Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 112 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 112 DIE NEUE WELT Seite § LERNET FREMDE SPRACHEN in der Berlitz School, Wien I, Graben 13 Pro*Mk* 7 aar Wuntch Der Gesandte Bessedowskyj über die Judenfrage in Sowjetrußland. Der Kampf gegen den Antisemitismus. — Antisemitismus in der Roten Armee. — Die Judenkolonisation in der Krim nnd Ukraine ein Humbug. — Aussichtslosigkeit der Judenkolonisation im Fernen Osten. — Jüdische Hetze gegen Judentum und Zionismus. Der Stellvertreter des sowjetrussischen Gesandten in P a r i s, Legationsrat G.. B e s s e d o w s k y j, hat sich, nach dem aufsehenerregenden Skandal in der Pariser Gesandtschaft, wie bekannt, durch Flucht dem Zwange zur Rückkehr nach Rußland entzogen. Während der Gesandte in London weilte, um mit dem englischen Außenminister Henderson zu verhandeln, erschien in der Pariser sowjetrussischen Gesandtschaft ein Abgesandter der Moskauer Geheimpolizei, unterzog Lega tfonsrat Bessedowskyj einem Verhör und beauftragte ihn, sofort nach Rußland zu reisen. Bessedowskyj wollte die Gesandtschaft verlassen, doch stellten Sich ihm beim Tor zwei Diener mit Revolvern entgegen. Der Vorwand, seine Familie sprechen zu wollen, gab ihm Gelegenheit, über eine Mauer zu klettern und sich so der Sowjetgewalt zu entziehen. Bessedowskyj veröffentlicht jetzt im ..Matin" fortlaufend Darstellungen über die tat sächlichen Verhältnisse in RuUlund. Er gab auch dem Mitarbeiter der von den Zionisien-Revisionisten in jiddischer Sprache in Paris herausgegebenen Zeitschrift ..Der neue Weg" ein Interview über die judenfrage in Sowjet rußland. Bessedowskyj entstammt einer jüdischen Famalie in Poltawa. Sein Vater war Ziemst. Er selbst würde in seiner Kindheit im Hebräischen unterrichtet und hat es noch nicht ganz verlernt. . „Was ist es mit dem Antisemitismus in Rußland?" So lautete die erste Frage. „Ich. muß vor allem hervorheben, dal! die Sowjetregierung und die komunistische Partei als solche einen ernsten Kampf gegen den Antisemitismus führen. Sie tun es nicht ans besonderer Judenfreundlichkeit, sondern glauben, im eigenen Interesse so handeln zu müssen. Man fühlt eben, daß der Antisemitismus der zugkräftigste Ausdruck für die Antispwjetstiinmung ist. Wenn man mit aktivem Antisemisnms beginnt, kann •man die Massen ganz leicht zum aktiven < Antibolsche- . wismus überleiten. Der Kampf-der .Sowjetmacht .gegen den Antisemitismus ist daher eine Frage ihrer eigenen Existenz. Die antisemitische Stimmung ist aber in der kommunistischen Partei selbst sehr stark. Von unten, von der Arbeitermasse dringt sie zur kommunistischen Führung hinauf. Besonders stark ist sie in der Roten Armee. Der Kriegsminister Woroschilow ist ein verbissener, übrigens offener Antisemit Vom roten General Budicnnyj ist wohl überflüssig zu reden. Das „Wort „Zyd" ist immer auf seinen Lippen. Auch Kamcniew (ein Oberst des früh. russ. Generalstabes) und Tuchatschewskyj huldigen antisemitischen Neigungen. In der Roten Armee werden Juden systematisch von allen mehr oder minder verantwortlichen Stellen entfernt. Es wird eine ständige Kampagne gegen jüdische rote Offiziere geführt. Charakteristisch ist die Geschichte des Ober* inspektors