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Die neue Welt · 1929-12-20 · Heft 118 (20.12.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 118 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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V ■«s. Nr. HÖ DIE NEUE WELT Seite 3 LLOYD TRI ESTING DIREKTE LINIE Triest-Jaffa-Haifa mit den vorzüglichen Salonschiffen „Adtia" und „Carnaro". Fahrtdauer 5l/9 Tage. Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22.-, II. Kl. Lst. 15.-, III. KI. Lst.6.— inklusive Bett und Verpflegung. Für Chalusim und Touristengesellschaften besondere Ermäßigungen. Für Einzelreisende kostet die Fahrt nach Palästina und zurück in der III. Klasse insklusive Kabine und Verpflegung bloß österreichische Schilling 414.— Auskünfte: Lloyd Triestino,Wien, I., Kärntnerring 6 Lord Melchett demissioniert. Ein Konflikt mit Weizmann. London, 16. Dezember. Der Londoner ,Jewish Chronicle" meldet, daß es zwischen Lord Melchett (Sir Mond), dem Vizepräsidenten der Jewish Agency, Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees und Präsidenten der englischen Zionistcn, und dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Prof. Ch. Weizmann zu einem tiefgehenden Konflikt gekommen ist. Lord Melchett hat demzufolge sein Mandat als Präsident der Zionistischen Organisation Englands niedergelegt. Diese Demission bedeutet für die Zionistische Weltorganisation einen schweren Verlust. Dali trotz äußerlichen Einvernehmens zwischen Weizmann und Melchett grundsätzliche Differenzen bestanden, war bekannt. Sie begannen schwerere Formen anzunehmen, als sich Lord Melchett gegen die von Weizmann mit großem Eifer betriebene Erweiterung der Jewish Agency wendete. Lord Melchett gab dann in dieser Frage nach. Die jüngst lancierte Nachricht, daß als Folge der Passivität der zionistischen Leitung in der jetzigen für den Zionismus entscheidenden Zeit daran gedacht wird, eine „Rettungs- Leitung" ohne Weizmann zu wählen, in welcher Lord Melchett und dem Gegner Weizmanns B r a n d e i s bedeutende Rollen zugedacht sind, mag den Konflikt verschärft haben. Ueber Befragung seitens mehrerer Journalisten in Bukarest hat der dort weilende Präsident Sokolow die Nachricht von der „Rettungs-Exekutive" als unrichtig bezeichnet. Eine nähere Aeußerung seitens der Londoner Exekutive liegt bis jetzt nicht vor. Die Wühlereien des „Brith Schalom". Der neue Totengräber des Zionismus. Der Ernst der Situation. Die „N e u e Welt" wurde in Palästina konfisziert. Diese Maßnahme der Palästinaregierung betraf die Num* mern, welche unter dem Titel „Die Totengräber des Zionismus" die dunklen, antijüdischen, antizio« nistischen Machinationen der palästinensischen Ver« waltungsbehörden enthüllten und die Sabotage des jüdi* sehen Aufbaus Palästinas seitens fast aller verantworte liehen britischen Elemente anprangerten: ein Beweis dafür, daß der Geist der Palästinaverwaltung unter dem Einfluß der letzten Ereignisse kein anderer geworden ist. Gerade in dem Augenblick, in welchem die maß* gebenden zionistischen Faktoren den Ernst der außen» politischen Situation zu erkennen beginnen und die Not* wendigkeit einer festen, geschlossenen Willensäußerung sich Bahn bricht, versucht jene Gruppe, deren wahres Gesicht wir seit Jahr und Tag zeichneten, die Gefähr* lichkeit ihres Treibens der zionistischen Welt vorführten, die Gruppe derer um den „B r i t h S c