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Die neue Welt · 1929-10-18 · Heft 109 (18.10.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 109 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 109 DIE NEUE WELT Seite J : Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen JtiHHf Die führende schwedische Weltmarke Der Hakenkreuz-Terror. Ein antisemitisches Flugblatt in Wien. Oeffe'ntlich, auf der Straße vor der Universität, wird das folgende Flugblatt verteilt: „Deutsche Studenten! Immer wieder gebot uns die vaterländische Pflicht und das völkische Verantwortungsbewußtsein an der Be« freiung unserer höchsten Kulturstätten vom fremd« rassigen Judentume mitzuarbeiten! Ebensowenig wie deutsche Professoren an der jüdischen Universität in Palästina lehren, ebensowenig sollen im deutschen Vaterlande Professoren jüdischer Volkszugehörigkeit die Lehrer deutscher Studenten seinl Dazu ist vor' allem notwendig zu wissen, wer von den Hochschullehrern Jude ist und wer Deutscher, denn es ist nicht nur unser Recht, sondern unsere völkische Pflicht, den deutschen Lehrer zu hören, dem Heimat, Volk, Rasse, Vaterland und Deutschtum heilige Begriffe und für den Heimatschutz und Heimat« liebe, Vaterlandssinn und Vaterlandsverteidigung ewige und sittliche Werte und angeborene Pflichten eines deut» sehen Kulturmenschen sind! Und so tragen wir einem allseitigen Wunsche Rech« nung und geben Euch die Namen der Professoren jüdi* scher Volkszugehörigkeit oder jüdischer Abstammung be« kannt. Ihr wißt, was Ihr anläßlich der Einschreibung zu tun habtl Rechtss und Staatswissenschaftliche Fakultät: Adler E., Adler M. (Marxist), Braßloff, Ehrenzweig, Gal Alex., Goldmann, Henrich, Herrnritt, Hupka, Kauf« mann, Kelsen (Marxist), Klang, Kornfeld, Kunz, Lehnhoff, Menzel, Mises, Petschek, Pisko, Pollak Rud., Pribram Karl, Rappaport, Redlich Josef, Schilder, Schiff, Schlcsin« ger, Schreier, Sieghart, Strisower. . | Verband demokratischer Zionistcn | HS i . i i ■ ii i ii i 11 55 § Mittwoch, den 23. Oktober um halb 9 Uhr abends im § s „Goldenen Saal" des Cale Silier, I., Schwedenm S35 **- , S2 i platz g I General- 1 Vers a m ml un g Tagesordnun 1. Tätigkeitsbericht; 2. Neuwahlen; 3. Eventualis AChfling! Die Veranstaltung lindet Im | «Goldenen Saal' de« Cale Silier, I, Schwedenff platz, statt i Philosophische Fakultät: Abel Emil, Arnold, Billiter, Bühler, Ehrenhaft, Eisler, Ewild, Feigl, Figdor, Fischer, Geiger, Gräfe, Grien« berger, Gal Hans, Hanslik, Helly, Herz. Hock, Jellinek, JokI, Joseph, Kappelmacher, Kohn, Konstantinowsky, Kubitschek, Lieben, Löwy, Mayer Walt., Menger, Oppen« heim, Pollak Jak., Pribram Franz, Przibram H., Reich Emil, Richter, Scarlates, Schlick, Tauber Alf., Tietze, Welesz Egon. Medizinische Fakultät: Alexander G., Abels, Adler, Aschner, Bauer, Beck, Bicht, Blau, Blum, Bondi Sam., Bondy Gust., Braun, Breuer, Brünauer, Donath, Eisler, Eisler«Terram, Elias, Engelmann, Erben Siegm., Erdheim, Erdheim, Fischel, Fischer, Fleischmann, Fracnkel, Friedjung, Freud Siegm., Freund Ernst, Freund Leop., Fraenkel, Freund, Fröhlich, Fröscheis, Fürth, Gerstmann, Glas, Gläßner, Goldschmidt, Gomperz, Hajek, Halban, Hammerschlag