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Die neue Welt · 1929-10-11 · Heft 108 (11.10.1929) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 108 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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f Seite '4 DIB NEUE WELT Nr. 108 oder auch Halb umsonst kann kein Mensch liefern, hingegen kaufen Sie bei uns Original Mlhmlstha Battiadam und Damian besonders billig von S 1.SO pro* Ifg. Tuchente, Pölster Möbel alter Art, Matrataen, OrahtainsMsa und Kinderwagen su konku rranslesan Praisan - Kassap reise auch bai Tailsahlung - Eisler Nachff.» Wien n. PratmtraBe 45 Kol Nidre.... In einigen Tagen werden sich ütoeradl, wo Juden wohnen, tausend« fti Wetoen annen Bethäusertt oder in prunkvöllen Synagogen versaanmeto, um sieb zur Versöhnung mit Gott vorzubereiten, nadi jahrhundertealter Wedse: weiße lange Gewänder angetan oder in dunMem Feiertagsgewamd, }e nach ihrer „Zivilisation", alle aber in stiller, weüimutvol'ler, banger Stimmung ihr Gebet in das von Kerzenlicht bestrahlte Gotteshaus hinaussendend zum BwJgen, Namenlosen, Unsichtbaren. Und es 'kommt der Augenblick, der erzittern macht, da die Pforte zur Heiligen Lade geöffnet wird und die TihoraroHen sichtbar werden. Tiefes Schauern ergreift die Schar und Jeise hebt sich die Melodie, ein haJb gesungenes, haillb gesprochenes Gefoet, in dem alles liegt* was edn gläubig-sittliches Herz bewegt: ein kräftiges zuversichtliches Jauchzen, das kühn aufsteigt, ein in die Tiefen der Seele dringendes Schluchzen, dem ein Triller der Hoffnung antwortet, um wie eine Verheißung, eine Erfüllung .zu Ende zu gehen. Und sie alle vernehmen, den dreimal sich. wiederholenden Ruf in der Höhe: „Es-, sei vergeben der ganzen Gemeinschaft Israel und dem Fremden, der inihrer Mitte wohnt, denn das ganze Volk hat gesündigt aus. Irrtum * •' Von der Melodie des Gebets ergriffen, denkt niemand daran, wie ledern und trocken der aramäische Text ist, der im Grunde genommen'einer juristischen'-Formel gleicht, welcher erst die tiefe, Inbrünstige Lyrik die ergreifende Weihe'verliehen hat. Und niemand ist sich dessen bewußt, daß unser Kol Nidre eine unendlich dangie 'Leidensgeschichte hat, in der ein Teil der jüdischen Leidensgeschichte ein-' geschlossen ist. ': An unserem Kol Nidre haben die Feinde des'jude'ntums, : schon im 13. Jahrhundert,' zur Zeit der öf'ferltllöheh '• Disputationen und '' der Blut- und ' Hostiehschähdujlgsbeschu'idigu'ingen, versucht, die Heiligkeit' der Eide" und der Gelöbnisse zu unterminieren und dem sittlichen Gebäude des Judentums' Vernichtung zu drohen. 'Die Ver^ leumder beriefen sich iti uiizäMigen' Büchern, Broschüren' und Flugschriften auf,: Kol .Nidre : alsiyden;• Beweis/e$er'.' laxen, ja moralisch verwertbaren •Auffassung -äes:'Bi:des bei den Juden, denen erlaubt sei, Andersgläubigen gegen- über einen falschen Eid zu schwören, sie verlangten die Oeffnung „higher verheimlichter Quellen"! und liefen Sturm gegen eine „geheime" jüdische Institution, weiche die Auflösung vpn Gelübden, gestatte, Der Antisemitenkatechismus machte sich seine Aufgabe leicht, indem er den Text des Kol Nidre in der UebErsetzung bewußt fälschte: „Alle' Gelübde (Kol Nidre) und Verbindlichkeiten und Verschwörungen der Eide, die wir an diesem Verscbwörungs'tag bis auf den nächsteh geloben, schwören und zusagen werden, die reuen uns alle und sollen aufgelöst, erlassen, aufgehoben, vernichtet, unkräftig und ungültig sein, unsere Gelübde sollen keine Gelübde und unsere Schwüre sollen keine Schwüre sein." Dieser angelblich dem Sohulchan Aruch entnommene Text trotzt von Fälschungen. „Essare" bedeutet'nicht Verbindlichkeiten, sondern Verbote' (Selbstvenbote), von „Verschwörungen der Eide" steht überhaupt nichts im Gebet, und J o, m K i p p u r i m mit Verschwöruugstag statt mit V e'r s ö h n u u g s t a g zu Übersetzen, ist blanker Unsinn. Die gemeinste Fälschung aber begehen die antisemitischen „Gelehrten" dadurch, daß sie die zwei Worte „al nafschatana" (für unsere eigene