Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 118 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 2 DIE mVE WELT Nr. 118 PELZWAREN GEBRUDER BRAININ ]., Bauernmarkt 20, til 0-22*3-59 11., Glockengüsse 8, Tel R-45-4-33 Machtlosigkeit des Judentums bedenken. Es ist da ein Volk, das nirgends ein Zentrum besitzt, das nur durch ein Bekenntnis zusammengehalten wird, durch ein kaum zti erklärendesK Widerstands vermögen, durch die Kraft des passiven Duldens oder, wenn man will, durch einen .trotzigen Stolz Jahrhunderte tiefster Erniedrigung überdauert hat. Aber es ist stets ein Volk geblieben, eingedenk der Abstammung und der Pflicht des Blutes. Niemals ist vom Judentum eine regionale Unterscheidung nach West- und Ostjuden anerkannt worden und diese blutleeren, der westlichen Terminologie und der Sucht des deutschen Schematisierens entnommenen Begriffe hat erst unsere Zeit sich konstruiert, um die jüdische Einheit, die unüberwindlich war, zu sprengen. Es ist ja nicht zufällig, daß diese beiden Bezeichnungen in der Zeit des Zionismus auftauchten, der im Judentum den eigenpolitischen, den nationalen Willen und den Kampfgeist geweckt hat. Es ist der Ausdruck des divide et impera. Die Argumentation des Judenhasses ist in Ost und West die gleiche. In nichts unterscheidet sich in dieser Beziehung Stöcker von Pobiedonoszew, Ludendorff von Nikolai Nikolajewitsch, Dickens von Dostojewski: Es ist ein fundamentaler Irrtum, wenn auch Coudenhove im Judentum zwei geographisch geschiedene und dadurch auch kulturell gesonderte Schichten annimmt; die Juden des Ostens stammen übrigens zu einem sehr großen Teil vom Rhein. Der Irrtum wächst sich aber zu einer völlig falschen Theorie aus, wenn der Autor den Zionismus als eine durch die ostjüdische Einwanderung nach Mitteleuropa hervorgerufene Reaktion auf Antisemitismus hinstellt. H e r z 1 und N o r d a u waren — im Sinne Coudenhoves — Westjuden. Der Zionismus ist das logisch zu Ende gedachte Judentum, ein Zurückfinden aller Juden zu ihrem Volkstum. Er ist eine fruchtbare Idee, die übrigens auch schon viel Reales geschaffen hat. Er ist das einzige Mittel, das Verhältnis der Juden zu den Nichtjuden zur Gesundung zu führen. Wenn das.,jüdische. Volk im ,Besitze eines Landes und seiner Unabhängigkeit sein wird, dann hat es durch seine eigene Kraft, wenngleich mit wohlwollender Hilfe der anderen Völker, seine Emanzipation als Nation vollzogen. Solange d i eses Ziel nicht erreicht ist, wird der Antisemitismus währen. Trotzdem hat die Untersuchung Cou^enhoves ihren Wert. Sie stellt, unseres Wissens der erste Fall, auch den Versuch eines Nichtjuden dar, die Wirkung der antisemitischen. Strömungen im Judentum selbst zu ergründen. Die nichtjüdische Welt unterläßt dies für gewöhnlich. Sie begnügt sich mit der Aufzeichnung von Tatsachen oder Dingen, die sie für Tatsachen hält. Es ist richtig,' wie Coudenhove sagt, daß das russische Judentum durch die zaristische Willkür radikalisiert wurde. Es wäre auch verwunderlich, wenn die russischen Juden diesem System Freundschaft bezeigt hätten. Aber eine Masse von mehr als drei Millionen Menschen reagiert doch nicht so einheitlich, zumal wenn sie wirtschaftlich nicht einheitlich ist. Es ist deshalb falsch, wenn auch Coudenhove den Bolschewismus, dessen Haupt der russische Adelige Uljanow gewesen ist, als Erzeugnis derrussischen Juden hinstellt. In einem Punkt ist aber die Darstellung Coudenhoves wichtig, dort, wo er Deutschland als das Zentrum des Antisemitismus anspricht. Es ist wahr, daß alle hinterlistigen Anschläge auf das Judentum von Deutschen ausgegangen sind, daß Deutsche den sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus geschaffen haben und daß von Deutschen die Lehren verbreitet wurden, die dann in Ungarn, in Rumänien, in Polen, in der Ukraine, heute auch in Amerika, begierig aufgenommen worden sind. Politische Konsequenzen zu ziehen, ist nicht unsere Sache; aber Coudenhove zieht eine sehr geistreiche Parallele zwischen dem Antisemitismus und der ßich so oft zeigenden Abneigung gegen die Deutschen. Wer in deutschen Kreisen Sinn für Logik hat, mag dies beherzigen. Wie man in Estland vorgeht. Verbot eines antisemitischen Hetzblattes, Aus