Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 114 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 114 DIE NEUE WELT Seite $ ~> Verband demokratischer Zionisten in Wien Versammlung Dienstag, den 26. November 1929 um 7,9 Uhr abends im Gelben Saale des Hotel MUnchnerhof, Vi., Mariahilferstraße Nr. 71, frei zugängliche Tagesordnung: Referenten: Die Ereignisse an der Universität Dr. Leopold Plaschkes In Wien Nebenzahl David rung nötigen Gelder aus eigenem beizusteuern. Alles vergebens! Die Gesuche und Anbote kamen zu Mister Heron und blieben unbeantwortet. So handelt eine Regierung, deren Pflicht es ist, das Land zu fördern und das Leben der Bürger zu erleichtern. Nicht besser geht es im Departement für Zollwesen, Handel und Industrie, welches von Mister Stead geleitet wird. Ein Beispiel: Nach palästinensischem Gesetze sind alle Waren, welche religiöse oder philanthropische Gesellschaften für ihren Bedarf aus dem Auslande beziehen, zollfrei. Die christlichen Klöster und Kirchen und Schulen genießen selbstverständlich Zollfreiheit. Aber die einzige jüdische landwirtschaftliche Schule iii Mikweh Israel muß Zoll bezahlen. Ebenso werden die Materialien für Synagogenbauten verzollt. Man darf zwar den Zoll zurückfordern. Aber man bekommt ihn nie. Alle Versuche jüdischer Fabrikanten, Zollerleichterungen für Rohmaterial zu erlangen, scheiterten. Viele Industrien brachen unter der Last der Zölle und Abgaben zusammen und mußten liquidiert werden. Was Wunder. Auch Mister Stead leistete sich den Ausspruch: „W i r brauchen diese Juden nich t!" Die arabischen Großgrundbesitzer, welche das Land verfallen lassen, zahlen geringe Vorkriegssteuem. Auf die jüdische Industrie und den jüdischen Handel wird alles gelegt. Sie werden als Feinde, als Eindringlinge behandelt. Der jüdische Emigrant ist gut und jüdisches Kapital ist vorhanden. Eine Gesellschaft raffinierter, antizionistischer und antisemitischer Regierungsbeamter hat die Legende geschaffen, daß die ökonomische Lage des Landes die jüdische Einwanderung nicht verträgt.... Aus der jüdischen Gass9. Bekenner, die austreten, und Ausgetretene, die bekennen. Es scheint sehr gut ums Judentum zu stehen. Das KonjunkturgesC'häft in „Jüdisch" haussiert. Jeder zweite Literat jüdischer Abstammung fühlt sich verpflichteti ein Bekenntnis abzulegen, und wenn auch kein Gretchen da ist, Faust nach seiner Religion zu iragen, so fallen doch die Bekenntnisse wie Blätter im Herbst herab. Geht es mit Hindernissen, dann ist ein „Fall" da. Zurzeit haben wir einen „Fall Wer fei". Es ist kein kriminalisti-, scher, kein literarischer, kein psychologischer Fall. Es ist .ein Konjunktur fall Zur Sache: Der deutsche Dichter Franz Weriel befand sich in der von der Wiener Kulfasgemeinde offiziell aussegebenen Liste der aus dem Judentum Ausgetretenen. Was, fragten sich Neugierige, ist mit dem Prager Juden geschehen, daß er dem Judentum den Rücken gekehrt hat? Auch er? Auch er? Der Mann, der in „Paulus unter den Juden" eine kritische Phase des Judentums dramatisch gestaltet und damit sein dichteres Interesse für sein Volk bekundet hat? Da stimmt etwas nicht. Und flugs fanden sich Federn, die Zweifel aussprachen, kommentierten, ihm die Schlinge der Taufe um den Hals banden, schließlich sich zu dem Schluß bequemten, Werfel sei zu Kreuz gekrochen — nachdem er vor nicht langer Zeit ein öffentliches Bekenntnis zum Judentum abgelegt hatte. Da