Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1929-11-15 · Heft 113 (15.11.1929) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 113 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711683-2711729--1490-2714711
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Seite 6 m NEUE WELT Nr 115 " Weitere Arbeit der Untersiidnmgskommission. Anklagerede gegen Luke. — Die Juden haben nicht provoziert - Ein arabischer Polieei* Offizier als falscher Zeuge. — Der Polizeikommandant von Haife ein verbrecherischer Antisemit. — Die Massaker in Safed. — Luke hat die Juden ausgeliefert! Jerusalem, 6. November. Den Abschluß der Verhandlungen, welche vor Abreise der Kommission in die betroffenen Gebiete geführt wurden, bildete die Rede Sir Frank Boyd M e r r i m a n s, des Vertreters der Zio» nistfachen Organisation» Er führte aus, die in Palastina begangenen Scheußlichkeiten hätten da» Gewissen der Welt in Aufruhr versetzt. Die britische Polizei in Palästina sei noch unter der konservativen Regierung organisiert worden. Es ist die Pflicht aller, die sich an der Verwaltung des Landes beteiligen, das Mandat mit unerschütterlicher Loyalität durchzuführen und das j ü d isch e N at io n a 1 h eim aufbauen zu helfen. Es sei Pflicht der Regierung, für die Sicherung des Friedens zu sorgen. Die Schwäche des Chefsekretariates der Regierung lähme das ganze Land. Der Chefsekretär Herr Luke, der im Juli und August an der Spitze der Verwaltung stand, hat die Araber glauben machen, daß ihre Forderungen, wenn sie nur hartnäckig vertreten werden, Erfolg haben würden. Die Schwäche des Herrn Luke hat sich auf eine Anzahl seiner Untergebenen übertragen und so köunte der Eindruck entstehen, daß die Palästina-Regierung nicht mit der Politik sympathisiert», die durchzuführen Pflicht der Administration ist. In einer solchen Atmosphäre war ein Ausbruch der Unruhen unvermeidbar. Herr Luke hatte sich in einem Moment, wo die Gefahr noch akut war, der Forderung der arabischen Executive gebeugt und verantwortungsbewußte und geachtete jüdische Bürger entwaffnet. Der Mufti Von Jerusalem hat in der moslemitischen Welt die Nachricht verbreitet, daß die Juden die heiligen Stätten des Moslem bedrohen und den moslemitischen Glauben gefährden. Die Art der. Verwüstungen und der Metzeleien in verschiedenen Teilen des Landes weist klar darauf hin, daß es sich um einen yerabredeten Aufruhr handelt. Dafür werde er, Merriman, Beweise erbringen. In allen feilen des Landes waren Gerüchte verbreitet worden, daß die Juden Bomben gegen die Omar -Moschee geworfen und moslemitische Andächtige abgeschlachtet hätten. In der jüdischen Kolonie Petach.Tikwah, in der seit drei. Generationen Juden und Araber friedlich nebeneinander leben, hatten arabische Arbeiter am . 19. August ihre Flauen Und Kinder in die Heimatdörfer geschickt, wobei sie erklärten, sie fühlten sich in "der Kolonie nicht sicher. Der Polizeik o mm an da n t h ft 11 e e r k j*ä r t, da ß j h in a 11 d a s nicht bekannt ■'gewesen war; Aber das zeugt nur davon, } wie erstaunlich inaktiv der Geheimdienst der Regierung gewesen: war. Und: wo die Regierung von etwas wußte, wurde sie durch, dieses Wissen nicht zu irgend einer Maßnahme angeregt/ , Die Regierung hat verschiedene Berichte und Warnungen erhalten; w'aruni hat sie; dieselben nicht ernsthaft behandelt? Und wenn sie dies tat", .Warum hat sie nichi TTuppen von auswärts vor Ausbruch!der Unruhen anstatt nachher angefordert? Man könnte i n n e r h a 1 b 24 Stunden ein Bataillon aus Aegypten nach PalU* stina