Person) weglassen und aus diesem Trick die vergiftetsten Waffen in den „Weisen von ZionM gegen den jüdischen Glaubenskodex schmieden, Indem sie, .die Heiligkeit. des i Eidesu untergraben, wollen sie die jüdische. Moral treffen, das jüdische Volk. Kol Nidre, der Ausdruck des primitiven jüdischen Volksgewissens, von einem unbekannten Autor in die Welt gesetzt, soll die Schlinge sein, in der das sittliche Anrecht des Judentums in der Welt sich verfängt. * . Aber das Kol Nidre hat sich durchgesetzt, dem nüchternen Text zum Trotz, durchgesetzt durch die Melodie, der ai'e gehuldigt haben, Juden und Nichtjuden, und es hat allen Reformatoren standgehalten, die es durch Josef Brenner und Frau Buchhändler Wien,lI.,Prater8traße23, wünschen allen Verwandten, Freunden und Kunden rDItt flöW iSEassssffiassasEBS Psalmen oder andere Lieder ersetzen wölKen, urni eine Ziel* -scheibe der- Judenfeinde *u; beseiffeen. AiH-das (half nichts.; Alle .Angriffe gegen unser Kol Nidre «ersche^ten) aHe^Vjer*; ieumduingen trafen ins Leere. So wie das Pessacbfest trotz >der , Ritualmordbeschuldigungen . sich durch die . Jabrthundertejn unverändertem Ritus -erhielt, so konnten auch :die Fälschungen des Kol Nidre diesem einzigartigen Gebet nichts anhaben. Es erschallt in den .kleinen*, Gebetsstuberi1- und in den prutikvollen Synagogen mit der gleichen Innigkeit und mit dem gleichen -Erg/iffenseln -wie Je als .Symbol und als Mahnung. zu reiner. öesirinung,- zu.: edlem. Fühlen,, zu wahrer Versöhnung zwisch^-Menschen und —;Vfliketn» iSo ist- Kol Nidre über den Rahmen, der Frömmigkeit :ean> sittlicher Faiktor für das jüdische Vofl'k geworden, das selbst im Strom der "Tränen, in der Epoche der Verfolgung und Vergewaltigung; die ewige Aufgäbe „Frieden Billige Bücher jeder Literaturrichtung im Hermann Tuchner Wien« II., QroB« Sfadtgutgasaa 1 e c k a TaborstraOe 32 Tal. R*41«4*20 % Sehr-mäßige Preise. - Verzeichnisse umsonst. Ankaufganzer Bibliotheken. 7«gMitM>«MM«MMtlMfMMMMMMMMMIMM«H"M* zu stiften" nicht vergessen hat, nicht hier in der GaJuth, nicht dort -bei unseren palästinensischen Brüdern an der •Kiagemauer. o. <r. au. Brainin, der Sowjetfreund. Die Verhandlung des zionistischen Ehrengerichtes in Berlin. — Brainin moralisch verurteilt* Wie noch erinnerlich, erschien am 21. Mai in der hebräischen Presse ein von Chaim Nachman B"i a 1 i k unterzeichneter A n f ruf des Verbandes hebräischer Schriftsteller Palästinas, in welchem die jüdische Welt aufgefordert wurde, * . gegen die Vernichtung des Zionismus und der hebräischen Sprache in Rußland n^it aller Schärfe vor der Oeffentlichkeit der gesamten Kidturwelt zu. protestieren. Zum Schluß wurde eine heftig e A n k La g e . g e g e n- R e ub|en Bräiain. gerichtet, von dem gesagt wurde, daß er, ein . Altmeister der hebräischen Literatur, einer der ältesten Zionisten, durch seine S.childe- WiEN VII., KAISERSTRASSE 123 IX., A L S ,E.R STRASSE 6 > FERNSPRECHER B-38-P-43 '■ rüng; der . vVerhäHnisse ..Rußlancls .JjLen^eta4e£ Waffen-' ^schmiedet ~:^a^"iur.'- •'yernicHlüng. Icles. Judentums. - Er sei. , , ... . . ' ';zum „Verräter und Fälscher" geworden, der; Empörung und Abscheu verdient. Reuberi Brainin häi m eini&m.< offenen -Sphrei-? ben Bialik und -den Schriftstelierverbänd aufgefördert, vor ■ einem .• Ehrengericht ihre Anklage gegen ihn zu begründen;^i Da .nun'Brainin. wie Bialik sich gegenwärtig inV Berlin., befinden, -hat-' Bialik Reuben Brainin brieflich .aufgefordert, die Sache ,v o r e i n e m z i o n i s ii's c h e n E h r e n g e'r i'c h t in B e r 1 i n auszüt'r ag en. Brainin hafte sich hiemit einverstanden erklärt. Die Verhandlürig fand am 7. d. M. in' Berlin öffentlich 'statt. .Das Ehrengericht bestand aus Rechtsanwalt "S. G r ö tfe m a li'n1 als Vorsitzenden, Dr. Oskar Cohn, Dr. Aron Barth, jQr. Oskar-Wolfsberg i(nd Rechtsanwalt Dr. Kuzower als Beisitzern. Jni Namen Brainins, der sich krank fühlte, verlas sein Sohn Josef Brainin die Anklage, in der es heißt, Brainin betrachte seine Tätigkeit für die russische Kolonisation als logische