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Die neue Welt · 1930-01-03 · Heft 120 (3.1.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 120 (3.1.1930)
Date
1930-01-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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?Nf,m DIE NEUE WELT Seife 5 JUPISCH1R OBSANOSVERUN Samstag, den 11. Jänner 1930, um halb 8 Uhr abends KONZERT im Industriehaus am Schwarzenbergplatz Mitwirkende: Julius Chaj«« tugeni« Kreittsr Orot« Körner u. a. lediglich der Gegenstand des jüdischen Volkswitzes, des jüdischen Galgenhumors. Das russische Judentum geht auch geistig zugrunde. Die Verfolgung der Religion liegt im Wesen des Sowjetsystems. Die russische Kirche aber verstand es, sich gegen das Sj'stem zu behaupten. Es dürfte in RuHland heute mehr gläubige Russen geben denn je. Kein Glaubensbekenntnis aber wird so brutal, so schonungslos verfolgt wie das jüdische. Die Führer der jüdischen Sektion der Sowjets (Jewsekzia), Menschen, die vor dem Umsturz die letzten in der jüdischen Gesellschaft waren, wollen, wie dies eben der Denkart niedriger Seelen entspricht, das Judentum ihre Macht ganz besonders fühlen lassen. Die jüdischen Feiertage werden zum Gegenstand des Hohns gemacht, jüdische Bethäuscr nach und nach konfisziert, und in Arbeiterklubs, Waffenlagcr. Magazine u. dg!, verwandelt. Die Denkmäler und Grabsteine werden von den jüdisen Friedhöfen abgetragen, die Friedhöfe selbst umgeackert und in Öffentliche Gürten umgestaltet. Die Gräber der Großen in Israel, das Teuerste früherer Generationen, sind verschwunden. Kinder können die Gräber ihrer Väter und Mütter nicht mehr finden. Die Teilnahme an jüdischen Anduchten, das jüdische Gebet wird zu konterrevolutionärer Handlung, zu einem Verbrechen gestempelt. Wer beim Beten ertappt wird, hat den Ausschluß aus der Gewerkschaft und den Verlust seiner Anstelhing zu gewärtigen. Nur Alte, die nichts mehr zu verlieren haben, nehmen am jüdischen Gottesdienst teil. Als der Vortragende bei seiner Mutter und bei seinen Geschwistern in Minsk weilte, wollte er das Pessachfesi feiern, dem Seder beiwohnen. Auf dem Scdertisdi waren Mazzoth und das sonst Notwendige. Unter. dem Tisch lag Brot in Bereitschaft, damit man beim Eintritt eines ungebetenen Gastes (Spions) rasch, die Merk'male des jüdischen Festes verwischen könne. Die Angst um die Existenz ist so groß, daß sich die beiden Brüder nicht an den Sedertisch herantrauten. WKhrend des Festes standen sie abseits, an die Wand gedrückt,' und weihten. Bei der Bedeutung des religiösen Lebens und der mit ihm verbundenen Feste und Bräuche für das russische Judentum kann man sich leicht vorstellen, welche Folgen die Unterdrückung der Religion mit sich' bringt. Immer leerer werden die Bethäuser, einst auch die Stätten des nationalen Lebens. Jede Spur geistiger Regung wird ausgelöscht. HebräischeI Schulen sind verboten. Die wenigen jüdischen Schulen (Chedarim) werden geheim betrieben, unterirdisch im wahrsten Sinne des Wortes. Der Vortragende besuchte einen Cheder. Als er in den Keller hinunterkam, sah er nur einen alten Juden und seine Frou, im Bett liegend. Erst als man ihn als zuverlässig erkannte,, krochen, einige Kinder aus dem Versteck heraus und unter dem Bett wurden die Bücher hervogezogen. Die Jeschiwoth (Seminare) sind ebenfalls verboten. Auf Ueberschrcitungen sind schwere Strafen gesetzt. Trotzdem wird im geheimen und unter unsäglichen Opfern Hebräisch gelehrt. Das hebräische Buch ist fast unerreichbar. Wird es erlangt, so wandert es im geheimen von Hand