialdemokratie zum Vergleiche heranzieht. Die Juden in diesen Organisationen betrachten die Verleugnung ihres Judentumcs, die Taufe, den Austritt, die bösartigste Gegnerschaft zum Zionismus und das nationale Judentum eis Pflicht des jüdischen Sozialdemokraten. Das harte Urteil, welches, Bernstein über alle jene jüdischen Renegaten fällt, die sich des Judentumes schämen, es wegwerfen und das Streben nach einem jüdischen Nutionalheim giftig bekämpfen, trifft so ziemlich alle jüdischen Führer in Mittel- und Osteuropa, besonders alle jüdischen Führer in der österreichischen So* zialdemokratie, die Adler, Ellenbogen, Breitner, Auster- Die koschere Presseküche. Ein bißchen antisemitein kann nicht schaden. Eine Reihe Wiener Linksblätter hat es sich, ausgesprochen oder nicht, zur Aufgabe gestellt, wo es Stärkere gibt, auf Seite der Schwächeren zu stehen. Gewiß eine dankbare Aufgabe, zumal die Schwächeren fh der Mehrheit sind und sich sehr oft die Gelegenheit bietet, soziale Ungerechtigkeiten an den Pranger zu stellen. Und so kann man seijt Jahr und Tag ^ie Peitsche sausen hören über den Köpfen derer; die sich „an den Rechten der Schwächeren" vergreifen Am Morgen und am Abend wird zum Haß aufgerufen und der Leser mit Brutalitäten des Unternehmertums gefüttert. Es sieht aus, als hätte sich die Stimme der Gerechtigkeit fordernden Blätter überschrien und als zögen die krassesten Balkentitel nicht mehr, denn mau sucht jetzt ein Gewürz für die fad gewordene Suppe und hat es sdieinbar schou gefunden — im A n t i s e m i t e 1 n. Vor nidit langer Zeit stand ein Wiener Pelzhändler unter Anklage der Veruntreuung und der fahrlässigen - »WAßSflUCG« anrufender bequemste q^htag! TEL* $24-5-20 SEA1E p Krida. Derlei ist nidits Seltenes; in der Zeit der Wirlsdiaftskrise geraten viele Kauflcute auf die sdiiefc Ebene. Ein alltäglicher Fall, über den — speziell in einem sozialdemokratischen Blatt — nichts zu sagen wäre. Aber „Das kleine Blatt", das audi sonst seinen proletarisdicn Lesern gerne Boulevardkitsch auftisdii« hat es sich nicht nehmen lassen, etwas Pikantes her'- vorzuholen: bei ihm handelt es sidi nicht um irgend einen Kaufmann N. N., sondern um einen — Zugereisten! Halt! Wir haben ihn, sdimunzclt es, damit auch die Leser etwas zum Schmunzeln haben. Es identifiziert sidi also mit der Ideologie seiner politischen Gegner, der Völkisdien, der Heimat- und der anderen Rasscnschützlcr, weldic die bodenständigen „braven" Juden gegen die „Zugereisten" ausspielen. Ein bißdien antiscmiteln kunn nicht schaden. Audi der „Abend" fällt nidit weit vom Stamm. Gelegentlidi eines Skandals der Oemag, der Österreichischen Mineralwassermonopolgesellschaft, kann er es sich nicht versagen, einem in diesen Skandal verwickelten Kaufmann, der an und für sidi uninteressant ist, zumal das Finanzministerium hier am meisten belastet erscheint, den schönen Beinamen „Polnischer Spekulant" anzuhängen und mit Geifer vor dem Mund sich auch noch an dessen Vornamen Moses und an dem Herkunftsort Nadworna zu weiden! Wir waren bisher gewohnt, derlei geistreiche Nuancen nur in den Bezirken der „Doetz" und ähnlidier Produkte zu lesen. Aber die „abend"lichen Bewahrer der proletarischen Kultur leisten sidi noch einen weiteren Scherz — im Bilde. Siö bezeichnen das Hotel Continental, das mit seinem Per-- sonal ir^ einem Lohnkonflikt steht, als — „Ersteh Wiener koschere Heimweh rk ü che", koscher nicht nur deshalb, weil das Hotel am Eingang zur jüdischen Leopoldstadt steht, sondern auch, um den Unsinn mit der Heimwehrküche plausibler zu raadien. So treffen , sie eine Fliege mit zwei Schlägen. Wer ist die Fliege? „Der Jud!" Das sind Anwandlungen der Wiener Sozialdemo? kratie, die nur sporadisch auftreten. Es gibt Zeiten, in; denen sie mit den Juden, den jüdischen Pelzhändlern, den polnischen Spekulanten, den Zugereisten anders; Wie Moses Montefiore dem Zaren die Juden abkaufte. Erzählung von An—skl. Kaum war die englische Königin zur Regierung gelangt und sollte gekrönt werden, richtete sie ein großes Tafelmahl und lud dazu alle Könige und Fürsten der ganzen Weft, um sie bei dieser Gelegenheit kennenzulernen. Sie berief an die Tafel auch die bedeutendsten Männer, die Grafen und die Minister ihres eigenen Landes, und vor allem, versteht sich, den höchsten ihrer Ratgeber und Minister, Reb Mos es Montefiore. Als man zum Mal gegangen war und die Gäste von den köstlichen Weinen in gehobene Stimmung kamen, begannen die Könige von ihren Reichen zu erzählen. Einer rühmte sich damit, daß sein Land groß sei, der andere, daß er viel Gold und Silber besitze; der dritte rühmte sich seiner Macht und seiner Heeresstärke, der vierte — seiner