Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 118 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seite a DIE NEUE WELT Nr. IIS $0$f$ltiftfotme? $attapaar*9Kieber nur 8ta*t<i&ifferftf. 47« «w B.2&.207 $fifttti!antet, «Stoff mit ©rnnmi oon S16 — nufto fiismus ... Es sind ja nur Phrasen, wenn sie von der Rückgabe der BatfourtDeklaration sprechen, sich auf die hohen Prinzipien der Demokratie berufen. Was für sonderbare Phrasen für eine ganz einfache Sache, die „Angst" heißt . . . Wollen wir sogar zugeben, daß wir heute nicht mehr so einfach und so naiv vom Judenstaat sprechen wie vor 30 Jahren! Wir haben die Definition der Wirklichkeit angepaßt. Aber im Wesen ist es dasselbe. Der Zionismus will heute was er früher wollte: die Sou* veränität des jüdischen Volkes in Pa* lästina. Und Souveränität heißt nicht Herrschaft, wie es die. Magnes*Formel haben will, sondern Unab* hängigkeit." Zum Schluß ruft Dr. Coralnik aus: „Nicht vom Skopusberg wird die Parole kommen, sondern vom Emek. Nicht vom Berg, sondern aus dem Tal. Und das Tal verkündet: Durchhalten, um die Position kämpfen. Der Emek, das ist das neue Judentum. Und der Berg wird zum Tal kommen müssen. Das Tal wird nicht zum Berg gehen. Was soll es dort? Dort am Berg ist ein Grab, das den Zionismus verschlingen will." Magnes als Denunziant. Die amerikanischen Presseangriffe und die Erregung des amerikanischen Judentums machten Herrn Magnes weder schüchtern noch konnten sie sein plötzlich er» wachtes Redebedürfnis eindämmen. Seine Präpotenz kommt neuerlich in einem Aufsatz zum Ausdruck, den er der jüdischen und nichtjüdäschen Presse zur Verfügung stellt Darin faselt er von einem Achad*Haamismus, der in seiner Ausdeutung sehr fragwürdig aussieht, stimmt ein Loblied auf das — Churchillsche Weißbuch vom Jahre 1922 an, in dem er sich folgende niedliche politische Denunziation leistet: „Unglücklicherweise hat die Zionistische Organisation viel zu wenig getan, um diese Politik (Die Politik des Weißbuchs. Anm. d. Red.) in die Tat umzusetzen oder die jüdische Öffentlichkeit für deren Auswirkungen zu erziehen. Viele gute Juden stehen-immer noch unter dem Ein* druck, daß Palästina ein Judenstaat wer* den w o 11 e." Magnes ist für ein palästinensisches Re* gime, das Palästina als heiliges Land bestehen lasse, als Land, jüdischen, christlichen, islamitischen Geistes!! Keinem soH es gehören und af len! 1 Besonders erregen ihn die Bajonette, unter deren Schutz die Juden ihr Nätionalheim errichten wollen! J. Fishma'n, der Chefredakteur des New Yorker „Morning Journal", gibt die passende Antwort. „Wenn der Kanzler der. hebräischen Universität", schreibt. Fish* mann in seinem Blatte, „vom Stürm der Entrüstung über* rascht ist, die seine Redein/ der -jüdischen Welt hervor* gerufen hat, so ist dies ein Beweis dafür, daß der Mann, der sozusagen' durch 'ein Diktat seiner einfluß* r e i c h e n V e r w a n d t e n auf seinen ehrenvollen Posten gestellt wurde, leider sehr naiv ist Und nie dort hätte sitzen dürfen, wo er sitzt . . . Seine Worte von den Bajonetten kommen uns sehr bekannt vor. Wir haben sie im arabischen Organ „Falastin" gelesen. Wir haben aber bis jetzt von Dr. Magnes nicht über Hebron, Safed, Moza und alle andern Orte gelesen, wo arabische Gewehre und Dolche schutzlose jüdische Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet haben. Weiß Dr. Magnes überhaupt davon, daß es in Palästina Schläch« tereien gegeben hat? Aber die Bajonette, die zumindest für eine Weile die Mörderhand abwehren, stechen ihm in die Augen . . J. Fishman macht bei dieser Gelegenheit interessante Feststellungen. Er schreibt: „Man kann ja jetzt, da die Bombe geplatz ist, den Hintergrund der Ge* schichte