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Die neue Welt · 1929-11-29 · Heft 115 (29.11.1929) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 115 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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' Seite 2 DIE NEUE WELT Nf. 115 PELZWAREN GEBRUDER BRAININ [:nnUnuernmQrkt2(i, TeL U-22-3-59 1BII iL, Glockengosse B, Tel R-45-4-33 jüdischen Materialismus und Mammonismus aus und übersehen, daß kein Volk, so stark und so lange für seinen Glauben und seine Ideale gelitten hat wie das jüdische; daß die jüdischen Gemeinden nicht 1 ihre reichsten Mitglieder im höchsten schätzen, sondern ihre weisesten, ihre Gelehrten; daß im Judentum-trotz seines Realismus ein ungeheurer Idealismus lebt, ein Idealismus, so stark, daß er der Welt das Christentum und den Sozialismus geschenkt hat. Ein Argument des Antisemitismus sollte aber kein Deutscher mehr verwenden: das Argument, daß die ganze Welt sich einig sei im Haß gegen die Juden. Denn erstens ist dies unrichtig. Der Antisemitismus ist kein Weltphänomen mehr, sondern beschränkt sich auf bestimmte Gebiete. Und zweitens hat das deutsche Volk im Weltkrieg an •ich selbst erfahren, wie ungerecht der Haß auch einer fänzen Welt ein Volk treffen kann;" * Leider ist dieser schöne Optimismus, welcher den Judenhaß seines Weltcharakters für immer verlustig erklärt, nicht unbedingt zu teilen. Wenn heute England, Frankreich und Italien als gänzlich frei von Antisemitismus bezeichnet werden, so stimmt das wohl nicht ganz. Und wenn es stimmt, muß das nicht als unabänderlich angesehen werden. Die jüdische Geschichte kennt einen Antisemitismus, der geht und wieder kommt. Die Schuld des Sir Herbert Samuel. Urteil eines Neutralen. — Ein Brief. In der „Neuen Welt" ist oft und oft darauf hingewiesen worden, daß Si:r Herbert Samuel, der erste Gouverneur Palästinas, die Hauptschuld an der unseligen Entwicklung der Dinge in Palästina und damit auch die Hauptschuld an dem jetzigen Aufstand und Blutvergießen trägt. Er, der nach wie vor von einer rückgratlosen und verständnislosen Zionistischen Organisation und ihrer Presse als ein jüdischer Großer; gefeiert wird, er, der bei der. Bildung der erweiterten, Jewish Ägency neuerdings auf den Schild gehoben wurde. Es ist interessant, wie ein in zionistischen Dingen neutraler Mann über ihn urteilt. Abraham Caha.n, der Herausgeber der größten jüdischen Tageszeitung, des sozialistisch orientierten New1 Yorker „Vorwärts", schreibt, von einer Palästinareise zurückgekehrt, folgendes: „Die Hauptursache der jetzigen Unruhen in Palästina ist in dem seitens der Verwaltung in den letzten zehn Jahren eingeschlagenen politischen Kurs zu finden. Ich muß es.offen aussprechen. Der erste Gouverneur Palästinas, der Jude Sir Herbert Samuel, hat in diesem Lande eine Politik betrieben und festgelegt, welche in den Arabern den Glauben erweckte, daß England sich vor ihnen fürchtet, daß England die Kraft der Araber im Lande für unüberwindlich hält. Dank der Politik Sir Herberts ist der Großmufti (Anm. der Red;: Der Anstifter und Leiter der Pogrome) die ■ größte Macht im Lande geworden. Die arabischen Führer gewannen die Sicherheit, daß die britische Regierung in Palästina gegen ihre Macht nichts zu unternehmen wagt, und benützten diese Kenntnis von der Schwäche der Verwaltung, um die arabischen Massen zu fanatisieren und gegen die Juden zu hetzeu." So spricht und urteilt nicht etwa ein „chauvinistischer" radikaler Zionist, sondern ein objektiver Beobachter, der wohl dem jüdischen Aufbauwerke sympathisch gegenübersteht, aber sonst mit dem Zionismus nichts gemein hat. * Die „Neue Welt" hat von einem Leser aus Deutschland folgenden Brief erhalten: „An die Redaktion der Zeitschrift „Die Neue W e 11", Wien. Die Ausführungen im Leitartikel „V e rnunft und Gefühl des Sir Herbert Samuel" in Nr. 113 Ihrer geschätzten Wochenschrift haben in meinem Herzen einen so mächtigen Widerhall und schmerzhaften Beifall ausgelöst, daß ich nicht umhin kann, auch meine Stimme in dieser so traurigen Sache öffentlich zu erheben. Der Artikelschreiber