Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 107 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 107 DIE NEUE WELT Die zionistische Leitung und die Opposition* Die Sitzung der obersten Kontrollbehörde der zioiiistiVhcn Weltorganisation, des Aktionskomitees, welche unter dem.Eindrucke der ungeheuerlichen Vor gänge ic Palästina ciubcrufen worden war, bereitete der zionistischen Oeffentlichkeit eine grolle Enttäuschung. Man hatte entscheidende Maßnahmen erwartet, insbesondere eine Abkehr von der bisherigen politischen Methode, deren Unzulänglichkeit durch die Vorgänge in Palästina traurig illustriert wird. Statt dessen kamen einige wenig sagende Resolutionen, verstümmelte Auszüge aus den Diskussionen, Berichte über Aussprachen mit dieser und jener politischen Persönlichkeit und die Nachricht, daß den Teilnehmern an der Tagung strengstes Stillschweigen auferlegt worden war. Jetzt, nach drei -Woerten, veröffentlicht die zionistische Leitung Erklärungen über die Vorgänge in der Sitzung, aber Erklärungen, welche das, was. wirklieh vorgegangen, verschleiern und entstellen. Im Namen der Zionistischen Exekutive erstattete Professor Brodetzky den Vertretern der Londoner Presse einen Berieht, welcher in der Oefl'cntlichkeit folgende Meinungen entstehen läßt: üic überwältigende Majorität der Zionistischen Organisation steht geschlossen hinter der Leitung, billigt die Politik Weizmanns und bringt ihr volles Vertrauen entgegen. Die überwältigende Majorität ist der Ansicht, daß der Politik der Leitung nicht die geringste Schuld an den Vorgängen in Palästina und dafür anzulasten, ist, daß die öffentliche Meinung, insbesondere die englisdie, für den Zionismus wenig übrig hut oder gegen ihn gerichtet ist. Die Leitung war in diesen sdiweren Tagen ehrlich bemüht, eine geschlossene zionistische Front zu schaffen und die Opposition zur verantwortlichen Mitarbeit heranzuziehen. Aber die Oppofition — Professor Brodetzky hebt hervor, daß sie nur zehn Prozent zählt — hat sich halsstarrig erwiesen, stellte unannehmbare Forderungen und bricht die zionistisdie Front. Jeder, welcher den Beridit Professor Brodetzkys liest, muß diesen Eindruck gewinnen. Es erscheint dringend geboten, dieser Darstellung entgegenzutreten. Gewiß audi aus dem Grunde, die radikale und revisionistische Opposition, welche von ehrlichen, erprobten Ziönisten geführt wird, die Opposition, deren Voraussagen sidi leider als allzurichtig erwiesen, vor Herabsetzung und Ungerechtigkeit zu schützen. Vor allem aber um zu verhüten, daß die Zionistische' Organisation nodilänger in trügerscher Sicherheit verharrt und dazu verlockt wird, all beim alten zu lassen, nichts zu unternehmen, was ein< .ieuen Katastrophe vorbeugen könnte. Es ist Tatsache, daß nicht ein eiiizigsr- Redner in der Debatte ein Wort der Billigung für die :politisdie Arbeit der Leitung fand. Hingegen haben, von den radikalen' und vevisionistisdien Oppositionellen ganz abgesehen, die meisten Redner die bisherige politische Methode für bankerott erklärt. So sprechen die Vertreter Palästinas, Polens, des Misradii und viele andere, Männer au.? dem. Lager der Regierung. Allen drängte sich, die Erkenntnis auf, daß der Zionismus isoliert ist, daß die Beziehungen der Zionistischen Organisation zur Mandatarniacht lose und sdilcditc sind, daß ein beachtenswerter Einfluß der zionistisdien1 Leitung auf die englisdie Regierung und die englische öffentliche Meinung einfach nicht existiert. In den sdiwersten Tagen ist es Weizinauh nidit gelungen,,; Verbindung mit dem Chef der englischen Regierung zu erlangen. Der Einfluß untergeordneter Organe der Palästinaverwaltung hat sieh stärker erwiesen als der Einfluß der Zionistischen Org-anisation, zum großen Unglück der palästinensischen