Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 117 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. m LAUTSPR2CHER ENTZOCKT Iii IN GEL ENI „CAPTAIN" „FIGARO" „RAMONA" kamen und die Menge zu schreien begann: „Die Juden töten unsere BrüderI" Am Nachmittag begann das Kreuzverhör mit dem Großmufti durch den Anwalt der zionistischen Exekutive, Sir Boyd Merriman. Es kamen die Resolutionen der moslemitisdien Konferenz vom Oktober 1928 be« treffend den Schutz der heiligen Stätte zur Sprache. Der Mufti, der in dieser Konferenz den Vorsitz führte, hatte in seiner Ansprache ausgeführt, die Juden trachten danach, die heiligen Stätten in ihren Besitz zu bringen. In einer der gefaOten Resolutionen wird behauptet, daß der Oberstaatsanwalt Norman B e n t w i c h die Juden in diesen ihren Bestrebungen unterstützte. Sir Boyd Merriman fragte den Mufti, ob er wirklich glaube, daß die Juden solche Absichten haben. Der Mufti erwiderte, die Resolution spreche dies deutlich genug aus. Auf eine Frage des Anwalts der Araber Stoker er* klärte der Mufti, seiner Meinung nnch könne eine Wiederholung des Blutvergießens verhindert werden, wenn dieBalfour-Deklaration abgeschafft und eine nationale Regierung eingesetzt wird, die einem Parlament verantwortlich ist. Für die letzten Unruhen sei die zionistenfreundliche Politik der Regierung verantwortlich; den unmittelbaren Anstoß zu den Unruhen gab die jüdische Demonstration. Es kam dann die Korrespondenz von Mac Mahon mit dem damaligen arabischen Fürsten Hussein betreffend Schaffung eines unabhängigen Arabien zur Sprache, sowie ferner ein Brief Lord Balfours aus dem Jahre 1918, in welchem den Arabern der Dank für die den Alliierten geleisteten Dienste zum Ausdruck gebracht und arabisdie Unabhänigkcit versprochen wird. Diese Korrespondenz wurde nie veröffentlicht. Im weiteren Verlaufe des Verhörs erklärte der Mufti, er glaube bestimmt, daß die Juden den Tempelhügel besetzen wollen. Als Sir Boycl Merriman wissen wollte, worauf sich dieser sein Glaube gründet, wies der Mufti ein Exemplar einer jüdischen Neujahrs-Glückwunsdikarte mit dem Bilde der Ömar-Moschee wor, ferner kleine Papierfähnchen, die die jüdischen Kinder am Simchät-Thora-Feste während der Hakapha (Ringprozession mit den Thorarollen) tragen, auf denen Gesetzesrollen in offener Thoralade. und im Hintergrund das Bild der Klagemäuer aufgemalt sind. Dieses Bild, sagte der Mufti, symbolisiert den Wunsch der Juden, ein offenes Portal von der Mauer zum Tempel zu gewinnen. Es erregte Heiterkeit, als der Anwalt der zionistischen Exekutive ein gleiches Fähnchen, das im Hintergrund die Davidzitadelle statt'der Klagemauer zeigt, vorwies. Jerusalem, 6. Dezember. Das Kreuzverhör, dem der Anwalt, der zionistischen Exekutive, Sir Boyd Merriman, den Mufti un- D1E NEUE WELT tcizcg, dauerte nidil weniger als sedis Stunden. Obwohl der Mufti fortwährend aufreizende Reden hielt, aus deren Inhalt man schließen konnte, daß er sidi mit den Kreisen, die den aktiven Widerstand gegen die Regierung und das zionistische Werk predigen, solidarisiert, war aus ihm kein klares Geständnis herauszubekommen, daß er durch sein Verhalten vor den Unruhen zum Ausbruch dieser Unruhen direkt beigetragen hat, wie es die Zionisten glauben. Im Gegenteil, er behauptete fest und bestimmt, daß er bemüht war, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen und daß auch die Mitglieder des Moslemitisdien Obersteh Rates in Gazar und Beersheba ihrerseits auf die Araber ihrer Umgebung beruhigend einwirkten. Der Mufti behauptete. daß auch den moslemitisdien Führern in Haifa der Dank der Regierung für ihre Bemühungen, die Massen zu beruhigen, ausgesprochen worden ist. Sir Boyd Merriman bezweifelte es, daß der Mufti und die von ihm genannten Kreise wirklich einen beruhigenden Einfluß ausübten und wies auf die Tätigkeit des Mufti von Tiberias hin, der es durdi eine beruhigende Proklamation und einen beruhigenden Einfluß tatsächlich erreidit hat. daß Tiberins von Unruhen verschont ge? blieben ist. Der Mufti verbreitete sich in seiner Aussage weitsdi weif ig über die Plünderung-der kleinen Moschee im jüdischen Viertel von