Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 119 (25.12.1929)
- Date
- 1929-12-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711735--1566-2714793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seife 4 DIE NEUE WELT Nr. 119 KOHLE »»KOKS ANTHRACITÄ höchster Qualität SlfeiSS B ASCH, IV. Taiaahnn |wK5w ArejanUnierstraB« 28 towpwo» j^f.a.flf Die Exzesse der rumänischen Studenten. Ein Minister für die Prügelfreiheit, Die Ausschreitungen der CuwStudentan in Jassy, über die unten berichtet wird, sind in der rumänischen Kammer zur Sprache gebracht worden und die Regierung hat wieder, wie schon nach Crajova ihre Sympathien für die Ivxzedcnten ausgedrückt. Damals hatte am 6. De» zember der Unterrichtsminister Costaehescu erklärt, Pnltt HoiipttDle In Porieilan* und QJa*serviceit Kaffeeservice Ia.......S 9.90 Tafelservice la ....... .$ 39.50 Chinasilberautsatz ...... S 9.50 Likörser vi e ........$ 8.50 GOTTFRIED, II., TABORSTRASSS 61 lieben und Existenz einer Minorität richtet, unter den behördlichen Schutz geste/t. Der jüdische Deputierte A i s c h e r nagelte dies sofort an. Der Minister sah sich gezwungen, seine Aeußerimg zu erklären. Und zwar so: „Ich habe nicht gesagt, daß ich die antisemitischen Agitationen für berechtigt finde, ich habe bloß ge* sagt: in einem Lande, in weichem die konstitutioneile Freiheit herrscht, haben alle politischen Par* teien das Recht, ihre Programme zu enU falten. Wir können Bürger njeht daran hindern, sich zu einer beliebigen politischen Ueberzeugung zu bekennen." Das ist ein Spiel mit Worten. Der Antisemitismus ist nicht als politisches Programm zu werten. Er ist die Deklaration der Gesetzlosigkeit und der Aufreizung. Die Regierung des Herrn Maniu wird immer interessanter... D?e Vorgänge in Jassy, Barbarische Szenen. In der rumänischen Kammer interpellierte der jüdische Deputierte Joseph Fischer die Regierung we« gen der Studentenexzesse in Jassy. Er berichtete, daß nach der Vorlesung des Prof. Sumuleanu die jüdi* sehen Hörer dieses medizinischen Kursus plötzlich von ihren christlichen Kollegen überfallen und mit Holz* stücken, die aus dem Vorzimmer geholt wurden, blutig verprügelt wurden. Sämtliche Türen wurden abgesperrt und bewacht, so daß kein einziger jüdischer Student flüchten konnte. Die verprügelten Studenten wurden dann durch die Fenster aufs Pflaster geworfen, wo viele bewußtlos liegen blieben. Der Gerichtsarzt stellte die Verletzungen fest, die Namen der Studenten, die die Mißhandlungen verübten, sind den Behörden mitgeteilt worden. Während sich, führte Abg. Fischer weiter aus, diese; barbarischen Szenen abspielten, ereigneten sich folgende Vorfälle: 1. Prof. Sumuleanu, in dessen Anwesenheit die jüdischen Studenten verprügelt wurden, tat nicht das •geringste, ,um d,ie .Ausschreitungen zu verhindern, 2. I einig? /jüdische Studenten, die flüchten konnten, kamen; später zu Sumuleana und baten ihn, daß er Veranlassung : treffe, daß die Mißhandlungen aufhören. Darauf antwor* tet? Sumuleanu: „I hr j ü d i s c h e n Studenten ha» bet mehr Mut, verteidigt euch selbst l" 3. Prof. Sumuleanu versetzte einem jüdischen Studenden eine O h r f e i g c, als dieser auf die Frage des Pro* fessors, ob er sich nicht schäme, Jude zu sein, geantwortet , hatte, er schäme sich nicht, 4- Der Angestellte des Labo* ratoriums Poppern hinderte eine Studentin, die einem bewußtlos zusammengebrochenen jüdischen Stu* denten Hilfe Jeisten wollte, dies zu tun, Wegen der Studentenausschreitungen in Jassy hat Nahum Sokolow* der gegenwärtig in Rumänien weilt, seinen für Jassy gepUnten Besuch abge* sagt. Das jüdische Gemeindegesetz in Jugoslawien« Von Dr. Isaak Alkalay, Der GvoQrabbiner von Jugoslawien Dr. Isaak AJkalny äußerte sich in einem Gespi.