Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 116 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711732--1526-2714750- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 116 DIE NEUE WELT Saite 5 KOHLE KOKS ANTHRACIT nächster Quam« BÄSCH. IV. ArgentiniarstraBe 22 TelMhMU U-4S-403 Telephon u.41.a.87 »et und, wie er es erst vor wenigen Wochen getan hat, den Zionismus barbarischem Haken« kreuzlertum gleichstellt, dann haben wohl die Juden, die Zionisten nicht nur das Recht, sie haben die Pflicht, den Charakter und — er rühmte sich ja auch seines guten Judentums — die jüdischen Gefühle dieses Mannes auf ihre Qualität zu prüfen. Wenn diese Probe für Herrn Wassermann nicht schmeichelhaft ausfällt, so fällt die Schuld auf ihn zu* rück, nicht etwa auf die „Neue Welt", welche er in seinem Zorne als „jüdisch*nationalistisches Hetzblatt" verdon* nert. „Die Neue Welt" hat nur die Wahrheit gesagt, und bösartige, niedrige, gegen Judentum und Zionismus ge» richtete Verleumdungen zurückgewiesen. Sie hat Herrn Wassermann rles Recht bestritten, den makellosen Richter in jüdischen Dingen zu spielen und seine Beliebtheit als Romandichter auf politischem Gebiete zu mißbrauchen. „Die Neue Welt" ist nur in dem Maße nationalistisches Hetzblatt, als Herr Jakob Wassermann wahrheits« liebend ist. Juden, hinaus! Jud oder Nichtjud — das ist die Frage! Seit einigen Wochen führt der Wiener „Montag", ein sonst den Sozialdemokraten freundlich gesinntes Blatt, eine Kampagne gegen die antisemitischen Um-' triebe in der österreichischen Sozialdemokratie. Zum Ausgangspunkt seiner Angriffe wählte das Blatt die Vorgänge im Arbeitersportverband, wo alle jüdischen Verbandsmitglieder, darunter die Gründer des Verbandes, an die Luft gesetzt wurden. Die Sache fet der Partei anscheinend nicht angenehm, denn einer der Führer, der Abgeordnete Dr. Julius. Deutsch-, greift ein und schreibt dem Blatte: „/loh erlaube mir darauf hinzuweisen, daß die sieben Mitglieder des Vorstandes, die . in der letzten Generalversammlung nicht wiedergewählt, wurden, gar nicht lauter Juden sind!..." Der ahnungslose Leser weiß gar nicht, welch köstlichen- Wite diese Berichtigung, in sich birgt! Von. den sieben Hinausgeworfenen sind nämlich vier im Judentum verblieben und drei Ausgetretene. Herr Abg. Doktor Deutsch ist selber ein Ausgetretener, also der berufenste Schiedsrichter. Er kämpft für sich und seine Mitrenegaten um Aberkennung ihres Judentums. Wozu ist man vom Judentum weggelaufen, wenn es nichts nützen soll! Aber der „Montag" läßt nicht locker und verulkt den arisch tuenden Natiotialrat gründlich. Er schreibt: „Wir erlauben uns die Bemerkung, daß Nationalrat Dr.. Deutsch bei der letzten Wahl des Vafö nicht dabei war und auch den verschiedenen Sitzungen, in denen es zu gewissen Zusammenstößen zwischen alten bewährten Parteimitgliedern israelitischer Kaufes* sioin oder früherer israelitischer Konfession (derzeit konfessionslos) und einer Gesellschaft junger Männer arischer Richtung kam, nicht beigewohnt hat. Er war auf die Berichte seiner Vertrauensmänner angewiesen und da sich sozialdemokratische Delegierte sicherlich nicht so offen antisemitisch gebärden wie zum Beispiel Nationalsozialisten, so dürfte er auf die Wahrheit doch nicht ganz draufgekommen sein. Die neuen Delegierten des Vafö sind Gott behüte keine /Turinf" Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke Hakcnkrcuizler, sie sagen es nicht. Das Wort „Saujud" kommt ihnen sicherlich nicht in den Mund. Bs wirkt sich aber still aus." „Wir konstatieren, daß sich unter den heutigen Delegierten des Vafö nicht ein einziger Sozialdemokrat israelitischer Konfession oder ä s r ae 1 i t ii s c h e r A bstammung (konfessionslos) befindet, obwohl die ganze Vaföbewegung ihr Aufblühen zum großen Teil jüdischen Sozialdemokraten zu danken.hat." „Wir haben als unabhängiges Blatt nur die Gefühle der sozialdemokratischen Israeliten wiedergegeben, welche nach ihrem Empfinden die geschilderte Behandlung spürten, wenn sie auch nicht deutlich ausgesprochen wird. Richtiger