Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 119 (25.12.1929)
- Date
- 1929-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 119 An den Genossen Stalin« Brief eines alten Juden. Dieser Brief zirkuliert in Sowjetrufiland in vielen Tausenden Exemplaren. Die jüdische Berliner „Centralvereins-Zeitung" bringt die von Dr. Fritz Reuel abgefaßte Uebersetzung dieses interessanten und charakteristischen Dokumentes. Genosse Stalin! Sie sind bekanntlich ein großer Antisemit und ich nur ein kleiner Jude. Gerade deshalb, denke ich, werden wir uns gut verstehen. Im Alter von 16 Jahren verabreichten mir Glaubensgenossen eine solenne Tracht Prügel. Am heiligen Sabbat war ich in der Hauptgasse unseres kleinen Ortes mit einem Spazierstöckchen in der Hand auf und ab stolziert. Nachdem ich dafür besagte Hiebe bezogen hatte, lief ich spornstreichs in den einzigen christlichen Kaufladen, erstand ein Stück Schweinespeck und verzehrte es vor aller. Augen. Das hatte zur Folge, daß mir schlecht wurde (denn ich war an Speck keineswegs gewöhnt) und daß ich meine Heimat Hals über Kopf verlassen mußte. Ich riß nach Kiew aus und wandte mich endgültig ab von unserem alten Judengott. Mit dem Christengott machte ich später ähnlich unliebsame Bekanntschaft, als die Mönche vom Potschaeffkloster Pogrom predigten. . . . Nun zu der Moral von der Geschichte: 30 Jahre lang habe ich keine Synagoge mehr gesellen. Heute gehe ich wieder hinein. Und zwar von dem Augenblick an, als den Juden meines Stadtteils ihr altes Bethaus weggenommen wurde. Man hat sie darum gebracht unter dem Vorwand, es zu einem Vereinshaus für jüdische Arbeiter umzubauen. Als sich der Architekt die Sachlage ansah und sagte, der Umbau sei nicht zu bewerkstelligen, da riß man Böden und Decken heraus, machte Brennholz davon und aus den stehengebliebenen vier Wänden einen Vi eh st all. Als unter meinen Augen Ihre Obrigkeit mit dem Viehstall fertig war, Genosse Stalin, da ging ich, der Ungläubige, der Gottlose, von Haus zu Haus und sagte: Hört mich an, Ihr Juden! Ihr müßt euch selbst respektieren. Wir müssen Geld sammeln für eine neue Synagoge. Wir taten es. Wir haben wieder eine Synagoge, und ich gehe in diese neue Synagoge. Und wenn mich junge Leute fragen, die in dem Alter stehen, in dem ich sabbatlicherweise mit dem Spazierstöckchen herumstolzierte und aus Wut' Schweinespeck aß — wenn mich also die jungen Leute nach Gott fragen —, dann sage ich ihnen: Ehrt den Gott der Juden, ehrt den Gott der Christen, ehrt den Gott der Moslims! Seid gläubig öder seid ungläubig, aber seht ein,daß man einen verfolgten Gott unbedingt verehren muß. Ich bin ein alter Jude, ein Arbeitsmann und habe viele russische Bekannte. Viele von ihnen waren ungläubig wie ich. Sie gingen nicht ins Gotteshaus und machten sich nichts *äus der Geistlichkeit. Heute gehen sie in die Kirche wie ich in die'Synagoge, geben Geld für Kirchenzwecke und begegnen den Geistlichen mit Achtung. Ein paar Worte über meine politische Einstellung. Was wird die politische Ueberzeugung des jüdischen Arbeiters sein, der Bücher und Zeitungen liest? Ich war zur Hälfte Bundist,, zur Hälfte Bolschewik. Ich stand mit jedem Bein mitten auf gutem Grund, haßte die Kapitalisten. Aber Ihre Herrschaft, Genosse Stalin, zwang mich, die Kapitalisten zu bedauern und zu achten. Unter meinen Bekannten