bringen. Hätte man das getan, die Unruhen wären nicht ausgebrochen. Ich behaupte, schloß Sir Boyd Merriman, daß Herr Luke und die Regierung, weil sie keine Maßnahme zuni Schutze der Bevölkerung'getroffen haben, mit den Arabern die Verantwortung f ü r die ,E> ei gnisse teilen. Die Untersuchungskommission in den betroffenen Ge- ■j v bieten. . / Jerusalem, 6. November. Die Mitglieder der Kommission haben auf ihrer Reise durch die betroffenen Gebiete auch die Kwuzah (Kollektivsiedlung) Beth Alpha in der Nähe von Beisän besucht, In der Nähe von B eis an kam ein Trupp von 200 Arabern zu Pferde VßreiDiatß VgrsjcögruDgs-AkljOQ-DesslIsüian h Ii: Will II l«MAMali3 TeleflUoüB-43-5-20Saiie WwtowDnrilitaiifcD u Im kiiliBtestiiiMsnpn \M Mali" SiilpitlllW auf die Kommission zu, stieß Rufe gegen den Zionismus und für eine Verbindung zwischen Englaad und dem Arabertum aus. Die Mitglieder der Kommission begaben sich von Tiberias nach Safed, wo ihnen ein Haufen Araber, in dessen Mitte ein schwarzes Banner mit der Aufschrift „Nieder mit der Bai» J o u r - D e k 1 a r a t i o n" getragen wurde, entgegenkam. "Die Mitglieder der Kommission weilten längere Zeit in den jüdischen Vierteln der Stadt Safed und ließen sich eingehend über die Vorkommnisse in diesem Teil der Stadt informieren. Sie studierten eingehend Lage und Verhältnisse des Hofraumes, in dem die Polizeibaracken untergebracht sind, in denen kurz nach den Unruhen zwei Juden erschossen wurden. Die Mitglieder der Kommission trafen sodann mit dem Mufti und den arabischen Notahein von Safed zusammen. Sir Frank Boyd Merriman, der Anwalt der Juden, lehnte es ab, an einem von den Arabern den Mitgliedern der Kommission gegebenen Empfang teilzunehmen und weilte während dieser Zeit in der Mitte der jüdischen Repräsentanten der Stadt. —• Die Stadtkarte in der Hand, führte Sir Boyd Merriman die Mitglieder der Kommission durch die verwüsteten jüdischen Stadtviertel. Der arabische Anwalt wies die Kommissionsmitglieder darauf hin, daß auch arabische Häuser abgebrannt sind; es zeigte sich aber, daß nur solche arabische Häuser, die in der Nähe der in Brand gesteckten jüdischen Häuser lagen, Feuer gefangen hatten. — Von Safed begab sich die Kommission nach Haifa. Am Eingang in die Stadt begrüßte ein Haufen von einigen hundert Arabern die Kommission und überreichte ihr Petitionen. # Die Kommission tagt in Jerusalem weiter. Jerusalem, 8. November. Die .Untersuchungskommission, die in den letzten Tagen einige der von den Unruhen betroffenen Orte besucht hatte, setzt nun ihre Tagungen im alten Zollhause fort.' Wieder handelte es sich darum, festzustellen, um welche :Zeit an dem verhängnisvollen Freitag der erste Jude getötet wurde. Der Anwalt der arabischen Exekutive Herr WV H, .Stoker befragte jeden Zeugen, öb er nicht davon gehört habe; daß die e rs t e n, Tod es o p f e r A r ab er waren, womit er andeuten wollte, daß die Angriffe auf die Juden eine Folge der Empörung der Araber über die Ermordung ih^ gewesen war! Als der zweite Änwalt'der-Araber,'!Herr Silley von dem „Zionisten" •IprVyon^Wteisi."sprach,_ sagte '.der Anwalt der .2ionis'tis.