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Die neue Welt · 1929-11-01 · Heft 111 (1.11.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 111 (1.11.1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. lif DIE NEUE WELT Seite J Verband demokratischer Zioimten Die Versammlung am Mittwoch, den 6. November entfällt! An deren Stelle findet eine AuiKhußfitzung statt „Loyalität" gegenüber dem englischen Partner. Wir waren ihm gegenüber „loyaler" als gegenüber unserem Prinzip, unserem Programm. Dies ist noch schlimmer, denn der Engländer geht auf eine solche Art von „Loyalität" zu gerne ein. Die Augen zudrücken, wenn der Dieb „einer von den seinigen" und der Bestohlene ein „Fremder" ist, noch dazu ein Jude. Der große englische Schriftsteller Mr. Galsworthy hat einmal diese Neigung als besondere englische Neigung ausführlich behandelt. Es ist eine gefährliche englische Tendenz, eine der häßlichsten englischen Tendenzen. iWir dürfen ihr nicht Vorschub leisten. . II. Unsere offiziellen Vertreter würden schlecht abschneiden, wenn sie heute mit der englischen Regierung so sprechen würden, wie es sich gehört, wenn sie die Entlassung der Beamten fordern würden. Die englische Regierung könnte fragen: „Und Ihr, habet Ihr nicht zehnmal erklärt, daß die Beziehungen zwischen Juden und Arabern immer bessere und freundlichere werden? Hat nicht Euer Referent Colone! K i s c h in Zürich einige Tage vor dem Ausbruche beteuert, daß die Ruhe im Lande absolut gesichert ist? Aber die Menschen, welche heute an der Spitze der Zionistischen Organisation stehen, haben ja gar nicht die Absicht, gegenüber der Mandatsmacht anders zu handeln, als sie bisher gehandelt haben. Diesbezüglich sollten besonders die Anhänger von Doktor Weizmann keine Zweifel hegen, da er es doch salbst erklärt, hat. Auf der Sitzung des Aktionskomitees nach den Ereignissen in Palästina hat er offen gesagt: „Auch heute bin ich überzeugt, daß die Politik, we 1 c h e d i e E x e;k u t i v e b i s jetzt geführt hat, die einzig richtige und mögliche ist. Eine Aenderung dieser Politik kann nur über meine, Leiche gehen!" Es entsteht jetzt die Frage: kann es, nach einer solch aufrichtigen Erklärung, gut für den Zionismus sein, wenn die Leitung seiner Geschäfte in denselben Händen bleibt? Es wäre läppisch, kindisch, ableugnen zu wollen, daß die ganze jüdische Welt, besonders die zionistische, die bisherige Taktik der Zionistischen Exekutive als verfehlt erachtet. Es ist dies ein sehr milder Ausdruck für die Beurteilung, die man überall hört und in jeder Zeitung liest. Es ist klar, daß die zionistischen Massen heute eine radikale Aenderung der bisherigen Politik fordern. Man könnte noch verstehen, wenn die Exekutive erklären würde: „Gut, wir haben beschlossen, unsere Politik zu ändern." Ich selbst würde auch in diesem Falle der Ueberzeugung sein, daß es notwendig ist, andere Menschen zu erwählen. Menschen können ihre Natur nicht von heute auf morgen ganz ändern. Aber ich würde es verstehen. Weizmann erklärt aber für die Exekutive, daß sie die bisherige Politik unter keiner Bedingung ändern will. ' Wo ist da Klugheit und Logik, wenn man die Leitung in solchen Händen beläßt? Man sollte sich keiner gefährlichen Täuschung hingeben. Diese Geste, das Verbleiben der Exekutive in Amt und Würden macht alle jüdischen und