zu Hand, als Heiligtum. Nicht selten lassen' Männer, die Aemter bei der Sowjetregierung' "bekleiden, ihre Kinder geheim hebräisch unterrichten. Litwakow, der Redakteur des jüdischen Regierungsorganes „Emes", der selbst die meisten einlangenden und beschlagnahmten hebräischen Bücher an sich bringt und liest, ist einer der größten Verfolger der hebräischen Sprache. Er duldet auch keine kommunistische Propaganda in hebräischer Sprache. Hebräisch ist konterrevolutionär. Die' Führer der Jewsekzia sind auch keine Anhänger des Jiddisch. Sie bedienen sich dieser Sprache nur als eines Mittels zum Zweck, in der Hoffnung, daß sie mit der Zeit dem Russischen weichen wird. Das Singen jüdischer Volkslieder ist verboten, jüdische Volkssitte und Gebräuche sind verpönt. Der Verband der Sowjetrepubliken ist ein Nationalitätenstaat. Allen Völkern, auch den kleinsten und unbedeutendsten, wird es möglich gemacht, ihre Sprache zir entwickeln» ihr Volkstum zu pflegen, ihre Volkslieder zu sammeln, sich national auszubilden. Die Juden aber werden auch national im weitesten Sinne des - Wortes unterdrückt. Ini Lenin-Museum ist von. Juden nur das zu sehen, was Nichtkenner des Judentums gegen dieses beeinflussen kann. Die russische Nationalbibliothek hat eine hebräische und eine jüdische Abteilung. Hier liegen die aus ganz Rußland zusammengetragenen Schätze. Es dürfte kaum irgendwo in der Welt eine jüdische Bibliothek von dieser Größe und von diesem Reiehtum vorhanden sein. Die Bibliothek enthält alte Drucke, nur noch in einem einzigen Exemplar vorhandene Ausgaben, seltene Handschriften, ungeheure jüdische Kulturschätze. Früher konnten noch" Gelehrte und Forsdier Zutritt zu den Büchern erlangen. Seit einiger Zeit gesettttauof ,-lr.,cheidddie v, eniatx Seit einiger Zeit gestattet man niemandem mehr den Zutritt. Die Schätze vermodern. Wenn jetzt immer häufiger im jüdischen Buchhandel Raritäten angeboten werden, so scheinen sie ihren Weg aus der russischen Nationatbibliothek genommen zu haben. Audi iu Sowjetrußland wird ausgiebig gestohlen. Alles, was über die Verfolgung des Zionismus in S o w j e t r u fi 1 a n d gesagt wurde, wird von der Wirklichkeit übertroffen. Dei: Zionismus ist konterrevolutionär, daher verbrecherisch und auf seine Verbreitung sind die größten Strafen gesetzt. Trotzdem gibt es Zionismus in Rußland. Seine Leiter und Anhänger, daruuter Kinder, werden verhaftet und in politischen Tsoliergefängnisse verschickt, wo sie elend zugrunde gehen. Sogleich sind neue Leiter und neue Arbeiter da. Entwurzelt, wirtschaftlich und national vernichtet, geistig geknebelt, von Spionen umstellt, welche Juden täglich ins Gefängnis und ins Exil bringen, fristet das russische Judentum ein elendes, dem Verlöschen nahes Dasein. Es fühlt sich von der ganzen jüdischen Welt verlassen und vergessen. Es sinnt verzweifelt nach einem Ausweg aus der russichen Hölle. Ein Millionen volle siecht dahin. Wann, wird der J agder Rettung kommen? Protestaktion des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Aus New York, 16. Dezember, wird gemeldet: Auf Einladung des amerikanisch-jüdischen Kongresses versammelten sich hier etwa 100 Vertreter von 23 jüdischen Organisationen, um gegen die Unterdrückung von Judentum und Zionismus in Rußland zu protestieren und die amerikanische Judenheit aufzufordern, mit der Poem UFA-TON-KINO Wien,U.,Taborstr.H Tel. R-42-3-41 ■wtw Das Filmtheater der guten Gesellschaft zeigt: Ur- und AileJnauffuhrung: Melodie des Herzens mit Dlt« P«NO und Willy FrlUoh Oer erste Ufa-Ton- und Sprechfilm der