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Die neue Welt · 1929-10-04 · Heft 107 (4.10.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 107 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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h». iö? DIE NEÜE WELT Seite 3 "* tf+ $ ^± Nur diese ■ M#%^ jjjMMjK^& Schwedenklingc A M jyf'rl^jlr macht Rasieren £r zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke lung vertreten waren, sind wir verpflichtet, österreichische Patrioten zu sein und in charaktervoller und aufrechter Weise für die Ruhe in diesem Staate zu wirken, wo das Gefühl für ihn fast gar nicht mehr vorhanden ist. Ein Teil unseres Programmsist die Erziehung der Juden zur wahren Liebfc iür den Staat, in dem wir leben, um die Gefahr, nach rechts oder liniks gerissen zu werden, unmöglich zu machen. Stricker bezeichnet es als ein Glück für den Staat, eine Persönlichkeit wie den Bundeskanzler Schober zu besitzen, zu dem die Juden echtes Vertrauen besitzen dürfen. Schober habe seine Sympathie für die Juden in bezeichnenden Situationen bewiesen und habe -die Erfahrung ■machen müssen, daß sich an der in den letzten zwei Jahren gegen ihn inszenierten Hetze gerade diejenigen Juden beteiligt haben, die seinerzeit um seine Gunst gebuhlt haben und 'heute, da er das Staatsruder lenkt, wieder in seinem Vorzimmer sitzen: es sind diejenigen, die Anspruch auif die Gefolgschaft der Juden erheben. „Die Stärkung unserer Organisation ist eine unbedingte Notwendigkeit im Interesse des österreichischen Judentums. Ich habe Gelegenheit genommen, mit Kanzler Schober über jüdische Fragen zu sprechen und die Versicherung erhalten, daß er es als selbstverständliche Pflicht seiner Regierung ansieht, die Rechte, die Sicherheit und die Ehre der österreichischen Judenschaft zu schützen, ohne Ansehung der Partei und der Stellung, welche die Juden zu seiner Regierung einnehmen. Ich habe ihm den Wunsch vorigebracht, daß den Juden die Möglichkeit gegeben werde, durch ein entsprechendes Wahlrecht Vertreter in aHen öffentlichen Körperschaften zu erhalten und daß endlich — aus sittlichen und erzieherischen Gründen —• die Beschimpfung des Judentums nicht mehr straflos bleibe. Auch für diese beiden Wünsche sicherte mir der Bundeskanzler seinen aufrichtigen Erfüllungswiilen zu. Die Durchsetzung dieser Forderungen aber ist nur möglich und von Wert, wenn hinter ihnen eine ansehnliche Zahl von jüdi- Verband demokratischer Zionisten | Mittwoch den 9. Oktober um halb 9 Uhr abends im I „Goldenen Saal" des CaJe Silier, 1., Schweden- | platz , H Vers am ml un g | ■■■■■■■■■■■■■BHHHBHHHHIHHBa | Gegenstand: H Die Verfassungsreform und die Juden. - Die politische Lage. Referent: Dr. Leopold Plaschkes. s Gäste willkommen! Eintritt frei! AChtling! Die Veranstaltung findet im »Goldenen Saal1 des Cafe Silier, I, Schwedenplati, statt | sehen Bürgern steht, die sie für richtig ansieht und die Ueiberzeugung hat, daß sie der österreichischen Judenschaft zum Wohl gereichen. Das können Sie dadurch zum Ausdruck 'bringen, indem Sie unsere Organisation stärken und mit uns, aufrecht, stark, selbstbewußt, ohne Schielen nach rechts oder links, für die gerechten jüdischen Forderungen eintreten." Unter dem Eindruck der Ausführungen der beiden Redner trat eine große Zahl der Versammlungsteilnehmer dem Verband demokratischer Zionisten bei. Weizmann nach Amerika abgereist. Nach einer Konferenz mit Baron Edmund Rothschild Paris, 28. September. Präsident Weizmann hatte Freitag in London eine Konferenz mit dem Führer der Liberalen Lloyd George, in der er mit ihm die Lage in Palästina besprach. Er sprach auch im Kolonialmintste* rium vor. Von London begab sich Weizmann nach Paris, wo er mit Baron Edmund Rothschild eine längere Unter« redung hatte. Sodann reiste Präsident Weizmann nach Amerika ab. »WAßSSUCG« anrufender bequemste Jabotinski bei Baron Rothschild. Paris, 28. Sepetmber. Baron Rothschild hatte den Wunsch geäußert, Jabotinski zu empfangen und von ihm dessen Ansicht über die Aufgaben der zionistischen PolU tik in Anbetracht der letzten Geschehnisse in Palästina zu hören. Heute hat Jabotinski Baron Rothschild besucht. Während der Unterredung, die einige Stunden dauerte, hat Jabotinski den Baron Rothschild genau über seinen Standpunkt bezüglich der Aufgaben in der jetzigen