\ir:lt mit dem Veitivlcr der Jüdischen Telegraphenagcntur über die Bedeutung des neuen Gesetzes für die jüdische Religionsgemeinschaft in Jugoslawien, das nach des? sen Unterzeichnung durch König Alexander soehen in Kraft getreten ist. Wir haben viel mehr erreicht, als wir' erwartet haben. Die jüdische Religionsgemeinschaft Ut den üb? rigp« Religionsgemeinschaften des Landes vollkommen gleichgestellt, und keine, der Rechte, seien sie mnterieli ler oder moralischer Natur, dip der .dominierenden Rpligionsgemeinschaft, der serbischen orthodoxen Kirchen, zugestanden worden sind, sind uns vorenthalten j worden. Der Status der jüdischen Glaubensgemeinschaft j in Jugoslawien war bisher nicht einheitlich, geregelt, In i den. einzelnen Gebieten. des Königreiches galten -die JJev!, Stimmungen/ jener.Länderj denen die betreffenden Qev •{ biete vor dem Krieg' angehört hatten.: In Serbien selbst; war dieser Status niemals geregelt worden. Die Regierung Zivkovic, die vor kurzem das Verhältnis zwischeh dem Staat und der serbischen orthodoxen Kirche gesetzlich geregelt hat, hat die in diesem Gesetz zum Ausdruck gebrachten Grundsätze nun auch gegenüber der jüdischen Religionsgemeinschaft angewandt. Das neue Gesetz bestimmt, daß die Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft in Jugoslawien in Kultusgemeinden organisiert sind. Die orthodoxen Kultusgenieinden schließen sich zu einer Vereinigung or thod oxe r Ku 11 u sgem e i nd en, die ijbrigep Gemeinden zu einem Verband jüdischer Kultus g e m ein den zusammen. Alle diese Institutionen haben Anspruch auf ständige staatliche finanzielle Zu-' Wendungen, und auch die p o 1 i t i s c h e n V e r w a 1t u n gs g e m e i h d e n; die in ihrem Budget ständige Unterstützungen für religiöse Zwecke vorsehen, müssen auch die jüdische Kültu'sgemeihde mit einer entsprechenden Subvention bedenken. Alle Institutionen und Organisationen der jüdischen Religionsgemeinschaft genießen Steuer- und Portofreiheit. Die staatliche Hauptkontrolle kann fallweise^ die Ausgaben der Kultusgemeinden und ihrer Verbände einer Kontrolle unterziehen; Sonst genießen sie vollkommene Autonomie. Das geistige Oberhaupt der jüdischen Religionsgemeinschaft in Jugoslawien ist der Gvoßrabbiner, der den Sitz in Belgrad hat. Die Bezüge des Großrebbiners, die denen eines Bischofs;gleich;sind, werden yo m /Stast he* z a h 11, und auch die Ruhegelder fallen zu tasten des Staates, Der Großrabbiner ist der Vorsitzende sowohl der orthodoxen als auch der neojogen Rabbiuepsynode, deren Mitglieder von den RabbinerversamniJungen gewählt werden. daß weder die Regierung noch die Universität sich in das Studentenleben einmengen. Die Regierung unterstütze nicht die Kongresse. Aber schon aus gast* freundlichen Rücksichten mußten die Studenten von Vertretern der Behörden empfangen werden, wie auch Vertreter der Behörden an alten Kongressen teil« nehmen. Eß gibt manche Leute, die sich gefreut hat* ten, wenn während des Kongresses einige Scheiben eingeschlagen worden wären. Diese Leute bedauern es sehr, daß wir ihnen zu Verleumdungen keine Gey jegenheji gegeben haben. Die rumänischen Studenten haben dies nachgeholt und in Jassy jüdische Hörer verprügelt, wobei an der Spitze der Heldenscharen der Universitätsprofessor Su« Settfeöcrn umfonft kann kein Mensch liefern, hingegen kaufen Sie bei uns. ^Tf Orig. böhm. Bettfedern s§& J schpnvonS 1.20 per Kilo, Provinzversand. srf* MöbefV alter Art; ßettwaren und Kindßrwaflen besonders billig — Mitglied tter Ka-Oe-We '■,—?