Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 118 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. IIB Dffi NEUE WELT Seife 5 IEDER ZUGEHOR Hochwertige französische Strickgummlteile GUMMIWARfNHAUS ,, ALPH A" ■» AOURQ. 8 aMBM«Mafifla»ro —wwb—bwbb— ten Magnes' und nennt sich und Magnes stolz Defaitisten, „die den zionistischen Extremisten die jüdi* sehe Gesittung entgegenstellen". Und die J e w i s h A g e n c y? Die jüdisch*ameri* kanische Presse fordert sie auf, mit der Sprache heraus* zurücken. Herr W a r b u r g hat es bis jetzt abgelehnt, sich öffentlich zu äußern. Daher hat die genannte Presse rselit in ihrer Befürchtung, es könnte die Ansicht Platz greifen, daß ein Teil der Ansichten des Rektors Magnes auch die der Agency seien, was sich nach drei Richtun« gei> schädlich auswirken könnte: 1. in der Schwächung des Interesses der jüdischen Massen am Aufbau; 2. in der Ermutigung des arabischen Widerstandes; 3. in der falschen Beeinflussung der englischen öffentlichen Meinung. So einmütig wie das gesamte amerikanische Natio« naljudentum die Unterminierung des Aufbaus durch die „BrithsSchalom"*Leute zurückweist und als Verrat bezeich* net, ebenso eindeutig hat natürlicherweise Ercz Israel diesem Grüppchen von Intellektuellen, „Pazifisten" seine Verachtung gezeigt. Klar waren die Erklärungen des jüdi* sehen Nationalrates (Waa d Leumi) und der Ar b ei* t e r s c h a f t. Nun befinden sich also nur die militanten Flügel von Berlin und Prag, die sich immer noch zionistisch nennen, in einer „splendit isolation". Vielleicht ist dies ein Zeichen eines von uns schon lange ersehnten Reinigungs? und Gesundungsprozesses. jüdisch-amerikanischen Joint Distribution Committee bestritten worden; die Regierungsinstitutiono>i haben an diesem Werke einen sehr minimalen Anteil. Als Grünbaum davon sprach, daß allmählich die Wahrheit über die Behandlung der Juden in Polen auch in das Ausland dringt, entstand ein Tumult. Es wurde Grünbaum zugerufen: ,,Gehen Sie nach Paläst inal", welchen Ruf Grünbaum mit den Worten quittierte; „Was meine Person betrifft, wird Ihr Wunsch bald in Erfüllung gehen, ich gedenke in der Tat, nach Palästina zu übersiedeln. (Ironischer Beifall auf den Bänken der Regierungsparteien.) Im Verlauf der weiteren Debatte kam es zu einer Kontroverse zwischen Grünbaum und dem Innenminister Skladkowsky. Grünbaum wandte sich gegen die polizeiliche Praxis, Häftlinge tätlich zu mißhandeln, und berichtete, daß sein eigener Sohn, der unter dem Verdacht kommunistischer Propaganda verhaftet wurde, im Polizeigefängnis von Lodz geschlagen und gefesselt wurde, woraufhin - er einer Tortur unterzogen wurde, indem man ihm Wasser in die Nase pumpte. Minister Sklndkow*sky bestritt diese Tatsachen auf Grund des Polizeiberichtes. Grünbaum rieft „DiePolizei lügt! Ihr dürft mich für diese Feststellung zur Verantwortung ziehen, ich werde von meiner Immunität als Abgeordneter keinen Gebrauch machen." Polens staatlicher Antisemitismus. Eine Rede Grimbaums im Sejm. Aus Warschau wird gemeldet: Während der Budgetberatung im Sejm hielt Abg. J. Grünbaum, der Präsident des Jüdischen Klubs, eine Rede, in der er darüber Klage führte, dnß die Hauptlast der Steuern die Juden getragen haben und daß die Steuerschraube mit grausamer Härte hauptsächlich gegen das jüdische Element angesetzt wird; dies ist offenbar ein Mittel zu dem Zweck, das jüdische Wirtschaftsleben zu zerbrechen; Den Juden ist der Zugang zuden. Aemfern: versperrt, jüdische Kaufleute und Industrielle erhalten keine Staatskrediie, die Regierung hilft den durch ihre Politik aus ihren ökonomischen Positionen hinausgestoßenen Juden nicht. Nur im Ausland ist die Regierung darauf bedacht, Judenfreundschaft an den Tag zu legen. Hält mau einen jüdischen Fachmann, so gibt man ihm einen christlichen Gehilfen bei, damit er ihm das Fach abguckt und ihn mit der Zeit entbehrlich macht. Ist es dann so weit, so stellt man diesen jüdischen Fachmann vor das Dilemma: „Trete zurück oder t auf Dich!" In Amerika stellt man die Sache anders dar, weil man sich die Kreditaussickten bei den amerikanischen Judoo nicht verscherzen will Aber in Wahrheit ist