Lage im Zionismus informiert. Es verlautet, daß Jabotinski in den nächsten Tagen nach Amerika reist. Die parlamentarische Kommission. Die Reise verschoben. L o n d o n, 30. September. Das Kolonialamt kündigt an, daß die von der Regierung zur Untersuchung der letzten blutigen Vorfälle in Palästina eingesetzte Kommission ihre Abreise auf den 15. Oktober verschoben habe, um den interessierten Kreisen noch die Möglichkeit zu geben, etwaige Forderungen vorzubringen. Rechtsvertretung und Kreuzverhör zugelassen. Wie die Jüdische TeIegraphen*Agentur erfährt, be* schloß die Kommission in ihrer am 10. September abge* haltenen Sitzung, den "einzelnen Parteien in Palästina zu erlauben, sich bei den Verhandlungen der Kommission durch Anwälte vertreten zu lassen und die vor die Kommission erscheinenden An* geschuldigten und Zeugen einem Kreuzverhör nach der Norm, wie dies bei Gericht üblich ist, zu unterziehen. Die Kommission wird bis zu ihrer Abreise nach Palästina Mitte Oktober keine weiteren Sitzungen mehr abhalten. Luke hat gelogen. Die Beschlüsse der Kommission in London stehen im Gegensatz der Erklärung,' die der Chefsekretär der PalästinasRegierung Luke laut „Feiestin" der arabischen Exekutive in Jerusalem gegeben haben soll; laut dieser Erklärung sollten Rechtsanwälte und Kreuzverhör bei den Vernehmungen durch die Untersuchungskommission ausgeschlossen sein. quemsre . Waschtag! TEL* B 24-5-20 SÖHE Wieder ein Mord in Jerusalem Die Araber gegen Bentwidi. London, 2. Oktober. Die arabische Exekutive will mit einem Proteststreik gegen die Belassimg des jüdischen Generalanwaltes Normann Bentwich vorgehen. In einem Jerusalemer jüdischen Stadtviertel wurde gestern ein Jude erschossen aufgefunden. In Jaffa kam es zu Zusammenstößen. („Nr. Fr. Pr.") _ Musa Kazim Pascha reist nach London. Jerusalem, 30. September. (J. T. A.) Die arabi* sehe Exekutive beschloß, eine Abordnung nach London zu entsenden. Der Präsident der Exekutive Musa Kazim Pascha und Ashibli Jamal treten die Reise sofort an, zwei andere arabische Führer begeben sich nach Eintreffen der Untersuchungskommission nach London. Besserung im Befinden Dr. Weisls. Jerusalem, 28. September. Der Zustand .von Dr. Weisl, der in Jerusalem schwer verletzt wurde, hat sich in den letzten Tagen wesentlich gebessert. Dr. Weisl wurde am 23. August noch vor Beginn der eigentlichen Unruhen, während er sich in der Jaffastraße befand und der Demonstration der aus der Moschee kommenden Lifta-Araber als Unbeteiligter zusah, durch einen arabischen jungen Burschen hinterrücks angefallen und durch einen Messerstich in den Rücken schwer verletzt. Der Zustand Weisls hatte sich bedenklich verschlimmert. Heute ist der Patient außer Gefahr und geht seiner .völligen Genesung entgegen. ® iMminw> gegen Krampf-Adern und zurr Gammiwarenhaus „ALPHA" Dr. D. Goldenzweig n up I. Adlergasse 8 Kol Nidre contra Jazz. Von Oskar Rosenfeld. Im zweiten Teil seines Romans „Komödianten" ahnt Schalom Alejchem den Zustand vor, der "sich aus dem Eindringen der ostjüdischen Elemente in das noch nicht ausgegorene New York herauskristallisiert. Er malt in seiner überlegenen, oft mit Haß und Verachtung gemisch* ten Manier den Hexenkessel New York, der alles zer* stampft, verschlingt, verdaut: den Mischmasch von Existenzen, die aus der East*Side in die Broadway*Bezirke vordringen wollen und dort Fuß fassen, als produktive Menschen oder al$ Parasiten, indem sie entweder den alten Rock des jüdischen Ostens abwerfen oder in den Gedärmen der Weltstadt verschwinden. Es ist ein neues Ghetto da, aber ein solches, das sehr leicht den Lockun» gen des Amerikanismus erliegt; eine Generation nur hinter sich lassend, wird der Allright*Man gerne den Ver* lust dessen verschmerzen, was er an heimatlicher Sub» stanz geistiger und seelischer Art mitgebracht hat. Ein neuer Judentyp entsteht, nicht mehr ganzer Jude und noch nicht ganzer Amerikaner, dabei aber, wenn auch mitten unter Schicksalsgenossen, ein Einsamer, der sich nach Bindungen sehnt. Solche Bindungen sind in den jüdischen Zentren Amerikas entstanden, soziale Bindun* gen, die rasch geworden sind und ebenso rasch zu er« löschen beginnen. Diese Bindungen sozialer Natur, wenn auch durch räumliche Gedrängtheit gestützt, — das ist Tradition in Amerjka. Eine geistige Tradition hat es dort trotz Synagoge, Presse, Theater