aller höheren Kriegsschulen, Petrowskyj. Pptrowskyj ist Jude, sein echter Name lautet Lipez. Er war früher Bundist, ein talentvoller, energischer Mann. Durch zwei Jahre haben Budjennyj und seine Leute eine offene Agitation dagegen betrieben, daß ein Jude an der Spitze aller Kriegsschulen steht. ,Wir brauchen keine jüdischen Leiter', hat Budjennyj erklärt. Mein guter Freund, der gewesene Militärattach6 in Tokio, Tera^schew, erzählte mir mit Tränen in den Augen, was für Ausdrücke gebraucht werden, wenn man in der Umgebung Budjennyjs von Juden spricht. Budjennyj ist geistig den Kreisen zugehörig, die im zaristischen1 tRiißland Pogrome veranstalteten, er gehörte zu den schwarzen Hunderten, er ist zu allem fähig. Von Stalin möchte ich nicht sagen, daß er ein aüsgespröchener Antisemit sei. Er strebt jedoch systematisch dahin, den administrativen Sowjetapparat von Juden zu säubern. Er handelt aus ,rein staatlichen Motiven*. Die Masse ist antisemitisch gestimmt, man darf ihr daher keine Gelegenheit zur Behauptung geben, daß die'Sowjetadministration eine jüdische ist. Sogar im diplomatischen Korps strebt Stalin die Durchführung dieser Reinigung an. Während einer Sitzung des Politbüros erklärte Stalin offen, daß ,wir uns von den jüdischen Volksfremden befreie« müssen*. Ein gewalttätiger Antisemit ist der Kommissär für Eisenbahnen, R n d z utok. Eineu gewissen Einfluß auf das Wachstum des Antisemitismus in den kommunistischen Kreisen halle der Kampf mit der Trotzki-Opposition, welche hauptsächlich aus Juden besteht." „Wic wir d die j üdi8che K.o Ionisation i u Rußland d u r c h g e f ü h r t?" war nun die Frage. „Der Gedanke der jüdischen Kolonisatiav entspringt zwei Gründen: Amerika nnd die Währung, SowjetruilJand strebt eine Verbindung mit Amerika j«n. Da »»in glaubt, daß der Einfluß der Juden m Amerika groff ist hofite man durch sie eine Verbindung w«t dem .Weißen Haus', mit den Banken, mit den Industriellen zu erlangen. Andererseits wollte man Millionen von Dollar nach Rußland ziehen. Um dieser beiden Ziele willen, über die man in den führenden Kreisen Sowjctrußlands ganz offen spricht, wurde die jüdische Kolonisation begonnen. Es gab einige aufrichtige Enthusiasten, wie zum Beispiel B r a g i n oder L a r i n. Für die Mehrheit der Sowjetführer aber war die Kolonisation ein rein utilitaristisches Unternehmen. Wie es schon in Rußland üblich ist. hat man die Angelegenheit stark aufgebauseht. Man sprach von der Ansiedlung einer Million Juden in der Krim, in der Ukraine und im Kuban. Das Ergebnis war ganz bescheiden. In der Ukraine und in der Krim ist der vorhandene Boden schon erschöpft. Man kann höchstens mit einer Kolonisierung von zehntausend Menschen rechnen. Im Kuban hat man überhaupt nicht begonnen, da die Kosaken erklärten, daß sie die jüdischen Kolonisten ausmorden werden. Und man muß ihnen das glauben. In führenden Sowjetkreisen erklärt man schon längst, daß die jüdische Kolonisation im europäischen Rußland zu Ende ist. Alle Hoffnungen sind jetzt auf Biro-Bidzan gerichtet. Auch da hat man von einer Million zu sprechen begonnen, nachher i?t man auf fünf hunderttau send heruntergegangen nnd jetzt redet man von hunderttausend. Ich persönlich glaube an die ganze Sache