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Die neue Welt · 1929-12-25 · Heft 119 (25.12.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 119 (25.12.1929)
Date
1929-12-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 119 DIE NEUE WELT Seite 5 LLOYD TRIESTINO DIREKTE LINIE Triest-Japfa-Haifa mit den vorzüglichen Salonschiffen „Adria" und „Carnaro*. Fahrtdauer 5/, Tage. Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22.-, II. Kl. Lst. 15.-, III. KI. Lst.6.— inklusive Bett und Verpflegung. Für Chaluxim und Touristengesellschaften besondere Ermäßigungen. Für Einzelreisende kostet die Fahrt nach Palästina und zurück in der III. Klasse insklusive Kabine und Verpflegung bloß österreichische Schilling 414.— Auskünfte: Lloyd Triestino.Wien,!., Kärntnerrinn 6 an dem gegenwärtigen System der Regierung behoben werden." Es mug eingewendet werden, daß dieser Brief eher durch die innerpolitische Schwache der Regierung bedingt ist. Aber er zeigt doch, daß das Mandat ein Bestandteil der englischen Politik ist und daß man es sehr drückend empfindet, wenn das Wort Englands und seine Vertragstreue irgendwie angezweifelt werden. Die Männer, die durch die Erlassting der Balfourschen Erklärung dem britischen Reich die Dankbarkeit des jüdischen Volkes gesichert haben, sehen diesen geistigen Besitz in Gefahr und wenngleich wir in der Einsetzung einer Kommission kein taugliches Mittel zur Sanierung der Zustände erblicken und eher eine Untersuchung des Völkerbundes befürworten würden, begrüßen wir doch die Anregung als ein Syptom beginnender Einsicht. Das Vertrauen des jüdischen Volkes ist keine. Sache, mit der man spielt. Anfragen im englischen Parlament Die Untersuchungskommission. — Das Attentat auf Dr. Berkovitz. London, 19. Dezember. (J. T. A.) Auf die Fragen von Frank Smith (Arbeiterpartei), ob die Untersuchungskommission den Bericht dem .Hause'noch vor Weihnachten wird vorlegen können, und ob die Administration in Palästina schon in der Lage sei, Leben und Eigentum der Bewohner zu sichern, erwiderte der Unterstaatssekretär für die Kolonie Dr. Drummond S h i e 1 s. die Untersuchungskommission werde voraussichtlich vor Ende Dezember die Untersuchung abgeschlossen haben. Es stehe noch nicht fest, wann der Bericht vorliegen wird. Was die Sicherheit betrifft, so ist die Regierung überzeugt, daß die lokale Administration die Ordnung im Lande aufrecht erhalten wird; unmöglich sei es aber, eine Garantie gegen vereinzelte Fälle von Angriffen auf Leben und Eigentum zu übernehmen, Major Sir Archibald Sinclair (liberal) fragte, ob die Regierung über die Umstände informiert sei, unter denen das Attentatgegen Dr. Berkowitz bei Safed unternommen würde; welche Maßnähmen sind ergriffen worden, um den Bürgern im Norddistrikt Schutz angedeihen zu lassen. Dr. Sh ieis erwiderte, der High Commissioner habe am 4. Dezember mitgeteilt, daß Dr. Berkovitz am Nachmittag des vorangegangenen Tages, während er im Auto fuhr, durch einen Schuß verletzt wurde und daß sein Zustand ernst sei. Zehn Minuten später wurden au der gleichen Stelle gegen einen arabischen Zollbeamten zu Pferde Schüsse abgegeben, die aber nur das Pferd trafen. In beiden Füllen blieb der Attentäter unerkannt. Es werde alles getan, um die ordnungsliebenden Bürger zu schützen. Auf eine weitere Frage von Sir Archibald Sinclair erwiderte Dr. Shiels, soweit er informiert sei, verfügen die 16 oder 17 jüdischen Kolonien, die während der letzten Unruhen noch in? Besitz ihrer Arsenale waren, auch heute noch über Waffen. Ueber die Art der zukünftigen Verteidigung der Kolonien könne er noch keine Erklärung abgeben, da die Angelegenheit .noch unter > Erwägungsteht. Auf.