R e v a 1, 10. Dezember, wird gemeldet: Die Regierung hat die in Reval erscheinende antisemitische Zeitung „Wi oder die Juden", die eine antijüdische Boykotthetze betrieben hat, definitiv verboten. Die Zeitung hat auch versucht, bei jüdischen Geschäfts« leuton Geld zu erpressen. Antisemitisches. Ein irrtümlicher Heimwehrüberfall. Die Leitung der österreichischen Heimwehren ist ängstlich bemüht, den Judenpunkt zu meiden. Sie läßt überall verkünden, daß die Heimwehren nicht antisemitisch sind. Aber Führer und Anhänger machen ihr immer einen Strich durch die Rechnung. Alte Gefühle lassen sich auf die Dauer nicht niederhalten. Vergangenen Mittwoch drang eine Gruppe jugendlicher H e i mwehrleute in das Cafe\ in welchem der Verband demokratischer Zionisten seine Wochenversammlungen abhält, ein, überfielen die wenigen, nach der Versammlung im Lokale weilenden Gäste, schwangen Gummiknüttel und führten antisemitische Schimpfreden. Wenn es nicht zu schweren Zwischenfällen gekommen ist, so sind nicht die Knüttelhelden schuld, sie meinten es „ehrlich". Am nächsten Tage bemühten sich die Heimwehrblätter, die Sache zu vertuschen. Der Ueberfall sei „irrtümlich" und ohne Weisung der Leitung erfolgt. Das mag schon stimmen. Es waren eben andere Juden gemeint^ aber Juden waren gemeint .Darüber kann kein Zweifel bestehen. Ein Heimwehrblatt ging so weit, eine Verbrüderung zwischen. Juden und Heim wehren herauszükonstruieren. Und zwar an Hand eines zur gleichen Zeit erschienenen Artikels in der „Neuen Welt". In diesem Artikel wird der Bundeskanzler Schober als wohlwollender Freund der Juden gelobt. Das zitiert das Blatt und folgert: Die Juden sind für Schober. Schober ist ein Freund der Heimwehren, also sind die Juden für die HeimwehrenI Die bekannte Logik: Goethe ist ein Mensch, der Neger ist ein Mensch, also ist Goethe ein Neger . /; Oder: Jeder Esel-ist ein Tier, also ist jedes Tier ein Esel ... Nur keine Zweideutigkeiten! Die „Neue Welt" war das erste Blatt, welches die Juden vor dem Ueberlaüfen zu "den Heimwehren gewarnt hat. Wo Forderunettfekrn mnfonft kann kein Mensch liefern, hingegen kaufen Sie bei uns Orig. böhm. Betffedern schon von S 1.20 per Kilo. Provinzversand. Möbel aller Art Bettwaren und Kinderwagen bes0nders billig Mitglied der Ka<De-We — WieniLPraterstraBe 45 gen mit Gewalt durchgesetzt werden sollen, haben die österreichischen Juden nichts zu suchen. Die Juden haben ihren eigenen Weg zu gehen, den Weg zum Frieden Und zur ehrlichen Demokratie. Der führt heute weder zu den rechten noch zünden linken Kampfparteien. Er führt zur dem okratischen, jüdisehen Organisation., Das ■■, ist. der Standpunkt. Alle Redereien und Schreibereien von den lieben, in der Heimwehr hoch willkpnimenen Juden können daran nachts ändern. Gummikjiüttejl bleibt Gummiknüttel, auch Wenn er zum Stimmenfang mit dem Honig gelegentlicher Judenfreundlichkeit bestrichen wird. Die deutsche Verkehrsgewerkschaft. Der grofldeutsch-antisemitische Abgeordnete des österreichischen Nationalrates Ing. Grailer ist aus der deutschen Verkehrsgewerkschaft ausgeschlossen worden. Die Maßregel wird,, in einem Brief verkündet, der in fünf Punkten Grailers Missetaten zusammenfaßt. An vierter Stelle heißt es, daß Grailer mit Kreisen in Verbindung steht, die Juden als vollwertige Mitglieder aufnehmen . . . Jabötinsky in Palästina. Vor einer Richtungsänderung? Der Jerusalemer Korrespondent des Schweizer „Isr. Wochehbl." meldet, daß zwischen dem in Palästina weilenden Führer der Zionisten-Revisionisten Jabötinsky Und dem Redaktionsstabe des Tagblattes „Doar Hajom", dessen Chefredakteur Jabötinsky ist, eine grundsätzliche Auseinandersetzung stattgefunden hat. Jabötinsky ist gegen die Haltung seines Blattes in der Arbeiterfrage. Er will4'eine arbeiterfreundlichere Politik. Er will mit der Arbeiterorganisation zusammen für die Verwirklichung des Judenstaates kämpfen. Wenn diese Informationen richtig sind, so wäre in nicht allzu feiner Zeit mit einer entscheidenden Umgruppierung in der Zionistischen Organisation zu rechnen. Im Februar feiert Jabötinsky seinen fünfzigsten Geburtstag, WIEN VII.. KAISERSTRASSE 123 IX.. ALSERSTRASSE 3 FERNSPRECHER B.88.