h a 1 o m", die Axt an die Wurzeln des Zionismus zu legen. Magnes und der Agent Ibn Sauds. Gerade im Zentrum des geistigen Lebens in Pa* iästina, an der Universität, die das Symbol des neuen jüdischen Jischuw bedeuten sollte, nagt der Wurm des Verrates. Der Kanzler, Jehuda Leib Magnes, hat in einer Reihe unverantwortlicher Aktionen, von keiner zionistischen Instanz autorisiert, heimtückischen Verrat geübt. Er hat hinter den Kulissen unmittelbar nach den blutigen Ereignissen mit Arabern und antizionistischen Engländern Konferenzen abgehalten, in denen er nicht weniger als die Preisgabe aller wesentlichen zionisti* sehen Ansprüche auf Palästina offerierte, ist in den „New York Times" zusammen mit H. St. John Philby, dem bekannten arabophilen Antizionisten, dem Agenten Ibn Sauds, als militanter Propagator aufgetreten, den Zionismus verdächtigend und die jüdischen Aspirationen sozusagen spitzelmäßig enthüllend. Denselben gefährlichen /ji^üi^ Die führende schwedische Weltmarke Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen »WASSßURG« anrufender bequemste quemsre v Waschtag! TEL* - £2^-5-20 "o Geist bekundete seine jüngste Rektorsrede, die allerdings von U s s i s c h k i n und den Studenten eine scharfe Zurückweisung erfuhr, und seine hysterischen Proteste gegen die jüdische Weltpresse, die zum erstenmal in der neuen zionistischen Aerp. auf die bewußte Schmälerung der Integrität des Zionismus würdig und einmütig reagierte. Die Stimme Amerikas. Besonders erfreulich ist die Tatsache, daß gerade die Presse jenes Landes, das Herrn Magnes als Kanzler nach Jerusalem entsandt hat, die Presse Amerikas dsn Verrat des „Brith Schalom" der gesamten amerikanischen Judenheit vor Augen führt. Ungeheuer ist die Erregung der jüdischen Massen Amerikas. Die Frage des „Brith Schalom" wird mit größter Leidenschaftlichkeit erörtert, in den politischen Instanzen, im Amerikanischjüdischen Kongreß, im erweiterten Jüdischen Rat Groß«New Yorks ebenso wie in den kleinen Werkstätten, in den Zirkeln, Gruppen, Vereinen, Shops — vor allem aber in der Presse. Der „New P a 1 e s t i n e", das offizielle Organ der Zionistischen Organisation Amerikas, nennt in der Num^ mer vom 22. November Herrn Magnes einen „Pazifisten in Panik". Sie weist aufs schärfste seine nicht legitimierte Stellungnahme zurück und verlangt kategorisch, daß sein Mund in diesem gefährlichen Augenblick zum Schweigen gebracht werde. Das einflußreichste Blatt der jüdisch«amerikanischen Intelligenz, der „T o g", stellt in seinem Leitartikel vom 23. November unter der Aufschrift „In einem ernsten Augenblick" zunächst fest, daß die Herren vom „Brith Schalom" die von den Feinden in den Zionismus hinein« getragene bedrückende Atmosphäre noch drückender machen. „Sic schänden den Zionismus und seine Wort« führer sogar dann, wenn sie ihre Loyalität dem Zionismus gegenüber beweisen wollen ... Es macht einen doppelt schädlichen Eindruck, wenn sie behaupten, daß sie seit drei Jahren sich bemühen müssen, die Zionisten von einer Verständigung mit den Arabern zu überzeugen." Das Blatt schreibt weiters: „Nimmt man Einblick in das Programm das „Brith Schalom", wie es Dr. Magnes zum Ausdruck bringt und Dr. Bergmann formuliert, so kommt man zur Ueberzeugung, daß ihre Verständigung nichts anderes ist als ein Pakt mit den Arabern ähnlich jenen „V e r* trägen", wie sie die Juden des Mittelalters mit den Baronen oder