*die; /Frage W e d g w o o d s, ob die Regierung, noch bevor sich' das Haus für Weihnachten vertagt, eine Erklärung über den Schutz in Palästina abgeben könne, erwiderte Doktor Shiels, dies werde wohl nicht mehr der Fall sein. Wedgwood wünschte, daß telegraphisch in Jerusalem angefragt werde. Shiels erwiderte, er stehe dauernd mit Palästina bezüglich dieses Themas und anderer Themen in Verbindung. Lord Melchett bleibt. Die Warschauer jiddische Tageszeitung „Der Moni e n t" meldet aus L o n d o n:„ Der. Rücktritt des Lord Melchett. als Präsident der englischen Zionistischen Organisation hatte große Beunruhigung in englischen zionistischen Kreisen hervorgerufen. Lord Melchett war die einzige entsprechende Persönlichkeit für diese verantwortliche Stelle, ein passender. Nachfolger konnte nicht, gefunden werden. Durch Verhandlungen, die mit Lord Melchett geführt wurden, wurde erreicht, daß er einwilligte, weiter Präsident zu bleiben. Hauptursachen von Melchetts Demission waren laut „Jewish Cronicle" Meinungsverschiedenheiten mit Prof. Welzmann. Es scheint, daß diesbezüglich ein gewisser Ausgleich erreicht wurde. Die Organisation der italienischen Judenheit. Eiii&ehsgemeiiiüe^ ffenjciiider. " tcrbän&V <* \ ' Aus R om,.17. Dezember, meldet die J. T. A.: Die vom Justizminister Rocco eingesetzte'.. Staatskomniission zur Ausarbeitung eines Gesetzes über die Organisation der .jüdischen Gemeinden in Italieh hat soeben ihre Arbeiten beendet und ihren Bericht dem '.Minister vorgelegt. Der Minister wird das von der Kommission vorgeschlagene Statut dem Regierungschef Mussolini zur Sanktion unterbreiten. In der Kommission befinden sich der Oberrabbiner von Rom Professor Dr. Saceid o t i und der Präsident des Verbandes jüdischer Ge- $wiMf<" JNur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke »HAeSBURG« anrufender bequemste , Iflaschtagl TEL' 3 24-5-20 sm£ Q meinden Italiens Commandatore Angelo Seren i als Vertreter der jüdischen Gemeinden. , Das neue Gesetz verleiht den jüdischen Gemeinden Anerkennung als autoritative Körperschaften mit dem Recht juristischer Personen. Sie dürfen Eigentum besitzen und über dieses Eigentum verfügen. Geleitet werden die Gemeinden durch Kommunal a u s s c h ü s s e in der Zusammensetzung von drei bis 15 Personen gemäß der Zahl der Mitglieder der betreffenden Gemeinde. Die Ausschüsse werden'für je vier Jahre von allen steuerzahlcnden Mitgliedern gewählt. Jeder Jude muß der jüdischen Gemeinde seines Wohnortes angehören und die Gemeindesteuer zahlen, sofern er nicht mit öffentlicher Erklärung austritt. Es ist Aufgabe der jüdischen Gemeinde, für die Erfüllung der jüdischen Bedürfnisse zu sorgen, die jüdische charitative Tätigkeit zu regeln, die jüdischen Eheriten gemäß dem im Mai d. J. erlassenen Gesetz zu versehen, die den jüdischen religiösen Bedürfnissen dienenden Institutionen zu kontrollieren. usw. Die