A., Hammer« schlag V., Haudek, Hecht, Herz Albert, Herz Paul, Her« mann, Herschmann, Heß, Höchsinger, Holzknecht, Karp« lus, Knöpfelmacher, Latzko, Leimdörfer, Lenk, Liebesny, Lipschütz, Löwenstein, Mannaberg. Marburg, Neuburger, Neumann H., Nobel Edm., Nobel Gabor, Oppenheim, Pal, Paschkis, Pauli, Pick, Pick AI., Pineles, Pollak E., Pollak L., Popper, Pordes, Porges, Pribram, Redlich, Roth« berger, Sachs, Saxl A., Saxl P., Schacherl, Schilder, Schiff, Schiffmann, Schlesinger, Schlesinger, Schnitzler, Schüler, Schur, Schütz, Schwarz Em., Schwärz G., Schwarz Os., Sgalitzer, Silberstein, Singer, Spiegel, Spitzer, Spitzer, Stein Konr., Stein Rob. , Stern Hugo, Stern Rieh., Sternberg, Sternberg, Strasser, Strisower, Tändler, Wagner R., Wechsberg, Weinberger, Weiß, Weltmann, Wiesel, Wil* heim, Zappert, Zweig. Fast 40 Prozent der Lehrkanzeln an den höchsten deutschen Kulturstätten wurden durch den Geist des fluchbeladenen Liberalismus von einem rassen* und we» sensfremden Volke erobert, das kaum 10 Prozent des bodenständigen deutschen Volkes erreicht! In letzter Stunde sollen die deutschen' geistigen Verwaltungsstellen durch den Geist der Abwehr und Verteidigung dem deutschen Volkstume zurückgewonnen werden 1 Wir wis» sen uns eins mit der deutschen Professorenschaft, deren akademisches Oberhaupt Hof rat Professor Karl Diener einst mit folgenden Worten an Pflicht und Gewissen aller Verantwortlichen appellierte: „Der Abbau der Ostjuden muß heute im Pro« gramm jedes Rektors und Senates einer Deutschen Hochschule einen hervorragenden Platz einnehmen. Der fortschreitenden Levantinisierung muß wenigstens an den Hochschulen Einhalt geboten werden. Hier müssen die Rektoren und Senate aller österreichischen Hochschulen eingreifen und dieser Veröstlichung des besten Gutes unseres Volkes einen Riegel vorschieben, damit unsere deutschen hohen Schulen das bleiben, was sie uns bisher waren: Ein Hort deutschen Geistes, deutscher Wissenschaft und deutschen Wesens." Deutsche Akademiker) Wahret das geistige Erbe Eurer deutschen Vorfahren durch die Tat!" Arnolt Bronnen. Der Dramatiker und Romanschriftsteller Arnolt Bronnen hat unlängst einen Roman „O. S." erscheinen »UAfiSfiU&G« anrufender bequemste quemsre . Ifoschtagl TEL* H2^~5-20 0 lassen, der ganz im Geiste der Hakcnkrcuzler geschrieben war. Anläßlich der jüngsten Verhaftungen der Bomben« Verschwörer in Berlin wurde bekannt, daß Arnolt Bronnen mit den kompromittierten Personen einen freundschaft« liehen Verkehr pflog. Nun veröffentlicht das HitlersOrgan „Völkischer Beobachter" einen vier Spalten langen Artikel gegen Arnolt Bronnen, der ganz und gar abgeschüttelt wird. Das Hitler«Organ zitiert das Werk „Erotik und Rasse" von Herwig Hartner, in welchem die bekannte Tatsache festgestellt wird, daß Bronnens Vater, F e r d i« nand Bronnen (aus Biclitz, der unter dem Pseudonym Adamus „Die Familie Wawroch" geschrieben hat. — Red.) ein Wiener Gymnasialprofessor, Jude, die Mutter eine Norddeutsche ist. Bei Bronnen zeige sich weder das Be« streben, sich in deutsches Wesen einzufügen, noch auch ist irgendwie ein Bekenntnis zum Judentum festzustellen; er gestaltet überhaupt nur das Triebhafte schlechthin. Bronnen, der