Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 106 (27.9.1929)
- Date
- 1929-09-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 106 DIE NEUE WELT Seite 3 jfw+nf* Die führende schwedische Weltmarke Nur diese Schwedenklin se macht Rasieren zum Vergnügen ärgern, daß der von ihnen ausgebeutete Fellach von den Zionisten Dinge lernt, die ihnen nicht gefallen. Der Zionismus sagt, daß der Boden der Allgemeinheit gehört; der Zionismus bringt soziale Errungenschaften, Krankenkassen, Spitäler, Arbeitsrecht. Der Fellach, der den Boden bearbeitet, der dem Effendi gehört, und dies für Hungerlohn, sieht neben sich den Juden, der für die Nation, für sich schafft, der für Kindererziehung sorgt, Schulen baut und Arbeiterheime und ähnliches. Der Jude ist für den arabischen Sklaven ein Beispiel. Und weil er es ist, darum hetzten der Großmufti und die Sippe der Effendis mitsamt den Imams uud den Mollahs den Fellachen auf den Zionisten. Und darum waren auch die britischen Kolonialbeamten, für die der Zionismus mit seinen modernen menschlichen Anschauungen als Bolschewismus gilt, der die genügsamen Natives verdirbt, hocherfreut über den höllischen Wirbel; und die Kommunisten, die überall sein müssen, wo ein Hexentanz tobt, waren mit von der Partie. Zu ihnen, zu dem Grofimufti, zu den Effendis, zu den Kolonialpaschas und zu den Kommunisten gesellt sich Karl Kautsky, der das alles ja eh' schon vor sieben Jahren gesagt hat. Was denn? Daß es Unruhen geben wird? Das haben wir alle schon längst gewußt und waren leider in unserem blinden Vertrauen auf Europa nicht vorbereitet. Aber wir werden's nachholen. Diese jüdische Jugend, die ihre Siedelungen mit der Waffe verteidigt hat, die tagelang kämpfte und dann zu sterben wußte, hat es sich verdient, daß ihr Werk fortgeführt wird. Kautsky sieht ein Menetekel. Er sagt aber nicht, wie es beachtet und richtig gedeutet werden soll. Wir wissen's aber. Das jüdische Volk steht heute hinter denen, die Palästina im Namen des historischen und des Selbstbestimmungsrechtes aufbauen. Herr Kautsky soll beim Großjmufti und bei den Effendis bleiben. Nansens Bericht an den Völkerbund. Die Beschlüsse der politischen Kommission. — Kein Parlament in Palästina. Genf, 24. September. m nahmen zur Wiederherstellung der Ordnung ergriffen wurden, daß eine Untersuchungskommission ernannt worden ist und Die sechste (politische) Kommission der Völker« bundversammlung, die sich, wie von der „Neuen Welt" bereits ausführlich berichtet wurde, eingehend mit den Ereignissen in Palästina und der Position dieses Mandats* landes befaßt hat und schließlich Professor F r i t h j o f Nansen damit beauftragte, einen Bericht und eine Re* Solution abzufassen, nahm den Bericht Nansens und die Resolution einstimmig zur Kenntnis. In dieser Form wur# den sie dem Plenum der Volkerbundversammlung im Namen der sechsten Kommission unterbreitet. Der Bericht und die Resolution lauten: „Mehrere Mitglieder der sechsten Kommission ha« ben die Schwere der kürzlich in Palästina vorgekommenen Ereignisse betont und mitgeteilt, welch einen schmerz« liehen Eindruck diese Ereignisse in ihren respektiven Landern hervorgerufen haben. Der Präsident hat sich zum Interpreten aller Delegationen gemacht, indem er sich dem Bedauern über die von den verschiedenen Bevölkerungs* teilen erlittenen Verluste an Menschenleben anschloß. Die Kommission hat die der Völkerbundversammlung durch den Ministerpräsidenten Groß* britanniens, dem Rat durch den britischen Staatssekretär für auswärtige Angelegen« heiten und der sechsten Kommission durch den britischen Delegierten gegebenen Erklärungen mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Die Vertreter der Mandatarmacht haben die Ver* Sicherung abgegeben, daß keinerlei