erzählen. Vor seinem öffentlichen Hervortreten hat Magnes wochenlang diktatorische Briefe an W e i z m a n n und Fr. W a r b u r g gerichtet, in denen er „warnte", er werde die Oeffentlichkeit aufrühren, falls die zionistischen Führer sich nicht faktisch von der Bai« four*Deklaration lossagen sollten . . . Die „Erklärungen" des Dr. Magnes auf ihren meritorischen Gehalt zu prüfen, ist überflüssig. Sie strotzen nur so von Widersprüchen. Ein Mischmasch von Wörtern und Phrasen ohne jeden Inhalt! Er ist für die Balfour*DekIaration, aber nur dann, wenn die Balfour*Deklaration keine mehr ist. Er vereinigt sich mit den Arabern im Geschrei darüber, daß das Weißbuch nicht eingehalten wird. Er hat bereits ein Urteil fertig, noch bevor die britische Untersuchungs* das Bett der Gegenwart und Zukunft!» Schlaffauteuilt, mit einem Griif als Bett verwendbar Direkt beim Erzeuger Josef Röblitz & Sonn w«s. kommission das ihre hat. Er ist für ein Parlament, aber nicht im Sinne Westeuropas, also etwa für ein chinesisches oder das des Irak. Er ist für einen binationalen Staat, während die Araber für einen gewöhnlichen, allerdings einen arabischen, sind. Es ist eine Schandel" Freunde ans verschiedenen Lagern. Die politische Situation, die den bisher stammeln* den, vor Angst schlotternden Prager und Berliner Buberiancrn Mut zu ihren gefährlichen, überheblichen An* griffen gegeben hat, bringt allerdings auch andere Männer wieder auf den Plan, Freunde aus unserer Mitte und Köpfe des gerechtdenkchden England. Die Stellungnahme dieser Männer ist hoffentlich ein Heilmittel gegen das Gift "des „Brith Schalom". Von Bedeutung ist hier zunächst das Wiederauftreten des greisen Louis :;D. ßrandeis, des obersten Richters, der Vereinigten Staaten. In seiner jüngsten Rede äußerte er sich über die Araberfrage: „Als ich in Palästina war, fand ich, daß die arabische Gefahr stark übertrieben wird, und ich glaube, es ist auch jetzt so. Die Gefähr des Eindringens der Beduinen von außen her, war immer "gegeben. Sie haben den Jordan überschritten, sie sind vöm Süden gekommen. Aber , sogar schon vor 10 "Jahren hatten die' 'Juden', die Kraft, sich ihnen entgegenzustellen, und es wurde die Achtung vor NEUERÖFFNE fE RElG^ALTIöGE .MODERNE DER B Ü C H ER ST ÜBE M. RATH' WIEN, Ii., TABORSTR ASSE ffr. 20a TEL.: R-43-1-58. /ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBS^AIKA UND JUOAIKA! MONATSGEBUHR NUR $ 3 - KEINE BANDGEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH I iuii:i«iiniiii.iiiiiiiiiim Prattt Hoittiliie In Porzellan- und Glasseroäcän Kaffeeservice ta.......S 9.30 Tafelservice la . . . . . . . S 39.50 Chinasilberautsatz ...... S 0.50 Llkörservhe........ S 9.50 GOTTFRIED, n., tasorstbasse ei iiiiniiiiiniiiiiiiHwiiiMiiffliiro^ uns gehoben, vor dem Schomer, der die jüdischen Kolo* nien bewachte. Und ich glaube, daß nichts mich so sehr von der Möglichkeit der jüdischen Verteidigung über* zeugt hat wie die arabische Ueberzcugung vom Schmner als gutem Schutz. Unsere Juden können sich selbst schützen. Und unsere Pflicht und unser Privileg ist es, nicht nur das dort schon Geschaffene zu unterstützen, sondern auch die Hunderttausende, die bereit sind, dorthin zu gehen, dort zu arbeiten, und die Paliistina nach meiner tiefsten Ueberzeugung zur gesichertesten Stätte machen werden. Wenn es dort große jüdische Massen geben wird, wird es auch keinen antijüdischen Widerstand geben." Gegen das vom „Brith Schalom" so befürwortete Churchili*Weißbuch, wendet sich im „The New Judae" der bekannte Publizist und hervorragende Kenner des nahen Orients, ein intimer Freund Lloyd Georges, Herbert Sidebotham, der in einer Analyse der Bai* four«Deklaration die politische Unhaltbarkeit des