als Mischjude weder zu den Deutschen ge« hört noch zu den Juden, ist einer, der keine Wurzel im Volkstum hat und auch nach keiner Verwurzelung strebt, sondern völlig im Triebhaften aufgeht. Die Erwachenden. , Budapest, 16. Oktober. (Privat.) Die Exzesse der erwachenden Studenten toben an den Hochschulen hier undi in der Provinz wieder begonnen. Täglich werden, ihauptsäch-Hch an der Technik, jüdische Hörer beleidigt Wind 'lumww' gegen Krampf-Adern und zur vsrliessening deiDeinfonn GBrnmiwarennaus „ALPHA" Dr. D. Goldenzweig nur I. Adlergasse 8 . Livorno. ' (Aus meiner Redsemappe.) | Von Ludwig Bato, I. Livorno! Wie oft ha'be ich —- schon in früher Jugend — mit tiefer Ehrfurcht den - Namen dieser Stadt nennen hören. War doch die heilige Gemeinde Livorno — fest gründe, sie der Höchste, Amen! — voller Weisen, eine Siedlung stolzer spanischer Judep, Meere beherrschender Handelsherrren, die Stadt, die den letzten großen Schtadlan, den guten und. frommen Sir Moses Montefiore der Judenheit schenkte. Livornos Ruhm drang in die entferntesten Gemeinden Israels. Addio, stolzes Genua! Noch ein .Gruß und der Zug rollt hinaus in die felsenzerklüftete Riviera. di Levante, Er schlängelt sich unter dem steilen, schmalen Steinhang 4er Apenninen hindurch, so daß die ganze Strecke, eine lachende Landschaft, in dem endlosen verrauchten und verrußten Tunnel verschwindet. Nur ab und zu, wie im Fluge, erhascht das Auge einen Ausschnitt, eine farbige Ansichtskarte von den Schönheiten der Küste. Sante Margherita und Rapallo huschen blitzartig vorbei. Dann verflacht die Gegend, nur in der Ferne, landeinwärts, erscheinen die sanften, piniengekrönten foskanischen Hügel, die sich aber nirgends bis zur See hinauswagen. Ein kultiviertes, feines Land ist dieses Toskana, desen Anblick allein — ganz abgesehen von seiner geographischen Lage und ruhmvollen'Vergangenheit — nur zu leicht begreifen läßt, daß es stets eine magische Anziehungskraft auf die Deutschen ausübte, die immer wieder über die Alpen stiegen, um diese edle Erde in Besitz zu nehmen. Dieser Boden hat aber auch für das jüdische Volk historisches Interesse, knüpfen sich doch die Anfänge der jüdischen Siedlung in Europa an ihn. In Lucca blühte schon im frühen Mittelalter jüdische Gelehrsamkeit, und Ht Pisa4 wo wir jetzt einfahren; dieser altehrwllrdteen Stadt, dozierten bereits vor dem Zeitalter der Renaissance gelehrte Juden an der hohen Schule. Noch eine halbstündige Fahrt, und ich bin am Ziele meiner Wünsche, in Livorno. .V •:* ••: - \ Diese Stadt, die einst neben Genua und Venedig zu den reichsten Häfen der Halbirfsel .zählte, war noch am Eingang der Neuzeit ein annseliges Fischerdorf, das im Mittelalter vollends unbekannt w;ar. »Und da landeten hier um die Wende des 16. Jahrhunderts, der Einladung freisinniger tpskanischer Herrscher fo.lgend, die. von deu Majestäten Aragoniens und Kastiliens und den Büteln der Inquisition verfolgten jüdischen Füchtlinge und ließen in wenigen Jahren das verborgene, namenlose Nest an der Küste des Tyrrhenischen Meeres zu einer reichen Handelsstadt emporblüheu, deren stolze Karavellen. den Ruhm der neuen Stadt in alle Weltteile hinaustrugen. Die