— EisIerNachf.. Wien Ii. Prawafie 45 m U19 a n u sich hervortat. In der Kammer wurde inter« pelliert und der Minister Cpstachescu erwiderte, er müsse feststellen» daß die Vorwürfe gegen diesen Professor um begründet seien, denn er könne sich nicht vorstellen, daß ein Universitätsprofessor Studenten zu Exzessen an» eifern werde. Einq Untersuchung ist also nicht durchge* führt worden. Dagegen erklärte der FinanzmimstQr M a d? gearu: '■• ■■■>..■/ .;' „Antisemitische Agitation darf' im Lande betrieben werden, wenn sie sich nur auf mündliche Propaganda beschränkt. Denn im einem. Lande der Freiheit dürfe man das gesprochene und geschriebene Wort nicht « \ ' <- beeinträchtigend . " * Die mündliche Propaganda bestand;ri'iri 'trü^ejn ypri, Wehrlosen und. sq.. wird eine. Agitation, die sich" gegen NEUEROfFNErE REICHHALTIQE MODERNE LEIHBIBLIOTHEK PER BÜGHERSTUBE M. RATH W I i N, II., TABORSTRASSI Nr. 20a fEL.: R-43-1-58.k ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN NÜSBRAIKA UNO JUDAIKA! MONATSGEBUHR NUR S3- KEINE BANDGEBÜHR 1 TÄGLICHER UMTAUSCH I rige Frage zu beantworten versteht. Einer aus dem Kreis erhebt «ich, zitiert eine Stelle aus dem Talmud, vertieft sich in das Thema, findet immer wieder eine neue Auslegung! predigt mit großer Begeisterung und läßt seinen Scharfsinn glänzen. Von all den schönen und verwickelten Dingen hab' ich nur das eine verstanden: .Heiden hatten den ganzen Vorrat au Oel, das sich im Tempel befindet, verunreinigt und nachdem die Hes* inonäer sie besiegt und verjagt hatten, fand man bloß einen einzigen Krug Oel, der mit dem Siegel des Hohepriesters versiegelt war. Der Vorrat konnte nur für einen Tag reichen. Da aber geschah ein Wunder — und das Oel reichte für volle acht Tage.' Weil ich aber an diesem Abend sehr erregt war und das Chnnukkafest zu meinen liebsten Festen gehört, platzte ich, obwohl ich ein kleiner dummer Junge war, in aller Einfalt und ohne Furcht vor dem Vater und vor den fremden langbärtigen Männern heraus: „Was ist daran? Daß der Krug für acht Tage ge* reicht hat, ist gar kein Wunder. Hätte er für ein ganzes Jahr gereicht und Chanukka würde ein ganzes Jahr d&uern, das wäre ein Wunder! Dann wäre man den Melamed mit seinen Ohrfeigen und Nackenstößen für immer los Ich hatte kaum zu Ende gesprochen, als mein Vater mir eine mächtige, schreckliche Ohrfeige versetzte. „Esel duI Denkst nur uns Faulenzen. Das könnte dir passen, den ganzen Tag müßig herumlaufen wie ein Christenjunge! Du willst wohl als Goj aufwachsen!" Sp schrie mein Vater und ich hätte gewiß noch einen zweiten Schlag übers Gesicht bekommen -~ aber da. geschah mir ein Wunder, Von der ersten Ohrfeige fiel mir die Kappe vQih Kopf, Bevor ich mich zum Aufheben bücken konnte, mußte ich mir doch den bloßen Kopf mit dem Rockende zudecken. Inzwischen aber hatte sich der Zorn meines Vaters gelegt... Worüber 'lächelst du, Isaak, machst dich wohl lustig