Weiß* buches nachweist, worin eine Definition des Begriffes „Jüdisches Nätionalheim" gegeben ist, die er für den die zionistische Entwicklung in Palästina hemmenden Kurs verantwortlich macht. Damit zugleich fordert er die öffentliche Deklaration des wirklichen Inhalts der BalfoursErklärung, die Einsetzung einer Administration, die ausschließlich im Sinne der Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina tätig ist, und als wichtigstes Moment, den Arabern den festen Willen zu zeigen, daß die briti* sehen Verpflichtungen eingehalten werden. Andere Per* sönlichkeiten, wie der Labour*Deputierte Major Daniel Hopkin, der unmittelbar nach Ausbruch der Unruhe» eine Studienreise nach Palästina machte, Lord Balfour« Nichte Mrs. E. D u d g a 1 e und W. S t e e d, der zu HerzI in persönlichen Beziehungen stand, finden in derselben Nummer des „New Judae" starke Akzente der Aufmunte* rung zum weiteren Aufbau des jüdischen Staates. Das „New Judae" selbs, das offizielle Organ der Londoner Zionistischen Exekutive, tut die „Brith* Schalom"«Propaganda ab, indem es unter anderem schreibt: „Die Hochgesinnten, die den Zionisten Frieden predigen, richten ihren Appell an die falsche Adresse. W i r haben den Frieden nicht gebrochen." Das Echo der Assimilanten. Das korrespondierende Echo haben die Verräter vom „Brith Schalom" begreiflicherweise in jenen Kreisen gefunden, •' die seit jeher den Zionismus aufs heftigste bekämpfen. So kann der New Yorker „Tog" ironisch feststellen, daß ' die zwei einander opponierenden ame« rikanischen Rabbis, Magnes und Schulmann, nun in einem Lager zu sehen sind. Der extreme Reformrabbiner Schulmann drückte Magnes seine begeisterte Anerkennung aus: „Ich bin wie immer der Ansicht, daß die Juden sich durch keinerlei politische Ambitionen in Palästina binden sollten 1" Das Organ der nichtzionistischen Jewish Agency* Mitglieder Englands, die „Jewish G u a r d i a n", ver» höhnt den zionistischen „Jewish Chronicle" mit den Wor» Der Jude in Aden , ist genau so unbeliebt wie er in Yemen war, aber diese Unfreundlichkeit nimmt keine aktive Form an. Seihe Mitbürger wagen nicht,' ihn zu belästigen. Sie stammen aus Abessynien, verkaufen Felle von Eseln oder Wildkatzen, ferner aus Afghanistan, als Nachfolger der Exilierten des Königreiches Israel, auch gibt es hier fanatische Mohammedaner, die mit Tiger- und Leopardenfellen handeln, weiters hohe, schwarze Somalineger, welche die Juden hassen, ohne den Gnind zu wissen. Das würdevolle Auftreten dieser Schwarzem steht im Widerspruch zu ihrer komischen Tracht. Hier sieht man eine lange Gestalt mit einem schwarzen Schwalbenschwanzrook, unter dem ein buntgestreiftes, grelles Hemd hervorlugt, mit nackten, schwarzen Beinen und zitronengelben Schuhen, ausschreitend wie eine Ballerine, einen leichten Malagastock in der Hand drehend; dort einen Chinesen, einen Inder, einen Parsen, durchwegs wilde Händler, die einander auf die wüsteste Weise Konkurrenz machen, alle derart von ihren Geschäften eingenommen, daß sie die Juden in Ruhe lassen und sich vor deren kommerzieller Tüchtigkeit nicht fürchten. Tatsächlich kann auch der Jude mit dem persischen, indischen, chinesischen und japanischen Kaufmann nioht konkurrieren, dessen Spezialität das Ueberseegeschäft ist, während der Yemenite bloß den örtlichen Markt versorgt. Das alte Künstlerhandwerk, für das sich bekanntlich der Yemenite vorzüglich eignete, verschwindet im Aden. Auch das Schuhmacher-, Hutmacher- und Schneidergewerbe ist im Absterben begriffen, da es hier nur einen geringen Absatz für Schuhe, Hüte und Kleider gibt. Das einzige Geschäft ist das des Wasssertragens, das sechs verschiedene Qualitäten Wasser umfaßt, von denen nur eine