Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 110 (25.10.1929)
- Date
- 1929-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. m DIE NEUE WELT Seite 11 WIEN VII., KAISERSTRASSE 123 IX.. ALS ERSTRASSE 6 FERNSPRECHER B-38.0-43 Sandor und Genossen. Aus Budapest wird uns geschrieben: Als es bekannt wurde, daß der sozialdemokratische Abgeordnete Karl Peyer eine Interpellation an die ungarische Regierung, welche, wie erinnerlich» in Genf durch ihren Vertreter Grafen A p p o n y i die Empörung Ungarns über die Judenpogrome in Palästina ausdrücken ließ, angemeldet hat, und in dieser Interpellation an die Betkien- Regierung die Frage richtet, ob sie auch gewillt sei, den Juden in Ungarn den gleichen Schutz angedeihen zu lassen, wurde es in dem Kreise der intrausigenten Assimilanten und Zionistcnfiesscr wieder recht unruhig. Ihr Wortführer, Abgeordneter Paul Sandor, hat denn auch in einem in seinem jüdischen Leibblatt abgedruckten Artikel mit aller Kraft gegen dieses Vorhaben des sozialdemokratischen Abgeordneten Sturm geblasen. Paul Sandor gibt wohl zu, daß die Voraussetzungen für eine solche Interpellation durchaus gegeben sind. Die jüdische Kaufmannschaft in Ungarn ist dank der Politik der Regierung auf den Aussterbeetat gesetzt. Die Kaufleute, die noch vorhanden sind, verarmen von Tag zu Tag. Das habe sich auch anläßlich der letzten Feiertage gezeigt. Die Summe der üblichen Thoraspenden sind gegen das Vorjahr um mehr als die Hälfte geringer, die jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen gehen deshalb dem Ruin entgegen. Symptomatisch für die antijüdische Regierungspolitik sei auch die Ernennung des verbissensten Rassenschützlers Julius Gömbös zum Kriegsminister. Auf den Universitäten sind die Judenschlägereien wieder an der Tagesordnung. Das alles ist wahr und Anlaß genug, um die ungarische Regierung an ihre Pflicht, die Juden vor dem Untergange zu schützen, da sie ja schließlich auch ungarische Staatsbürger sind, zu gemahnen. Aber stärker als all diese Argumente ist der Schreck, den Paul Sandor und seine Anhänger vor dem bloßen Gedanken haben, daß die ungarische Judenfrage irgendwie mit Palästina, dem Aufbauwerk und dem Zionismus in Zusammenhang gebracht werden könnte. Graf Albert Apponyi hat nach Meinung Saiidors in Genf bloß aus Mitleid für die Opfer der Ausschreitungen, aber nicht aus politischen Gründen das Wort ergriffen. Und deshalb, schreibt dieser Führer der Assimilation, der, wie schon , oft bewiesen, keine blasse Ahnung vom großen Judenproblem und vom Inhalt des Zionismus, aber auch nicht von den Leistungen des zionistischen Aufbauwerkes hat, obgleich er zwei Tage in Palästina weilte und sich dann herausnahm, ein Urteil über die Zustände in Palästina abzugeben, wörtlich: „Die Lage der ungarischen Juden kann und darf nicht mit der Lage in Palästina zusammengeworfen werden. Die rechtliche Loge der Juden werde nicht durch irgendwelche Regierungsdcklarationcn zweifelhafter Natur (!), sondern durch die Grundgesetze des ungarischen öffentlichen Rechts, durch die Emanzipation und Rezeption garantiert. Wir fühlen uns nicht so wie das palästinensische Judentum, das vom mohammedanischen Haß und der Eifersucht von Huuderttausenden umgeben ist, wir fühlen uns hier so, wie man unter Brüder und Schicksalsgenossen lebt . « Aber Paul Sandor findet noch ein Haar in der Suppe. Die Interpellation dürfe nicht von den Sozialdemokraten ausgehen, und der Kampf um die Rechte der Juden soll nicht von dieser Seite kommen. Er versteigt sich deshalb zu dem Ersuchen an den Abgeordneten Peyer, die ganze Interpellation fallen zu lassen und das Aufrollen der Judenfrage zu unterlassen. Abgeordneter Peyer hat Paul Sandor bereits die Antwort zugehen lassen, daß er seinem Wunsche nicht entsprechen könne, weil er an einen Parteibeschluß gebunden ist. Man mag ja der Meinung sein, daß die Sozialdemokraten die Interpellation nicht aus purer Judenfreundschaft in Szene setzten und sie nur als Mittel benützten, der Regierung Verlegenheit zu bereiten. Aber schließlich müßten sich doch auch die assimilatorischen Juden darüber freuen, daß ihnen, wenn sie schon selbst nicht die Gelegenheit wahrnehmen, die Möglichkeit geboten wird, den Kampf für die Rechte der ungarischen Juden, von dem sie nur immer sprechen, ohne zu handeln, auf legalem Weg einzuleiten. Aber die krankhafte Angst, daß eine solche