gesagt, sind es nicht tomer Israeliten, gegen die es geht, sondern ein größerer Teil, der tätig ist, sind konfessionslose frühere Juden. Es ist ein Kampf zwischen gewissen Jungmännerkreisen und den kleinen Intellektuellen der Partei. Unserer Meinung nach ist es Pflicht der Parteileitung, den sozialdemokratischen Isr a cli t en, unter denen sich viele verdiente Parteimänner befinden, nach . einer gründlichen Untersuchung der Sachlage, die nicht auf einseitigen Berichten fußen darf, Aufklärungen zu geben. Die israelitischen Sozialdemokraten, haben bei der Wahl eine große Agitationstätigkeit entfaltet und dürfen nun nicht nach den Wahlen mit Fußtritten bedacht werden." »HAfiSBUBG« anrufender bequemsfe Waschtag! Hochwertige französische Strickgummiteile GUMMIWARENHAUS „ALPHA" ADLERO. 8 TEL* 821-5-20 S€RI£ Baron Edmund de Rothschild und Oberst Dreyfus besuchen das Sterbehaus Clemenceaus. Baron Edimund de Rothschild und Oberst Alfred Dteyfus besuchten, wie aus Paris gemeldet wird, das Sterbehaus Georges Clemenceaus in seinem Heimatdorf in der Vendee, -um ihre Trauer über den . Tod des Kämpfers für Wahrheit und Gerechtigkeit auisaudrücken. 1 Verband demokratischer zionisten | Jüdische Männer und Frauen des X. Bezirkes 1 Kommet am Donnerstag, 12. Dezember 1929, um m halb 9 Uhr abends zur I Versammlung i ins Cafe Kellner, X., Favoiitcnstiaße 67 1 Gegenstand: | Die Lage der Juden In Oesterreich §§ Referenten: | Oberbaurat Roberl Stricker, David Nebeniahl 1 Kein Konsumzwang Verband demokratischer Zionisten f Mittwoch, den 11. Dezember 1929 um halb 9 Uhr | abends im Cale Produktenbörse, II., Taborstr. 10 Versammlung Gegenstand: Das jüdische Leben in Sowjeirufjland Ein Reisebericht Referent: SdhrifUteller Daniel Persky (New-York) A«kinMM I D*e Versammlungen linden fiCOYUlig I wieder im Cale Prödukteniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiii börse, II. Taborstr. 10, statt Mein Freund Mayer. Eine lustige Geschichte von Georges Clemenceau. (Aus dem Novellenband „Am Fuße des Sinai".) Es war vor etwa drei Jahren. Ich sitze iu meinem Arbeitszimmer und lese friedlich gestimmt, als mir mein Diener plötzlich meldet: „Herr Mayer 1" Ich dachte, es sei einer meiner bekannten Journalisten zu Besuch gekommen, und sagte daher, daß der Diener ihn einlassen möge. Bald darauf tritt ein älterer Herr mit gesundem, gerötetem Gesicht in das Zimmer. Sein ganzes Wesen, von dem eine wohlwollende Ueberlegenheit ausstrahlt, verrät ruhige, gelassene Selbstdisziplin. Ich habe diesen Mann niemals in meinem Leben gesehen; seih schöner, gepflegter schneeweißer Backenbart, die liebevolle Behendigkeit der grauen Augen, die blendend weiße Hemdbrust, der Salonrock von feinstem Schnitt: dies alles ist vertrauenerweckend. Vielleicht ist es ein ausländischer Diplomat, der Frankreich bereist, um die Volksstimmung kennenzulernen —- geht es mir durch den Kopf. Mein Gast ist in Begleitung eines jungen Herrn, offenbar seines Sekretärs. Der Fremde tritt näher und lächelt freundschaftlich. „Sie gestatten", sprach er in vertraulichem Ton, „daß ich meinen Hut aufbehalte. Ich fürchte, Schnupfen zu bekommen, und es gibt nichts Ekelhafteres als Schnupfen!" Ich hatte noch kaum Zeit zu antworten, als bereits ein Hut mit breiter Krampe auf dem schönen, aber glatten Schädel meines Gastes saß. Er nimmt den angebotenen Platz an, auf seinem Gesicht spielt noch immer dasselbe heitere, herablassende Lächeln. Er ist augenscheinlich bemüht, meine Gunst zu erlangen. Mein Gesicht verrät offenkundig einiges Staunen und ich warte, bis er endlich zu sprechen beginnt. „Ich muß Ihnen, mein Herr", begann er, „vor allem danken, daß Sie so freundlich waren, mich zu empfangen. Das überrascht mich übrigens gar nicht. Mein Name öffnet mir alle Türen, Meldet der Diener: Herr Mayer, weiß bereits jeder, wer dieser Herr Mayer ist." Die kaum merkliche Bewegung zum Zeichen meines Erstaunens blieb meinem Gast nicht unbemerkt. „Ich merke es an Ihrem Gesicht",, fuhr er mit einem leichten Anflug von Bescheidenheit in der Stimme fort, „ich weiß