Folgerung seiner zionistischen Ideologie. Vom Gesichtswinkel einer weitherzigeren zionistischen Auffassung sein kein Unterschied zwischen der Arbeit in Rußland und der in Palästina; er seinerseits habe .niemals eine Gelegenheit vorübergehen lassen, für Palästina zu werben; die offiziellen zionistischen Führer Amerikas haben seine Tätigkeit anerkannt und in ihm eine Art Verbindungsoffizier zwischen, deui zionistischen Lager und dem Lager 'des Joint Distribution Committee gesehen. Der \ Dichter Bin I i k griff in seiner Verteidigungsrede! Brainin auf das schärfste an. Er sagte u, a.;: Die drei Milliqnpn russischen Juden werden atoinisiert, sie sind dem sicheren Unter- , gang geweiht. W a r u m Ii a t Bi§ i n i n g e s c h w i c g e n, warum hat', er nicht'die Wahrheit in die Welt hinausgeschrien, ni(an hiijfci\ihä in Rußland richtig informiert, ihm lilaterjalien in die Hände gegeben. Er hat versprochen, das Material im Auslande zu verwerten, er hat es nicht getan; statt dessen sang er Lbbeshymnen auf die Zerstörer des russischen Judentums. Damit deckte er das am Judentum begangene Verbrechen, und so ist der gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er den Vernichtern des Judentums die Waffen geschärft habe, nur zu berechtigt. Die Ankläger der Tscheka haben sich in ihren Anklagen gegen die Hebräisten ünd Zionisten in zwei Fällen auf sein, günstiges Urteil über das Sowjet" regime berufen. Keiner ist gegen die Kolonisierung in Rußland, wohl aber dagegen, daß diese Kolonisierung als politische Waffe» gegen Z i onismus und Palästina ausgenützt wird. Diesen Mißbrauch unterstützen, heißt Verrat begehen. Es wurden als Zeugen Herr Dr. Mase, der Söhn des verstorbenen ' Moskauer Oberrabbiners, und der aus Rußland entkommene hebräische- Lehrer J e h u d i vernommen. Während Mase Brainins ganzes Verhalten in Moskau sachlich darlegte, dabei nicht'verschwieg, daß die russischen Zi oiii s ten d i e ses Verha 11 en m i ßb i 11 i gten, schleuderte Jelmdi schwere 'Anklagen gegen Brainin, ..<■ der das ihm übergebene Material unterschlug und dessen. Loblieder auf die russischen Zustände von' der kommunistischen. Presse in Rußland und Amerika zur. Propaganda gegen den Zioi^sn^p^us-. gejiützt wurden/ Die Aussagen beider Zeugfeh summierten sich zu einem erschütternden Bild d-er V er f o 1 gii ng e"n i n Rn'^lan d, wo;die Angehörigkeit ..zvyh••Zionismus;. '.nidl' die: i.^rbei^^fur r|el?räisch , -.TOi5tji;/<^r..-e4 j,j^ii";r.-_i s"^---.^-'©,*- t^^'J^ÖäS •n'ja ch;;S''i;.bi-r iics.n :^ea^ndet4;wird;-;-4 : Das Urteil, Nach einer längeren Beratungder '■ Ehren-.v richter verkündete Herr Grone mann gegen 5 Uhr morgens das folgende Urteil: '-'. v' . Das Ehrengericht habe die Angriffe des* Beklagten gegen den Kläger als sachlich berechtigt angesehen, mißbillige aber einzelne Wendungen in dem Aufruf. Zu den Gerichts- . kosten haben Brainin als der Kläger neun Zehntel, Bialik als der Beklagte ein Zehntel beizutragen. In der Begründung des Urteils' wird ausge* führt, Brainins Verhalten müsse von jedem v er a*'n tw ortlichen Z i o n i« t e h mißbilligt werden, es habe russisch« Juden Gefahren ausgesetzt;: Von einem alten Zionisten, ,der noch dem ersten Kongreß beiwohnte, van einem hervorragenden . Vertreter des Hebräismus sollte, man erwarten, daß er furchtlos die ihm mitgeteilten Klagen in die Welt hinaustragen werde. . Obr wohl er, wie zugegeben wird, die Verfolgungen schmerzlich empfunden hat,. hat er g e s c h w i er gen, hat das in ihn gesetzte Vertrauen getäuscht, bat mindesten* einen .wesentlichen Teil verschwiegen, andererseits durch enthusiastisches j-Ier vorheben ande r er Mo m e n t e ein falsches Bild entstehen lassen. So hat er . wirklich den Gegnern, die sich auf ihn berufen konnten, Waffen geliefert. I I I durch den Besitz eines Ingelen Neophon r der idealen Vereinigung von Radio «nd SchaUplattenrniislk. (An .jedes Gleichstromnetz anzu- •schließen)' ' '; .. Radlofabrlk Inaelen Wien XVII, Bereitete*. 36

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