Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 105 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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' ifr. m DIE NEUE WELT Seite 3 Zionismus und Völkerbund* —y. Die Mandatsfirage ist endlich grundsätzlich angeschnitten worden. Die Ereignisse in Palästina haben dies herbeigeführt und es ist in zwei Ausschüssen des Völkerbundes zu einer prinzipiellen Diskussion des Mandatsbegriffes und der damit zusammenhängenden Fraigen gekommen. Wer hat die Souveränität über ein Mandatsgebiet? Ist das Mandat zeitlich beigrenzt oder dauert es ewig? Die Probleme, mit denen man sich jetzt zum erstenmal beschäftigte, wurden nur erst aufgeworfen, aber nicht gelöst. Der Berichterstatter der Mandatskommission, Professor Rappard, stellte seufzend fest, man wisse jetzt, wer die Souveränität nicht besitzt, nämlich die Mandatsmacht; aber wer sie tatsächlich besitzt, das bleibe bis aiuf weiteres ungeklärt. Nun sind dooh die Mandatsgebiete von den besiegten Staaten an die damals noch bestehende Entente abgetreten worden; die Entente hat durch den Obersten Rat die Aufteilung an die sich bewerbenden Mächte vorgenommen und der Völkerbund hat diesen Stand der Dinge in die Friedensverträge inkorporiert. Da Amerika sein Desinteressement erklärte, bleibt der Völkerbund der Garant der Verträge, mithin auch der Abmachungen über die Mandate. Der Völkerbund ist aber keine Macht, sondern nur eine von Ministem und genau instruierten Regierungsvertretern gebildete Instanz. Jeder seiner Beschlüsse ist ein Kompromiß, in dem die Komponenten der verschiedenen Mächtekonzerne sichtbar sind. Das trifft auch auf die Mandatsfrage zu. Die Konzerne sind fast gleich stark; demzufolge kam es nur zu einer Diskussion, aber zu keinem Entschluß. Immerhin: daß die Frage erörtert wurde, ist ein Fortschritt, und die Debatten waren in ihrem Kern eine Kritik, an der Mandatsausübung Englands in Palästina. Keiner hielt in seinem Urteil über das Beschämende der Vorfälle zurück und es mag für England eine bittere Sache sein, daß sogar der Vertreter des Landes, in dem Kecskemet und Orgovany liegen, Horthy-Ungarns, ausreichenden militärischen Schutz für die jüdischen Siedler verlangte. Die Einstimmigkeit des Urteils ist für die Juden ein ansehnliches politisches Aktivum. Sie zeigt, daß wir dooh nicht so schwach sind, wie das geflissentlich immer von führender zionistischer Seite gesagt wird, und daß das Werk in Palästina sich doch schon Respekt in ■■ der Welt errungen hat. Es sind eben doch schon zwei Tatsachen geschaffen worden: die materielle der jüdischen Siedilung mit ihren hundert Dörfern und mehreren Städten, mit ihren Menschen und Pflanzungen und sozialen Einrichtungen, und die politische, daß sich die Menschheit angewöhnt hat, die Palästinafrage überhaupt vom zionistischen Gesichtspunkt aus anzusehen. Palästina und" zionistische Arbeit sind heute eine einzige Vorstellung geworden, und bis auf einige Wiener israelitische Unionistcn, Kommunisten und Hakenkreuizler gibt es niemand, der nicht die Bedeutung der jüdischen Aufbauarbeit für die Bereicherung der Kultur und Gesittung erkennen würde. An dieser fest bestehenden Tatsache des jüdischen Menschen in Palästina ändert die Lauheit oder Feindschaft der Presse, insbesondere der englischen, nicht das geringste. Mai; kann diese Städte und Dörfer, diese Straßen und Spitäler und Krankenkassen, diese Musterwirtschaften und -gärten nicht wegdementieren. Und man kann sie auch — wie sich jetzt gezeigt hat — nicht wegpogromieren. Der Araberaufstand wurde von der Front der jüdischen Selbstwehr zurückgeworfen. Er wäre, wie sich aus allen Berichten ergibt, überhaupt nicht ausgebrochen, wenn die Verwaltung ihm in den Anfängen entgegengetreten wäre. Sie hat ihn vielleicht nicht gewollt, aber doch moralisch ermuntert. Sie hat, als der Aufruhr schon im Gange war, die arabischen Flugschriften geduldet, die jüdischen Zeitungen eingestellt, mit der Heranziehung von Militär und Kriegsschiffen gezögert, sie hat die wehrlosen Juden vom Safed den Bestialitäten preisgegeben, die Juden entwaffnet, verhaftet und noch verhöhnt. Das sind Tatsachen, niedergelegt und beglaubigt durch Konsulatsberichte und durch Aussagen der Betroffenen; und diese Tatsachen sind dem Völkerbund heute bekannt. Er kann wahrscheinlich kein Urteil über die Verwaltung aussprechen, die in seinem »WAßSeilCG« anrufen^ derbequemsfe quemsre . Waschtag! TEL' «8 2^-5-20 S€ftl£ p Verband demokratischer Zionisten Mittwoch, den 25. Sept. 1929 um halb 9 Uhr abends im Cafö Produktenbörse, II, Taborstr. 