zionistischen Protestdemonstrationen, welche das Gewissen der Welt nach den Geschehnissen in Palästina aufrüttein sollten, unwirksam. Das Nichtdemissionieren der Leitung straft unsere Empörung Lügen. Besonders in den Augen der englischen Regierung, welche einige Zeit nach den Vorfällen wirklich daran glaubte, daß das jüdische Volk tief erschüttert, gewaltig empört ist. Der Engländer ist letzten Endes anders als wir, er denkt gesünder und gerader. Er weiß, daß man wegen eines Einbruches ins Haus oder Geschärft sehr böse wird. Er versteht, daß man vor allem den Wächter entläßt, welcher vergessen hat, das Tor gut zu schließen. Entläßt man den Wächter nicht; dann vermutet der Engländer, daß man eigentlich gar nicht so sehr böse ist. Nicht nur. der Engländer, jeder andere wird so denken. Es kann doch nicht so schrecklich sein, wenn dieselbe Leitung, die auf jedem Zionistenkongresse jede Beschuldigung gegen die englische Administration widerlegt hat, zuletzt in Zürich, Leitung bleibt und dieselbe Politik weiterführt. In einem Interview der Pariser Zeitung „L e M a t i n" hat Herr Kisch erklärt, daß man die '-Palästinaadministration nicht beschuldigen darf und dann reiste er nach Hebron (I), u m der dortigen Polizei zu danken. Es ist aber gar nicht so schrecklich. Bei den Zionisten ist alles beim alten geblieben, also darf in der englischen Administration auch alles beim alten -bleiben! III. Wir Revisionisten haben noch vor der Sitzung des Aktionskomitees unser gewöhnliches „Verbrechen" begangen, wir haben wieder „vorausgesehen". Vorausgesehen, daß die Exekutive ihre bisherigen Methoden nicht ändern wird. Darum und aus tiefem Mißtrauen zu gewissen Menschen haben wir logisch erklärt, daß es für die zionistische Sache nicht gut sein kann, wenn die Führung der politischen Angelegenheiten in derselben Hand bleibt. Wir haben keine sofortige Demission verlangt. Die Organisation kann nicht ohne Exekutive bleiben. Wir haben einen außerordentlichen Kongreß mit neuen Wahlen verlangt. In jedem Lande und bei jedem Volkes würde man in einem solchen Falle das Parlament einberufen. Wir waren der An- £ mmmi 9 gegen Krampf-Adern und zurr »WAöSBUßG« anrufender bequemste auemsra t Abschlag! TEL' smz und Sonderausführungen Cummiwarenhaus „ALPHA" nur I. Aillergasse 8 sieht und sind es noch jetzt, daß maji dem jüdischen Volke in einem solchen Zeitpunkte ^zumuten kann, Delegierte zu einem Kongresse zu schicken, auch wenn es sich erst dieser „schrecklichen" Mühe im August unterzogen hat. Die Juden in Palästina haben für unsere gemeinsame Sache weit größere Opfer gebracht. Die übrigen Juden sollen zumindest dadurch beweisen, daß die Sache eine gemeinsame und eine wichtige ist, eines neuen Kongresses wert. Sind doch Dinge vorgefallen, welche sich die Mehrheit des letzten Kongresses nicht vorstellen konnte. Deshalb soll ein neuer Kongreß eine neue Exekutive wählen. Das ist eine loyale und konstitutionelle Forderung. Ich sage es offen: Esgereicht Israel nicht zur Ehre, daß sich Gegner einer solchen Forderung finden. Wir haben ferner verlangt, daß eine einheitliche Front in allen politischen Angelegenheiten geschaffen werde. Eine einheitliche Front kann aber nicht so gebildet werden, daß sich alle ausgerechnet jener Politik fügen sollen, welche sich als falsch erwiesen hat. Eine Einheitsfront