sind gebildete Leute. Ich weiß wohl, auch sie haßten schon immer die Großkaufleute und großen Bauern. Heute achten wir beide. Ich will Ihnen auch verraten, warum das so kam: deshalb, weil der Verfolg tedas Rechti mm eraufseinerSeite hat. Als ich wegen des Spazierstocks am Sabbat meine Hiebe bekam, da war das Recht auch auf meiner Seite. Und als die Regierung später die zu schlagen begann, die mich verhauen hatten, da trat das Recht auf deren Seite. Ich kenne Gefährten, die, wie ich es eben tue, sich schriftlich an Sie gewandt haben. Sie sitzen alle im.Irrenhans. Offenbar lautet Ihre neueste Verfügung: derartige Schreiben sind zu vernichten und ihre Verfasser ins Irrenhaus zu sperren. Deshalb werde ich dieses Schreiben nicht in den Briefkasten werfen. Ich gebe es Freunden. Sie werden es abschreiben, vervielfältigen, ihren Freunden zustecken, und so wird es, bis zu Ihnen gelangen, und die ganze Welt wird wissen, was der arme alte gottlöse Jude sehreibt. Ich würde diesen Brief natürlich gern mit meinem Namen unterschreiben und meine Adresse beifügen, damit jeder nachprüfen kann, daß ich wirklich Jude, wirklich Arbeiter, wirklich Atheist bin. Aber lohnt es sich, für diese Genugtuung zu riskieren, wie meine Freunde ins Irrenhaus zu wandern? . . . Ein alter Jude. Ein Angriff auf eine jüdische Siedlung. Ueberfull durch ukrainische Bauern. Aus Moskau meldet die J, T. A.: Die.antisemitisch aufgehetzte Bauernschaft des Dorfes Romanowke in der Nähe von Berditschew hat sich mit Gewalt des gesamten Bodens der jüdischen Kollektivsiedlung „Freiheit" im Umfang von 30 Hektar bemächtigt. Als die jüdischen Kolonisten Klage beim Rayonssowjet einreichten, , DIE NEUE WELT Seite 5 CESCHKÄ HÖT entschied der Sowjet, daß der geraubte Boden nicht den. Juden und nicht den Ukrainern gehöre, sondern B edürfnissen des Staates reserviert bleiben soll. Die jüdischen Siedler appellierten an die übergeordnete Behörde, die eine strenge Untersuchung und Bestrafung der'Schuldigen in Aussicht stellte. Weihnachtsfische Seefische — lebende Karpfen in bester Qualität bei der NORDSEE" v, 37 Filialen Das Kollektiv „Freiheit" " im Dorfe Romanowke zählt heute 20 jüdische Familien, von denen jede ein-; einhalb Hektar Boden bearbeitete; es besteht seit dem- Jahre 1927. ' ■• ' ': "';'■"' - 400.000 Juden in der Ukraine ohne Existenzgrundlage. Auf der gegenwärtig in Moskau stattfindenden Tagung der jüdischen kommunistischen Sektionen in der Sowjetunion wurde berichtet, daß 143.348 jüdische Familien in der Ukraine mit 400.346 Seelen ohne wirtschaftliche Existenzgrundlage sind. Auch nach Verwirklichung des fünfjährigen Iridustriajisierungsplanes der Regierung werden etwa 120.000 jüdische Familien ohne Existenzgrundlage bleiben. Gemäß diesem fünfjährigen Arbeitsplan sollen im ganzen 8000 jüdische Familien der Ukraine auf dem Lande angesiedelt, 4000 Familien in Produktionsgenossenschaften zusammengeschlossen und 5000 Familien in den Fabriken als Lohnarbeiter eingestellt werden. Die Tagung berät übqr Pläne, betreffend Besserung der allgemeinen Wirtschaftslage der Juden in allen Teilen der Sowjetunion; den hierüber zu fassenden Resolutionen sieht man mit starkem Interesse entgegen. V Es wurde mitgeteilt, daß gegenwärtig in . deu Moskauer Fabriken zehntausend jüdische Arbeiter beschäftigt sind. i V Die Arbeit der ünte^ Araber