Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 112 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 112 DIE NEUE WELT Seite 3 Auch die Synagogen von Konstantinopel sind verhalten, große Steuern zu bezahlten, und die Steuerkontrollore haben strengen Auftrag, Einblick in die Bücher der Syna* gogen, in denen die Eingänge für Alijoth, Thoraspenden und sonstigen freiwilligen Gaben gebucht sind, zu nehmen, und danach die Steuersumme zu bemessen. Dem jüdischen Krankenhaus „Or Hachajim", in welchem Kranke ohne Unterschied der Konfession Aufnahme finden, wurde gleichfalls einer Steuer von 32.000 türkischen Pfund mit der Androhung vorgeschrie* ben, daß das Krankenhaus im Falle der Nichtzahlung geschlossen wird. Selbst das jüdische Waisenhaus wurde von dieser Steuerver* folgung nicht verschont. Vor einiger Zeit hatte die jüdi* sehe Ge inde von Konstantinopel beschlossen, mit Hilfe def Bnai*Brith in Pe$a, einer Vorstadt von Konstantinopel, eine große Synagoge zu erbauen. Als jedoch die Gemeinde um die Baubewilligung einschritt, wurde ihr diese ver weigert, da die Regierung beschlossen habe, keinerlei neue Gebäude für jüdisch*religiöse Zwecke zu bewilligen. * Der Oberrabbi n er der Türkei (Chacham Baschi) Hajim B e j a r a n o und mehrere der angeschen* sten Führer der jüdischen Gemeinde erhielten von einer „Internationalen Liga zur Bekämpfung der Juden" Zuschriften, in denen es heißt: „Ihr Juden seid ein fremdes Element in unserem Lande, nicht einmal unsere Sprache habt Ihr erlernt. Wir werden mit Euch hier in der Türkei ebenso verfahren, wie man mit Euch in Jerusalem verfahren ist." Die jüdische Gemeinde in Adrianopcl, die, als die Stadt noch unter türkischer Herrschaft war, eine wichtige Rolle im Kulturleben der Juden gespielt und wegen ihrer Rabbiner*Hochschulc, aus der die Rabbiner und geistlichen Funktionäre fast aller jüdischen Gemeinden in den Ballkanländern hervorgegangen waren, berühmt war, geht heute dem gänzlichen Verfall entgegen. Die Gemeinde zählte früher 18.000 Mitglieder und verfügte über 15 Synagogen und einer größeren Zahl Wohlfahrtsinstitutionen. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Gemeinde war eine gute. In Adrianopel gründete die Alliance Israelite Universelle ihre erste Orient" schule. Heute zählt die Gemeinde im ganzen 5000 Seelen und verfügt über nur zwei Synagogen und zwei Schulen, die aber in diesem Jahre durch eine V e r f ü* gung der lokalen Behörden geschlossen bleiben müssen. D:-? jüdischen KulturJnstitutionen, Bibliotheken und Zeitschriften von früher existieren nicht mehr. Die Jugend wandert nach Konstantinipol und nach verschiedenen Städten des Auslandes aus. So verschwin« det diese Gemeinde, die einst im Leben der Juden der Türkei eine so wichtige Rolle gespielt hat. Franz Werf eis Taufe. Er dementiert! Zum Falle Franz "Werfel, welcher in der letzten Nummer der „Neuen Welt" behandelt war, schreibt jetzt das „Neue Wiener Journal": „In Wien waren in der letzten Zeit infolge der Meldung einer jüdischen Telegraphenagentur Gerüchte verbreitet, daß der Diditer Franz Werfel der Wiener israelitischen Kultusgemeinde offiziell seinen Austritt aus dein Judentum angemeldet habe. Dieses Gerücht erregte natürlich großes Aufsehen, um so mehr, als der Dichter vor einiger Zeit im Zusammenhang mit der von jüdischer Seite an seinem Drama „Paulus unter den Juden" geübten Kritik in verschiedenen Zuschriften an jüdisdie Zeitungen sein jüdisches Nationalbewußtsein besonders