alles, was in der Nachkriegszeit auf der jüdischen Gasse wiedetaufgebaut worden Ist, aus der Kasse des Kck$ Mi*, wenm RADIO-APPARATE in größter Auswahl Langfristige Kredite Ware kann sofort mitgenommen werden 1 Jahr iDStandhaltiuss - Garantie durch Phllips-Kontrolldienst „ZUM RADIO-AMATEUR" EUGEN GOLD/CHMIED Wien, 7. Basirk» NtubaugaM« Nr. 19 Kreditgenossensehaft „Trud-Kredit" un« gleichzeitig Führer der Moskauer jüdischen Gemeinde, wurden vom Gericht unter der Beschuldigung, den Mitgliedern der Kreditgenossenschaften zu hohe Zinsen für die ihnen kreditweise zur Verfügung ge-. stellten Rohmaterialien aufgerechnet zu haben, v e rurteilt. Widorowitsch erhielt zweieinhalb, Braude eineinhalb Jahre Gefängnis zudiktiert. „Trud-Kredit" pflegte mehr als 3000 jüdische Kleinhandwerker und Heimarbeiter regelmäßig mit Krediten und Rohstoffen zu versehen. In der Anklage wurde ausgeführt, daß „Trud-Kredit" durch eine Gruppe jüdischer nationalistischer Bourgeois, die in enger Fühlung mit der Verwaltung der Moskauer jüdischen Gemeinde arbeiteten, gegründet wurde; damit wurde angedeutet, daß die Beamten der Kreditgenossenschaft ihre Position ausgenutzt haben, um die jüdische Gemeinde mit Geldern der Genossenschaft zu unterstützen. Der Steuerdruck. Infolge des fortgesetzten antireligiösen Kumpfes und des neuen Gesetzes über religiöse. Gemeinden, das den Gemeinden hohe Steuern auferlegt, haben jüdische Gemeinden, die die Steuerlast nicht tragen können, ihre Synagogen an die Sowjetbehörden abgetreten. In Zytomir, Witebsk, Medschibosch, Kremendschug und in anderen Städten wurden Synagogen i n A r b e i t erklubs umgewandelt. Die jüdischen Kommunisten in der Krim haben eine für eine halbjährige Zeitdauer berechnete antireligiöse Kampagne eingeleitet, die das Ziel verfolgt, die etwa 300 Synagogen im Rayon der Krim in Arbeiterinstitutionen umzuwandeln. |fi^j<leulum u*Hewru y/1EmMAR.AH.üWtv7l Unter der russischen Knute. Die Verfolgung des Judentums' durch die Sowjets. Aus Moskau meldet die J. T. A.: G. W i d o r owitsch und Z. Braude, Beamte der Anfang dieses Jahres von der Regierung aufgelösten größten jüdischen Das neue jüdische Genieindegesetz in Jugoslawien. Die volle Gleichberechtigung. Aus Belgrad, 16. d., wird uns gemeldet: Der König 'Unterzeichnete ein Gesetz über die jüdischen Kultusgemelnden im Königreich Südslawien, das den Personen mosaischer Konfession volle Freiheit ihres Kultes «•»- sichert und die Reihe der seit dem 6. Jänner erlassenen Gesetze fortsetzt, durch die eine neue südslawische Gesetzgebung geschaffen vwerden soll. Den KultiisgemeiiKleii wird für die Leitung ihrer religiösen Angelegenheiten und. die finanzielle Verwaltung der verschiedenen Kultureinrichtungen volle Autonomie gewährt,.Die Rabbiner und anderen Jüdisch-konfessionellen Organe werden von den durch die jüdischen Glaubensvorschriften : untersagten Dienstleistungen in der öffentlichen Verwaltung;b e i r e i -t. und die Betrunkenen grölten nodi lange dort, wo der schmale, engbrüstige Tempel stand, bis alles weggezogen war, die fremden Händler, die Marktweiber und Taglöhner, gegen Abend, da in die jüdisdien Häuser schon die Nadit eingezogen war mit beklemmender Stille, mit gebrochenen Seufzern und gemurmelten Gebeten. Mendel Kolisch war in der Stube zurüdcgeblieben, als sie seinen Sohn David mitnahmen. Er blieb zunächst lange sitzen, wischte sich die trockenen, geröteten Augenlider, und hinter der messinggefaßten Brille blickten ein Paar trostlos müder Augen rings um die Wände, an denen außer einigen Familienbildern der „Misrach" hing, und in die Winkel, wo alte Säcke, Kehrbesen und Getreidemuster in Papierfetzen herumlagen. Der Staub lag didit überall auf Schrank und Tisch, niemand kümmerte sich mehr um die Ordnung im Hause. Denn um das Haus Mendels lag die Luft der Verzweiflung. Sein Sohn David? Der schüditerne, ewig grübelnde Junge, der so zart und kindlich mit Hunden und Kindern umging, seine Altersgenossen mied und kaum ein Wort über seine Lippen brachte? Es ist wahr, im Lernen war er nie eifrig gewesen und das Wort Mosis konnte man selten von ihm hören, Frömmigkeit war etwas, das er nie bekundete, aber