Auseinandersetzung irgendwie zur Folge haben könnte, daß man in Ungarn an die unsterblichen Leistungen der nunmehr zu Märtyrern gewordenen* Pioniere des Aufbaues des jüdischen Nationalheims erinnert werde, und der Zionismus an Popularität gewinnen könnte, lähmt selbst sonst vernünftig denkenden Menschen den Verstand , und läßt sie Handlungen begehen, die als Verbrechen nicht nur am jüdischen Volkstum, sondern an dem Kulturgedanken ® f(MMlMM>> gegen Krampf-Adern «nd ^^ryQ^ß^ßfyggggigglQlg^ Eigene Spezialqualitäien eigene Fa sonen und Sonderausführungen Gummiwarenhaus „ALPHA" nur I. Atllergasse 8 »WAßSßURG« anrufenderbequemsfe m L TEL* *2ft-5-20 S€«£ p der gesitteten Welt gestempelt werden müssen. Sie gehen hierin sogar so weit, daß sie in ihrem Organ au auffallender Stelle die Auslassungen Lord Rotherme res im „Daily Mail'* reproduzieren, in welchem dieser die Juden Großbritanniens in jesuitischer Weise vor dem Zionismus warnt, weil der Zionismus geeignet sein könnte, das bisher bestandene gute Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in England zu trüben. Da Lord Rothermere bekanntlich in Ungarn jetzt Trumpf ist, ziehen die zionsfeindiieken Assimilanten ihn als Helfershelfer heran, um die ungarischen Juden, die sich allmählich mit dem Zionismus vertraut gemacht haben, abzuschrecken. Nichts ist dieser Gesell-" schaft schlecht und unanständig genug, um ihrer engstirnigen Politik zu dienen und den Zionismus zu bekämpfen. Sankt Stepliansfeier in der Jerusalemer Ägu'daK- Synagoge. Das offizielle Organ der orthodoxen Juden In Ungarn „Zsido Ujsag", enthält einen ausführlichen Bericht über eine solenne Sankt Stephansfeieri die;am 20. August in der ungarisch-orthodoxen Synagoge in Jerusalem stattgefunden hat. Nach" der vom ungarischen Konsul veranstalteten Feier, wurde in der festlich beflaggten und dekorierten Synagoge ein Festgottesdienst abgehalten. Oberrabbiner Chaim. Sonnenfeld sprach vor der offenen Bundeslade zunächst ein patriotisches Gebet und hielt dann in hebräischer Sprache eine fulminante Rede, in wel-< eher er die Verdienste des heiligen Stephan in den eindringlichsten Worten würdigte. Nach" dem Bericht hat diese Rede unter den zahlreich erschienen Agudisten einen nachhaltigen Eindrück hervorgerufen. Bis jetzt haben die Agudisten und ganz besonders Rabbi Chaim Sonnenfeld gegen den Gebrauch der hebräischen Sprache als Volkssprache unter anderem mit der Begründung gekämpft, daß die hebräische Sprache die heilige Sprache sei, die nur im religiösen Leben Anwendung finden und nicht durch' weltliche Gespräche profaniert werden dürfe. Nun scheint der heilige Stephan zu einem Heiligen der Agudah avanciert zu sein. Livorno. (Aus meiner Reisemappe.) Von Ludwig Bato. II. Am Sabbatniorgen ging ich durch die Judengasse — ein Zwangsghetto hat es hier nie gegeben. Heute ist sie von Juden verlassen und bietet einen traurigen Anblick. Schmutz und Armut finden sich, zerlumpte Kinder, übelriechende Lebensmittel Die Gasse mündet in einen engen Platz, der jetzt zum Teil freigelegt wird. Auf der einen Seite erhebt sich ein hohes, schmales Gebäude, ein ärmliches altes Haus, dem die Zeit tiefe Spuren eingegraben hat. Eine Marmortafel verkündet, daß Sir Moses M o n t e f i o r e in diesem Hause 1784 das Licht der Welt erblickte. Ihm schmiegt sich ein noch älteres, von Ruß und Rauch geschwärztes Gebäude an, welches das Lehrhaus — die „Jeschiwah" — birgt. Diesen beiden verhutzelten Alten gegenüber erhebt sich ein in seiner Einfachheit prachtvoller und edler Bau: die Synagoge. Das jüdische Volk hat sich hier 1603 ein „Haus der' Versammlung" errichtet, das in der ganzen Diaspora seinesgleichen sucht. Das kunstsinnige Italien reihte es denn auch vor einigen Jahren unter. seine Nationaldenkmäler ein. Wie in allen alten italienischen Synagogen, führen Stufen in den hochliegenden Saal. Beim Eintritt bleibe ich vor Bewunderung gebannt stehen. Drei grandiose Elemente wirkten bei der Errichtung dieses Prunkbaues mit: jüdische Inbrunst, spanische Grandezza und italienische Renaissance. Neben diesem Bau verblaßt die edle Pracht der mit den Schnitzereien Meister Sansovinos geschmückten venezianischen Synagogen. Ein fast quadratischer Raum, auf drei Seiten umhegt von vergitterten Frauengalerien, die auf mächtigeu Schwibbogen ruhend, den Eindruck eines alten Arkadenhofes machen. An der Ostseite lehnt