betont und sich scharf gegen die Verdächtigung gewandt hatte, als ob es ihm nicht Ernst um sein Judentum sei." „Wir haben uns nun an Franz Werfel mit der Anfrage gewendet, ob diese Gerüdite auf Wahrheit beruhen. „Die Behauptung", erklärte uns Franz Werfel, „daß ich meinen Austritt aus dem Judentum angemeldet habe, ist vollkommen aus der Luft g e g r i ff e n. Idi denke nidit daran, midi vom Judentum abzuwenden, um so mehr, als ich ein gläubiger Jude b i n." Die Sadie beginnt interessant zu werden. Franz Werfeis Namen war mit genauer Adressenangabc im .Austrittsverzeichnis der Wiener J u d e n g e m e i n d e enthalten. Die Jüdische TeLegraphenagentur hat sidi gleichfalls auf eine ihr gemachte Mitteilung der Kultusgemeindc berufen. Was ist also eigentlich los? Es wäre nötig, daß sidi jetzt die Kultusgemeindc zu dem mysteriösen Fall äußert. »HAfiSfiUftG« anrufender bequemsfe Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke Brief aus Prag, Jüdische Abgeordnete im tschechoslowakischen Parlament. — Zum Tode Hermann Ungars. .; ft, 4. November 1929. Die dritten Wahlen ins tschechoslowakische Abgeordnetenhaus, die am 27. v. M. stattfanden, brachten der jüdischen Partei endlich die durch ein volles Jahrzehnt vergeblich angestrebte parlamentarische Vertretung. Es war, wie schon im Dezember des Vorjahres zu den Landtagswahlen, ein Pakt mit der polnischen Minorität abgeschlossen worden, der diesmal einen vollen Erfolg herbeiführte. Die tschechoslowakische Wahlordnung aus dem Jahre 1920 und besonders die ®of af ett*@tief e l* mit ^eif3oerfd)Iu| imb ' SBottfutter. 32.50 Wellington*© tief el mit toarmem SBoHfutter 2) a m e n * © tf) n e e $ dj n fj e mit ,3typüerfcf)luf3; 3) a m e u * © dj n e:e f dj n f) e mit ©cfjnafle nnb fämtliclje üörigen, warm gefütterten $> a m e n * © -.dj u ee f tf} n fj e in größter 5ht§roaf)l ®ummih>aren§aus „ALPHA"; h Slblergoffe 8 34.- 19.50 12.50 quemsre . Uschlag! TEL' £2V5-20 S 4 S€«l£ *y ^>_u Novelle aus dem Jahre 1924 sind gegen kleine Parteien und Minderheiten zugeschnitten und so hatten zumal die Juden durchaus keine andere Möglichkeit, als durch ein rein taktisches Bündnis, welches über das dritte Skrutinium nicht hinauswirkt und auf die Stellung in der Kammer selbst keinen Einfluß hat, ihre Postulate nach einer parlamentarischen Delegation durchzusetzen. Dem politischen Ausschuß (Dr. Margulies, Dr. Singer und Dr. Goldstein) gelang es, in den Polen, die schon bei den letzten Parlamentswahlen ein Mandat erlangt hatten, einen Partner zu finden, der nach menschlichen Ermessens Gewähr für den Wahlsieg bot. Im Ostrauer Kreis, wohin die zersetzende, orthodoxagudistische Macht nicht reicht — man könnte nach den bisherigen Erfahrungen.mit Cherem und Assur wirklich von einem „Ba nnb er eich" der agudistischen Rabbonim sprechen — wurde das notwendige erste Mandat durchgesetzt, der Stimmrest aus der ganzen Republik reichte noch für ein polnisches und mindestens zwei jüdische Mandate. Dr. Singer (Prag) und Dr. Reisz (Bratislava) sind nunmehr Abgeordnete. Die jüdisch-polnische Liste erreichte in der ganzen Republik etwas über 100.000 Stimmen. Die jüdische Partei hat in manchen Kreisen kleinere Verluste gegen früher aufzuweisen. Diese sind jedoch nicht unmittelbar gegnerischer Propaganda, sondern vielmehr der Tatsache zuzuschreiben, daß die jüdische Partei in zwei aufeinanderfolgenden Wahlen erfolglos blieb. Organisatorisch nicht erfaßte Mitläufer können Niederlagen, psychologisch