einzelnen Gemeinden werden zu einem Verbände jüdischer Gemeinden zusanimengesdilossen; Sitz des Hauptbureaus ist Rom. Dieses Hauptbureau wird von einem Ausschuß geleitet, der von den Präsidenten aller Gemeinden Italiens gewählt wird. Die Wahl des Präsidenten des Gemeindeverbandes unterliegt der Sanktion der Regierung. Der Rechnungsabschluß des Verbandes muß der Regierung zur Genehmigung unterbreitet werden. Die Regierung behält sicly auch die Ueberprüfting gewisser1 anderer Funktionen und Unter> nehmungen des Gememdeverbandes vor. Die Kommission hat der Regierung auch noch Vorschläge, unterbreitet, die die Fragen des Militärdienstes der Rabbiner, Befreiung der Juden von der Teilnähme au Staatsfunktionen an Sabat- und anderen jüdischen Feiertagen betreffen. Ein Rabbiner Gast des Vatikans. Der Rabbiner von Neutra, Markus Vorha~nd, ist nach längerem Aufenthalt--in'Rom-heimgekehrt. Der Rabbiner hatte.sich mehrere Monate in Rom aufgehalten. Er wurde auch vom Papst in Audienz empfangen. Der Rabbiner hat mit besonderer Erlaubnis des Papstes die vatikanischen Staatsakten und die vatikanisch« Bibliothek für ein Werk 'benützen dürfen, das er derzeit verfaßt und das sich mit den staatlichen und kulturellen Verhältnissen zur Zeit des jüdischen Königreiches beschäftigt. Es ist das erste Mal, .daß ein Jude die vatikanischen Akten studieren durfte. Was ist Chanukka? Von Mendele Mojcher Sforira. „Am Chanukka ist mir ein großes Wunder geschehen!" „Warum sagst du ,mir\ Schmul? Warum nicht ,uns4? Ist es denn nicht mein Wunder ebenso wie deines?" „Ja, lieber Isaak, ein großes Wunder ist mir am Chanukka geschehen, mir und nicht dir!" „Geh* einer her und rede mit solch einem Beth- Midrasch-Juden! Ihr glaubt ja, daß wir moderne Juden gar keine Juden sind und daß nur jene, die die Bänke im Beth-Midrasch drücken, einen Vertrag mit dem Herrn der Welt haben, eine Art Privileg auf Jüdischkeit." „Was du da sagst, Isaak, hat nicht das geringste damit zu tun, was idi dir erzählen will. Auch ist heute nicht der richtige Tag für derlei Debatten. Heute gibt es Wichtigeres: Kartenspielen, Latkesessen und sich mit seinen Freunden belustigen. Dazu hab' ich dich auch eingeladen, Bruder mein. Da aber die anderen Gäste noch nicht da sind und du eine schwierige Frage angeschlagen hast, muß ich dir eine erschöpfende Antwort geben. Versteh* mich wohl. Wir alle, die Frommen und die Aufgeklärten, die Gottesgläubigen und die Freigeister sind Juden. Ich beispielsweise habe meine ganze Kindheit in den .Zelten des Herrn4 verbracht, in Chedarim und Jeschiwahs, und du hast die städtische Volksschule besucht, ohne eine Ahnung, was das Joch der Thora* ist. Und doch sind wir beide — Juden. Worin besteht jedoch der Unterschied? Bei mir sitzt die Jüdischkeit tief im Herzen drin, im Hirn und in allen zweihundertachtundvierzig Gliedern. Unsereiner hat für jüdische Bräuche eine ganz eigene Einstellung; uns liegt sie in den Knochen, ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht. Und wenn wir auch abirren vom Wege, Wenn wir uns Gott behüte sogar taufen lassen, das Gefühl der Jüdischkeit können wir niemals vergessen. Aber Menschen deiner Art, die sich niemals mit dem Dienst und der Lehre befaßten, reuige Sündige, die die Traglast des Judentums von Kind