traf, allem „Kreuz"-worträtselraten ein Ende machend, Werf eis Pfeil ein: „Ich bin nicht getauft! Ich werde mich niemals taufen lassen! Ich habe niemals vom Judentum fortgestrebt. Ich bin im Fühlen und Denken bewußter Jude!" Tableau! Die israelitischen Blätter frohlockten, die Träne Quoll, die Erde hatte ihn wieder, ja eines dieser Blätter konstatierte mit Genugtuung, daß dieses Bekenntnis zum Judentum vollkommen unzweideutig sei. Bis sich sein Austritt aus der Wiener Kultusgemeinde als Tatsache erwies. Aber auch die Tatsache machte eines dieser judenliberalen Blätter nicht stutzig: es erklärte, sein Austritt brauche nach österreichischem Recht nicht auch als Austritt aus dem Judentum angesehen zu werden und bedeute bloß eine Formalität! Das Absurde dieser Erklärung müßte nun auch die Wohlwollendsten stutzig maohen. Und wiederum wurde der Spieß umgedreht. Dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" kam, wie es schreibt, Werfeis Austritt nicht verwunderlich vor. War doch in seinem Paulusdrama das Judentum in ein äußerst ungünstiges Verhältnis zum Christentum gestellt. Ein verzerrtes Judentum kapituliert vor einem verfälschten Christentum, das bei Werfel wie «in „modernes liberales Judentum" aussieht, Paulus erscheint im Format eines missionär gestimmten liberalen Rabbiners, vor dem der jüdische Rabbi Jamaliel zusammenbricht. Es ist unzeitgemäß, Werfeis dramatische Pauluslegende zu analysieren, den Nachweis seiner Unzulänglichkeit zu erbringen. Was uns in unserer Betrachtung interessiert, ist die Tatsache, daß hier von einem jüdischen Literaten ein Spiel mit sittlichen und religiösen Werten des Judentums getrieben wird, daß leichter Hand und leichten Herzens an Probleme gerührt wird, die sich nicht bequem in einen Burgtheaterabend pressen lassen. Und auch die Fortsetzung dieser Konjunkturhausse enthüllt, uns das „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz". Es erzählt uns die Pikanterie, daß im — Programmheft des Züricher Schauspielhauses eine heftige Polemik darüber abgeführt wird, ob Franz Werfel sich zum Judentum bekenne. Diese Angelegenheit dürfte die nichtjüdischen Verehrer des Dichters kalt lassen, nicht aber (siehe Konjunkturhausse) die jüdischen, welche die größte Zahl der Züricher Theaterbesucher ausmachen. Gehört Werfel dem Judentum innerlich noch an? Hat er ihm jemals angehört? Eine belanglose Frage für uns, deren Beantwortung wir denen überlassen, die von der Mission dieses „deutsch-jüdischen" Dichters faseln. Was uns zur Stellungnahme herausfordert und verpflichtet, ist der Versuch innerlich leerer Komödianten, mit dem Bauchton der Ueberzeugung ihre Bekenntnisse in die jttdi- Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke sehe Gass4 zu rufen, wo, die leicht übertöpelbaren Bücherlkäufer und . Theaterbesucher wohnen; die um Gunst dorthin schielen, wo sie nie zu Hause waren; kurzum die, welche sich's mit der jüdischen Kundschaft nicht verderben wollen. Wo es Bekenner gibt, darf auch unser Bekannter, Herr Jakob Wassermann, nicht fehlen. Er (hält sich für einen deutschen Dichter, dessen Ahnen seit Jahrhunderten auf thüringischer Erde gelebt und gewirkt haben, in einer Zeit schon, da Hermann der Oh'eruslker die germanische Muttermilch sog. Wir erinnern uns mit Rührung an sein Bekenntnis zum Judentum, das allerdings nicht mit dem unsrigen identisch ist, das alle' Juden als Brüder, als Kinder eines