für die. jüdische Sache. — Erpressungen des Mufti. Qberrabbiner Kook vor der; Kommission« . Jerusalem, 15. Dezember. Am 13."Dezember erschien vor. der Untersuchungskommission der .Oberra'bbiner. der .askeniasischen Judenheit.. Palästinas, Rabbi Abraham Jizchak Kook, um sich über die mit der Untersuchung zusammenhängenden religiösen. Fragen, .wie die Bedeutung der K'Iagemauer für das religiöse Judentum, die Tischa b'Aw-Trauer und das Sc'hofarblasen am Jörn Kippur, zu äußern. „Die Wahrheit ist nicht schamhaft und nicht furchtsam'', begann Oberra'bbiner KoQk seine Aussage, indem IEDER ZUGEHÖR Hochwertige französische Strickgumrnlteüe OUMMIWARENHAUS „ALPHA" ■» ADLERQ. g M er sieh auf einen Ausspruch der jüdischen Weisen stützte. „Ich kam zu dem Gerichte", fuhr er fort, „obwohl die .Herren von der Kommission bereit waren, zu mir zu kommen; denn es ist meine Gewohnheit, alles was ich zu sagen habe, vor aller Oef f entlichkeit zu sagen. Außerdem hatte ich das Empfinden, daß man Richtern Ehre erweisen müsse; sogar der Hohepriester erschien persönlich vor Gericht, wenn er von den Richtern geladen worden'war." \ In dem weiteren Verlauf seiner Aussage .erklärte Qberrabbiner Kook, die Behauptung, daß die Juden sich des Gebietes der Omar-Moschee bemächtigen wollen, sei absurd; schon darum, weil solche Absichten mit dem jüdischen Glauben nicht übereinstimmen. Juden, die sich zur Jüdischen Religion bekennen, dürfen der religiösen Vorschrift gemäß ihren Fuß nicht auf das Temipelgeibiet setzen,-weil dieses Gebiet, das jetzt von der Omar-Moschee '.eingenommen wird, heiliger Boden ist. 1 „Das Rabbinat", erklärte Oberrabbiner Kook .'weiter,' „erbringt kein dokumentarisches Beweismaterial zur . Begründung der jüdischen Rechte an . der K'Iagemauer, . weil diese Rechte nur allzu gut begründet sind. Wollte man für diese jüdischen Rechte einen dokumentarischen Beweis liefern,, so würde dies so aussehen, als wenn man eine Kerze hochhält, u'm das Licht der Sonne zu verstärke n." Die weiteren Antworten von Rabbi Kook lassen sich in folgendem zusammenfassen: Das palästinensische Oberrabbinat ist wohl im Besitze von Dokumenten, die die Berechtigung der jüdischen Ansprüche, an (Jer Klagemauer ihre Gottesdienste abhalten zu dürfen, hinreichend dokumentieren, aber das Oberrabbinat hält es im Prinzip nicht für notwendig, diese Ansprüche zum Gegenstand einer Diskussion technischer Terminologie zu machen, weil ja die gesamte zivilisierte Welt weiß, daß die Klagemauer die heiligste Stätte der Judeh.das weiteste Gefäß jüdischer Tränen sei. Sir Boyd Merriman verlas die Erklärung, die der Oberkommissär Sir John Chancellor in der Sitzung der fünften Session der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes, die kurz vor Ausbruch der Palästinaunruhen in Genf stattgefunden-hat, abgegeben hat und in der Chancellor ausführte,' das Klagemauerproblem könne sofort gelöst werden, wenn sich nur die moslemitischen Behörden entschließen wollten, das Gebiet vor der Klagemauer den Juden zu verkaufen; die Juden hätten bereits eine entsprechende Summe zum Erwerb des' Platzes zur Verfügung. Oberrabbiner Kook erklärte, er höre zum erstenmal von dieser Erklärung Chancellors. , Zweimal im Verlauf seiner Vernehmung kamen dem Oberrabbiner Kook die Tränen in die Augen. Das erste Mal war es, als er über das Begräbnis des