Judenschaft. Es hatte sich klar gezeigt, daß die von Weizüiann ständig vorgebrachte, von zionistischen Agitatoren und Zeitungen tausende Male in die Welt posaunte Behauptung: „Die politische Lage ist befriedigend, unsere Beziehungen zur b'ritischen Regierung und zur britischen Nation sind die besten", eitle Täuschung war, vielleicht .Selbsttäuschung. Und nur diese Täuschung hat eine ueuüzigprozentige Majorität für die Leitung zustande gebracht, nur dieser Täuschung hat es Prof. Brodetzky zu. .danken, heute von einer gering zu schätzenden, nur zehuprozentigen Opposition spredien zu können. , Weidmann und die Leitung haben es unterlassen, die Vertrauensfrage zu stellen. Daß die enttäuschten Mitglieder'der 'Majorität im Aktionskomitee es nidit taten, ist. begreiflich. Sie wollten angesichts des großen Unglücks keine Krise hervorrufen. Daß die Opposition — aus deni nämlichen Grunde — keinen MiÖtrauensantrag stellte, spricht für ihre Einsicht und Ergebenheit an. die zipnistisdie Sache. Aber das alles darf doch nicht dahin gebeutet werden, daß eine neunzigprozentige Majorität .vertrauensvoll hinter der Politik steht, die bisher von der Leitung geführt wurde! Das geht nicht an! Auch was Professor Brodetzky über die Haltung der Opposition sagt, kann nicht. widerspruchslos. hingenommen werden. Tatsache i s t, d a ß d i e O p p osition die Hand zum Frieden bot, und daß die Lotung s c h r o f f. abgelehnt hat. Die Revisionisten stellten Anträge auf Reform der politischen Leitung. Allerdings sehr weitgehende. Die Leitung hat aber abgc« I , lehnt, über diese Vorsehläge auch nur zu diskutieren, sie auf ein kleineres Maß herabzudrücken. Die radikale Opposition hat Vorschläge gemacht, welche den Be stand der heutigen Leitung überhaupt nicht berührten, welche im wesentlidicn bezweckten, einer politischen Kommission, weldier Vertreter der Opposition zuzu ziehen sind, gc in eins am mit Vertretern der Exeku tive die politisdie Arbeit in den nüdisten Monaten anzuvertrauen. Die Vorschläge der Revision! sten hat Weizmann in rücksichtsloser, ans Beleidigende reichender Form abgewieseu, die Vorschläge der Radi kalcn hat er einfach Ubergangen. Er erklärte, daß der Weg zu einer Aenderung der bisherigen, seiner Politik nur über seine Leiche führe. Die Mit glieder der Exekutive haben zu diesen Erklärungen ihres Chefs gesdiwiegen. Die Leitung der Zionistisdien Organisation hat der Opposition gegenüber gehandelt, wie verantwortlidie Führer einer freiwilligen Organisation in normalen Zeiten nicht handeln dürfen, geschweige denn in Zeiten höchster Not, wo jeder ehrliche Mithelfer willkommen sein muß. So haben sich die Dinge abgespielt. Die Erklärung des Herrn Professors Brodetzky wirkt irreführend. Erklärungen Brodetzkys an die Vertreter der Presse. Lohdon, 24. September. (J. T. A.) Anknüpfend an die Mitteilung über das Zusammentreffen zwischen Weizmann und Macdonald gab Professor S. Brodetzky, Mitglied der Zionistischen Exekutive, den Vertretern der Presse die folgenden Erklärungen: Nach drei Angriffen, die die Araber gegen die friedlich arbeitende jüdische Bevölkerung in Palästina innerhalb eines Zeitraumes von neun Jahren unternommen haben, wird sich die britische Regierung endlich vergegenwärtigen müssen, duß sich die Juden nicht mehr darauf verlassen können, daß eine vorwiegend aus Arabern bestehende Polizei im Falle der Gefahr für ihren Schutz sorgt. Eine gründliche Neuorganisation der palästinensischen Polizei und des transjordanischen Verteidigungskorps tut dringend not; von erster Wichtigkeit ist es, daß in diesen Ordnungs- und Verteidigungskräften die Juden in einem angemessenen Prozentsatz vertreten sind. Eine zweite unerläßliche Bedingung für die Sicherheit und den ruhigen Fortschritt des Landes ist eine treue Zusammenarbeit zwischen der Palästina- Administration und der .