über mich!" „Im Gegenteil. Ich sehe jetzt ein, wie Ungerecht ich mit meinen Einwänden war, und darum hab' ibh gelächelt." „Du kannst es mir glauben, lieber Isaak: Pu bist immer ungerecht, wenn du mir derlei Dinge vorwirfst. Und weshalb? Weil du ein reuiger Sünder bist. Und in jedem reuigen Sünder steckt ein Fanatiker, der an den anderen etwas auszusetzen hat nind außer sich ist vor Freude, wenn er an seinemsNä^b^teri"*- und 'sei's* sein Vater oder sein Großvater oder sori^ jemand1 vom älteren Jahrgang einen Mäkef 'indfet^Nxemand gerät wegen jeder - Kleinigkeit in solche- Aufregung, niemand , ist so unduldsam, wie ein reuiger Sünder. Und weü jede-Nachsicht ihm fremd ist, meiden ihn alle und wollen nichts mit ihm zu tun haben," --, ,/x „Iis würde sich aber gar nicht lohnen", setzte Scbmul fort, ,,jene Ohrfeige zu erwähnen, wenn sie mich nicht gründlieh geändert und auf neue Oedanken gebracht hätte." „Laßt doch euren Streit auf ein andermal", mischten sich die Gäste ein, „und erzählt die Geschichte zu Ende," „Kurzum: die Ohrfeige, die ich damals von meinem Vater bekam, ist nicht ohne Wirkung geblieben. Das ganze Gespräch über Chanukka, der Zorn des Vaters und die unerwartete Ohrfeige, all das prägte sich mir tief ein und brachte mid» seit meiner früheste« Jugend dazu, mich unausgesetzt mit der Frage: ,Was iat Chanukka?' zu beschäftigen. Anfangs wußte ich wie alle Jungens nur, daß man am Chanukka ins Morgengebet den Absatz »AI hanissiro" einfügt, und daß es darin heißt: ,In den Tagen des Mattatbias, des Senne? joebanaans, des Haa« < raonäers und seiner Söhne, der Priester, erhob sich das böse Reich Jonien gegen das Volk Israel, um es ssu zwingen, der heiligen Thora untreu zu werden- Und der Ewige, gepriesen sei er, tat ein Wunder und überlieferte die Starken den Händen der Schwachen, die Bösen den Händen der Frommen, die Mutwilligen den Händen der Thoragetreuen. Dann reinigte man den Tempel, zündete Uchter an und führte die acht Tage Chanukka ein-' Das legte ich mir so aus; die Starken sind die Jowunim (Jonier Griechen), die Schwachen aber —- Mattathias; mit seinen Söhnen und die übrigen frommen Juden, die; Gebet- und Lernbeflissenen wie die heutigem Melamdim und Rebbonim, die den ganzen Tag im ßeth^Midrasch hocken und Thora lernen. Die feindliche Partei ist wohl mit Waffen und Streitrossen in den Kampf gezogen, wir aber mit Buße, Gebet und müden Werken. Daß es aber einen Jude Makkabi gegeben hat und seine Brüder und daß sie tapfere Helden gewesen sind, hatte ich damals noch nicht gewußt, denn mein Melamed erzählte mir niemals ein Wort davon. Und als ich später bei uns »u Hause hörte, wie wieder einmal die Frage ,Was ist Chanukka?' besprochen wurde, sagte ich mir, daß die Geschichte, die im Gebet „AI hanissim' erzählt wird, nicht ganz klar ist, jedenfalls die Frage nicht erschöpft. Die Geschichte vom Krug Oel, der nur für einen Tag reichen konnte und doch für acht Tage reichte, konnte ich unmöglich gelten lassen, Wenn es sich wirklich so verhielt, so dauerte doch das Wunder nur sieben Tage und nicht acht; -~ warum feiern wir dann acht Tage? jUnd ich grübelte so lange darüber nach, bis mich der < bohrende Trieb auf den Gedanken brachte, in die Bücher : der jüdischen Geschichte hineinzuschauen. Da erst gingen mir die Augen auf und ich fand Antwort auf meine Frage. Jetzt, meine Freunde, jetzt weiß ich, was Chanukka ist!'*