Stammes., einer Rasse, eine r Vergangenheit ansieht. Wassermann hat hier eine Scheidung nach dem Muster des'Zentralvereins deutscher Juden gemacht. Er hat, als deutscher DichUr, dem auch die Hitleriäner und Hermahn Batir ^uldigen, einen" Trennungsstrich gezogen zwischen den';brWen 'j.deü'tschen", liberalen Israeliten und der Horde raubgieriger, vertierter, verwahrloster, wurzelloser OstHiden, die sich auf Deutschland gestürzt'haben und seine Bücher nicht lesen, geschweige denn kaufen. Wassermann weiß, was Judentum ist, er weiß, wie es um den Schoß der alleinseligmachenden Religion steht. Denn e r h a t s e i n e i g e n e s K i n d i n diesen protestantischen Schoß gebettet. Um* darum glaubt er auch das Recht zu haben, sich der „Kundgebung gegen 'das Nationaljudentum", die eine Gruppe „deutscher Juden" (!) erlassen hat,' anzuschließen. Ja noch mehr. Er schließt seiner Zustimmung noch die Erklärung an, daß „zwischen den'fanatisierten Zionisten und der rabiaten Phraseologie d es' V ö 1 ki s c h e n k ein Unterschied bestehe". Wassermann, ein ganzer Mann, ein deutscher Biedermann! Er kämpft für das jüdische Ethos, für die heiligsten Güter des Judentums, die in Gefahr sind. Durch wen in Gefahr? Durch die Zionisten!. Denn, so lautet ein gesperrt gedruckter Passus der Kundgebung, in der sich die Unterfertigten als Glieder des deutschen, nicht eines jüdischen Volkes betrachten: „In der Errichtung einer j üdi s ch n a t i on a 1 e n Heimstätte sehen wir einen Irrweg, der das Eimanzipat ion s wer k d e r Vorkämpfer des deutsche'n Judentums und die religiös-sittliche Aufgabe des Judentums in der Menschheit gefährden mu ß." Die Söhne dieser deutschen Juden, die Söhne der Glieder des deutschen Volkes, werden zwar ans den deutschen Universitäten hinausgeipr<ügelt, aber die Väter halten fest und treu die Wacht am Rhein und Main. Lassen ihre Kinder taufen, treten selbst aus dem Judentum aus, ereifern sich aber für „r e 1 i g i ö s - s i 111 i c h e" Aufgaben des Judentums und gegen den1 Zionismus. Man weiß nicht, was man mehr bestaunen soll: dä-e. $ o f a f e tt * (31 i e f c l mit ätetgoerföluß tmb SBoKfyttev •8BeUitt0ton»®tief el mit warmem BoHfutter 35am ett*@ cfj n ee) dj uf) e mit 3iM>üerfdjlufj $ a m e tt * @ ti) tt e e f dj u § c mit <5$ttaKe tmb f amtliche übrigen, toarm gefütterten ® a m e tt * © dj it e e f dfj tt \ t in größter 2ttt3ttmf)t @ummitoaren$au$ „ALPHA"/ h ftbttrgafft 8 32,50 34.— 19.50 12.50 »wAes«ui?G« anrufender bequemste quemsre Waschtag! TEL* «2^-5-20 SEftJE Schamlosigkeit dieser Gesellen, die zwar „jeden jüdischen Nationalismus" ablehnen, sich aber an das Hakenkreuz ährer deutschen „Kotni'atäon.alen" klammern — oder die Dummheit der in anderen Belangen gewiß nicht uuintelligenten Jüdenschaift Deutschlands, zu der schließlich auch (als Mitunterzeichner des Aufrufs) der sozialdemokratische Berliner Polizeivizepräsident Dr. Bernhard Weiß gehört. Eine feingemisohte Gesellschaft! Die „Neue Welt" hat schon einigemal das Gesicht dieser Gesellschaft gezeichnet. Sie wird es gelegentlich immer wieder tun. Vielleicht, daß dieser Gesellschaft endlich einmal vor sich selbst grauen wird! o. r. Izchack Grünhaum, ein Fünfziger. Die Jugend, welche einst dem Rufe Theodor II e r z 1 s folgte, kommt nun in die Fünfzigerjahre. Einer ihrer Besten, Izchack Grünbaum, wird am 24. Novem* ber fünfzig Jahre alt. Sein Leben, sein Wirken ist ein Stück der besten