Erich-Pommer-Produktion varfaBt von Hans Szftkaly. Ragla : Hann* Schwarz Beginn: Wochentag 5, 7, 9 Uhr, Sonn- und Feiertag 3, 5, 7, 9 Uhr. Vorverkauf ab 11 Uhr vormittags. Silberhell bleibt blankes Aluminiumgeschirr beim Reinigen mit SCHICMTS ALUHIN-SODA Verwenden Sie auch zum Kochen und Einweichen der Wäsche nur SCHICHTS ALUHIN-SODA diese entfernt mühelos den größten Schmutz litik des Schweigens gegenüber den Leiden der Juden in Rußland z u b r eclie it. Dr. Stephen W i s e führte aus, die drei Millionen Juden in Rußland bilden das größte Reservoir jüdischer Kultur und jüdischen Wisseus; sie sollen gegen Verfolgung geschützt werden. Es wurden dann Berichte von Leo Glaßman. dem früheren Korrespondenten der Jüdischen Telegraphen- Agentur in Moskau, und Professor M. Kroll in Paris verlesen, in denen die Beschlagnahmungen von Synagogen, Verfolgung von Rabbinern und Rcligionslehrcm, Verhaftung und Deportierung von Zionislen und Unterdrückungreligiöser Uebungen geschildert werden. Das Mitglied des amerikanischen Kongresses Hamilton Fish führte aus, das amerikanische Volk werde nicht länger schweigen, sobald manes über die Verfolgung der Religion informieren wird. Ls sprach dann das Kongreßmitglied Perlmanu. Ks wurde dann eine Resolution angenommen, die den Präsidenten des amerikanisch-jüdischen' Kongresses beauftragt, ein Komitee aus Vertretern des Kongresses und anderer Organisationen zu schaffen, dessen Aufgabe es sein soll, alle Tatsachen über Verfolgung von. Zionisten, Verbot der hebräischen Sprache und Unterdrückung jüdischer religiöser und kultureller Arbeit tu Sowjetrußland zu sammeln und zu prüfen. Das Komitee wird beauftragt, die Regierung Sowjetrußlatuls und alle Völker auf diese Tatsachen aufmerksam zu machen; das Komitee soll allein oder gemeinsam mit anderen Körperschaften jede als notwendig erach'tete Aktion in dieser Angelegenheit unternehmen. 400 Zionisten in Odessa verhaltet. Aus Moskau, 22. Dezember, meldet die J. T. A.: Im Verlauf der vergangenen Woche wurden hier etwa 400 Zionisten aller Richtungen von der G. P. U. verhaftet. Unter den Verhafteten sind auch mehrere Jugendliche, Mitglieder des „Haschomer Hazair" und des Linken Hechaluz. Man nimmt an, daß sich in Odessa keine einzige Person, die irgend eine direkte Beziehung zur zionistischen Bewegung unterhalten hat, auf freiem Fuße befindet. Das geistige Frankreich für den Zionismus. Zionistische Unterlassungen. — Was zu fordern ist. — Die Rolle der christlichen Geistlichen und Kaufleute in Palästina. Durch 'die blutigen Ereignisse ist Palästina auch in | machen köjj nte. Das jüdische Recht ist durch einen Frankreich ein brennendes Problem geworden. Die große und einflußreiche Presse nimmt in ausführlichen Aufsätzen Stellung zu allen Palästina-Ereignissen. In den verschiedensten Kreisen, den politischen, den religiösen, den Salons der grandes Dames, in den, Freimaurerlogen debattiert mau. über den Zionismus, über seine Rolle in der Welfpoiitvk und über seine Aussichten. Soeben hat Justin Godard, Senator, gewesener Minister .und Präsident der Gesellschaft France-Palestine, •einen Zyklus von Vorträgen über seine palästinensischen Eindrücke begonnen. Die Sympathien dieser bedeutenden politischen Persönlichkeit Frankreichs (die im freiheitlich gesinnten französischen Volk große moralische Autorität besitzt) für den Zionismus sind auf tief durchdachten politischeil und soziologischen Beobachtungen gegründet. Seine kurz nach den tragischen Ereignissen angetretene 'Palästinareise hatte die Aufgabe, seine prozionistische