Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 120 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Settel DIE NEUE WELT Nr. 1» Die Makkabäerfeiern der demokratischen Zionisten. Der Festabend im Hotel Conttoentel — Die Kinder« Chanukkafeler. Von dem Gedanken ausgehend, daß das Helden» kapitet der jüdischen Geschichte mehr sei als eine Er» innerung für unser Geschlecht, nämlich ein Mahnzeichen und ein Kampfruf in die Zeit, in der wir Zionisten leben, gestaltete der Verband der demokratischen Zionisten seine diesjährige Makkabäerfeier zu einer nationalen und erzieherischen Manifestation. Der ehrwürdigen Tradition zufolge setzte der Fest* abend mit dem Zünden der Chanukkalichter ein, das der Oberkantor Gerson M a r g u 1 i e s in erhebender Weise vornahm. Diesem Auftakt folgte die Festrede des Chef* redakteurs Julius Löwy, des bekannten und bewährten Publizisten, dessen Name mit den kämpferischen Tenden« zen des Zionismus seit mehr als einem Vierteljahrhundcrt innig verknüpft ist. Was diese Rede über die obligaten Gelegenheits« festreden erhob, war zunächst die Deutung, die er den Heldenkämpfcn der Makkabüer im Rahmen der Weltge« schichte gab. Er verstand es, die Situation zu zeichnen, in der das Judäa benachbarte Volk der Syrer und weiter* hin der Griechen und Römer zu unserem Volk standen, er deckte die Wurzeln bloß, aus denen die Geisteshaltung wuchs, die man damals mit Griechlingen bezeichnete und heute Assimilanten nennt. Der Verfall des Judentums zur Zeit des Antiochus Epiphanes war ein geistiger, ein sittlicher, ein nationaler, ein sozialer. Das Vertrauen zu eigener Kraft war gesunken, die Verderbnis im eigenen Lager war bis an die äußerste Grenze gediehen, das Ver« trauen zu sich selbst gesunken, so daß es den äußeren und inneren Feinden ein leichtes war, das Reich zu Boden zu strecken. Die große Tat des Mathatias und seiner Söhne, vor allem Juda Makkabis, bestand nun darin, die Idee von der eigenen Kraft, von der eigenen Kampfbereitschaft zu verbreiten und alle nationalen Re* gungen zu kristallisieren — zu dem einen Losungswort: frei auf eigenem Boden, Freiheit und Ehre für das eigene Volkl Diesem Gedankenweg liegt nun eine Parallele zur Gegenwart nahe, die Julius Löwy in allen seinen Abzweigungen und Nuancen zeich« nete. Er stellte Bild gegen Bild, Vergangenheit gegen unsere Zeit und mußte so zwangsläufig zu dem Schluß kommen, daß auch unsere Gegenwart eines Makkabi*Losungs\vortes bedarf. Es gilt nicht allein, die Chanukkalichter als Symbol vergangener Heldentage an» zuzünden, sondern in ihrem Schein das heutige Geschlecht aufzurufen — zum Kampf gegen den äußeren und inne* ren Feind. Damit war auch zugleich, als innerer Sinndes Festabends, die Werbeparole des Verban* des der demokratisch e«n Zionisten .gegeben. i i >■'-.■ rt i .-«-.. . i-, \t. / . - . % t " ■ Die Ausführungen des Festredners, der auf den über* füllten Saal einen tiefen Eindruck machte und gewiß sehr viele periphere Zuhörer für die zionistische, Sache gewann, bildeten die Brücke zum künstlerischen Teil des Abends, der ebenfalls durchwegs nationaljüdischen Cha» rakter trug. Der Cellovirtuose und Komponist Joachim Stu» tschewsky brachte Kompositionen neuer jüdischer Musik (Zeitlin, Achron, Tscherniawsky).. in gewohnter Meisterschaft zu Gehör und setzte auf diesem Wege seine Propaganda für die moderne jüdische Kunst fort. Nach einigen Völksliedern, (Brunoff, Ellstem), die Ober» kantor Gerson M a r g u 1 i e s, ein Meister des synago* galen und profanen Gesanges, sang, folgte eine Szene aus Stefan Zweigs biblischem Schauspiel „Jeremias", aus* geführt von dem unter der Leitung Oskar Tellers stehenden Jüdischen Sprechchor, der wiederum seine Wichtigkeit für das Wiener jüdische Kunstleben bewies. Einen ausgezeichneten Geiger lernte man in Max J ä c k e I kennen, dessen Programm (Achron, Bloch) von feinem Verständnis und Geschmack zeugte. Den Ab* Schluß bildete, sich zu Chanukka als zu einem Fest nicht nur der Erinnerung, sondern auch der Freude bekennend, der Sänger M. S a k a s c h a n s k y, der durch den Vor« trag mehrerer jüdischer Volkslieder dem Ernst des Abends Heiterkeit hinzufügte. Die H a t i k w a h, von J. Stutschewsky angeschlagen, von allen Festteilnehmern im Chor gesungen, entließ das Publikum in würdiger, zuver* sichtlicher Stimmung. * Eine wichtige erzieherische Arbeit leistete der Ver* band der demokratischen Zionisten durch die Veranstal* tung einer Kinder*Chanukkafeicr in den „Jüdi* sehen Künstlerspielen". Frau Elsa Nebenzahl schuf ein echtes jüdisches Märchenstück, dazu geschaffen, von Kindern aufgeführt und von Kindern gehört zu werden. Unter der Leitung der Autorin kam eine reizende Auf* führung zustande, die sowohl in der szenischen Ausstat* tung als auch im allgemeinen Arrangement alle Wünsche erfüllte. Der Sinn der Chanukkageschichte wurde in ein Puppenspiel gekleidet, das Gelegenheit gab, den Kindern unsere Heldengeschichte nahezubringen. In einer Art Unterrichtsstunde wurden Erez Israel, die Geschichte der Makkabüer, die Bedeutung der Chanukkalampc und des Davidssterns lebendig gemacht. Dem historischen Puppenspiel ging eine leicht ver* ständliche Festrede des H. David Nebenzahl und das feierliche Lichterzünden durch Munjo Lichtmann voraus. Dem heiteren Spiel der Kinder, die oben auf der Bühne mit rührendem Eifer agierten, unten im Saal mit Staunen und Ergötzen, zuhörten und zusahen,1 folgte eine von den Mitgliedern der zionistischrdemokratischen Ju* gend temperamentvoll. gctaiizte H o r r a h, . die von den Kleinen enthusiastisch, aufgenommen wurde. Lieblich hörte sich zum Schluß die Hatikwah an, welche die Mitglieder der Mädchengruppe der zionistiseh*dem,okrati* sehen Jugend anstimmten. * Beide Veranstaltungen verliefen festlich, würdig und in weihevoller Harmonie, zumal die Leitung alles aufgeboten hatte, um den Feiern einen stilvollen Rahmen zu geben. -. '•' " ' "■■ ■■'.■>'* V- A<:^»JS&^J'!'» 3*Cv..v:j. v'.Tv •','.! MWIIWWIIHI WMMWm»MMM>8< Brlth Trumpeidor Donnerstag, 2. Jännor 1930 7,8 Uhr» Boy Iis eher Mol AUS DEM PROGRAMM: Makkabäerrede: Wolgang v, Weisl; Lichterreigen; Chor-Gesänge; Tanchum (eine Jeschlwah-Szene); Vio>insolo (Ju. Schwarz); Eine Rätesitzung im Sowjet; Die Spieluhr (Parodie auf den Blauen Vogel; Heitere Conference. Karten S W und S 2.— Regle; KawinaNCoeser HHIMHWIIMmmiMIDHOMBtMWaMOWWWMmt1 275 Metallgeschäfte, 250 Farbwarenläden, 2500 Möbelgeschäfte, 150 Läden mit elektrischen Bedarfsartikeln und mehrere tausend Kurzwarenläden und Spezialgeschäfte. Alle diese liegen in den jüdischen Stadtteilen. Schätzungsweise betragen die Ausgaben für den Lebensunterhalt, die mit Hilfe dieser Läden bestritten werden, 373 Millionen Dollar jährlich. Es gibt in New York elf jüdische Theater. In den jüdischen Stadtteilen befinden sich 12 von Juden geleitete Banken mit 50 Zweigstellen und einem Gesamtkapital von mehr als 500 Millionen Dollar, davon 75 Millionen Dollar, die in Sparkonten angelegt sind. „Die jüdische Harte," Die neue jüdische Kleinkunstbühne. Die unter der Leitung von Dr. Oskar Rosenfeld ins Leben gerufene jüdische Kleinkunstbühne „Die jüdische Harfe" bat Sonntag, den 29. Dezember in den „Jüdischen