«fewish Agency bei der Ausführung , des Mandats -naejiv seinem. Buchstaben und deinem Geist; diese Zusammdnarbeit darf nicht eine formelle sein, beide Partner müssen mit dem ganzen Gerzen an derselben beteiligt sein. Die Regierung wird "sich entschließen müssen; * die Bestimmungen des Manhinsichtlich der »Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes in einer aktiveren Weise als bisher durchzuführen; sie muß neue Möglichkeiten für erweiterte Einwanderung und Kolonisation schaffen. Dies ist ein wesentlicher Teil der Maßnahmen, die notwendigerweise ergriffen werden müssen, um das in der Balfour-Deklaration gegebene und im Mandat internatipnal bekräftigte Versprechen hinsichtlich des Aufbaues des jüdischen Nationalheimes in Palästina zu verwirklichen. - ' Angesichts der heutigen, kritischen Umstände, sagte Brodetzky, hatten wir erwartet, daß sich ajle Teile der zionistischen Bewegung hinter die Exekutive stellen, um sie in der Erreichung der politischen Ziele zu unterstützen; iu diesem Sinne glaubten wir, daß die Tagung des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation eine vereinigte Front darstellen wird. Leider haben sich diese unsere Erwartungen nicht erfüllt. Die Partei der Ziomstcn-Revisionislen innerhalb der Zionistischen Organisation hat die Front nicht gehalten und zeigt sich sogar geneigt, denjenigen, die mit der schweren Verantwortung belastet sind, die Interessen des jüdischen Nationalhcimes zu vertreten, den Krieg zu erklären. Das Statement der Zionisten-Revisionisten besagt, daß diese Partei ihren Kampf gegen die jetzige Führerschaft und ihre Politik ungeschwächt fortführen wolle, und sie behalte sich das Recht vor, politische Sonderaktionen einzuleiten. Dieser Kampf der Zionisten- Revisionisten ist nicht allein gegen die Exekutive, sondern gegen die Zionistische Organisation selbst gerjphtet. Die große Mehrheit der zionistischen Bewegung hält dafür, daß die politischen Hauptforderungen der Revisionisten undurchführbar sind und daß eine weitere Vertretung dieser Forderungen in der Oeffentlichkeit nur zu! fruchtlosen Diskussionen und zu nutzlosen Reibungen mit der Mandatarmacht führen werden. Auf der anderen Seite fordern die Revisionisten die Exekutive auf, eine Art konstitutionellen Staatsstreich? zu begehen und die vom Kongreß gewählte und vom Council der Jcwish Agency. akzeptierte Exekutive umzubauen. D^e: Opposition, die auf dem Zionistenkongreß nur 10 Prozent der Sitze hatte, fordert, zu 50 Prozent in der Leitung der politischen Arbeit vertreten zu sein. . _ :j: Die Revisionisten und die Zionistische Exekutive. London, 27. September. (J. T. A.) Die Union der 2iönisten-Revisionistpu veranstaltete eine Pressekonferenz, die von Herrn Meer. Großmanu, Mitglied -des Aktionskomitees geleitet und in. der unter . anderem folgendes erklärt wurde: Auf der kürzlich im zionistischen Zentralbüro abgehaltenen Pressekonferenz versuchten Mitglieder der Zionistischen Exekutive, die Schuld über dos Mißlingen einer vereinigten ziönisti- Sfeder Strenggläubige kann ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen Kurier ol verwenden. DieKunerokErzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Natur« fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirks« rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. l/iiy er^ni KUNfiKDL 100% REINES KOKOSNUSSFETT sehen Front den Revisionisten zuzuschieben. Demgegenüber wird festgestellt, daß die revisionistische Exekutive aus eigener Initiative an die Exekutive der Zion- Organisation wegen Errichtung einer gemeinsamen Front für eine wirksame politische Aktion herantrat. Dabei wurde klargemacht, daß die Vorschläge der Revisionisten als Basis für weitere