10 (Klublokal) Versammlung Gegenstand: Die Vorgänge in Palästina und die weitpresse Referent: Dr. Oskar Gäste willkommen! . R osenfeld Eintritt frei 1 Narcien das alles tut und unterläßt, er kann kein Verdikt über Englands Regierung fällen, düe durch ihr© eigenen Parteigenossen drei Wochen vor dem Wahlsieg über die moralischen Verpflichtungen der Balfour-Deklaration so treffende Bemerkungen hat machen lassen. Das kann wohl — war luden sind immer verständnisvoll und geduldig — der Völkerbund nicht. Al$o hat er'' eine' prin&ipiöite" .Deibafcibe geführt. •' ■ ■' ■ •* "1 ' ■■■ ■■■■■■ ■ ■ ' ■' ■■' : .W.'i <v.)g HI ."'•':;;:/?;,..; '• ■ Das ist, wie gesagt,» oiit «Koritschritfe aber •■• -kein großer. Von einem solchen wird man erst sprechen dürfen, wenn das jüdische Volk im Völkerbund wird mitreden können. Hier schütteln schon alle erfahrenen und ergrauten zionistischen Denker das Haupt Wohin versteigt man sich da? Welche Pluantasttk?! Nun sitzt zum Beispiel in der diesjährigen Völkerbündversamimlung zum erstenmal ein einfacher Parlamentsaibgeordneter als Mitglied der Delegation seines Staates. Es ist dies Dr. Schiemaiin, ein Abgeordneter, der von der deutschen Minderheit Estlands gewählt worden ist. Es ist also der'von allen gewerbsmäßigen Utopisten in Grund und Boden geredete Fall eingetreten, daß eine Minorität als solche ohne Revolution und ohne unehrliche Ranküne in die VölkerbimidversairnnUung. gelangt ist. Es ist damit erwiesen, daß eine konsequent betriebene nationale Organisierung des Volkes zm einem alier Welt sofort sichtbar werdenden politischen Erfolg führt Was den Deutschen in Estland möglich ist, kann den Juden in Polen nicht urimöglich sein. Und was vielleicht ihnen '.unmöglich ist das kann eines Tages trotz allen Widerstandes sozialistischer-, u'nionisri'scher oder auch zionistischer Assimila-nten in Oesterreich möglich gemacht werden, wenn . . , Wenn nicht seit Jahren von oben herab jedes politische Geltungsbedürfnis, jede politische Arbeits-: freüdigkbit abgedämpft worden wäre. . Nur keine nationale Politik, die zerstört ja die jüdische Pro¬ Palästina-Einheit, verstimmt die .Niohtzionisten, die in die Jewish Agency eintreten . wollen. , Um Zions willen muß das alles unterbleiben, ■ was die keuschen Cin $enepf füt Rauchet HÜ L S E PAT E NT - Fl LT RI E R - SYSTEM Getaufte und Baldgetaufte. Von Ludwig B a t o. « Als vor mehr als zwanzig Jahren unter diesem Titel eine kleine Sammlung satirischer Gedichte aus der Feder von Beda erschien, waren noch alle jüdischsnationalen und die ihnen nahestehenden Kreise völlig einig in dem Gedanken der restlosen Ablehnung von Getauften. Ich erinnere nur daran, welche Stürme von Heiterkeit die Verulkung der Selma Kurz, die ihr Kind zur Taufe führte, und des getauften Jossei Redlich aus Hodonin, ausgelöst hat. Nun scheinen sich die Zeiten seither gründlich ge* ändert zu haben. Man ist im Laufe der Jahrzehnte nachsichtiger geworden, wie ein älterer Herr, dessen einst jugendlicher Elan mit fortschreitendem Alter merklich nachgelassen hat. Gott, man dürfe nicht so streng urteilen und die hohen Menscheitsideale unserer Zeit einfach außer acht lassen. Die Getauften seien letzten "ndes auch Menschen, wohl Ueberläufer, aber die schlechten Zeiten dürften an ihrem Abfall vielleicht mitschuldig sein und andererseits rieche es stark nach Reaktion, wenn man sie immer wieder an ihren Werde* gang erinnere. So und ähnlich lauten die Argumente ge* wisser Kreise. Nur durch diese Aenderüng der Auffassung läßt sich erklären, daß die ersten zwei Bände des im Jüdischen Verlage in Berlin erscheinenden Jüdischen Lexi* kons, eines