Jerusalem, Sichrpn-Moschee. Der Mufti bestritt die Autorschaft des Briefes an die Bevölkerung von Nablus, in weichein diese aufgefordert wurde, zum 23. August nach Jerusalem zu kommön und gegen die Juden zu kämpfen, und erklärte, der Brief sei eine Fäl- Seüte* [fiWileu^^ WlfeMVl HARiAHaPEIlSTIt * beste Weihnachtsgeschenk Ol« billigsten Preis« t Radioapparate Lautsprecher Neizanschlußgerate Kauf ohne Geld Bit 34 Monate Kredit I „»um Radio«AmateurM EUGEN GOLDSCHMIED Wien, VII., Neubaugasse 19 sdiung, worauf schon der unliterarische Stil und das sdiledüe Arabisdi dieses Briefes hindeuten. Der Mufti hielt langatmige Ansprachen an die Mitglieder der Kommission über das angebliche seinerzeitige Verspredien der Engländer an die Araber und erklärte, daß Großbritannien die in der vom ersten High Commissioner Sir Herbert Samuel bei seiner Ankunft in Jerusalem im Juli 1920 verlesenen Botsdiaft des Königs von England skizzierte Politik nicht durdigeführt hat. Der Anwalt der Regierung, Kenelm Preedy, veiziditete auf ein Kreuzverhör und besdiränkte sich darauf, den Mufti daran zu erinnern, daß die Regierung im Jahre 1923 den Arabern die Errichtung eines Legislative Council (gesetzgebende Körperschaft) und einer Arab Agency analog der Jewish Agency angeboten hat und daß die Araber dieses Angebot zurückgewiesen haben. Der Mufti erwiderte, es sei ein widernatürlicher u-n d unlogischer Versuch, zwei Nationalheime, die in Opposition zueinander stehen, errichten zu wollen. Nadi Beendigung des Verhörs mit dem Mufti wurden einige Mitglieder der Gesellsdiaft zum Schutze der inoslemitischen heiligen Stätten vernommen. Die Untersuchungskommission nahm ihre halböffentlichen Sitzungen im Alten Zollhause wieder auf. Der Anwalt der arabischen Exekutive, W. H. Stoker, brachte wiederum die „Protokolle der Weisen von Zum" zur Sprache. Sir Boyd Merriman bezeidmete in der öffentlichen Sitzung nochmals die „Protokolle" als die Nadiahmung der Niedersdirift eines zwisdhen Madiiavelli und Montesquieu in der Unterweit geführten imaginären Gespräches. Er übergab der Kommission Materialien; darunter einen Leitartikel der Londoner „Times", in denen die Protokolle als eine plumpe Fälschung entlarvt wurden. Merriman legte weiter dar, daß der Text der angeblichen Korrespondenz zwisdien dem früheren arabischen Herrscher Hussein und dem Engländer Mac Mahon, die Versprechungen an die Araber enthält, nicht — wie der Mufti behauptet hat —- aus dem britischen Außenitber die Dinge dieser Welt: Mein Vermögen betreffend, weißt du, daß ich dir bei Lebzeiten altes überschreiben ließ, damit du nicht iiiberflüssjgerweise Erbschaftssteuer zu zahlen brauchst und unser Steueradministrator zerspringt. Empfange, mein Sohn, bevor ich in die Ewigkeit eingehe, einige väterliche Ratschläge für deinen Lebensweg. Zunächst für den Fall, daß du heiraten wolltest. Heirate vorteilhaft, d. <h. möglichst reich, denn bedenke, daß du — wer kann es denn wissen — vielleicht bloß einmal , im Leben heiratest, und nur ein Duniimlkopf läßt sich eine so seltene Gelegenheit entgehen, sich ein für allemal auf die Beine zu helfen. Nimm dir nicht die erste beste, such' und wähl* aus. Du hast auch eine Schwester, für die du einen reichen Mann suchen und finden mußt, denn du weißt, daß ihre Mijgift nicht bedeutend ist. Wenn du anklopfen wirst, wird dir aufgetan, und wenn du suchen wirst, wirst du finden. Unsere Familie erfreut sich des besten Rufes und unser Name — der Name Rosenthal — hat den besten Klang. Bei deiner Hochzeit und der Verheiratung deiner Schwester muß dieser Umstand in bare Münze umgewechselt werden. Vielleicht würde deine zukünftige Braut einen reicheren Bräutigam finden und der Bräutigam deiner Schwester eine reichere Braut, aber die Kinder wären nun einmal nicht aus dem Geschlechte der Rosenthal. Nie ist ein Rosenthal im Kriminal gesessen, nicht einmal bedingt: vor dem Kriminal hatten alle Rosenthale eine heilige Angst und diese Angst hielt sie stets auf dem Wege der Ehre und der Wahrheit. Und was unseren Namen anbelangt . 