<M« Silberhell bleibt blankes Aluminiumgeschirr beim Reinigen mit SCHICHTS ALUHIN-SODA Verwenden Sie auch zum Kochen und Einweichen der Wäsche nur SCHICHTS ALUMIN-SODA diese entfernt mühelos den größten Schmutz Jean Fischer gestorben. Jean Fischer ist dieser Tage, 58 Jahre alt, in Antwerpen gestorben und das macht die zionistische Organisation wieder um eine scharf ausgeprägte Individualität ärmer. Er stammte aus der heroischen Zelt des Zionismus, in der Herzl wirkte und der Feueratem des Großen durch das Judentum fuhr: Jean Fischer war einer der ersten, die in die Reihe traten, und er war wie so viele andere von dem politischen Gedanken erfaßt worden, der der Losung der jüdischen Frage neue Wege gewiesen hat. War auch vieles in Jean Fischer durch seine fast schrankenlose Ergebenheit für die Person Herzls bedingt, so besaß er doch eine gute Gabe kritischer Kraft, von der er oft genug Gebrauch machte. Der scharfe Blick des an große Verhältnisse gewohnten Antwerpener Kaufmannes befähigte ihn, Echtes von Falschem zu scheiden. Stets aber blieb ihm der nationalpolitdsche Zionismus, der für das jüdische Vollk Land und freie Entwicklung anstrebt, das höchste Ziel. Er stand in der Kolonialbank seinen Mann, damals, als sie noch wirklich eine Kolonialhank sein wollte; er war ein begeisterter Verfechter der Vorschläge Schapiras, als dieser den Nationalfond organisierte. Fischer war aber auch ein Mann, der es nicht bei Rat bewenden ließ. Er war auch zur Tat bereit, gab mit vollen Händen für alles, was mit Zionismus zusammenhing und. was Palästina dienen konnte. Fischer hat an fast allen Zionistenkongressen teilgenommen und war auch immer Mitglied des Aktionskomitees. Dem Plan der Erweiterung der Jewish Agency stand er widerstrebend gegenüber, stimmte jedoch in Zürich dafür. linnige Freundschaft verband ihn mit den Brüdern Marmorek und mit Max Nord au, dem er im spanischen Exil viel Hilfe geleistet hat. Er war Herausgeber der „Hatikwaih" in Antwerpen und Vorsitzen* der der belgischen Zionistischen Organisation. Die Bestattung Jean Fischers. Antwerpen, 16. Dezember. (J. T. A.) Die Bestat* tung des verstorbenen zionistischen Führers Jean Fischer gestaltete sich zu einer machtvollen Manifesta« tioh, die Zeugnis ablegte von der Bedeutung des Ve'r* storbenen im jüdischen Leben Belgiens und. von det Tett» nähme, die' sein frühes Hinscheiden in allen Kreisen het« Verband demokratischer Zionisten | 3 Die nächste 1 Mittwoch - Versammlung j entfällt! i vorgerufen hat. Viele Tausende folgten dem Leichenzuge, weitere Tausende bildeten Spalier in den Straßen, durch die sich der Zug bewegte. Als der Zug an dem Haus der Zionistischen Organisation, dem „Beth Zion", vorbeikam, wurde das Gedränge der Teilnehmer zum undurchdring* liehen Knäuel. Unabsehbar war die Zahl der folgenden Autos. An der Bestattung beteiligten sich sämtliche jüdischen Organisationen Antwerpens, zionistische und nichtzionistische, die Antwerpener Gemeinde unter Füh* rung ihres Präsidenten Gottschalk, das belgische Kon* sistorium und Vertretungen aus allen belgischen jüdischen Gemeinden. Die Londoner Exekutive und das zionistische Aktionskomitee waren durch die Herren Dr. Berthold F e i w e ^London und Dr. Alfred Klee*Berlin vertreten. Die holländischen Zionisten hatten Herrn Nehemias de Lieme entsand. Aus Paris war Frau Dr. Max Nord au erschienen, mit deren verewigten Gatten der Verstorbene besonders innige Freundschaft gehalten hatte. Auf Wunsch Jean Fischers unterblieben Ansprachen. Die traditionellen Gebete rezitierte in sichtbarer Ergriffen» heit Rabbiner Dr. Wiener, der zusammen mit dem mis* rachistischen Führer, Rabbiner Amiel, dem Sarge folgte. Jean Fischer war bei vollem Bewußtsein gestorben. Er hatte einige Stunden vor Eintritt des Todes einige Mit» glieder der zionistischen Landesorganisation zu sich an sein Bett gebeten und ihnen dringend ans Herz gelegt, auch nach seinem Tode in Opferfreudigkeit und Hingebung ihre Pflicht für die zionistische Sache zu tun. Unser Chawer stud. jur. Jecheskel Rathaus wurde durch das plötzliche Ableben seiner Mutter auf's tiefste getroffen. Wir sprechen ihm auf diesem Wege unser Beileid aus. Knoll, Bäoker, Feuchtbaum, Reioh, Dlamandsteln Jäokel, Slgall