öheilExekutive; Sir Merriman, Dr. von Weisl sef nichi Zionist,' sorjdjern Revisionist; die Revisionisten als rder extremste Flügel der Zionistischen Organisation lehnen die Leitung und die Methoden der Zionistischen Exekutive ab! und eUtsartdieu keine Vertretung in die Jewish Agency. Im übrigen,|iUtten sie die gleichen Ideale wie die ,Zionisten... < ■ Baruch Bin eh, ein jüdischer Distriktsbeamter aus Haifa, der vom 13. bis 16. August in Jerusalem Dienst tat, versicherte, daß die jüdische Prozession zur Klagemauer keineswegs als eine P"rovokation der Juden gegenüber den Arabern aufgefaßt werden könnte, da in jedem Jahre am Tischa b'Aw solche Prozessionen stattfinden. Baruch Bineh sagte in der Erwiderung auf eines Frage des zweiten Regierungsanwalts Herrn Drayton, die jüdische Demonstration an der Klagemauer sei in einer jüdischen Versammlung erörtert worden, in der dagegen protestiert wurde, daß der Status quo an der Klagemauer durch die Errichtung eines neuen Durchgangstores verletzt worden war. Es ging ein Gerücht um, daß 500 Juden aus Tel-Awiw uach Jerusalem kämen, um an der unter Leitung des jüdischen Klagemauerkomitees stehenden Demonstration teilzunehmen. Der Anwalt der Araber Silley wollte wissen, ob nicht das Klagemauerkoinitee darauf hinzielte, sich in den Besitz der Mauer zu setzen. Bineh bestritt dies entschieden und erklärte, das Komitee wollte tyur den Bruch des Status quo verhindern. Der in der Jeschurun-Synagoge vor der Prozession stattgefundenen Versammlung wohnten 2000 Juden bei. Obwohl infolge des Gerüchtes, daß den Juden nicht gestattet werden würde, gruppenweise die Mauer zii besuchen, die Stimmung erregt war, verlief die Versamm-« lung vollkommen friedlieh. Die Besucher der Klagentauer, fuhr Bineh fort, seien in Betende und ehrfurchtsvoll Verharrende zu teilen. In diesem Tischa b'Aw waren die Beter in der Minderheit, aber die Zahl der Besucher im allgemeinen war nicht außergewöhnlich hoch. Silley stellte an Bineh Fragen über den Verlauf des Zionistenkongressesi n Z ü r i c h und die Beschlüsse der Jewish Agency. Bineh lehnte es ab, sich in eine politische Diskussion Uber die Wirkung dieser Beschlüsse auf die Juden Palästinas einzulassen. Er stellte nur fest, daß diese Beschlüsse in keiner Weise eine Erregung verursachten. Sir Boyd Merriman erbot sich, die Resolutionen des Zionistenkongresses und der Jewish Agency der Kommission zu unterbreiten. Sir Boyd Merriman setzte es durch, daß die Tatsache zu Protokoll genommen wird, daß mehr als ein dutzendmal Araber, die an der Klagemauer nichts zu suchen hatten, das Pflaster. sm cler.Klagema.uet INGELEN RADIO - Apparate I und iautfprecher | die führende Marke ■ hin und her passierten, und daß trotzdem die von der Jeschurun-Synagoge herangekommene jüdische Prozession friedlich verlief und die Teilnehmer ehrfürchtig vor der Mauer verharrten. Es erfolgte sodann die nochmalige Vernehmung des Jerusalemer Polizeikommandauten Major Harrington, der den Bericht eines jüngeren arabischen Beamten über die jüdische Demonstration am 15. August unterbreitete, laut welchem an der Klagemauer mehrere fromme Juden und alte Frauen weilten und sich bis zum Nachmittag nichts Ordnungswidriges ereignete, bis eine Prozession junger Leute eintraf, von denen, einer eine Rede hielt, die von den übrigen mit Rufen aufgenommen wurden: „Pfui über die Regierung! Es lebe die jüdische Nation! Es lebe die britische Nation! Wir wollen nicht dulden, daß die Klagemauer entweiht wird!" Polizeiinspektor Bums sagte aus, er sei am Freitag gerufen worden, um bei einem Streit zwischen einem > jüdischen und einem arabischen Haufen in dem sogenannten „Russischen Hof" zu intervenieren. Es waren un diesem Kampfe etwa 300 Juden und 250 Araber beteiligt. Es geschah dies um 1 Uhr 30 nachmittags. Die Polizei drängte zuerst die jüdische Menge zurück und geleitete die eingeschlossenen Araber aus diesem Viertel heraus. Unter den Arabern waren zwei Verletzte. Dieser