klugen und fürsichtigen Mediceer nahmen die Gäste aus Spanien liebevoll auf und sicherten" ihnen 1593 weitgehende Freiheiten und Vorrechte zu. Aenhlich wie in Saloniki, lag auch in, Livorno der, Handel völlig in jüdischen Händen. Der jüdische Einfluß ging so weit, daß ein Reisender aus dem 17. Jahrhundert, voller Staunen erzählt, die Christen hätten in dieser toskamischen,Stadt allesamt den Sabbat'mitgefeiert. Und nun fahre ich durch die, Straßen Livornos, das zwischen dem waldbekränzten Hügelland und dem unendlichen blauen Wasserspiegel gleichsam eingebettet daliegt. Mit ihren geräumigen Plätzen und schmalen Straßen dehnt und streckt sich <Mq Stadt inmitten eines farbenprangenden Gartens, der sich längs der Küste dahinzieht. Sie rankt nicht an Berghängeir empor, wie Genua oder Trlest, und grüßt neckisch aus der Ferne den Montenero AJto mit der Wallfahrtskirche. Da bin ich auch schon beim alten Arsenal angelangt und blicke auf den langen Kai hinaus. Man schaut in die Unendlichkeit und hat das Gefühl, auf dem Boden der Freiheit w stehen. Vielleicht befindet sich hier auf dem steinverkleideten Kai, gegen-* über dm gravitätischen Grand Hotel, beim eleganten Seebad Bagni Pancaldi die Stelle, wo vor fast dreiednhalbhundert Jahren die ersten jüdischen Siedler an Land gingen. Hier hat es nie Judenhaß gegeben, niemals hat sich über dem gravitätischen Grand Hotel, beim eleganten Seewürde vergriffen. Die Juden behielten selbst in einer Zeit ihre verbrieften Rechte, da im päpstlichen Rom ihre Brüder zu Tode gequält oder aufs tiefste gedemütigt wurden. Ihre Gemeinde wurde einige Jahre nach der Gründung mit dem Recht der Selbstverwaltung ausgestattet, und sie waren nicht weniger stolz auf ihre eigene Gerichtsbarkeit, die sie bis 1808, als Toskana der französischen Republik einverleibt wurde, besaßen. Toskana galt insbesondere für die Juden im Kirchenstaate als das gelobte Land, wohin viele von ihnen auswanderten. Bereits- 1780 hatten die Livorneser Juden das Recht, in die Stadtverwaltung gewählt zu werden. Selbst die Reaktion, die nach den napoleonischen Zeiten überall die Oberhand gewann, konnte ihnen wenig anhaben. Es ist daher auch kein Wunder, daß hier keine gedrückten Ghettomenschen heranwuchsen. Ein stolzes, selbstbewußtes Judentum blühte hier empor, das die Freiheit als elwas Selbstverständliches betrachtete. Da hatte am Ausgang des 18. Jahrhunderts die Gemeinde einen Rabbi, der aus Jerusalem stammte und nur notdürftig italienisch sprach. Während der napoleomischen Wirren schlug sich der puritane, ortsfremde Rabbi auf, die Seite der Republikaner. „Rabbi", fragte manihn, „warum verlangt es Euch nach der Republik?" „Weil ich die Freiheit liebe", erwiderte er, „und, in meinen Talit gehüllt, frei durch die Straßen Livornos schreiten will! . . ." Ein Jahrhundert später wirkte in Livorno ein ebenfalls streng republikanisch gesinnter Rabbiner, der sich an .einem Sabbat bei dem Gebet für den Landesvater den Scherz erlaubte, Umberto I. statt „Re d'Ltalia" in salbungs* vollem Tone mit dem wohl wenig schmeichelhaften, aber ähnlich klingenden Titel eines „Re di paglla" .(Strohkönig)

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