Weisheit. Da trat der russische Kaiser Nikolai I. (hervor und hob an: „Mein Land ist das größte in der Welt, mein Volk, über das ich herrsche, ist wie der Sand im Meere, der nicht gezählt werden kann. Und mit allem bin ich reich gesegnet. Nur ein Uebel ist da: in meinem Lande finden sich sehr viel Juden, und ich weiß nicht, wie sie loszuwerden." Es vernahm diese Worte Reb Moses Montefiore, und da sie ihn sehr verdrossen, ging er auf Nikolai zu, verneigte sich rief vor ihm und sagte: „Adonaj hameiech, Nikolaj! Weniq ich recht versteh, bist du nicht zufrieden, daß sich so viele Juden in deinem Reich befinden. Wenn dem so ist, kannst du dich ihrer bequem entledigen." „Wie das?" fragte Nikolaj. „Ganz einfach: verkauf mir sie. Ich will dir für jede Jüdische Seele, sei es ein Greis, sei es ein Kind, sei es ein Mann, sei es eine Frau, drei Rubel bares Geld, Assignaten, bezahlen." „Und du wirst die Juden aus meinem Lande nehmen?" („Alle ausnahmslos." Da freute sich Nikolaj sehr, fürwahr ein goldenes S Geschäft! Losgeworden alle Juden, und dazu noch fettes Geld bekommen! Gleich gab er seine Zustimmung, und man kam iibercin, daß Montefiore in rund drei Monaten nach Rußland kommen, laut Rechnung bezahlen und alle Juden mit sich nehmen werde. Nach Hause zurückgekehrt, rief Nikolaj alle Minister und Senatoren zusammen und eröffnete ihnen: „loh habe ein glänzendes Geschäft gemacht: verkauft alle Juden zu drei Rubel Assignaten pro Kopf, also bares Geld." Als die Minister und Senatoren dies vernahmen, faßten sie sich bei den Köpfen und schrien auf: „Gewalt, Adonaj hameiech, was hast du getan? Jetzt fallen uns von jedem Juden, ob Mannsbild, ob Frau, ob Kind, durchschnittlich gegen vierzig Ruhe! jedes Jahr ab! Wirst du doch bettelarm werden, wenn du sie gegen einen solchen Kauf abgibst!" ,,! Da ward es Nikolaj War, daß er hereingefallen war, und er fragte: „Was tut man?" Begannen also die Minister und Senatoren darüber nachzudenken, wie man es anstellen könne, daß man die Juden nicht abgeben müsse. Und einer der Minister ließ sich vernehmen: „Adonaj hameiech! Ich hab einen Rat gefunden, wie die Juden bei uns bleiben sollen. Einen Juden kann man doch darnach erkennen, daß er' einen Bart und Pejes trägt und in langen Kleidern geht. Gib einen Befehl heraus, wonach alle Juden sich Bart und Pejes abscheren und kurze Kleider anlegen müssen. Darnach wird niemand erkennen, daß sie Juden sind. Und wenn Montefiore kommt, wirst du ihm die Karaiten abgeben und sagen, daß es andere Juden in deinem Lande nicht gibt." Der Rat gefiel Nikolaj, und er gab gleich einen Befehl heraus, daß alle Juden Bart und Pejes abschneiden und kurze Kleider anlegen müssen. Als Reb Moses Montefiore zur festgesetzten Zeit nach'* Petersburg kam und mit dem Kontrakt im kaiserlichen Palais erschien, kam ihm ein Minister entgegen und spracht „Als echte Juden rechnen wir die Karaiten, und andere Juden gibt es überhaupt keine sonst bei uns. Wenn' du willst, nimm die Karaiten und bezahl laut Aufstellung/''. Da war es Reb Moses Montefiore gleich klar, daß man ihm die Juden nicht abgeben wolle. Er wurde böse, verabschiedete sich gar nicht und reiste zurück. v' Zu Sabbath machte er in Wilna halt. Zu jeher Zerf! war In Wilnrt Statthalter der Graf Potocky. Als er erfuhr,' daß Reb Moses Montefiore gekommen sei, machte er sich auf, ihn zu empfangen. Reb Moses Montefiore nahm ihn.! mit großer Ehrerbietung auf. Wie sie so saßen und sprachen, kam von Petersburg ein Reiter an und reichte Reb Moses' Montefiore einen Siegelbrief von Nikolaj. Reb Moses Montefiore nahm den Siegelbrief, beguckte ihn von allen Seiten und legte ihn beiseite auf den Tisch. Da rief Graf: Potocky aus: „Weshalb liest du nicht den Siegeibrief? Der Herrscherrespekt erfordert es, daß man einen kaiserlichen Siegelbrief sogleich öffne." ' Reb Moses Montefiore antwortete: »Ich darf das Siegel nicht öffnen,: weil am Sabbath jedewede Arbeit streng verboten ist." ' Nun ergreift Graf Potocky den Siegelbrief und will ihn öffnen, aber Reb Moses Montefiore hält ihn ab und} sagt: „Du bist ein großer Herr und überdies mein Gast, ich kann nicht zulassen, daß du dich herabwürdigst und meine Briefe öffnest." Da ruft der Graf Potocky einen seiner Diener hinein und heißt ihn den Brief öffnen. Und wie der Diener das'- Siegel löst, fällt er tot nieder — denn der %ief war ganz mit Gift gefüllt. . ' Als Reb Moses Montefiore dies sah, Heß er gleich einspannen und fuhr weg. Zu Hause .angelangt, begab er sich unverzüglich zur Königin, fiel ihr zu Füßen und er« zählte ihr alles, was ihm zugestoßen war. Die Königin geriet in Zorn und begann Krieg mit Nikolaj. Von da her rührt der Sebastopoler Krieg.