Akt des Terrors oder der Unordnung imstande sein werde, ihre Politik der restlosen Anwendung der Bestimmungen des Mandates, für das sie die internationale Verantwors tung vor dem gesamten Völkerbund übernommen hatten, zu ändern. Sie haben fernerhin den Rat, die Versammlung und die Kommission dahin informiert, daß bereits wirksame Maß« daß die Mandatarmacht keineswegs die Absicht hat, Abänderungen an dem durch das Mandat aufgestellten System zu beantragen. Die Kommission zweireit nicht, daß die seitens der briti« sehen Regierung in Angriff genommene Untersuchung den Völkerbund über die unmittelbaren wie auch fernliegen* den Ursachen dieser traurigen Ereignisse aufklären wird unddaß die Mandatarmacht gleichzeitig die Verfügungen zur Kenntnis bringen wird, die sie ins Auge fassen will, um diese Ursachen aus der Welt zu schaffen, um der Wiederkehr solcher Ereignisse vorzubeugen und solide Grundlagen für eine künftige freie Regierung in Palästina zu legen. Die Versammlung erneuert den Ausdruck des Ver« trauens, das von den vorgegangenen Versammlungen der Mandatarmacht votiert worden ist; »wAaseuRG« anrufender bequemste quemsre . Waschtag! TEL' £2^-5-20 S£A1£ sie äußert ihr tiefes Bedauern über die in Palästina kürzlich vorgekommenen Zwischenfälle, die den Verlust an Menschenleben im Gefolge hatten; sie äußert ihr volles Vertrauen in die von der Mandatarmacht einge* leitete Untersuchung; sie hofft bestimmt, daß es der Mandatarmacht in kurzer Zeit gelingen wird, die Ordnung vollkommen wiederherzustellen und die Verfügungen zu treffen, um die Wiederkehr ähnlicher Zwischenfälle zu verhindern. ST Wir laden Sfa'köß mr Besichtigung umerer redes odelt überraschend* Scfiufo VII. KAISER.STR.ASSE 46. IM STOCK V I Cih neuepf füt Rauchet rt ü ISE PAT E NT - f I UTR1 E R - SYSTEM Vom „Jargon" zu „Jiddisch". Ein neues Werk von Professor S. Dubnow. Professor Simon Dubnqw ist der jüdischen Welt als Verfasser des großangelegten Werkes Geschichte des jiüdisdhen Volkes" bekannt, dessen letzter Band kürzlich erschienen ist. Damit. erscheint eine., Arbeit abgeschlossen, an die Dubnow vierzig Jahre intensivster Forschung verwendet hat. Weniger bekannt ist Dubnows Tätigkeit als Literaturkritiker in den Jahren 1887 bis 1805, wo er unter dem Pseudonym „Kritikus** über jiddische (damals noch Jargon-) Literatur schrieb, als .Jugend Höher Freund der großen literarischen Erscheinungen wie Mendele Mocher Sforim, Schalom , Alejchem, Mordechaj Spektor und Jakob Diriesohn, in deren Kreis er mit allen.Erscheinungen des jüdischen geistigen, Schaffens bekannt wurde. Als solcher hatte er das .Verdienst, Innerhalb des damaligen „Mistes" auf einzelne Perjen .hinzuweisen, zum Beispiel auf Schalom Alejchems „Messerl", mit dem seinem Urteil nach ein neuer frischer' Zug in den „Jargon" einkehrte. Im.Jahre 1905 schickte Schalom Alejchem dem. tapferen Kritiker seine „Gesammelten Werke" mit . der 'Widmung: Den ersten Impuls und den ersten Gedanken, meine literarische Tätigkeit weiterzuführen, gab mir die Rezension über meine erste Meine Arbeit „Das Messerl" des „Kritikus" im „WosChod". Diesem Zufall darf ich wohl meine ganze literarische Karriere verdanken. Schon in den Achtziger jähren war Dubnow in'der rusiscih-jüdisehen Literatur tätig. In seinen Erinnerungen „Vom Jargon zu Jiddisch", die soeben im Verlag. Kletzkin in Wiilna erschienen sind, erzählt er folgende interessante Episode: „An einem heißen Sommertag des Jahres. 