Geschichte des russischen, des pohi'* sehen, des WeltsZionismus. Zwanzigjährig kam Grünbaum aus Plock nach War* schau an die Hochschule. Seit damals, dreißig Jahre, steht er ununterbrochen in den ersten Reihen der Arbeiter der zionistischen Bewegung. In Wort und Schrift ruft er zur Zionsfahno Geknechtet lebten die russischen Juden im Ansiedlungsrayon. Dumpfes Ghetto. Nach den schweren Sorgen des Tages blieb kaum Zeit übrig für die Inter» essen der jüdischen Gemeinde, für Bethäuser, Friedhöfe und Wohltätigkeitsvereine. Grünbaum kündete in Vcr* Sammlungen, Vorträgen, Zeitungsauf Sätzen den polnischen Juden die Hoffnung auf Zion. Er trug in die Städtchen das lebendige Wort des neuen hebräischen und jiddischen Schrifttums. Er weckte im polnischen Juden das Stre* ben nach Bürgerrechten. Die jüdischen Gassen Pöltens wurden wachgerüttelt, gewonnen und ins zionisti* sehe, ins nationale Lager geführt. Der Kampf galt der nationalen Reaktion rechts und links, der Assimilation im bürgerlichen Lager und in den Reihen der polnischen sozialistischen Partei sowie in denen des Bundes jüdischer Sozialdemokraten. Nicht nur der politische Zionismus im Sinne Herzls, die Kulturarbeit, die ihn zum Träger des heutigen Tarbut machte, fand in Grünbaum ihren besten Mitarbeiter. Die damals sogenannte „Gegenwartsarbeit" oder „Landespoii* tik", der Zionismus in seiner Totalität findet in ihm den Führer. In Helsingfors, wo im Jahre 1905 die Konferenz der russischen Zionisten tagte, ist Grünbaum Referent und Verfechter der zionistischen Gegenwartsarbeit. Der Zarenknute trotzend, lehrt Grünbaum das von der , Bureaukratie und Soldateska gepeitschte, verfolgte, gemartete russische Judentum anderen unterdrückten Na« tionen beizustehen. Er tritt für die Unabhängigkeit Polens ein. Er arbeitet unermüdlich als Erzieher und Führer zionistischer Generationen in Polen. Aus den Wirren des Krieges geht ein erneutes, be* freites Polen hervor, aber für die drei Millionen polni* scher Juden kommen böse Zeiten — Pogrome, Verfolgun* gen, Verweigerung der Gleichberechtigung. Grünbaum führt, beschützt, verteidigt die Juden Polens, kämpft um ihre bürgerlichen und nationalen Rechte; er gründet den Jüdischen Nationalrat, wird nach dem Welt« kämpfe Abgeordneter und Präsident des Jüdischen Klubs im polnischen Parlament. Er ist die Seele, der Kopf der nationalen Minderheiten in Polen, er bringt Juden, Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Deutsche an einen Tisch. Er wird die treibende Kraft auf den inter* nationalen Weltkongressen der Minderheitsvölker. Grün* bäum, der in Rußland stets für die Befreiung Polens ein« trat, stellt sich nun gegen die Regierung de mächtigen Marschall Pilsudski, mit den ihn Vergangenheit und Tra« dition verbinden, wenn es gilt, für die Rechte der Juden als Bürger, als Nation, für die Rechte der anderen Minder* heitsvölker einzutreten. Unbeirrt von Konjunktur, Tages« erfolg, Kompromißmöglichkeiten " Hilt Grünbaum, allen zum Trotz, die Fahne hoch. Seifi Name ist in diesem Ringen'Symbol, . Nach dem Kriege wird die zionistische Bewegung auf einen Weg geführt, der. ihm der unrichtige scheint, Grünbaum befürchtet den Rückfall in die Assimilation, W(- kämpft auf vi«* Kongressen, i» A, tion8*Kjpmt&e« Sitzungen, in der Öffentlichkeit, er bildet die Organisa* tipn der radikalen Zionisten. Er bleibt in der Minderheit, Vooerstimmt gipW^fk 'i»it enteren. Freunden In die er*