die aus Zedernholz, vom Libanon herbeigeschafft, geschnitzte Bundestycfo hier „Hechal" genannt. Vor dem heiligen Schrciue, der an hohen Feiertagen mit einem goldenen Schlüssel geöffnet wird, brennen zwölf große ewige Lichter, wundervolle Erzeugnisse alter Silberschmiedekunst. Die Einteilung des Raumes ist eine ganz, eigenartige. Die Bänke sind längs der Nord- und Ostwand einander gegenüber aufgestellt. Leer ist der Raum zwischen der Bundeslade und der marmorverzierten hohen Estrade, „Tewa" genannt, die sich im letzten Drittel des Raumes an der Westwand erhebt und zum Vorlesen der Thora und als Vörbeterpult dient. Ein Kuabenchor stimmt die Psalmen des Frühgottesdienstes an und singt sie Vers für Vers nach einer alten spaniolischen Kautilene. Erst bei „Nischmat" besteigt der Vorbeter die Estrade, den Gebetsmantel über seinem Haupte — ich sah dies zum ersten Male in einer sefardischeu Gemeinde — und waltet seines Amtes. Er ist mit dem Gesichte der gegenüber gelegenen Bundealade und der Gemeinde zugewendet. Und jetzt folgt eine Ueberraschung: die Orgel ertönt ... Es ist merkwürdig und einzigartig, wie sich die heilige Gemeinde Livorno mit der Reform abgefunden hat: der Ritus, die Gebete, die Einrichtungen, all dies blieb unverändert, lediglich das Orgelspiel — allerdings nur präludierend — gesellte sich ihnen zu. Noch eine Eigentümlichkeit hat dieses Livorno: das Hebräische, das übrigens genau so ausgesprochen wird wie in den übrigen italienischen Gemeinden, weist eine Abweichung auf, die an die wissenschaftliche Transkription erinnert: der Buchstabe „bet" wird auch ohne „dagesch" wie „b" ausgesprochen. Mau sagt daher: „Aschre joschbe betecka..." Ich blicke umher und' kann mich nicht sattsehen an soviel Schönheit. Unter einem Bogen sitze ich, der den Namen des Gabriel Diaz Fernandez trägt, wie ja ringsherum überall die Namen1 edler Spender und der des angesehenen Vereines „Mohär habetulot" — zur Ausstattung armer Bräute — verewigt erscheint. Oh, das ist ein gar vornehmer, feiner Verein, der es verstanden hat, Jahrhunderte hindurch allen demokratischen Strömungen Trotz zu bieten. Seine Mitgliedschaft und Würden sind während all dieser Zeit erblich geblieben. Seit 1644 besteht er und; die Stammbäume der Mitglieder werden sorgfältig aufbewahrt. Sein Konservativismus geht soweit, daß er die Einladungen zur Hauptversammlung noch immer in spanischer Sprache versendet. Noch einen interessanten Verein hat die alte Gemeinde, der auf die Intensität des jüdischen religiösen Lebens und die strenge Beobachtung des Gesetzes im alten Livorno schließen läßt. Er verteilt vor Pessach Spenden an die Armen, auf daß sie ihre Küchen zum Feste neu malen lassen ... Auch darin ist Livorno eine Ausnahme: seine Gemeinde ist die einzige auf der italienischen Halbinsel, in welcher das Spanische neben dem stammverwandten Italicnischen bestehen konnte. Noch eine Spezialität fällt mir auf: Neben vielen hebräischen und italienischen Aufschriften eine Marmortafel mit lateinischem Texte zur Erinnerung an den Besuch Kaiser Josefs II. im Jahre 1782. In die Nordwand, durch einen roten Vorhang verdeckt, ist eine Nische eingebaut, die eine seltene Kosti barkeit birgt: eine alte kunstvoll geschnitzte Tür zum Thoraschrein, welche die Flüchtlinge der Ueberlieferung nach aus Spanien mitgebracht haben sollen. Dies ist aber nicht der einzige Schatz der Gemeinde. Sie besitzt über hundert sehr schön geschriebene, nach spaniolischem Brauch mit Seide überfütterte Thorarollen nebst kostbarem Thoraschmuck. Wird die Bundeslade geöffnet, ist man geblendet angesichts so vieler Pracht. Interessanterweise sind alle Gegenstände im Gemeindebesitz seit altersher mit der Bezeichnung „Nazione ebraica di Livorno" versehen. Die größten Schätze der Gemeinde liegen aber außerhalb der Synagoge; ich meine ihre reichhaltige hebräische Bibliothek, die in dem Stiftungsgebäude der Schule untergebracht ist. Hier befand sich noch vor wenigen Jahren das inzwischen aufgelassene Collegio; Rabbinico. Jetzt hausen noch eine jüdische Volksschule und eine Art Bethamidrasch darinnen. Die Anfänge der hebräischen Buchdruckerkunst sind in der Bücherei sehr gut vertreten; eine Augenweide bilden die vielen Erst-« drucke. Ein größerer Kasten enthält alte, wertvolle hei bräische Handschriften — eine stammt von dem be« rühmten Kodifikator Josef Karo —t darunter, xiele, in