übrigens ganz ausgezeichneten Werkes, bei den meisten Biographien von Getauften gefliessentlich die Mitteilung von der Taufe der Betreffenden unterlassen, ein Vorgehen, das sich weder vom wissenschaftlichen, noch vom jüdischen Standpunkte rechtfertigen läßt. Es ist nun für unsere Zeit bezeichnend, daß das Jüdische Lexikon einen gelehrigen Schüler fand, der den Meister gar bald übertroffen hat. Es handelt sich um das vor kurzem erschienene Sammelwerk „Die Juden und Judengemeinden Mährens in Verg'an« genheit und Gegenwart" (Jüdischer Buöh* und Kunstverlag in Brünn), als dessen Herausgeber Hugo Gold zeichnet. Bei dem Durchblättern dieses 620 Groß« folioseiten umfassenden und im übrigen sehr verdienst« vollen Werkes fällt sofort auf, daß in den Mono« graphien der einzelnen mährischen Judengemeinden — nicht weniger als fünfundfünfzig Gemeinden wenden in ihren Schicksalen dargestellt — sowie in anderen zusammenfassenden und Einzeldarstellungen auf das pein* lichste vermieden wird, bei der Nennung neuzeitlicher Täuflinge die Tatsache ihres Renegatentums zu et* wähnen. Ja, dieses Geschichtswerk geht noch viel weiter: es feiert die U e b er 1 a uf 6r* a 1 s S t öl z und Ruhm ihrer Vatergemeinden, so daß der un* informierte Leser mit Fug und Recht annehmen muß, daß die genannten Herrschaften noch samt und sonders dem Judentum angehören. Diese Irreführung der öffentlichen Meinung erscheint in den Aufsätzen der verschiedensten Autoren, was zu der Annahme berechtigt, daß*hier nach einem wohlerwogenen Plan vorgegangen wurde, da es ausgeschlossen ist,-daß kein V.erfasser die Renegaten mit ihrem fichtigen, Namen genannt und daß sich alle der Falschmeldung schuldig 'gemacht hatten. Ich schlage / aufs Geratewohl die Geschichte der altehrwürdigen Gemeinde Boskowitz auf. Da werden neben dem Kunsthistoriker Dr. Max Eisler, Kultusvor* steher Dr. Josef Ticho und dem, früheren Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr. Desider Friedmann, die Täuflinge Edmund Eysler und Minister a. D. Arnold E i s 1 e r als „verdienstvolle M ä n n e r der Judengemeinde Boskowitz" gefeiert. Oder: bei der Gemeinde Göding wird als Ruhm der Kehilla der „langjährige Reichsrats« und Landtagsabgeordnete" Doktor Josef Redlich (identisch mit dem von Beda besungenen getauften Jossei Redlich) angeführt. Oder:' bei den eben* falls aus Mähren stammenden Kohlenmagnaten Gutmänn in Wien, wird wohl erwähnt, daß die eine Tochter des David v. Gutmann einen Grafen Carrobio geheiratet hat, den „sein Judentum nicht gehindert hat, zum Gesandten Italiens in Kopenhagen ernannt zu werden", bei sonstigen Mitgliedern der Familie Gutmann, wie bei der neulich; zur regierenden Fürstin von und zu Liechtenstein avan* eierten Frau v. Erös, jedoch wohlweislich verschwiegen, daß sie vom Judentum schon längst abgefallen sind; Auch finde ich keine Mitteilung darüber, daß Herr Baron Ketschendrof seine Töchter in der Karlskirche und Herr Bergrat v. Gutmann im Prälatensaal hat trauen lassen. Bei Mährisch*Weißkirchen wird der getaufte Dichter J. J. David ebenfalls ohne nähere Mitteilung angeführt. Nun finde ich es ungerecht, daß die getauften Lite* raten Hans Müller und Ernst Lothar, beide geborene Brünner, nicht mit aufgenommen wurden. Und daß man unseren guten, alten Freund, den aus Iglau gebürtigen Stadtrat Prof. Dr. Tandler, der sich mit solcher Liebe der jüdischen Fürsorge annimmt, bei seinem Großvater Nathan Tandler aus Jamnitz, nur so nebenbei erwähnt, sonst aber einfach ignoriert, läßt sich gewiß nicht recht* fertigen. Wie kommt er denn dazu? Er ist doch auch getauft! Aber auch sonst scheint man in manchen jüdischen wissenschaftlichen Kreisen, die Ablehnung der Taufe als eine zumindest übertriebene Angelegenheit zu betrachten. Die bedeutende „Monatsschrift für die Wissen* schaft des Judentums" macht mir in der vor* letzten Nummer in einer Besprechung meines Buches „Die Juden im alten Wien" geradezu den Vorwurf, daß ich die Ueberläufer verurteile. Der Rezensent Julius Rot* holz schreibt von mir: „Das eine Zugeständnis macht er, den assimilierten Juden Wiens, daß sie vermöge ihrer.