Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 116 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711732--1529-2714753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
\ ' Seite 6 ENTZOCKT miNGELENMtm „CAPTAIN" „FIGARO" „RAMONA" Zum Todestag Leon Kellners Von Heinrich York-Steincr. Worte des Gedenkeiii gesprochen im Jüdischen Frauenklub, wenige Wochen nach seinem Tode. Leon Kellner sprach zum letzten Male öffentlich in dieser Vereinigung — aus Anlaß einer Debatte über die jüdische Urgeschichte. Es sind nun wenige Wochen, da erhob sich an dieser Stelle Leon Kellner und offenbarte, in schlichten Zufallsworten wollend und doch .unbewußt eine Emunation seiner reinen Seele, eine Unischreibung seiner ganzen Wesenheit, fast als hätte er geahnt, daß er sich selbst darbietet, ein Andenken für Zeit und Ewigkeit. Bewußt war seine einzigartige Fähigkeit, das Wort nicht nur für den Zweck zu formen und auf seine Wirkung zuzuspitzen, sondern auch das Gesprochene, wenn es das Gehege der Lippen verlassen hat, zu behüten und zu bewachen, daß es weder auf den Sprecher zurückfällt, noch den Angesprochenen, und sei es selbst in einer Polemik, irgendwie verletzt. Eine Kunst, die wir, ihn zu ehren, nach Möglichkeit Übernehmen sollten. Das war das Bewußte, Wollende in ^hm. Unbewußt aber wob er ein Bild tiefschürfenden Wissens, das, über sich selbst hinauswachsend, auf solche Höhe gelangt, daß es die Sicherheit des Absoluten aufgibt, daß es die, Quellen überschaut und die letzte Wahrheit erkennt, die da lautet: Alles Wissen ist bloßes Stückwerk. Und so hat er uns während einer Polemik in seinem Zweifel über die Urgeschichte des jüdischen Volkes in eine Fülle von Wissen getaucht, immer mit dem Zusatz: Es ist alles von Menschen gedeutet, von Menschen zusammengetragen, von Menschen, die ich in ihrer Schwäche kenne, weil sie meiner Art sind: Professoren, voll Professorenweisheit. So hat sich uns Leon Kellner geoffenbart. Aber jeder Mensch bedeutet eine dualistische Erscheinung, die Materielle, und ein Stück des mystischen Vorganges zwischen zeitlichem Sein und geheimnisvoller Ewigkeit. In diesem kuhlkritischen Geist, der die Weltenfülle eines Shakespeare chaotisch empfand und sie zu ordnen versuchte, indem er das Werk des großen Dichters von falschen Versionen der ersten englischen Drucke, von sinnstörenden Fehlern befreite, in diesem sorgfältig abwägenden Philologengeist webte geheimnisvoll ein Unbewußtes, die Stimme des ererbten Blutes, der Ruf der Heimat, seiner sagenhaften Urahnen. . Seih Teuerstes hatte er dem fernen Lande hingegeben seinen einzigen Sohn. Und was er hier durch seinen Geist erwarb, trug er nach' Palästina, daß aus der durch Glaube und Legende geheiligten Erde Blütenpracht ünd'Fülle der Früchte emporwüchse. In ihm einigte sich symbolisch die Rückkehr des jüdischen Geistes aus fernen Bezirken,, zum Baden der einzigen Wahrheit, der einzigen Wirklichkeit/ der ureinzigen Notwendigkeit, dem Boden der Hütt« Erde. In dieser Spannung zwischen zwei Welten, in dieser unablässigen Ueberbrückungsarbeit zwischen Ost und West ist sein Herz gebrochen, wie das seiner Vorgänger in der Liebe zu Palästina, Theodor Herzl, Max Nordan, David Wolfsohn, P. S. Chajes u. a. Es ist für Sie, meine Damen vom Frauenklub, ein merkwürdiges Ereignis, daß seine letzten, in der Oef fentlichkeit gesprochenen Worte Ihnen gegolten haben. . ' ' Möge dieses seltsame Vermächtnis sich auswirken für jetzt, und'alle Zeit. Kellners Wesenheit, dieses tiefe Eintauchen in das Wissen und Wirken unserer Umgebung, bei steter Treue zum eigenen Stamm, sei Ihnen Symbol und Richtweg im eigenen Heim, in Ihrer Wirksamkeit nach außen und in Ihrer neuen Vereinigung. Leon Kellner hat sieh jeden Nachruf* hat sich die «Midien Lobeserhebungen an seinem Sarge verbeten, sein Wunsch dringt bis hifeher. Aber eines dürfen wir: wir wollen seine liebenswürdige Persönlichkeit, seinen edlen Geist, seine reine Seele in unser Herz einschließen Und dann eine Weile wortlos mit dem Verewigten Zvviespradie halten und ihm all das Liebe und Wertvolle sagen, das er aus Bescheidenheit nicht wollte lauf werden lassen. Vom Jüdischen Nationalfonds. Alle. Pr«U« in Form von Baumspenden. Der Welt* Makkabi hat beschlossen, alle von ihm au erteilenden