Zusammenstoß war erfolgt, nachdem vorher mehrere Juden in der Jaffastraße von Arabern getötet worden waren. Ob im „Russischen Hof" Juden oder Araber mit dem Angriffe begonnen hatten, konnte er nicht mehr feststellen. Er habe später sieben mit Arabern Vollbesetzte Fuhrwerke auf dem Wege nach Jaffa angetroffen. Auf die Frage, welches Ziel sie haben, gaben die Araber ausweichende Antwort. Ein vom Anwalt der Araber Herrn Stoker gestellter Zeuge, ein moslemitischer Polizei- Offizier namens Misbah Daudi, sagte aus, die jüdischen Demonstranten an der Klagemauer hätten den Muezzin in seinem Dienst unterbrochen und deren Geschrei hättedie das Pflaster passierenden Araber geärgert. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel, aber zu keinem ernsten Zwischenfall, weil die Scheichs, die Moslems ermahnt hatten, die. Ordnung zu; bewahren,, indem die Regierung sie zu schützen wissen werde. /Die Demonstration der Moslemiten am darauffolgenden Tage war einer Prozession am Nebi-Mussa-Feste ähnlich. Die Moslems fügten sich den Anordnungen der Polizei und gehorchten der Ermahnung des Mufti, der ihnen durch einen Boten sagen ließ, sie möchten Ruhe bewahren, da die Regierung ihre Rechte wahrnehmen werde* Daudi will nicht gesehen haben, daß an der Klagemauer den Juden gehörende Gebetbücher und andere Ritualien zerrissen und zerbrochen worden waren. Scheich Hassan hätte die Menge zu beruhigen versucht, diese aber schrie ihn nieder und nannte ihn einen Verräter. (Wie erinnerlich, schilderte Major Harrington den Scheich Hassan als einen gefährlichen Fanatiker, dem es zuzutrauen war, daß er die Menge aufhetzte.) Der Vorsitzende der Kommission Sir Walter Shaw fragte den Zeugen Daudi, wie er dazukomme; die moslemitische Demonstration als eine friedliche zu bezeichnen, wo doch Major Harrington ausgesagt hatte, daß der'Mob die Messer schwang und daß er sich darum bemüssigt gesehen hatte, Polizei zur Bewachung der Menge zu dirigieren. Daudi gab darauf keine Antwort. Im weiteren Verlaufe des Kreuzverhöres verwickelte sich, Daudi in Widersprüche; es kam zur Sprache, daß aus Daudis Feder zwei einander widersprechende Berichte stammen. In einem der Berichte nannte er einen Scheich, der die Menge angeblich beschwichtigt hätte', später stellte es sich heraus, daß dieser Scheich an dem kritischen Tage gar nicht in Jerusalem geweilt hat. Im weiteren. Verhör gab Daudi zu, daß Scheich Hassan von vielen Moslemiten ein Lügner genannt wurde. Sir Boyd Merriman fragte Daudi, ob mah nicht, den Groß- Mufti ebenfalls einen Lügner genannt hat. Daudi bliebdarauf die Antwort schuldig. Sir Boyd Merriman wies darauf hin, daß der Muezzin, der! angeblich durch die Juden unterbrochen worden war, auf dem unmittelbar an der Klagematter errichteten Gebäude gestanden hat, das niemals vorher als Platz für den Muezzin benutzt worden war. Mit gespannter Aufmerksamkeit wurden die Aussagen des Captaiu P1 a y f a i r, Kommandanten der königlichen Luftstreitkräfte in Amman, angehört. Am 18. August, sagte er, hat ihn der Stellvertretende High Commissioner Herr Luke über den Ernst der Lage informiert. Das transjordanische Verteidigungskorps ist angewiesen worden, sich für den 23. August bereit zu halten. An diesem Tage sandte Captain Playfair Panzerautos nach Jerusalem und noch an dem Nachmittag des gleichen Tages traf er selbst in Jerusalem ein. Er hatte die ihm zur Verfügung stehenden drei Gruppen Panzerauto« so eingeteilt, daß .eine Gruppe die palästinensisch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.