nicht. Der beste Boden in Biro-Bidzan ist schon früher an andere Kolonisten abgegeben worden. Mit Juden besetzt man die ganz nördlich gelegenen Gegenden. Die Wasserbcdin- WIEN VII., KAiSERSTRASSE 123 IX., A LS E R ST R ASSE 6 . FERNSPRECHER 8-38-0-43 guugen, die Kommunikation, die 'Absatzmöglichkeiten sind ungünstig. Die Lage der j ü'disehe n M nsse i n der Ukraine ist Wahrlich eine verzwe i f e 11 e, aber auch sie wird .sich, in Biro-Bidzan unter solchen Bedingungen nicht .einordnen können." Der Journalist fragte sodann, \v ic die Verf oI g.u ngen der Zio nf s jte u i n So w j e t r uß land begründet werden?. „Die Sowjetmacht sieht, in den Zionisten gefährliche Konkurrenten in der jüdischen Gasse* Die russischen Kommunisten beziehen sich in Wahrheit ganz gleichgültig zum Zionismus, aber die jüdische Sektion („Jewsekzia1"), welche die u n g e b i 1 d e t e s t e und fanatischeste aller, nationalen Sektionen in der kommunistischen Partei ist, hetzt fortwährend gegen den Zionismus. Da die jüdische Gasse vollständig der Macht. der jüdischen Sektion ausgeliefert ist,. werden alle Versuche, bei der Sowjetregierung zugunsten der russischen Zionisten Einfluß zu nehmen, nichts helfen. Ich weiß, daß in diesem Sinne Unterhandlungen mit den; einzelnen Vertretern, der . Sowjetmacht' im Ausland geführt wurden. Ich weiß auch, daß Tschit scher in z.,B. zweimal die Frage .wegen.der Abschwächung der : Verfolgung der Zionisten * in Sitzungen des Politbüros hervorgehoben hat. Er hat darauf hingewiesen, daß die Verfolgung der Zionisten einen schlechten Eindruck im Ausland macht. Aber , die jüdische Sektion hat beide Male einen solchen Lärm entfacht, daß man ihr nächgeben mußte." . „Die jüdische Religion Und die hebräische Sprache ( werden auch in erster Reihe nur der jüdischen Sektion zuliebe verfolgt Der energischeste Angriff an der antireligiösen Front wird gerade in der jüdischen Gasse geführt. Mit Christen ist es gefährlich zu;■; \ Kaufet Lose GesamttrefferwertS50 000 I Lospreis S 1.« Ziehung 14. November 1929 Lose i n. a I I e n T r a f i k e n erhältlich i ■•'Ü'ftö... 'iaa#§ NlMIIII»^ beginnen, weil sie mit Widerstand antworten. Mit den Mohammedanern will die Sowjetmacht keinen Krieg, weil dieser ihrer Propaganda in der Türkei. Pcrsien, Afghanistan und Indien schaden könnte. Die Juden aber sind schutzlos, man braucht sich daher keinen Zwang anzutun. Christliche Klöster, mohammedanische Moscheen werden in letzter Zeit gesthont, aber jüdische. Schulen und Chedariuin werden gesperrt und hebräische' Lehrer werden verfolgt. Einst hat man dies mit der Ausrede getan, daß die Chedarim u n h y g i e n i s c h sind. Jetzt bemüht man sich nicht um eine Ausrede." .,W isse n Sie, warum die a u s lii n d i s c h e kommunistische Press e, d i <; .Ii n in n n i t e' und die ,R ote Fahne* an der Spitze, aus A n- 1 aß der letzten Ereignisse in Palästina eine solche Tätigkeit zugunsten . (Ut Araber entfaltet hat?" lautete die letzte Frage. „Es war allgemeine Direktive des Komintern (kommunistische Internationale) an alle kommunistischen Zeitungen, die Bewegung der revolutionären Beduinen gegen die Zionisten, die Agenten des englischen Imperialismus, zu unterstützen. Die Direktive enthielt auch einen