1881 sagte mir der Redakteur des „Rasswjet" Mark Warschawsky: „Zeder'baum, der Redakteur des „Hameliz", will für die Jüdischen Massen eine Zeitung im Jargon (das Wort „Jiddisch" benutzte damals noch niemand) herausgeben und ersucht, der „Rasswjet" möge für die Propaganda Raum geben. Vielleicht können Sie darin einen Aufsatz über die Bedeutung einer solchen Volkszeitung schreiben!" Heute, da wsir eine lange Reihe jiddischer Zeitungen in Millionen Exemplaren besitzen, klingt diese Bitte unglaublich. Wie Dubnow selbst erklärt, handelt es sich bei seinem Buch nicht um Literaturkritik, sondern um Erinnerungen ah seine Freunde, die in die Ewigkeit eingegangen sind, indem er Episoden erzählt, aus denen die Persönlichkeit der großen literarischen Erscheinungen herauswächst und die Atmosphäre, in der sie geschaffen haben; aus einer Epoche, da. die Großen Mendel«, Schalom , Alejchem und die anderen „Jargonisten" nicht geträumt, haben, daß eine Zeit kommen wird, wo Jiddisch mit Hebräisch oder gar mit den europäischen Sprachen in der Schule und, in der Literatur, in der Presse und in ■ der Wissenschaft wird konkurrieren können; daß eine Zeit kommen wird, wo die „Sprache der Gosse" sich zu der „Sprache der Gasse" entwickeln wird. . Es kHngt geradezu legendenhaft, <iaß erst vor einigen Jahrzehnten das Fundament' für die jiddische moderne Literatur;gelegt wurde. Dubnow erzählt uns, wie M. Spefktor zusammen mit J. Dinesphn die Sammelbände „Hausfreund" und Schalom Alejchein seine „Jüdische Volksbib'Uo.fh'ek" 'herausgegeben haben — als erste literarische Samrneibücher in Jiddisch. Viel Interessantes weiß Dubnow von seinen Begegnungen mit Mehdele, Schalom Alejchem und auch mit S. Frag zu berichten: „Auf .unseren Spaziergängen hat ' mich Schalom Aleijehem (es war zur Zeit, da er sein Geld au der Börse verloren hatte) mit seiner Lage als Schriftsteller und mit seiner Börsensituation bekannt gemacht. Oft sah ich ihn zermartert, mit nassen Tüchern auf dem Kopf. Aber sogar in den trostlosen Zeiten bat ihn sein Humor nicht verlassen. Der laohe-md'e Schalom AlejChm hat sich in meinen Erinnerungen fester eingewurzelt als der traurige." Eine ganze Reihe reizender Episoden aus seiner Freundschaft mit Schalom Alejdhem weiß Dubnow zu erzählen. Einen anderen Charakter tragen Dubnows ETdTMrerungen an Mendele. Dubnow hatte in Odessa Gelegenheit, meihreremal "in der Woche mit Mendele zusammenizu-» kommen, ihn in seiner Wohnung, in seinem Arbeitszimmer,, an seinem Schreibtisch zu seihen, ihn in seinen Stimmungen und Eigenheiten zu beobachten, die Reihe der Werke, die Mendele geschaffen, in iihrer Entstehung zu verfolgen?. Darüber erzählt Dubnow in seinen Erinnerungen folgendes: „Mendeles Art zu schreiben stand im Gegensatz zu der Schalom Alejchems. Dieser konnte schreiben, wo er ging und stand, in der Tramway, im Lärm und' Trubel, ohne jede Vorbereitung, rasch ein Blatt nach dem anderen füllend. Mendele pflegte sich zwischen seine vier Wände zu verschließen, sich mit der Feder in der Hand über die Bogen weißen Papiers zu beugen und lange zu grübeln, bis er eine Zeile zu schreiben begann. Oft saß er zer-« martert da,-das Manuskript zu den kurzsichtigen Augen gehoben, sich quälend und nachdenkend,, immer wieder jeden nicht ganz sitzenden Satz durch einen anderen'ersetzend." So leicht Schalom Alejchem schuf, .so schwer entrangen sich Mendele Gedanke und Wort, Dnbinow berichtet in seineu Erinnerungen von stimmaMigsvollen Zusammenkünften mit seinen literarischen Freunden aus guten^urid schlimmen'Tagen; von Sommeraufenit'balten am Lanl .und am Meeresufer, von Gesängen, die sie alle anstimmten, mit und ohne Text; von podoflk sehen und wolhynischen Feldern; von Abschiednefomen und Wiederkommen. Derart zeichnet Dubnow ein Stück seines eigenen Lebens. Er tut es mit einer Frische und Lebendigkeit, daß man item seine 70 Jahre nicht anmerkt» und erhoffen darf, er werde auch nach seinem fünfzig-* jährigen Schriftstellerjubiläum mit unverminderter Kraft weiterarbeiten, als Geschichtsschreiber und als Literatur-* kritiker. 1