hat seine Gedankengänge tatsächlich aus meinem Innersten herausgelesen und ihnen beredten Aus« druck gegeben, und ich begrüße es, daß sich doch ein Mutiger unseres Volkes fand, der die bittere Wahrheit vor aller Welt kundtut und die Rolle des „Mausehl" verschmäht Schon bei der Vergebung der BeUan» Böden Sie werden schlank ohne Medikantente, ohne Anstrengung nur durch Paraffin f'MBiS'ft NSuraigien. Erfolg garantiert. ParaHlnlnstltut (unter ärmlicher Le tune IX., frelheltsplatf S, Toi. A*23*3'47 an die Araber durch Sir Herbert Samuel, den ersten Gouverneur Palästinas, hatten sich meiner Groll und Empörung ob dieser seiner „Weisheit" bemächtigt, mein Herz ward von Beklommenheit und Ueberdruß voll. Von den weiteren „vernünftigen" Handlungen dieses Herrn Gouverneurs, von der Amnestierung der beiden berüchtigten Mordgesellen, des Großmufti von Palästina Emin el Husseini und des Bezirksgouverneurs Von Berschewa Aref el Aref, dieser abscheulichen Bluthunde, und ihrer Einsetzung in hohe amtliche Würden, hatte ich unter so vielen anderen bis zu den letzten schauderhaften blutigen Geschehhissen in Erez-Jisrael gar keine Ahnung« Um, so heftiger wird der Groll, die gerechte Empörung des gesamten, jüdischen Volkes gegen den Juden, den „Zionisten" Sir Herbert Samuel. Es kommt mir das Wort des Propheten in den Sinn, der wehmütig ausrief: „Vernunftmenschen sind sie, um Böses zu stiften; aber Gutes zu tun, verstehen sie nicht!" Sir Herbert Samuel hat eine große, nie wiederkehrende Chance verspielt Er hätte seinem Unglück- Settfeöern umfonft kann kein Mensch liefern, hingegen kaufen Sie bei uns Orig. böhm. Bettfedern und Daunen (bessere Sorte) schon von S 1.20 per Kilo. Provinzver.sand. Möbel aller Art, Bettwaren und kinderwägen besonders billig \ Mitglied der, Ka-Oe-We - «Ifen Ii, PraWalle 45 liehen jüdischen . Volke den größten Dienst erwiesen, er hätte seinen tarnen in der jüdischen Geschichte rühmlich verewigen können. Aus Gründen der ^Vernunft" hat er dies nicht getan, sondern Verderben über uns gebracht"Mit dieser vonjair/Heijbert Samuel gepredigten „Vernunft"1 "wird sich cier Schreiber der jüdischen Geschichte, noch auseinandersetzen müssen. Diese Reminiszenz sollte auch den -Herren aus heftig, däfiür'scihjteiben, man;.möge;: 1 ür <di'e? Begnadigung der, zum Tp.deu verurteilen M är d e r^ von S a f. e d und H e b r o n Propaganda machen. — Berlin, den 20. November 1929. I s c h E1 ok i m." Budapester Brief. Erpreßte Judentaüfen. Unser Budapester Korrespondent schreibt: In den letzten Monaten haben die Austritte aus dem Judentum wieder in auffallender Weise zugenommen. Bis zum Beginu des Monates November haben in diesem Jahre 316 Juden in Budapest ihren Glauben gewechselt. Alle diese Personen haben mit ihrem Austritt aus dem Judentum auch die" Taufe vollzogen, durch welche sie den Eintritt in eine der christlichen Kirchen erreicht haben. Zum größten Teil geschahen die Uebertritte zugunsten der katholischen Kirche. Nach dem ungarischen Gesetz ist die Absicht, aus einer Religion auszutreten, der Kirchenbehörde, beziehungsweise dem Rabbinat persönlich anzuzeigen. Hierdurch kommt das Rabbinat in die Lage, auf das zum Austritt bereife Gemeindemitglied noch in der letzten Minute einzuwirken und es eventuell von seinem Vorhaben abzubringen. Der Direktor der Budapester Rabbinatskanz- RATIONALISIERUNG ist auf jedem Gebiete notwendig. Auch auf dem Gebiete der Körperpflege. Versuchen Sie einmal das Mittel, welches äußeist wirtschaftlich allen Zwecken der Körperpflege dient. Für Einreibungen (Massagen1, als Zusatz zum Wasch- (Bade)wasser, als Mundwasser, zur Haarpflege bestens bewährt und allgemein beliebt ist FRANZBRANNTWEIN mit Menthol Darf in keinem Haushalt fehlen! ÜBERALL ERHÄLTLICH I Achten Sie genau auf die Marke „Diana" und weisen Sl« Nachahmungen energisch xurttck. Eine SßtißnsiüUrdlSkßlt der Stadt Wien Dlldet d,as neu eröffnete fm&A VaFG Continental nie hs t der. 3 chw-eden-brQcKe lei, Dr. Sigmund Großmann, bei dem alle Austritte aus dem Judentum anzumelden sind, hat Gelegenheit, auch die Beweggründe kennenzulernen, welche die Täuflinge