es sogar sicher, daß General Baron X. und Gräfin Z. gerade heute morgens wiederholt erzählten, daß ich die bekannteste Persönlichkeit von Paris bin. Aber nun hätten wir genug von mir gesprochen. Es handelt sich jetzt vielmehr um Sie, mein Herr. Ich wollte Ihnen schon seit langem meine Aufwartung machen; meine Freunde sagen mir unausgesetzt: „So geh doch schon mal* mache ihm einen Besuch, er ist ein sehr lieber Herr und wird sich unendlich freuen, mit dir zu plaudern!" Aber sehen Sie, ich bin so furchtbar beschäftigt, verzeihen Sie daher, ich konnte wirklich nicht früher kommen." Ich war bereit, meinem unerwarteten Gast zu verzeichen, als dieser plötzlich mit dem Ausdruck wahren, warmen Interesses mich förmlich anschrie: „Aber nun sagen Sie mir bitte, aber ehrlich und aufrichtig: Wie fühlen Sie sich?" Ganz erschrocken, ohne recht zu wissen, was ich sage, antwortete ich einfältig: , „Ich danke für Ihre werte Nachfrage, ich fühle mich sehr wohl." .. „Ah!" " rief mein neuer Freund mit strahlendem Gesicht. „Ich bin wirklich glücklich, verehrter Herr, dies aus Ihrem eigenen Munde zu hören. Sie wissen ganz gut, wie teuer die Gesundheit eines solchen Mannes wie Sie für Frankreich ist. Das ist ein großes Glück. Sie sehen auch vorzüglich aus. Aber gehen Sie mit Ihren Kräften sparsam um, ich wette, Sie arbeiten sich zu Tode. Aber wir brauchen Sie noch sehr!" Betäubt und verdutzt hörte ich diesen Redeschwall an, im Glauben, daß ich wegen irgend einer Sache aus« geschimpft werden soll, und wartete nun, welches Ende dieses Abenteuer nehmen werde. Der freundliche alte Herr jedoch, dessen Gesicht noch immer vor Freude darüber, daß ich über meine Gesundheit nur Gutes zu berichten weiß, strahlte, fuhr nun unbekümmert um mein Erstaunen fort: „Ich erkläre Ihnen, mein Herr, das erste, worauf yvir achtgeben müssen, sind unsere Sehorgane. Das ist unser teuerster Schatz. Wie soll man auch mit schlechtem, schwachem Auge oder mit irgend einem minderwertigen Augenglas arbeiten können? Sie, mein Herr, nähern sich' dem, Siebziger, Ihre Augen werden ganz sicher schwächer.', Sprechen Sie ganz offen, fühlen Sie nicht, daß es mit, Ihrem Auge nicht ganz klappt?" „Ehrlich gestanden, hat meine Sehkraft in den letzten Monaten ein wenig nachgelassen." Aber mein Besuch begann mich zu irritieren, deshalb erhob ich' mich und sagte ganz trocken: „Es ist nichts, ich sehe sehr gut." „Das ist ja vorzüglich", griff der hartnäckige alte Herr das Wort auf, ließ sich inzwischen ganz ruhig in meinen Lehnstuhl nieder und meinte: „Wenn Ihr Auge so gut ist, dann bitte sehen Sie sich einmal dieses Kleinod an", und schon hielt mir seine unbehandschuhte Hand eine Elzevirausgabe in wunderschönem Einband und prachtvoller Ausführung; unter die Nase. Kaum schlug ich das Buch auf, sprang der Fremde auf, packte mich am Arm und sagte in heftigstem Vor-. wurfston: ,; „Ja hören Sie mal, Sie haben mich ja hereingelegt, das ist doch nicht schön von Ihnen, das habe ich vcm Ihnen nicht erwartet. Was? Sie behaupten, daß Ihr Auge gut sei, und siehe da, Sie halten mein Buch in so großer Entfernung von sich, um die Buchstaben ausnehmen zu können, woraus ich mit Bestimmtheit ersehe, daß Sie, verehrter Herr, weitsichtig und dazu noch in hohem Maße weitsichtig sind. Ich sage Ihnen rund heraus, Ihre Kristallinse ist ganz flach geworden, es ist Zeit, einzugreifen, bevor es zu spät wird. Ich muß schon sagen, es war nicht recht von Ihnen, daß Sie mich täuschen wollten." : Nun klappte ich selbst zusammen, wurde platt wie meine Kristallinse und schämte mich furchbar, daß ich' auf solche Weise das Vertrauen eines so guten Freundes verscherzt habe. Ich wußte nicht, was ich zu meiner Entschuldigung und Rechtfertigung vorbringen könnte« Aber ich hatte keine Zeit, mir darüber den Kopf zu zer* brechen. Im Nu starrte vor mir ein Lineal und bevor ibb? noch Zeit gefunden hätte, aus meiner Ueberra6chung zu' mir zu kommen, war meine Sehstärke und die Entfernung schon abgemessen und mein Täuschungaversuch .wurde wissenschaftlich bewiesen und angenagelt, n „