trinkbar ist, und zwar das von der Regiereng destillierte Meerwasser. Da die wirtsohafrHohen Möglichkeiten für die Juden in Aden begrenzt sind» die jüdische Bevölkerung zunimmt und der Zustrom aus Yemen wächst, halben die Juden m Aden keine Zukunft. Aber nach Yemen zurückzukehren, unter die despotische Herrschaft des fanatischen religiösen revolutionären Diktators, des Im an jahjeh, kann nicht in Frage kommen. Es muß daher ein Ausweg sowohl für die Juden in Aden wie für die in Yemen gefunden werden. Man 'hat es mit einem ungeistigen Judentum zu tun, in Aden und in Yemen. \ Die Schönheit ihrer Vergangenheit ist diesen Juden unbekannt, ihre Zukunft hoffnungslos. Die Augen von 12.000 Menschen richten sich voller Zuversicht nach Palästina. Alle träumen davon, und in der Tat: die Auswanderung ist die einzige Lösung. Fürwahr, es gibt keine gesündere Gruppe von Juden, die für die Bebauung des Bodens geeigneter wäre als diese. Der yemenitische Jude ist friedlich und fleißig. Er hat natürlichen Witz und Intelligenz und kann zu jenem Handwerk zurückkehren, das seine Vorfahren so glänzend übten. Für den Ackerbau hat er eine besondere Veranlagung. Er kann unter schwierigen klimatischen Verhältnissen arbeiten, wie sie in gewissen Teilen Palästinas bestehen und denen nicht alle europäischen Juden gewachsen sind. Seine Bedürfnisse sind gering. Die Galuth zu verlassen und in Erez Israel ein neues Lehen zu beginnen, wovon er Tag und Nacht träumt und für welches er mit inbrünstigem Glauben betet, würde für ihn die Eilösung bedeuten, die ihm von den Propheten versprochen würde und auf die er geduldig wartet. Copyright by „Die Neue Welt", Wien. Nachdruck verboten. Sch'ma Isroel. Erzählung von Oskar Rosenfeld. (Nach einer wahren Begebenheit aus dem Jahre J864.) Achtzehn Monate hatte Mendel Kolisdi gehofft, daß sich die Unschuld seines Sohnes erweisen werde. Er war hundertmal zu Gericht gelaufen, er hatte Gesuche beim Obern Hof in Brünn eingereicht, ja sogar ein Dutzend Bittbriefe an den Kaiser geschrieben. Es half nichts. Es hätte nicht viel gefehlt, daß er selbst, der Mehlhändler Mendel Kölisch, Sohn des Schammes Berl, Enkel des berühmten Thoragelehrten Reb Samuel aus Brod, wegen Beleidigung der Behörde zur Rechenschaft gezogen worden wäre. Ein Glück nur, daß sein Weib Betti, sie ruhe in Frieden, den Jammer nicht mehr erlebte. Sie starb an dem Tag, da ihr Junge David „wegen heimtückischer Ermordung des Dienstmädchens Franzka Sedlak" zum Tode durch den Strang verurteilt wurde. Damals war es still geworden in der Tempelgasse. Die Läden wurden frühzeitig geschlossen, obwohl es Sommer war, und die Juden hielten sich in den Häusern, in den engen muffigen Stuben, die zumeist auf den Hof hinausgingen. Die Tage gingen drückend. Keiu jüdischer Händler wagte, den Wochenmarkt zu betreten. Der Töpfer Stern blieb zu Hause, der Schuhmacher Drucker hing seine Waren an den Türpfosten auf, und selbst die vielköpfige Familie Jellinek, deren Brannweinschank mitten in der Tempelgasse lag, stand nicht mehr draußen vor den übelriechenden Fässern. Denn dort lagerte die Kirche des Ortes, von zwei hohen Linden flankiert, in deren Schatten die Marktbesucher nach Mittag schliefen: die Bisenzer Gemüseweiber, die Kerzenverkäufer, die Kutscher, die Schnittwarenhändler, die Lebzelter, die Futterknechte, die Taglöhner und die Schar halbwüchsiger Burschen und Mädchen, die sich an den Süßigkeiten, den Zuckerstangen und Honigkudien unil auch an dem schmutzigen Gurkenwasser nicht sattnaschen konnten. Die Märkte gingen ohne die Juden vorüber — die Waren wurden aufgepackt, die Fuhren rollten davon, Staub flog auf, die Knechte knallten mit den Peitschen, wenn sie durch die Tempelgasse fuhren,