zweiten Punkt: Unterstützung der Annäherung zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern. Aber die ausländischen kommunistischen'Zeitungen haben diesem Teil der Direktivo wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt." Universitiitskurse über den Antisemitismus. . Moskau, 30. Oktober.. (J. T. A.) Die Verwaltung der Universität in Smolensk hat beschlossen, mit Beginn dieses' Lehrjahres spezielle Kurse über. Gesclwclite und Ursache des Antisemitismus einzuführen. Das Studium -des Anti-. s-emitäsmus soll die. Studenten mit dein nötigen Rüs.vzeii'S. zur Bekämpfung, dieser Volksseuche versehen. Zwei Juden wegen Valutaspekulation hingerichtet. Moskau, 30'. Oktober. (J. T. A.). Abraham Kleiner und Samuel T a i tz, die am September. unter der Ber schufcligung, mit ausländischer Valuta spekuliert zu haben, vom Gericht zun* Tode verurteilt wurden, sind am 26. Oktober, hingeVi'Chte t worden. Das Präsidium.; des Zentralexekwtivkoniiitees hat die von den Verurteilten eingelegte Berufung abgelehnt. Gute Ernte in den jüdischen Kolonien. — Rigorose Maßnahmen bei der Getreideeinsammuing durch Organe der Regierung. Moskau, 31. Oktober. (J. T. A.) Den aus den jüdischen Kolonien im Rayon Odessa eintreffenden- Berichten zufolge ist die diesjährige Getrelderiute in dieser Gegend gut -ausgefallen, —■> Gleichzeitig treffen hier Meldungen ein, wonach die Getreideeinsamnilung seitens der Regierutigsorgane in mehreren jüdischen Kolonien in einer Weise gehandhabt wurde, daß die Ergebnisse als sehr bedauerlich bezeichnet werden können. In manchen 'Kolonien wurden pro Person nicht mehr als 13 bis 15 Pud Getreide zurückgelassen. In anderen Kolonien sind mir 3 bis 5 Pud Weizen Jeder Familie gelassen worden. Dieses' rigorose Vorgehen erschütterte besonders die Wirtschaften der im, letzten Jahre neu angesiedelten Kolonisten. Sühne für antisemitische Ausschreitungen. Moskau, 31. Oktober. (J. T. A.) Das Kreisgericht in Hömel hat gegen fünf Arbeiter und drei Arbeiterinnen der staatlichen Papierfabrik „Geroj Truda" Zentralsparkasse der Gemeinde Wien Wien, l.,Wipplingerst,aße 8 « Gegründet im Jahre 1907 « Fernruf: U-23-5-60 bis U-23-5-69 I., Operngasse ü I. , Schottenring 1 II. , Taborstraße 17 II. , Praterstraße 50 III. , Landstraßer Hauptstraße 65 IV. , Favoritenstraße 9/U V. , Schönbrunnerstraße 54 Zweiganstalten: VII. , Mariahllferstraße 70 VIII. , losefstädterstraße 64 IX. , Nußdorferstraße 10 X. , Gudrunstraße 130 XI., Simmeringer Hauptstraße 80 XIV., Märzstratte 45 XIV., Ulimannstraße 46 XVI. , Richard-Wagner-Platz 19 XVII. , Hernalser Hauptstraße 74 XVI1L, Währingerstraße 109/111 XIX. , Gatterburggasse 23 XX. , Brigittaplatz 10 XXI. , Am Spitz 11 Kreditverein der Anstalt: VII., Mariahllferstraße 70 Geschäftszweige; Einlagen auf Sparbücher und Scheckkonti. Verwahrung und Verwaltung von Wertpapieren, Au- und Verkauf von Wertpapieren aller Art, langfristige Hypothekardarlehen, Hypothekardarlehen iUr Hausrenovierungszwecke, Gewährung von Darlehen auf Wertpapiere, Wechselkredite, Kredite an Wiener Gewei betreibende und Kaufleute durch den Kreditverein der Sparkasse, Vermietung von Kassenfächern (Safes) Die Gemeinde Wien haftet mit ihrem ganzen Vermögen für alle Einlagen in der Anstalt