zu ihrem Schritt veranlaßten. Und so kam er auf Gründ der oft erschütternden Bekenntnisse der einzelnen bei ihm erschienen Parteien zu dem Schlüsse, daß der allergrößte Teil der in den letzten Monaten ausgetretenen Juden Opfer des unerbittlichen wirtschaftlichen und sozialen Antisemitismus sind, der jetzt wieder, wie in den schlimmsten Zeiten, ungeheure Verheerungen in der jüdischen Gemeinschaft Ungarns anrichtet. Jüdische Männer und Frauen erklärten dem Rabbiner Dr. Großmann weinend, daß sie diesen Schritt nur in ihrer größten Not und weil ihnen hohe christliche Protektoren die Versicherung gaben, ihnen nach der Taufe gute Stellungen zu verschaffen, unternehmen. So ist eine beträchtliche Anzahl jüdischer Mädchen und Frauen, um zu einer Existenz zu gelangen, zum Christentum übergetreten. Daß Angehörige der freien Berufe gezwungen sind, die Taufe zu nehmen, um zu Arbeit und Stellung zu gelangen, gehört bereits zu den Alltäglichkeiten. Aber jetzt wird der Druck der Kirche auch auf die anderen Berufe ausgeübt. So hat ein 38 jähriger Fleischhauergehilfe nicht anders zu einer Existenz gelangen können, als daß er zur römischkatholischen Kirche übertrat. Ein 40jähriger Dolmetsch erhielt eine Stelle, erst nachdem er sich mit dem Taufschein legitimierte. Aber selbst der 27jährige Kellner, der im Rabbinat erschien, konnte nachweisen, daß er einen guten Posten in sicherer Aussicht habe, wenn er nachweist, daß er römisch-katholischer Konfession ist. Eine junge diplomierte Turnl eh r e r in wolltö eine Privattirnschule errichten, erhielt jedoch die Konzession hur unter der Bedingung, daß "sie zur römisch-katholischen Kirche übertritt. Sie Hat den Uebertritt vollzogen und ist auch bereits im B e- I Verband' demökratisdlfcr Zionisten 'j Mittwoch, .den„4. Dezember 1929 ,um halb 9, Uhr a I abends im Cafe Produktenbörse! II., Taborstr. 10 1 Y e r s a m m lutf| .Gegenstand: Die Zustände in der Wiener Juden gemeinde ,. Einleitendes Referat: Dr. Leopold Pia senk es Freie Aussprache IQuibiiiMMl Die Versammlungen finden MCP 15MW93 ■ Wieder im Cafe Produkten« | tiimiiiimiiiimimiii börse, II. Taborstr. 10, statt I iiiiiimiiiimiii sitze der Konzession. Sogar ein jüdischer Hausbesorger, der schon seit vielen Jahren seinen Dienst zur' Zufriedenheit des Hausbesitzers versieht, mußte, wie er erklärte, zum Christentum übertreten, um seinen langjährigen Posten nicht zu verlieren. Ein 23jähriger jüdischer Kapellmeister hatte, als er sich zum Austritt aus dem Judentum anmeldete, bereits einen mehrjährigen Vertrag in der Tasche, für den Fall, daß er den Taufschein der katholischen Kirche beibringt. In sehr vielen Fällen verlangen Aktiengesellschaften und Banken, deren christliche Angestellte um die Bewilligung der Eheschließung mit einem jüdischen Mädchen ansuchen, von den christlichen Angestellten, daß auch die jüdische Braut zum Christentum übertrete. Um die Stellung seines Verlobten nicht zu gefährden, erfüllt das jüdische Mädchen die grausame Bedingung. Interessant ist, daß vor einigen Wochen ein 55jähriger jüdischer Journalist seinen Uebertritt zur reformierten Kirche damit begründet, daß er sonst seine Existenz verlieren würde. Jüdische Arbeiter und Gewerbetreibende der verschiedensten Kategorien, erklärten, aus Existenzgründen gezwungen zu' sein, aus dem Judentum auszutreten. Daß es sich dabei tatsächlich' in der Hauptsache darum handelt, daß der Betreffende aufhöre, Jude zu sein, geht daraus hervor, daß nicht selten der Austretende selbst nicht weiß, welche Religion er nach seinem Austritte annehmen soll. Es sei ihm von seinen Protektoren nur gesagt worden, daß er, um zu Stellung und Arbeit zu gelangen, nicht Jude sein dürfe. In der Provinz sind die Verhältnisse nicht viel besser. Sie treten nur deshalb nicht so kraß in Erscheinung wie in der Hauptstadt, weil die jüdischen Arbeiter schon längst gezwungen waren, aus der Provinz abzuwandern, und überdies die zur Zeit des rassenschützlerischen Terrors über das ungarische flache Land ausgebrochene Taufpanik unter den Juden noch bis heute nachwirkt.

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