leicht erklärlich, keinen Widerstand leisten und fallen ab. Die Wahlpropaganda selbst wurde auf tschechischer Seite nahezu ohne antisemitischen Einschlag geführt, was erwähnt zu werden verdient. Nur die Klerikalen kamen mit rüdesten, antisemitischen Mitteln und büßten viele Zehntausende von Stimmen ein. Hingegen bemühten sich alle Parteien, von den reaktionären Agrariern angefangen bis zu den Nationalsozialisten (Klofac-Beneg-Partei), den jüdischen Wähler durch Versprechungen einzufangen. Selbst mit — deutschgeschriebenen Wahlzetteln und gefälschten Empfehlungen eines anonymen jüdischen Kultusgemeindeverbandes wurde gearbeitet. Allerdings ohne großen Erfolg. Bei den deutschen Parteien, die nicht zulernen wollen, blieb aber der Judenpunkt erhalten. Vom beschnittenen Kafka Agadati, der jüdische Tänzer. Von Oskar Rosenfeld. - Wir bringen untenstehend einen Ab« schnitt aus einer von Oskar Rosenfeld unter dem Titel! „Baruch Agadati, Zum Wesen der jüdischen Tanzform" verfaßten Schrift, die demnächst im Verlag der „Neuen Welt" erscheint. In Agadatis Tänzen erkennen wir klar die Motive des jüdischen Charakters, der jüdischen Rasse, chassi« dische und yemenitische Motive gesteigert zu einem indi* viduell expressiven Ausdruck. Der Kern betrifft das Jüdische; nicht die Schilderung von Chassidim und .Yemeniten, sondern die Darstellung innerer Bewegtheiten auf Grund des Studiums des chassidischen und yemeniti* sehen Wesens. Der Kern betrifft die Idee. Wenn Agadati den Weg vom Ziel zum Ursprung geht, trifft er den Zentralpunkt der geistig*körperlichen Haltung der alten Zeit, der Epoche, in der die antike, hellenistische Welt mit ihren horizontalen, vom Herzen nach außen zielenden Bewegungstendenzen ihre Naturgötter, ihren Diesseitsgedanken, ihre Leib*Geisteinheit, ihren blauen Himmel einstürzen sah unter der Wucht einer neuen Religion, eines neuen Weltgefühls, das die Erbsünde pro? duzierte, den starken Geist und das schwache Fleisch, das Diesseits als prüferische Vorstufe für das Jenseits« Oben: die jüdisch*christliche Legende mit ihren v e r t u kalen, zum Herzen innenwärts ziehenden Bewe* gungstänzeh, die ihre Krönung in der Gotik fanden. Agadati mußte hier halt machen, mußte an diesen Zentralpunkt rühren. Daher sind auch seine Mittel jüdisch. Er setzt mehr den Kopf, die Hände, die Füße Jn Funktion, als den Körper als Ganzes; das Zeichen einer Geistigkeit, einer Verinnerlichung, einer physiologischen Geschlossenheit. In der Ekstase will der Körper von sich weg, er strebt in die Höhe, nicht in die Breite des Raumes. Die jüdische Ekstase manifestiert sich anders als die europäische. Der ekstatische Jude geht in sich hinein, der. Geist gebt in den Körper, der Körper, .wird starr, Ekstase gibt also Verinnerlichung, Versteifung, Konzentra* tion. Die jüdische Ekstase manifestiert sich in statischer Ruhe. Denn die typischen Bewegungsformen der asiati* sehen Rassen, Gehen, Biegen, Schreiten, Wenden, Strecken, kennen keinen Wertunterschied zwischen Kopf, Arm, Bauch, Fuß. Nach diesem ältesten Zustand, nach dem Ausgangspunkt, wo auch bei den Juden die typischen Bewegungsformen noch lebendig waren, strebt Agadati. Sein Trieb ist organisch, konservativ, auf Wieder* erweckung früherer Formen gerichtet, in atavistischer Be* wußtheit. So wird er stark in seiner Idee. Der Schiffbruch aller Tanzideologien, die Krise des heutigen Ausdrucks» tanzes bedeutet einen Segen der Ideen des Individuums. Programmtänze, Tänze auf Musik sind