auf nicht kannten — solche Menschen können niemals den richtigen Sinne für einen jüdischen Brauch, für ein jüdisches Gebot haben, selbst wenn si. noch so fromm und brav werden und alle Gebote mit der tiefsten Inbrunst erfüllen." „Hör auf, Schmull So reden doch nur die alten Batlonim im Beth-Midrasch hinterm Ofen. Leeres Geschwätz, ein Sinnieren ohne Zweck und Ziel. Derlei muß man dodi nicht beweisen." „Beweisen? Gerne! Ich kann mit zahllosen Beispielen und Tatsachen beweisen —" „Guten Abend, guten Abend! Was seid ihr so aufgeregt, was soll der Lärm? Ihr seid wohl so tief in der Kartengeluhrtheit drin, daß ihr gar nicht gehört habt, wir wir eingetreten sind. Schon zweimal haben wir euch .Guten Abend4 gewünscht.'4 „Gesegnet, wer da kommt, panje Todres, panje Sorack, panje Gimpl, panje —" „-— Halt. Am Chanukka gibt es keinen panje, am Chanukka ist es üblich, Reb Todres, Heb Gimpel und so weiter zu sagen. Aber das (ist Nebensache. Uus interessiert bei weitem raehrl zu hören, worüber Juden mit solchem Eifer streiten. Vielleicht haben wir euch unterbrochen, Reb Schmul! Laßt euch nicht stören. Und ist's ein Geheimnis, wollen wir ins Speisezimmer gehen und der Hausfrau .Guten Abend* sagen." „Behüte Gott! Es sind keine Geheimnisse. Nehmt Platz, Juden, und hört'.zu. Ich hab' eben zu erzählen begonnen, was für ein Wunder mir am Chanukka zuteil geworden istj" „Gut. Erzählt, erzählt. Wir wollen gern zuhören. Zieht aber eure Erzählung nicht allzu sehr in die Länge. Heut' ist doch Chanukka auf der Welt und Juden müssen Karten spielen. Jede Minute ist einen Dukaten wert . . .** „Die Geschichte ist gar nicht lang. Das Wichtigste liegt eigentlich nicht in der Geschichte als solcher, sondern in1 den Folgen, die sie später für mich hatte. Darum hat es sich bei mir eingebürgert, sie jedes Jahr am Chanukka zu erzählen: Damals — vielleicht ist's heut' noch so —, damals gab es für die jüdischen Jungen, dio von frühmorgens bis neun Uhr abends im Cheder wie die Hühner im Käfig eingesperrt saßen, keine schönere Zeit als die acht Tage Chanukka. Fürwahr keine Kleinigkeit! Das Lernen entfällt, man bekommt von Vater, Mutter, von Onkeln und Tanten, von Großvätern und Großmüttern Chanukkageld, man macht Spiele, allerhand Tauschgeschäfte, man schneidet aus halben Kartoffeln Chanukkalampen für den Vater, kurz und gut, man lebt wie der Herrgottin Odessa. Damals, sehr gut kann ich mich noch daran erinnern, war ich am achten Tag Chanukka in besonders gehobener Stimmung. Die acht Chanukkalichtlein, die neben der Tür auf der Fensterbank brannten, erschienen mir als Flammen des goldenen Leuchters im alten Heiligtum; die Dochte funkeln und blinken wie acht strahlende Sterne. In der Stub' ist's hell und warm, die Mutter läßt Gänseschmalz aus und der Duft der Grieben und Zwiebel juckt in der Nase. Der Vater sitzt am Tisch mit deu Gästen und bespricht Fragen der Thora. Die Leute reden mit allen Gliedern, machen mit den Händen, drehen die Daumen und lärmen. Es geht echt jüdisch zu , . , Und worüber debattiert man? Immer wieder hört man die Frage: Was ist Chanukka? Die Menschen legen die Stirn in Falten, schneiden Gesichter und beißen an den Bartspitzen. Es ist klar, daß keiner von ihuen diese seh wie-

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