schaffen, heißt ein Kompromiß zwischen den beiden Richtungen schaffen, welche bis jetzt im Zionismus gegeneinander standen. Ein Kompromiß schaffen, das heißt nicht ein Komitee bilden, in welchem die einen eine aussichtslose Minderheit bilden und die andere Richtung eine gesicherte Mehrheit besitzt. Dies ist nutzlos. Ein Kompromiß ehrlich schaffen, heißt ein Organ gründen, in welchem beide Richtungen im Gleichgewicht sind. Zwei und zwei oder drei und drei mit em unparteiischeh Fünften oder Siebenten an der Spitze. Die Frage, wieviel Delegierte auf dem letzten Kongresse in Zürich für die jetzige Exekutive gestimmt haben und wieviel gegen, ist heute ganz müßig. Der Zionistenkongreß hatte ja eine ganz andere Lage zu beurteilen. Die Parteizusammensetzung des Züricher Kongresses wäre doch sicher eine ganz andere gewesen, wenn. das Unglück in Palästina vor den letzten Kongreßwahlen hereingebrochen wäre. Ehrliche Zionisten, solche, welche die Vorfälle nicht nur vom „Prestige"-Standpunkt aus beurteilen, dürfenin diesem Momente nicht mit einer „Statistik" kommen, die in einer ganz anderen, wenn auch zeitlich nicht weit entfernten Periode zustandegekommen ist. Die in Zürich gewählte Leitung und ihre Richtung haben versagt. Ihre Träger wollen und können ihre Methoden nicht ändern. Da muß eben der Kongreß entscheiden. Bis dahin aber darf man die politische Arbeit nicht in den Händen jener belassen, welche die Methoden nicht ändern wollen. Man muß, bis zum Kongreß, ein ehrliches Kompromiß i \ i .t .; 'i 'i.; '', I 1 \'- tfV!:• ' '■ i f . £ - u Tl f" C> % \v k\ •V 't tf <; ' j '; fr t! (I '1 P I I I IJ ■ Wege des Judentums. „Mein Weg von Ost nach West". — ,,Das unbekannte Heiligtum." In unseren Studententagen, als Herzls Zionismus uns mit allen nationaljüd'iischen Ideen zusammenführte und mit den polnischen und russischen Juden, die in den Wiener Lehrsälen und Arbeitsstätten lebten, fanden wir uns auch vor das „P r o b 1«tn d e s 0 s t j u d e n t u m s" gestellt. Immer wieder zwangen ums Gesicht, Gebärde, Wort und Gedanke der Ostjuden zu 'Auseinandersetzungen. Es war die Zeit, da wir im Westen lebende Juden das Ostjudentuan durch'einzelne Exemplare kennen lernten und in die glückliche Situation kamen, unsere Anschauung über unsere östlichen Brüder zu revidieren. Bezeichnend für diese geistige und seelische Konstellation war das Erscheinen der Monatsschrift für Kunst, Literatur und Kultur „Ost und West", die uns mit unzähligen schöpferischen Kräften des Ostjudentums bekannt und die Einheit des Gesanitjudentums als natürliche Vorbedingung' für ein jüdisches Nationalhefim empfinden machte. Viele sind den Weg von Ost nach West gegangen, die meisten in ihrer physiologischen Existenz, die Atmosphäre ihres Milieus wie einen Schleier, aber auch wie einen Panzer mit sich tragend, zum Teil unempfindlich gemacht gegen äußere Einflüsse, zum Teil gegen sie gerüstet. Von solch einer Wanderung erzählt uns ein Ostjude, ein Künstler,'ein Fertiger: der Maler Jehudo Epstein in seinen Erinnerungen: „Mein Weg von Ost nach West," (J. Engelhorns Nacht, Stuttgart.) Was sein Buch über die o^KgateniEittnnerun'gssc'hTifien heraushebt, ist zunächst das fei» sobrjftstellefiwhie. Talent, die Qftfee, zu erzählen, zu schildern, zu gestalten. Es ist dies eine Eigenschaft, die die malerische Substanz seines