Magistraten zu schließen pflegten, um in deren Gegenden leben zu dürfen." Der „Tag" kommt zur Schlußfolgerung: „Die Herren sollten sich mit ihren Friedensgedanken an die andere Seite wenden. Denn bei uns können sie auf keinen größeren Erfolg hpf« fen als etwa die Missionäre, die uns die Idee eines ein« zigen Gottes predigen. Wir kennen all das." Dr. A. C o r a 1 n i k, der bekannte jüdisch«amc* rikanische Publizist und Mitglied der , amerikanischen Exekutive, zeichnet in einem „Krisis oder Auf« 1 ö s u n g" betitelten Aufsatz die Politik des „Brith Schalom" als jene, die so alt ist wie die Galuth oder richtiger als die Politik, die zur Galuth geführt hat. Er ruft in einer historischen Parallele aus: „Auf dem Skopus« berg sitzen nun wieder die Hüter des Buches und predi* gen nach Art des Jeremias und des Josephus Frieden. Noch ist der Kampf nicht zu Ende. Noch stehen die Gegner mit geschliffenen Schwertern einander gegenüber — und vom Skopus weht bereits die weiße Fahne: wir übergeben die Festung. Und die Festung heißt Zio* Die Juden von Yemen und Aden Reisebilder von Ariel Benzion (Jerusalem). Ariel Benzion entstammt, wie berichtet, einer bekannten sphardischen Familie, die aus Bagdad nach .1 e r u s a 1 e m gekommen ist. Er hat an den letzten Jaihren eine rege zionistische Tätigkeit unter den Sphardim entfaltet und im Zusammenhang damit die jüdischen'Zentren des weiten Orients besucht. Die literarischen Früchte seiner Studienreisen liegen nun in einer Reihe von Schilderungen im „Menorah Journal" vor. III.*) Heute ist der Zufluchtsort das englische Aden, die Felsstadt, die das Einifallstor für Arabien bildet. Grau, mit roten Adern und gelben, pestähnlioben Flecken, in diesem seltsamen Mosaik steht es an der arabischen Küste. Eingebaut, am Fuße des Felsens, stehen Lehmhütten, vom Meerwasser weiß, rosa, blau oder grün gewaschen, ihre Bewohner, dem Tode Trotz bietend, am Leiben hängend. Aden war niemals zum ernährenden Fruchtboden bestimmt. So überreich die Natur Yemen bedachte, so kümmerlich het sie Aden ausgestattet. Kranke Bäume drängen sich hart aneinander, schwer Fuß fassend. Nur Soldaten können hier bestehen. Acht Tage Karawanenreise sind notwendig, um Lebensmittel aus dem Yemen zu holen, so daß hauptsächlich Konserven aus allen Häfen der Welt importiert werden. Nur Schaffleisch gibt es genügend. Tausende von Schaffellen werden nach dem Westen exportiert. Aus dem fruchtbaren Yemen kommen zu hunderte« Juden, um die einzigen Geschäftsimöglichkeiten, welche die Gegend bietet, auszunützen. Alle Juden Adens stammen aus Yemen, (Wenn man einen Adener beschimpfen will, nennt man ihn „Yemeniten".) Ihre gedrückten Gestalten bezeugen die jahrhundertelangen *) Siehe Nr. 115 und 117 vom 29. November und 13. Dezember 1929. Leiden unter religiöser Verfolguntg. Ihre sanften, schwarzen Augen haben den Blick gehetzten Wildes. Erst nach einigen Jahrzehnten gesicherten Daseins in Aden werden sie ihren düsteren Gesichtsausdruck verlieren. Das jüdische Viertel liegt zehn Meilen von der Küste entfernt. Zehn Monate gilbt es heiße, feuchte Hitze und drückenden Monsum. Während der zwei Wintermonate bringen die Meeresstürme Kälte und Fieber. In kleinen, viereckigen Hütten rings um den erloschenen Vulkan leben drei Generationen einer Familie zusammen. Ein warmer Teig in der Form von Mazzoth bildet die Hauptnahrung, vielleicht ein Stückchen Refrtig dazu. Am