Gesinnung auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Der Korrespondent des New Yorker „Jewislr Morning Journal", N. Heranami, hatte mit Justin Godard ' in Anwesenheit von Victor Jacobson, dem zionistischen Vertreter im Völkerbund und Repräsentanten der zionistischen Interessen in Frankreich, eine Unterredung. „Ich habe", erzählt Godard, „ganz Palästina bereist, die Lage gründlich studiert und mit unzähligen Menschen gesprochen. Der erste Eindruck ist, daß das zionistische Unternehmen dauernden Wert besitzt. Die Juden sind dort, wiewohl verhältnismäßig an Zahl noch gering, fest verwurzelt. Kein Sturm wird sie entwurzeln. Die Rahmen eines gut fundierten sozialökonomischen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens, sind deutlich . zn sehen. Das kann auf natürlichem Wege wachsen." „Und das Verhältnis zu den Arabern?" , „Die Zionisten haben leider in dieser Hinsicht Fehler gemacht. Ich will nicht von einem endgültigen Pakt zwischen beiden Völkern sprechen, das ist eine schwere und kpniiplizierte Sache. Aber AuMäningsarbek in arabischer Sprache wäre natürlich notwendig gewesen. ... Die Boykotlibewegung beunruhigt mich. Die, Christen nützen sie aus, um die Handelsvermitller zwischen Juden und Arabern zu werden." „Glauben Sie, daß man den Arabern Koti&eeskmea machen muß?" „Konzessionen? fleh sefoe keirte, die man internationalen Vertrag festgelegt. Die Juden haben ihre Rechte nicht überschritten." „Glauiben Sie, daß die britische Administration der Ansicht ist, es läge im britischen Interesse', daß Juden und Araber sich nicht verständigen?" „Das glaube ich nicht. Die englischen Beamten in Palästina haben sich wahrscheinlich nicht genügend im Lande orientiert. Sie sind geneigt, die Bevölkerung als „natives" zu behandeln, und es wird nicht leicht sein, sie davon abzubringen. Das Colomal-Oftice (Ministerium für Kolonien) schickt die Menschen, die es zw Verfügung hat, und diese haben andere Erfahrungen. Die Zionistisch e O r gani s a t i o n muß in ihren Interve.nt ioneu bei m V ö 1 k e r b,u nd du r ch aai& v e rlangen, daß Pal ä s t i n a als M a n d a t s l a n d dein Fo-reign-Oifi.ee (Ministerium für Aeußeres) unterstehe, wie i n Frankreich das s y. r i s c h e Mandat. Ueberhaupt Hude ich, daß die Zionisten sich In den letzten Jahren ziemlich wenig auf die internationale Politik hin orientiert haben. Palästina ist keine britische Kolonie. Die Zionisten müssen mit ihren bereinigten Forderungen vor den Völkerbund treten und in den politischen Kolonie. Die Zionisten müssen mit ihren berechtigten Forihre Lage darlegen. Es Hegt im zionistischen Interesse, bei jeder Gelegenheit den internationalen Charakter des Palästinaiuandats herauszustreichen, damit nicht nur Englaud, sondern auch seine Beamten in Palästina daraus die Konsequenzen ziehen," „Welche Stimmung haben Sie bei den Christen Palästinas vorgefunden?" „Keine günstige. Die Geistlichkeit ist mit ihren religiösen Interessen beschäftigt, für sie sind die. Juden Ketzer. Uebcr die Lebensart der Juden gehen verschiedene Gerüchte um. Auch hier haben die Zionisten nicht die nötige Aufklärungsarbeit geleistet. Es gibt in den größeren Städten wie in Jerusalem und Haifa christliche Kaufleute, denen die jüdische Konkurrenz unangenehm ist. Und diese rein ökonomischen Dinge diktieren ihre politische HaHuag. Es ist mlf angenehm, konstatieren «u können, daß die oMfeleMen französischen Kreis« den Ausgang der Er- ©ignSsse optimistisch sehen. Besonderefreunde des MiifW,

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