Künstlertums verdächtig machen könnte, hätte sie nicht ihren Gegenpol in der Gegenständlichkeit der Darstellung, ihrer scheinbaren Formlosigkeit und Anspruchslosigkeit, die gerade hier überzeugend wirkt. Ein jüdischer Knabe wächst im Ghetto auf, eingeschlossen in den Nebel und in den Glanz der Tradiition, umstrahlt vom Sabbat, von der Sprache der Bibel, vom Ritual des jüdischen Glaubens — und doch in einer geistigen Enge für ein Herz, das den äußeren Abglanz des Lebens, den Schein der Oberfläche, die Formwelt des Alls sucht und schließlich zum Darsteller dieses Scheins wird, zum Maler. Jehudo Epstein spricht mit schwer verhaltener Bitterkeit, mit schwer gedämpftem Fatalismus von der Askese seiner Jugend, in die der Traum vom großen Künstler eingeikaps-eit war, und mehr als einmal klingt ein vorwurfsvollier Seufcer gegen das Schicksal durch, das ihm allzulang das helle Licht der Kunst vorenthalten hat. Als wäre nicht der Widerstand zugleich auch der Antrieb zur Tat gewesen, als hätte nicht gerade das Ghetto die Vorbedingung für seine Künstlerschaft geschaffen! In diesem Sinne ist Jehudo Epstein ungerecht und ohne jenes sittliche Verantwortungsgefühl, das sonst gerade die schönsten Selten seines Buches erfüllt. * Bekenntnisse anderer Art: Aim6 Paliieres Buch „Das unbekannte Heiligtum", das der Welt- Verlag, Berlin, in deutscher Ueibersetzung herausgebracht hat. Nicht der Erlebnisdrang hat Aikne" Palliares zum Judentum geführt, sondern der Drang nach religiöser Erkenntnis, nach religiöser Erfüllung,. Ein Sohnder katholischen Kirche, die ihn in seiner Jugend fast bis zum Mannesalter umfangen hat, erzählt uns die Wandlungen seiner Seele, ein Mensch, der immer nur zu einfachen Menschen und ein«, fachen Ereignissen gestanden hat. So ist das Wunderbare nicht das Buch, sondern der Mensch. Das Persönliche, das er erlebt und gestaltet hat, zeigt den Sinn ins Große, Symbolische. Das Ringen um den Glauben, der Weg, der ins unbekannte Heiligtum führt und ihn dort festhält, die wunderbar wirksame Kraft des Judentums mit seinem religiösen Mythos, das ihn, sobald es ihn erfaßt hat, nicht mehr ziehen läßt — eine reinere, edlere, größere Beichte läßt sich nicht denken. Vom Anblick der Doreschen Bibel, in der Moses, Josita, die Schlacht von Gibeon, David der Besieger der Philister, Elias, Ezechiel. Jeremla, die MaWkabäer stehen, also nicht Religion, nur Sinnbilder einer erhabenen Geschichte, bis zur Erkenntnis vom Wunder Israel, von der gottgewollten Erhaltung des jüdischen Volkes — welch innerliches Verbrennen, welches Beglücktsein im Augenblick, da er überzeugt ist. zur Reinheit des ursprünglichen Glaubens zurückgekehrt zu sein! Auf diesem Wege stehen als Wegweiser, Berater und Freunde die drei Juden Elia Benamozegh, der Rabbiner von Livorno, der Oberrabbiner von Jerusalem, und der deutsche Rabbiner Dr, Jacob aus Dortmund; als Hüter seines alten Glaubens seine katholischen Lehrer, die gerecht gienug sind, sein Gewissen nicht einzuschnüren; und tief im Herzen seine gläubige christliche Mutter. Der Weg, zur jüdischen Religion führte Palliare aber auch zum jüdischen Voik. Den Abschluß des Glaubensbekenntnisses bildet die Tat: Pallier es Wirken für die jüdische Jugend In Frankreich. Oskar Roseofetd, «i ' S|, I J< '( t T. ■ *

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