Preise in Form von Keren KaJemeth^Baumapem den 2ur Verteilung zu bringen. De%ember*Biicht«nletru0g. Die nächste Büchsen» leeruug findet in der Zeit vom 8. big 22. Dezember statt. In den Bezirken III,, XIX. und XXI. beteiligen sich an der Leerung * auch erwachsene Gg., vornehmlich Frauen. Alle Büchseninhaber werden gebeten, von den' Leerern Bestätigungen über die Leerung»betrage zu verfange«, natürlich *uoh Legitim«» tionen. __DIE NEUE WELT I Die O^anfcierung der zionistischen Intellektuellen King der Alte-Herren-Verbönde. Oer Generalkonvent In Wien. — Anschlüsse der Verbindungen In Graz und Prag. — Das Programm des Verbaitdes. Die „Neue Welt" hat bereite über die Bestrebungen berichtet, die zionistischen Intellektuellen in einem Weltverband ma-mmen zufassen und eine neue große Organisation zu schaffen, die sich aus den im Berufsleben stehenden alten Herren der zionistischen Süidentenvcreinlgungen zusammengesetzt. Diese Bestrebungen haben schon zu einem ersten Erfolg geführt. Es wurden bereits die Alte-Herren-Verbände der Wiener zionistischen Verbindungen in einem Ring vereinigt, dessen Statut von der österreichischen Regierung mit Erlaß vom 21. Oktober bewilligt worden ist. Am 21. November hat der erste Generaükonvent in Wien stattgefunden, an dem die Alten Herren der Verbindungen Kadimah, Unitas, Makkabää, Zephira, Röbur, Barissla und Jordania teilnahmen. Im Namen der lantragstdiendeh Korporation „Unitas" führte Herr Redakteur Theodor Monteser den Vorsitz. Er wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, daß sich In Wien, der Geburtsstätte des politischen Zionismus, nunmehr die Alten Herren der Verbindungen im Zeichen des politischen Zionismus zusammenschließen, um der jüdischen Idee in der Gallith und in Palästina ztt dienen. Ith Nahien der Proponeriten erstattete Herr Löwy das Referat über die Ziele und Zwecke des neuen Verbandes, der es sich angelegen sein lassen werde, alle Alten Herren organisatorisch zu erfassen und wieder in den zionistischen Arbeitskreis einzuführen. Es werde die nächste Aufgabe sein, die Fragen der jüdischen Jugend än den Hochschulen aufzurollen und mit politischen Mittein einer Lösung zuzuführen, indem in Verhandlungen mit den berufenen Stelle« die internationale Bedeutung der Verletzung unseres Rechtes hervorgehoben werden Wird. Für die Ausbildung des Nachwuchses In den Verbindungen soll ein einheitlicher Erzieihuugsplan ausgearbeitet werden. Doch wird der Ring.; audh auf dienichtakademische- -Jugend Einfluß nehmen und alles uirterstijteen, was ihre^ Nationalisierung und die Zurüctödr.ättjjwng^ Tendenzen bezweckt. Der Referent erörterte eingehend das politische und soziale. Arbeitsprogramm, und. schloß mit dem Antrag, die von dem vorbereitenden Ausschuß vorgelegte Verfassung anzunehmen, welche lautet: In der Erkenntnis, daß die allgemeine Lage des jüdischen Volkes' gebie^eViscn die Aufbietung aller geistigen und materiellen Kräfte erfordert; in der Erkenntnis, daß aus den Verwirrungen der Zelt der ursprüngliche, d 1 e ganze Nation umfassende und'bedenkende Inhalt des Zionismus wieder herausgehoben werden muß; in der Erkenntnis, daß die jüdische akademische Jugend zu der Ihr von Natur aus zustehenden führenden Bestimmung erzogen werden muß: haben sich die Alte-Herren-Verbände der Wiener zionistischen wehrhalten Verbindungen zusammen- . geschlossen und bekunden es als ihren Willen, mit den au! dem gleichen Prinzip aufgebauten gleichartigen Verbänden des Auslandes eine Welt Vereinigung der zionistischen Akademiker zu. bilden, deren Aufgabe es ist, die jüdischen Massen von der Notwendigkeit der politischen, kulturellen und sozialen Erneuerung zu überzeugen» auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens im Sinne . der nationalen Ideale fUhrend und aufklärend mitzuarbeiten und die akademische Jugend für Ihre Bestimmung vorzubereiten. Im Geiste des.Baseler Programms w|ll der neugebildete Ring seine Aufgabe erfüllen. Er 'will, ohne für die Ihm Angehörenden eine Uniformierung der Geister anzustreben, stets die einigenden Momente Im Zionismus voranstellen. _•__Nr. ii6 Piaktt HtffsMt In PorzeHan- und Glasservken Kaffeeservice Ia „....,. S 9.B0 Tafeiservice la, . ♦ S SÄUM Chinasilberaufsatz . . ♦ . S 9.50 Likörservice ........ S 0.30 GOTTFRIED, h., taborstrassi 01 Zur Erfüllung dieses Proramms verpflichten sich die heute zusammentretenden Verbände, Ihre ganze Kraft einzusetzen. Sie werden den Organen des Verbandes die Mittel zur Ausführung ihrer Aufgabe zur Verfügung stellen und sie nehmen es als Ehrenpflicht auf, sich auf» die Posten zu begeben, die Ihnen die aus aus freier Wahl hervorgegangene Leistung nach Beruf und Eignung zuweisen wird. Sie werden für das Volk ohne Ansehen von Schichten und Klassen wirken, sie werden Jeder In seinem Kreis gegen Unrecht, Mißverständnis und Böswilligkeit kämpfen und sie wollen alle zusammen und Jeder mit dem anderen Mann für Mann für die Erreichung des jüdischen Endzieles eintreten, für das freie Jüdische Volk im freien Jüdischen Staat, für das jüdische Recht, für die Jüdische Ehre. Die außerordentlich' zahlreich besuchte Versammlung nahm das Referat mit (brausendem Beifall auf und erhob die Verfassung einstimmig zum Beschluß. Herr Dr. Grünbaum referierte sodann über den inneren Aufbau der Organisation. Er besprach die Verhältnisse an den österreichischen Hochschulen' und verwies auf die auffallende Gleichzeitigkeit der Exzesse in Wien, Berlin, Prag, Lemberg und Preßburg. Weiters hob er die fortschreitende A b f al 1 b e w e gu n g hervor. Das jüdische Kind erhält keinen ausreichenden jüdischen Unterricht in der Volksschule und in der Mittelschule. Im jüdischen Bürgertum zeigt sich eine erschrecikende Abstumpfung, der jüdische geistige und manuelle Arbeiter findet heute nicht einmal meihr bei jüdischen Firmen und 'Unternehmungen Beschäftigung. Der jüdische Mediziner kann sich heute kaum mehr ausbilden, Immer mehr Kliniken schließen sich vor ihm und es wird daher nötig sein, dieser Frage mehr Aufmerksamkeit zu '•.schenken. Auch an sozialer Fürsorge und Jugendfürsorge muß mehr gearbeitet Werden. Der Verband will alle diese Probleme öffentlich erörtern und die sachlichen Grundlagen durch seine Kommissionen vorbereiten. (Lebhafter Beifall.) Es wurden hierauf die Anträge des Referenten bezüglich der Kommissionen und des Ehrengerichtes einstimmig angenommen. Die Versammlung schritt sodann zur Konstituierung. Gemäß dem Antrag des Vorsitzenden wurden ins Präsidium berufen die Herren: Doktor Josef Berger, Ing. Eugen Buchbinder, Dr. Jakob Buchs bäum, Df. Kurt Epler, Architekt Hahn, Dr. B. Kinsbrunner, Ing, Bmil Kraßny, Dr. Max Rosenzweig, Dr. Artur R e l k, Dr. Otto Spiegel (Gra.z), Dr. Ernst Weidmann und Dr. Jakob Wein er, In den Ausführenden Ausschuß wurden gewählt die Herren Dr. Oslkar Grün bäum, Dr. Oskar Fi cht mann und Löwy. Alle Wahlen erfolgten en bloc und einstimmig. Herr Löwy erklärte namens der Gewählten, daß alle die ihnen übertragenen Posten annehmen. -Er hielt sodann, während sich die Vemmmlunig erhob, den in Palästina Gefallenen einen Naohruf, worauf der Vorsitzende den Konvent mit einer Rede schloß, Jn der er die Einstimmigkeit " der Beschlüsse hervorhob und mit einem Gruß an das große jüdische Volk schloß. Die' Versammelten stimmten die Hatlkwah an, womit die Veranstaliuti'g' beendet war. Wie aus den Referaten hervorgeht, gehören dem Ring sämtliche Wiener Verbindungen (mit Ausnahme einer Korporation, mit der die Verhandlungen, noch nicht abgeschlossen sind) sowie die Grazer Charitas und die Präger Verbindungen Barissia und Jordania an. Der Ring, der also bereits besteht, hat die Besprechuiiigen mit den Verbindungen in Polen und in Rumänien aufgenommen. Gleichzeitig bereitet et eine politische Aktion in den Hociiischulfragen vor. Zur Anlegung einer genauen Kartothek werden alle in Oesterreich lebenden Alten Herren zionisti-i scher Verbindungen um Angäbe ihres Nationale« gebeten. Die Adresse des Ringes ist bis auf weitere«: Dr. Oskar Grünbaum, Wien» IL, Taborstraße 20a, * ' Sine Versammlung In Gro*. •. Am 30. November und 1. Dezember 1929 fand tn Graz anläßlich der Reaktivierungsfeler de» Jttd. afcad. Verbindung „Charitas" Graz unter deren Vorsitz, ein F a r b e n a t u d e n t e n t a g statt, an welchem neben einer Vertretung des Ringes der Alt-Herren- Vorbunde zionistischer Verbindungen starke Abordnungen sämtlicher wehrhafter jüdisch-nationaler Verbindungen Oesterreichs (Emunah, Ivria, Kadimah. Libanonla, Makkabaea, Unitas und Zephire> Wien) t«4K