Künstlerspielen" den ersten Schritt in die Öeffentüchkeit getan. Es war ein fruchtbarer Gedanke, dem jüdischen Volkslied einen Interessentenkreis zu schaffen. Alle Völker lieben ihre Lieder, pflegen sie und singen sie. Das Schicksal des jüdischen Volksliedes ist überaus traurig. Im Osten, in Rußland, von wo es ausgegangen, ist es verstummt. Jede Seelenregung der Juden gilt als konterrevolutionär, daher als Verbrechen. Zum Glück hat eine Reihe von Musikern die jüdischen Volkslieder gesammelt und aufgesdirieben (Sdütomirsky, Kipnis u, a.), so daß ein wertvolles Material vorliegt, das die Wiedergabe ermöglicht. In der die Vorstellung eröffnenden Conference hat Di'. Oskui Hohenfeld die Aufgabe dyr „Jüdischen Harfe" umrissen, ausgehend von der Idee, daß das jüdische Volkslied die Kraft in sidi habe, den gejüdelteri Gaisenhauer aus dem Theater, dem Kabarett und der jüdische« Stube zu verdränge». Dazu konjmt hier noch der Umstand» dafl die Lieder in einen ssf^jals^jen Rahmen gestellt und ihre tharakterist^dien Me^wale durch Maske und Kostüm unterstützt werden. Derart kommt eine zyklisdie Einheit zustande, die ein musikalisdies, szenisches und ihythmisdies Ganzes ergibt. Die drei Zyklen waren in dieser Beziehung harmonisch abgerundet. Die „C h a s s i d i s c h e n L i ed e r" verlebendigten die Verbundenheit des religiösen, philosophisch eingestellten Menschen mit Gott. Die Uebergänge vom chassidischeu Chor zu den einzelnen Soli (Menasclie, Die alte Kasehe, Ghaas-ldischer Nigun auf der Geige) bis zum Chorabschluß ergaben ein stimmungsvolles Bild. Der zweite Teil des Programmen umfaßte die sogenannten Bai Gole-Lieder, jüdische Schenken- und Trinklieder, wobei die populären Melodien wie ,,Schiker is a goj" und „L'chajim brider" ganz unerwartet neue Schattierung und Gestaltung bekamen. Ins intime Leben des jüdischen Kleinbürgers und Handwerkers führten die „Lieder des jüdischen Schneiders", besonders anheimelnd das alte Wiegenlied „Rozinkes und mändlon" sowie „Ot asoj neht a schneyder" und die „Jontewdige teg". Durchwegs neu war die szenische Umrahmung, die D. Szaf renk© geschaffen hat: neu in der Einteilung der Raum Verhältnisse, in den technischen Details und in der Bildung von Symbolen. Die musikalische Leitung war dem Kapellmeister J. Brandmann anvertraut, der mit Delikatesse und feinster Einfühlung die Gesänge untermalte. Die Lieder selbst brachte der Rigaer Sänger und Sohauspieler M. Sakaschansky in plastischer Manier und reicher Modulierung zur Geltung. Er hatte die Hauptlast der Vorstellung zu tragen. Wertvolle Mitarbeiter waren die jungen Talente M. S c h n e l d o w und Lonek h i e b g o 1 d, die 'in den beiden Schneidergesellen lebenswahre Typen, schufen. Frl Rose M«ra holte sidi flir.den Vortrag des Wiegenliedes einen Separatapplaus. Als echt jüdischer Geiger erwies sich wieder der Virtuose L. e i b o w f 1S e h, Da diß „Jüdische Harfe" mit Emst und Liebe ah der Arbeit ist, kann mau noch viel Schönes von ihr erwarten, ' -~»»— Misk H i In Porzellan- und dlasservlcan Kaffeeservice Ia ....... S 9.90 Tafelservice Ia ........ t 30.50 Chinasilberaufsatz......t 0.90 Likörservice.........f S.SO GOTTFRIED, u., taborstrassiei WM5M Der Untergang des russischen Judentums« Von Daniel Persky (New York). Der hebräische Schriftsteller und amerikanische Journalist Daniel Persky weilte während des letzten Jahres mehrere Monate in seiner früheren Heimat Ruflland. Er gewann tiefen Einblick in das Leben der russischen Juden. Ueber seine Beobachtungen hielt er vor kurzem im „Verband der demokratischen Zionisten Oesterreichs" einen überaus interessanten, durch Inhalt und Darstellung fesselnden Vortrag, der das traurige Bild von der Lage der russischen Juden enthüllte. Die Darlegungen des Vortragenden beanspruchen um so mehr Beachtung, als er selbst für den Kommunismus Sympathien hegt. Im wesentlichen führte D. Persky aus: Die russischen Juden waren bis zum Entstehen der Sowjetstaaten hauptsächlich in Handel und Gewerbe, in der Industrie und in freien Berufen tätig. Das System Sowjetrußlands rottete diese Berufszweige fast gänzlich aus. Der Hauptteil der Judenschaft wurde also erwerbslos. Die Enteignung der Fabriken, Häuser und sonstiger Güter verschärfte die Not und das Elend. Eine Umschichtung ist unmöglich, weil man ehemaligen Kaufleutcn und Industriellen unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg legt, wenn sie zur Arbeit in den Fabriken zugelassen werden sollen. Die Süude, Bourgeois, Kapitalist gewesen zu sein, wird nie verziehen. Sie finden keine Aufnnhme in den Gewerkschaften, sie bekommen keine Beschäftigung, sie erhalten weder Wohnung noch Brot noch Karten für den Bezug von Fleisch und sonstigen lebenswichtigen Waren, für welche im Sowjetstaat ohne Bezugschein unerschwingliche Wucherpreise bezahlt werden müssen. Auf diese Weise außerhalb der Sowjetgesellschaft stehend, sich selbst völlig überlassen, versinken die Juden in Elend und Not. Die russischen Juden waren schon früher b»; Handwerk stark vertreten. Nun wendeten sie sich noch, in stärkerem Maße dieser Beschäftigung zu. Die ulten und neuen jüdischen Handwerker (Kustary) organisierten sidi in Gewerkschaften. Bald aber wurde den Kustary das Redit zur Bildung von Gewerkschaften abgesprochen. Da es außerhalb der Gewerkschaften kein Bürgerrecht und kein Recht auf Arbeit gibt, wurde ihre Existenz verniditet. Der neue fünfjährige Wirtschaftsplan tilgt den letzten Rest freien Handels aus. Täglich kann die Sperre jedes Geschäftes erfolgen. Ueberdies macht die horrende Teuerung das Resultat des Handels zunichte. Alte jüdische Frauen, die auf dem Markt Kartoffeln oder Obst verkaufen, deren ganzes Kapital 50 bis 40 Rubel ausmacht, werden zu den Nep-Leuten gezählt und mit einer Jahressteuer von 600 Rubeln belegt. Die mit soviel Reklame in die Welt posaunte jüdische Kolonisation, welche die beruf- und mittellos gewordenen Juden in die Landwirtschaft verpflanzen soll, stellt in Wirklichkeit eine neue Art der Verelendung dar. Der Vortragende reiste nicht, wie die meisten Journalisten es tun, angesagt, in Begleitung von Beamten und auf Kosten der Leitung der Kolonisation. Er begab sich allein in die Kolonien. Er fand die Kolonisten in Fetzen gehüllt, bmvtuB. Das Ergebnis der Ernte muß zu lächerlichen Preisen au die Staatswirtschaft abgeführt werden, Pia Kolonisten selbst müssen sich, wie alle andereni im nächsten Städtchen um Brot anstellen, Vielleicht deü sie ein Stüde Brot für sich verstecken, aber sonst leiden sie Hunger, Besteht schon dieser Zustand in de» Kolonie» der Krim und der Ukraine, die so viele Millionen jüdischen Volks Vermögens verschlungen haben, so glaubt n i e ra a n d an des Gelingen der neu«» Jndenkolonisatiou in Biro-Bidschan am Amur. Sie ist GtCHNIUTALIIROL Schntll*ua»UUon 8t«ln*«h un 9r«mwr WunöMwWJnw SkigtMn* rqlt ■ßwtitt* S?hnMv»rti|ltni»Mnvftn NIKt Dmmtotr blt End« mrz. SMkww», Rpdjlbtlw, Sto laufplats. Bih«9H«h« AuftfliMt im .' MOTEL UND PCMlIOri TMNfE&HOF 1314 m g, 4, Mi| In wnnlgtr U9*i ** baut, mrttm und gMBtgtn «lnf«ta*t»fc •9 (fettem flliMndM KUV wrt Warn» wMMTt Ztntrvthiiwny wi Mtot Ent« kltMlfl« Wiiw Ktiehtt Ptniteni pr»I» tb m, 7.W- M V«rtwftn PWiW*