nie gegeben. Sie existiert auch bei den anderen Rassen nicht, nicht bei den Deutschen, Franzosen, Slawen, Chinesen, Negern. Sie alle waren dort „grün", ehe sie amerikanisiert wurden. Und doch lodert notwendigerweise bei zerklüfteten, dem unruhigen Rhythmus eines immer noch werdenden Landes anheimgegebenen Menschen eine Romantik auf, die stark genug ist, die sozialen Bindungen zu verdichten« Diese Romantik heißt — Jazz. Jazz im weitesten Sinnej als neuer Hymnus, als neues Freiheitsbewußtsein, als neues Lebensgefühl. Der Autor des „Jazzsänger", den die Wiener Renaissancebühne spielt, geht in seiner Definition noch weiter. Für ihn ist Jazz nicht bloß der Ausdruck eines Lebensrhythmus; er deklariert ihn als neues Gebet, dem jeder sich unterwerfen muß, der die Zeit, verstehen will. Und so wird für ihn der Jazz ein — Problem. Er wendet es auf einen jüdischen Menschen an, auf den Sohn eines Kantors, der noch im alten Rituale lebt, daher Jazz als etwas Ungeheuerliches, Barbarisches, Sündhaftes empfin* det. Der Kantor von der East*Side, er heißt Rabinowitsch., wie so viele Kantoren in der jüdischen Literatur heißen, hetet zu seinem Gott in seiner alten Weise. Er ist der Vermittler zwischen Unten und Oben in seiner Sänger« funktion, wenn auch in seiner Wohnung ein Grammophon und ein Stutzflügel stehen. Wenn auch amerikanisiert, hat er sich doch den äußeren Habitus bewahrt, hat seine Ge* meinde, seine Synagoge, seine Feiertage. Das ist seine Tradition. Ueberaus dürftig zwar, aberdoch ein Schein von Judentum, das sich beim Kantor Rabinowitsch in dem Wunsch manifestiert, sein alljährliches Kol Nidre zu singen. Der Sohn hingegen ist dem neuen Lebensgefühl Jazz erlegen, hat das Elternhaus und die Synagoge verlas* sen, um draußen, in der anderen Welt, sein Gebet zu sagen. Wird er heimkehren, um den erkrankten Vater am Jörn Kippur*Abend zu vertreten? Wird er dein Jazz den Laufpaß geben und die Melodie des Vaters singen? Das ist das Problem; man wartet gespannt, wie der Kampf zwischen Kol Nidre und Jazz ausfallen wird. Er fällt zu* gunsten des Kol Nidre aus, aber auch zugunsten des Jazz. Unsere guten Amerikaner kommen nicht um ihr Hjatppy end. Der Sohn singt heute Abend Kol Nidre und morgen wird er wieder — Jazz singen. Dieses Dilemma gäbe ein Problem, aber nicht im New Yorker Ghetto. Dort fällt es nicht schwer, die ,,Tra« dition" zu überwinden oder zu wahren. Es ist ein Spiel mit Gefühlen, die nicht vorhanden sind; die konstruiert werden, um eine koschere Kost recht geschmackvoll zu machen: Tallis'und Saxophon vertragen sich recht gut. Wir bekommen ein Menü nach dem bekannten Rezept Träne und Lachen, Jud und Goi vorgesetzt, eine Variante des „Dreimal*Hochzeit"*Schmarrens, wobei die einzelnen Figuren, Kantor, Frau, Söhn und Tempelvorstand, als Re« Präsentanten des jüdischen Wesens hinausgestellt werden. Seht, so sind sie, die braven Juden, mit Gemüt bis an den Bauch und mit Religionstreue bis an den Hals gefüllt. So gespenstern diese Israeliten in den Hirnen der Dutzend* fahrikanten von Schauspielen, Romanen und — Possen. Armin Friedmann, der als Fachmann in koscheren AngÄ^genheiten gilt, hat das Original des Amerikaners Raphfcelson in-sein Daitschmährisch übertragen. Der Ton» fall des jüdischen Herzens gerät ins Mauscheln, besonders bei der Figur eines Knaben, dem die Regie die Rolle des „kleinen Moriz" überantwortet hat. Jarno, sonst ein Gs* stalter, kann mit dem „Untam" von einem Kantor nichts anfangen, kann aus Stroh kein Feuer schlagen. Fritz Steiner, dem Jazzsänger, steckt die Operettenprosa so sehr in den Gliedern, daß er mit ihnen — er trifft es aus» gezeichnet — jazzt. Und Frau W e r b e z i r k hat das Pech, daß man lacht, wenn sie auf die Bühne kommt. Ihr Wackein mit den vorderen und hinteren Ausbuchtungen ist geeignet, jede Träne im Rollen aufzuhalten. Herr Viktor Franz mußte sich mit der Rolle des Gemeinde* Vorstandes abfinden, der nichts anderes zu tun hat, als ein „braver Mensch" zu sein. Gespenster huschen über die Bühne. Autor und Darsteller versuchen uns zu überzeugen, daß es Menschen sind, Menschen mit Tradition, mit Problemen, mit jüdi» sehen Problemen. Vergeblich. Es wird auch dann kein Judenstück, wenn aus der Schul, will sagen Synagoge, Kol Nitre zur. — Orgel ertönt.

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