1 , Der Name Rosenthal ist ein schöner Name. Wenn du deinen Wohnsitz unter Deutschen aufschlägst, behalte den Namen bis in alle Ewigkeit, denn es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als wenn ein wohlgeratener Sohn den väterlichen Namen von der Wiege bis zum Grabe in Ehren trägt. Wirst du jedoch unter Tschechen siedeln, ändere deinen Namen am besten in Rudzodolsky. Es klingt ebenso schön wie Rosenthal, aber es hat den Vorteil, daß «I tln wohllautend tschechischer Name Ist. Und das Wichtigste: Unter diesem Namen wird niemand den Enkel jenes Alten vermuten, der noch mit dem Wanderbündel und, als ihm Gott ein bißchen half, mit einem Karren hausieren ging. Aehnlicli wie mit dein väterlichen Namen sollst du auch mit dem väterlichen Glauben umgehen. Auch hier •gibt es nichts Schöneres, als stolz und in Ehren den von den Vorfahren ererbten Glauiben bis zum Tode zu tragen — allerdings wieder unter der Voraussetzung, daß dieser Glaube weder dem Handel noch der Karriere Im Wege, steht. Ist ein solches Hindernis vorhanden, mußt du den Glauben fahren lassen, mag auch das Herz dabei bluten. Welcher Religion soll man dann beitreten? Das muß ich, Sohn, deiner Erwägung und deiner' Klugheit überlassen. Wie könnte man prophezeien, welche Mode und welche Grundsätze hierin herrschen werden? Wenn die Klerikalen ans Ruder kommen, lasse dich taufen, wenn die Nationaldemokraten oder die tschechischen Sozialisten regieren, tritt in die tschechoslowakische Kirche ein* kommen die Sozialdemokraten auf, genügt es« daß du religionslos bleibst. Sei's, wie's sei, -diu brauchst nicht zu verzweifeln, und es liegt nur an dir, den richtigen Zeit» punkt nicht zu verpassen und rechtzeitig in den Schoß, des väterlichen Glaubens zurückzukehren, nämlich dann; wehn du fühlen wirst — und das ist meist sehr empfindlich zu fühlen —-, daß' dein Leben zur Neige geht, das Ende allen Handeis naht und. deine Karriere absolut beendet Ist. Das ist der rechte Augenibliok, wieder in den von den Vätern ererbten Glauben zurückzukehren. Wenn schon für nichts anderes, so zu dem Zweck, damit du nach deinem Tode in der Erde unseres Familienfriedhof s im böhmisch» mährischen Hügelland ruhen kannst, wo das nie gemähte Gras üppig wächst und im Sommer die Linden betäubend duften. Wenn du die Rückkehr in unseren Glauben versäumen -würdest, könntest du dich sehr vergablichen Hoffnungen Jjiiigeben '«— auf diesen Friedhof kämst du nicht. Aber zum Tode hast du, so Gott will, noch ein weites. Stück und es wird daher besser sei«, wenn ich' dir weitere Ratschläge fürs Leiben erteile. Mein Sohn, armen Leuten geh' wie der Pest aus dem Wege und. halt dich fest an die Reichen. Schon die alten Juden, in welchen bekanntlich alle'Weisheit der Welt versammelt war, pflegten zu sagen: „Halt dich an ein goldenes Wägile, fällt ab ein goldenes Nägile." Oder mit einfachen Worten: Vom einem Armen kannst du höchstens die Krätze haben. \ . Die Weitordnung wirst du nicht ändern. Zumi Tempelvorsteher wird immer der reichste Jud gewählt und Ortsvorsteher, wird nur der größte Bauer, in der letzten Zeit hat sich dies ein wenig geändert, aber, will'« Gott» wird alles wieder in das frühere seit alters bewährte Gelelse zurückkehren. Auch einem armen Manne kannst du recht-.geben, sofern du mit ihm unter vier Augen redest. Ueberhaupt wirst du ein schönes Leben führen, wenn du allen Leuten recht gibst. Sprichts du mit den Armen, schimpf auf die Reichen, vor den Reichen verurteil die arme Schicht; sprichst du rnlt dem Pfarrer, lob St. Johann und zum Beweise seiner historischen Wahrheit führe an, er habe bei einem deiner Vorfahren Meß wein auf Borg gekauft (es hätten sich darüber in des Vorfahren alten Geschäftsbüchern Eintragungen gefunden, deren Echtheit nicht bezweifelt werden kann). Niemandem widersprich und jedem gib recht, nur so wirst du Ruh und Frieden auf , Erden finden. Debattierst du mit einem Bolschewiken, sag ihm, ein solches Paradies, wie es jetet in Rußland ist, sei noch nicht dagewesen, seit die Welt besteht; und einem Nattonajdemokraten sag, Gott der Allmächtige möge sich schon über uns alle erbarmen und die Schreckensherrschaft in Rußland beenden. Ehrfurcht vor der Vergangenheit? Ueberaeuguang? Grundsätze? Spei darauf, mein Sohn, und es wird dir Wohlergehen auf Erden!