Sabbat gibt es auch ein wenig Fleisch und Fisch. Wenn der yememitische Jude in Aden ansässig werden will, helfen ihm Freunde und Verwandte bei Errichtung seines Häuschens, das gewöhnlich aus einer Stube besteht, der später bei Vergrößerung der Familie weitere kleine Räume angeschlossen werden. Oft leben über ein Dutzend Menschen glücklich in einer Stuibe. Es ist der große Stolz der Adener Juden, ein eigenes Heim zu besitzen. Jn Aden findet der Jude Zufriedenehlt, denn hier ist Armut mit Frieden verbunden, während dort im Yemen Armut mit Verfolgung gepaart ist. In Aden kann der Jude friedlich an Hunger oder an. der Pest sterben. Er kann auf jede ATt sterben, nur nicht durch das Schwert des religiösen Fanatismus. Und obgleich er hier in Aden dieselben Kleider trägt, dieselbe Sprache spricht, dieselben Berufe ausübt wie im Yemen, hat sich doch sein Horizont erweitert und verändert. Sein Rücken wird gestraffter, seine Stirnlocken werden kleiner und verschwinden fast, die'Lumpen, die seinen Körper bedecken, nehmen eine gewisse Heiterkeit an, eine Heiterkeit, die in Yemen durch das Gesetz verboten ist. Als Straßenhändler, als Wasserträger, als Mensch, der alles macht, greift er die hervorstechendsten Zeichen des komplizierten Löbens der Europäer auf mit den zahllosen Bädern und den sanitären Vorrichtungen. Er wird Objekt eines disziplinierten Organismus, das ihn zwingt, sein* Milch zu kochen, sich impfen zu lassen und sich der ärztlichen Kontrolle zu unterwerfen. Wenn auch er und seine Kinder bis in die vierte Generation kein Wort Englisch erlernt haben, so sind sie doch einer großen A'US'zeichinung teilhaftig geworden: sie sind Briten. Die Gemeinde von Aden, die beim Eintreffen der Engländer 300 Seelen umfaßte und heute 5000 beträgt, untersteht einer liberalen Gesetzgebung. Der Jude wird nicht einmal gezwungen, seine Kinder in eine englische Schule zu schicken. Es gibt eine einzige jüdische Schule, welche die Juden sich selbst errichtet haben, ein geräumiges, im maurischen Stil gehaltenes Gebäude, aus den Mitteln der Familie Menaohem M e s s a, der es hier als einziger zu großem Reichtum gebracht hat. Allerdings ist der Unterricht sehr primitiv. Der Unterricht in englischer Sprache geht darauf zurüok, daß der Hebräisch-Lehrer aus Indien stammt und daher die englische Sprache beherrscht. Die Schüler sprechen Englisch mit indischem Akzent. Hingegen zeigt der hebräische Unterricht Qualität und jeder Erwachsene beiherrscht die Sprache der Bibel. Die Frauen genießen keinen Unterricht und führen ihre häuslichen Arbeiten in primitiver arabischer Art aus. Es gilt für sie als Schande, Töchter zu gebären, und der Gatte hat das Recht, sich eine zweite Frau zu nehmen, um männliche Nachkommen zu erhalten. Der Sammelpunkt der Juden ist die Synagoge: wundervoller Bau, der seine Entstehung ebenfalls der Familie Messa verdankt, mit seinen reichen Verzierungen aus Gold und Silber, mit seinem prunkvollen Thoraschrein, mit seinen silbernen und goldenen Lustern und mit dem. typisch orientalischen Luxus, Jede Nacht findet hier ein Gottesdiensjt statt, der alle zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang aibgehalten wird. Der Vormittag ist der. Arbeit gewidmet. Unmittelbar nach dem Mittagessen wird wieder ein Gottesdienst abgehalten, ebenso am späten Nachmittag und bei an/breohender Nacht.

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