daß er es mit den Mädchen hielt, mit irgend einer Magd aus einem jüdisdien Hause — welcher Irrsinn, daran zu denken! Irrsinn! Vielleicht, daß Gott Davids Geist verwirrt hatte, weil er, Mendel, nicht immer in Gottes Wegen gewandelt war. Ihn, Mendel, den sein Vater zum Lehrer bestimmt hatte, hielt es nicht beim Buch, beim Studium des Chumesch; er hatte mehr Freude am Herumfahren von Markt zu Markt, wo es Getreide und Mehl zu handeln gab, wo man sich am Anhören jüdischer Schnurren ergötzen und sie dann zu Hause Freitag abends vor d^un Tempelgang wiedererzählen konnte! Der Gedanke, daß der Geist seines David gestört sei, war ihm gerade damals gekommen, als der ganze Ort in der Tempelgasse zusammenlief und die Juden zu bedrohen begann, wegen der Untat des jungen David Kolisdi, der, wie es von Mund zu Mund ging, Franzka um eines religiösen Gebotes wegen ermordet hatte. Die Untersuchung ging ihren Gang, alles klappte. Franzka war im Hof des Mendelsdien Hauses fast blutlos aufgefunden worden und an Davids Sdiuhen und Kleidern klebte Blut, Mädchenblut. Das hatte der Brünner Obere Hof erwiesen. Ganz Mähren war in Erregung. Was half es, daß Gelehrte und Politiker, sogar einige Vertreter der Kirche öffentlich gegen die Blutlüge spradien! Der Wurm hatte sich eingefressen und vollendete das Werk. Davids Mund blieb gegenüber der Anschuldigung stumm, er gab nur ein irres „Nichts hab ich getan" von sich, * * * An einem kalten Septembermorgen, noch bevor es Tag war, wurde David in den Hof des Kreisgerichts geführt. An schmalen Ende stand unterhalb des hochaufgerichteten Balkens ein Schemel. Dorthin geleiteten ihn die Gesellen. David sah aus, als wüßte er nicht, was mit ihm geschehen sollte. Er trug sonderbarerweise keine Sträflingskleider, sondern sein samstägiges Gewand. Unter der Weste blickten die Schaufäden des Leibtalles hervor. Nur auf dem Kopf saß ihm schief eine alte, zerknüllte Kappe. Als er beim Schemel angelangt war, wandte er sich um. Einige ihm fremde Menschen standen ihm gegenüber. Zu seiner Rechten befand sich ein Mann in priesterlicher Kleidung, »nicht zu erkennen. Er hörte nicht die -Worte, die laut vorgelesen wurden. Aus der Ferne klang ein zirpendes Glockengeläute, so fremd und verschwommen wie das Wimmern eines Kindes. Die Gesellen packten ihn, griffen nadi seinen Schultern, rissen an seiner Stirn, um ihm die Kappe abzustreifen. Da gesdiah etwas Unerwartetes. Den Mund '/um Schrei geformt, starrte David zuerst vor sich hin, dann hinauf zum Himmel. Ein Glanz kreiste demütig über die Qual der Augen. Als wäre etwas in ihm aufgebrochen, versuchte er die Hände der Henkersknechte niederzuringen und mit beiden Fäusten drückte er die Kappe über den Kopf. Er keuchte. Von Schaudern gerüttelt, fühlte er, wie seine Lippen heiß nach Worten rangen. Nichts berührte ihn mehr,1 weder der Klang des Morgenläutens noch der schweißige Atem der Mähner, die redits und links standen. Er sah — sah nur hereinbrechendes Licht, zwei Hände mit ausgespreiteten Fingern, segnende Priesterhände und da — plötzlich, jäh von Entsetzen gepackt, fühlte er wieder die Fäuste der Knechte, die von neuem an seinem Kopf zerrten, um ihm die Kappe herunterzureißen, damit er barhaupt unter dem Galgen stehe. Der Mund schloß sich, die Augen schlugen sich zur Höhe auf, und während er mit einer Kraft, die sonst seinem zarten Körper nicht gegeben war; die Rappe auf den Kopf drückte, schrie er, ringend, keuchend, sich krümmend, mit einer Stimme, in der alle Qualen seines jungen Lebens eingeschlossen waren, in den Hof hinaus: „Sch'ma Isroel!" Die Knechte blickten zuerst einander an, die anderen machten unverständliche Bewegungen, und gleich darauf, noch in der entsetzlichen Stille, knarrte etwas, der Balken zitterte und die Knechte traten zurück. * * Die Juden in Davids Gemeinde hatten diese Nacht nicht geschlafen. Sie hockten in ihren Stuben beisammen, bei Kerzenstumpen und Lampenlicht, kaum daß geflüstert wurde, Mendel Kolisch hatte den Ort verlassen, niemand wußte, wohin er sich wendete. Einige Wochen später, am Vorabend des Jörn Kippur, gestand ein Holzknecht den Mord, Wie er seine Tat büßte, ist nirgends verzeichnet.