Verhandlungen gedacht sind. Die Zionistische Exekutive machte keinen Versuch, den Vorschlägen näherzutreten oder sonst eine Verständigung herbeizuführen. Nicht die Revisionisten waren es, die die Bildung einer vereinigten Front unmöglich machten, sondern die Exekutive war es, die in der Person Dr. Wcizmanns die Vorschläge der Revisionisten zurückwies. Dr. Weizmann äußerte, eine Zusammenarbeit mit Menschen, die außerhalb der Jewish Agency stünden, käme nicht in Frage. Diö Bekanntgabe 'dieser Tatsachen wurde in der Erklärung der Zionistischen Exekutive an die Presse vermieden. Trotzdem die Ereignisse in Palästina der jüdischen Welt gezeigt haben, daß die Politik der Exekutive versagt hat, wollte Dr. Weizmann dies nicht zugeben und erklärte kategorisch, er werde seine bisherige Politik unverändert fortführen. Die Politik der Exekutive ist vom Aktionskomitee. nicht gebilligt worden. Vom Misrachi bis zur äußersten Linken griffen alle Redner die Exekutive an. Kein einziger Redner billigte Dr. Wcizmanns Vorgehen, das die Möglichkeit einer Einheitsfront zerstörte. Es wurde aber dem Aktionskomitee nicht Gelegenheit gegeben, die revisionistischen Vorschläge zu prüfen. Es ist nicht wahr, daß die revisionistischen Vorschläge auf einen Staatsstreich hinausgingen, wir betonten, daß die Exekutive bis zum außerordentlichen Kongreß im Dezember an der Macht bleiben solle; .dieser Kongreß erst sollte die zionistische Politik im Lichte der neuen Ereignisse prüfen und eine neue Maschinerie für politische Arbeit schaffen. Als zeitweilige Maßnahme schlugen wir die Bildung eines politischen Notstandskomitees vor, das sich mit der unmittelbaren politischen Lage befassen wollte. Von den sieben Sitzen sollten drei der Opppsiüon (einer der amerikanischen Gruppe, einer den Radikalen, einer den Revisionisten) zugewiesen werden. Der Vorschlag war fair und vernünftig. Die Frage, ob die Opposition 10 Prozent oder 18 Prozent vertritt, fällt in einem Augenblick der Krise nicht in die Waagschale. Im Zionismus gibt es gegenwärtig zwei voneinander abweichende politische Häuptlingen. Die eine, vertreten durch die Exekutive, hat bereits versagt; die andere, vertreten durch die Opposition, hat die Probe noch nicht bestanden. Eine Synthese, eine gerechte Kombination beider Ansichten und Richtungen, hätte sich wirksam erweisen können. Konstitutionell war der Plan für einen Moment der Krise nicht ungewöhnlich; moralisch war er der einzig mögliche Modus vivendi. Angesichts der strikten Weigerung der Exekutive, sich zu einer gemeinsamen Aktion mit den Revisionisten zu verstehen, blieb den Revisionisten nach den unglücklichen Ereignissen in Palästina nichts anderes übrig, als ihren Kampf gegen die jetzige Führerschaft und ihre Politik fortzusetzen, die jüdische öffentliche Meinung aufzuklären und ihre Kräfte zu dem Zwecke zu organisieren, Schritte zur Lösung der jetzigen politischen Krisis zu ergreifen. Es ist unsinnig zu erklären, daß sich unsere Aktion gegen die Zionistische Organisation richtet; wir bleiben wie bisher innerhalb der Zionistischen Organisation. Leider sind wir durch die Halsstarrigkeit der zionistischen Führerschaft gezwungen, Schritte zur Sicherung einer besseren Vertretung der jüdischen Sache und einer vollen Garantie für jüdisches Leben und Eigentum in Palästina zu ergreifen. Gewiß hätten wir diese Aktionen lieber gemeinsam mit der Zionistischen Exekutive gemacht. Herr Meer Großmann erklärte, die Revisionisten werden auf die Einberufung des außerordentlichen Kongresses hinarbeiten, den sie zur Stärkung der zionistischen Bewegung für notwendig halten. Die Revisionisten beabsichtigen ferner, in der Diaspora eine Tel Chay-Beweguug einzuleiten, die jüdische Jugend für Palästina zu trainieren und zu organisieren.