das Eingeständnis der Ohnmacht; es ist absurd, antikisch*ästhetisch oder gotisch=mythisch oder rhythmisch*gymnastisch tanzen zu wollen. Der Schwindel mit dem „Rhythmus" torpediert die , Ideen des Individuums, weil1 in der Praxis immer wie» der das G es e t z zum Durchbruch kommt, die Norm, die Ordnung. Der Rhythmus ist ein vitales Prinzip, eine Funktion von Zeit und Raum — er ist das Gesetz des Lebens, des Kosmos, organisch. Der Takt ist ein geisti* g e s Prinzip, unabhängig von Zeit und Raum — er ist das Gesetz des Willens, der Vernunft, unorganisch. Die Freude, durch den „Rhytmus" etwas Neues im Tanz schaffen zu wollen, was vordem scheinbar nicht da war, erhöhte Tänzer und Tänzerinnen (nicht tanzende Men» sehen), ließ sie über Maler und Plastiker sich erheben, als wären sie die einzigen, die durch den „Rhythmus" den Raum menschlichen Erlebens voll) erfüllen könnten bis eben zur Krise, die hereinbrach, als sich eine Pseudo* rhythmik, eine Pseudoerotik auf den Tanzpodien „eta* blierte". Bei Agadati soll nicht die jüdische Kunst gesehen werden, sondern der jüdische Künst 1er. Er knüpft trotz geistiger Erkenntnisse und trotz reproduk* tiven Willens an das Organische an. In seinen Tänzen entdecken wir die Widerspiegelung der Natur: wie der Jude die Natur sieht und empfindet, nicht in unmittel* bare? Wirklichkeit, sondern mystisch. Es ist die. Au*. knüpfung an die jüdisch*christliche Legende, unter deren Dach der jüdische Tanz ein Streben, ein Sich*vorlenden* wollen, eine Sehnsucht, ein Traum. ist, keine Gegenwart. Die Mannigfaltigkeit der Regungen der jüdischen Seele als Idee, nicht als Gegenstand, gebiert er in seinen Tänzen. Er gibt Zorn, Schmerz, Ergriffenheit, Trunkenheit, Weltvergessenheit. Er gibt die jüdische Religiosität. „Nicht der Jude ist religiös; der Jude ist —- Religion. Er gibt den Juden, wie Gott ihn haben will', nicht wie der Jude Gott haben will." So, als inbrünstiger Verwirklicher seiner Ideen, hat Agadati in seiner tänzerischen Gestalt ein Schönes an sich, eine neue Schönheit. Er hat, so wie der Jude Cha* gall in der Malerei, die Poesie des Alltäglichen entdeckt, das beim Juden, wie er ihn sieht, immer etwas Feierliches an sich hat, etwas Besonderes zu sagen hat. Die meisten Tänzer, die Tanzbildner aller Gattungen, von den Mystikern bis zu den Expressionisten, bemühen sich ver* zweifelt, ihre GefühÜsbil'der zu verwirklichen, Agadati realisiert, realisiert die jüdische Seele. Wie die Musik sind auch die Kostüme für Agadati nur Begleitung der Tänze, eingebettet in den Strom der Bewegung. Manche Kostüme, wie das des Yemeniten* tanzes, haben die Aufgabe, die Gegendruckslinie des einen Beines zum anderen zu betonen und einem Figurenschnitt zum Leben zu verhelfen, den der Körper als solcher nach den anatomischen Gesetzen nicht bilden kann. In ein* zelnen Tänzen betont das Kostüm den Charakter des Tanzes in aller Bescheidenheit der sonst dem Kostüm zukommenden Würde und Bedeutung, es betont die Bewegung und pointiert den Typ, wie beispielsweise das nach Marc Chagall entworfene, das die Eckigkeit der ge« streckten Glieder ins Phantastische hebt. Immer aber hat das Kostüm die Bewegungstendenz zu verstärken. Auch die Maske ist ein Bestandteil der Gesamtkomposition des Tanzwerkes. Sie fügt sich, den Typ betonend, kontra* punktisch in das Gewebe der Bewegung, indem sie von dem seelischen GemäMe nur soviel) verrät, als der Steige» rung des Alltäglichen zum Besonderen, Feierlichen,! genehm ist.