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Die neue Welt · 1929-08-30 · Heft 102 (30.8.1929) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 102 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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r Seife 4 DIE NEUE WELT Nr. 102 ] 1 In Hebron griff nm Samstag ein arabischer Pöbelnaufen dos kleine Judenviertel an. Soweit bisher bekannt, wurden 45 Juden getötet, 59 schwer verwundet Die Araber verloren acht Tote und zehn Verwundete. 450 Juden sind zurzeit in Polizeikasernen untergebracht. Gegenwärtig wird gemeldet, daß in der Stadt Ruhe herrscht. In Jaffa, Nablu9, Ga2a, Berseba und Tel-Awiw herrscht große Aufregung, doch kam es nicht zu Ruhestörungen. Zahlreiche englische Blätter suchen teils die Zionisten, teils einige untergeordnete Beamte der Mandatsregierung für die Ereignisse in Jerusalem verantwortlieh zu machen. Die Zwischenfälle an der Klagemaucr werden nach Art der in Indien sich alljährlich wiederholenden Kämpfe zwischen Moslems tind Hindus als ein fast unvermeidliches, alljährliches Ereignis behandelt, das nur in diesem Jahre ausnahmsweise einmal größere Bedeutung erlangte. Anderseits wird behauptet, daß in der Haltung der Palästina-Regierung ein' Vorurteil für die Mohammedaner zum Ausdruck komme. Man will einen Beleg dafür in dem Umstand erblicken, daß England als „stärkste mohammedanische Macht" die Araberhäuptlinge zu Verhandinngen einlädt, während das Morden in den Ansiedlungen weitergeht. Militärische Kenner des Landes und der arabischen Stämme erklären heute, daß es eines monatelangen Kleinkrieges nach Art der Drusenkämpfe in Syrien bedürfen würde, ehe es der Mandatsregierung gelingen könnte, die einmal in Kriegsstimmung versetzten Araber unschädlich zu machen. Die nach Palästina entsandte Infanterie sei dafür ein völlig ungeeignetes Kampfmittel. Kavallerie und Truppen der ägyptischen Armee sowie berittene Infanterie aus Britisch-Inditen würden für die vollständige „Beruhigung" des Landes herangezogen werden müssen. Die beiden konservativen Abendblätter „Evening News" und j.Evening Standard" betonen, daß England durch festes Auftreten sein Prestige wiederherstellen müsse. Sei die Ruhe erst wieder hergestellt, so müsse die Regierung ernstlich die Frage prüfen, ob es Zweck habe, das Mandat über Palästina, das auch in Zukunft reeht kostspielig wäre, weiter beizubehalten, und ob das Experiment der Gründung einer jüdischen Heimstätte fortgesetzt werden könne. Beide Blätter treten dafür ein, daß man in Hinkunft bei englischem Desinteressement die weitere Ausdehnung der jüdischen Siedlungsbe wegung einschränken oder vollständig einstellen sollte. Die englischen-Kreise^dieVseit einiger Zeit gegen die lo yale-Erfüllung *d<?T B al f o u r - D e k 1 aration Stellung nehmen, rechnen damit, daß es genug Mächte gibt, die ein Mandat anstreben und England von dem verunglückten Palüsiinaexperiment gern entlasten würden. . . Belagerungszustand! Am 24. August wurde der' B e 1 a g e r u n g s* zustand über Jerusalem proklamiert. Eine Meldung aus London, 24. August, besagt: Niemandem ist es gestattet, nach 6 Uhr abends auf der Straße zu sein. Panzerwagen durchfahren alle Verkehrswege, die zahlenmäßig schwache englische Polizei, der sich die meisten in Jerusalem ansässigen englischen Beamten zu freiwilligem Dienst zur Verfügung stellen, ist in höchster Alarmbereitschaft und britische Flugzeuge beobachten die arabische Bevölkerung der Umgebung. Mit vereinten Kräften ist man bemüht, die Ruhe wieder herzustellen. Die arabischen Polizisten sind von ihren Posten desertiert. Die Zahl der jüdischen und arabischen Todesopfer der jüngsten Unruhe*' hat sich auf sechsundzwanzig erhöht. Weit mehr als.'hundert Personen, darunter auch ein höherer Bearrifer des englischen Verwaltungsdienstes, wurden verletzt. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kamen in einem jüdischen Arbeitervorort von Jerusalem1, mehrere Brandstiftungen vor. Bemerkenswert ist, daß Auslandstelegramme von heute an einer Zensur unterworfen werden. Greuelszenen, Jerusalem, 26. August. Der Kampf zwischen Arabern und' Juden griff auf die von Polizei* und Militärschutz entblößten Gebiete über. Jüdische Ansiedler wurden von Arabern überfallen und es spielten sich Szenen beispielloser Grausamkeit ab, die an die fchlimmsten Pogrome» in Osteuiopa erinnerten. In der vergangenen Nacht massakrierten die Araber in Hebron fünfzig Juden und verwundeten siebzig. Der Rest der. Juden suchte Schutz im PoHzeigebäude. In den Morgenstunden gingen aus Jerusalem Militär und bewaffnete Juden nach Hebron ab. Ein Teil der Araber uus Hebron marschierte nach Jerusalem. in den engen Gäßchen Jaffa» tobte der Kampf mit blonderer, Heftigkeit, bis es den aus jüdischen Turnern* Arbeitern und Selbstwehrleuten zusammengesetzten Verteidigern 1 felan|, den Angriff abzuwehren. Es gab hier zahlreiche Töte und Verwundete. Auch aus Tel-Awiw wird ein Töter gemeldet, ferner wurden die Kolonien (Nahalal bei Haifa und Besan) angegriffen; die letztere wurde vollständig vernichtet. Als Opfer werden hier ein Toter und einundzwanzig Verwundete gemeldet. In der Kolonie Mozza wurde eine sechsköpfige Familie von Arabern ermordet. Wie aus Hebron zogen auch die Araber von Nablus nach Jerusalem. Diese sind als der fanatischeste Bevölkerungsteil von Palästina bekannt, und der Ankunft dieser neuen Kräfte war es wahrscheinlich zuzuschreiben, daß in Jerusalem, wo die Ordnung dank der Über Nacht organisierten jüdischen Selbsthilfe einigermaßen wieder hergestellt war, die Kämpfe sich erneuerten. Fast die ganze Nacht vom Samstag auf Sonntag wurde tinunterbrochen geschossen. Die polizeilichen und militärischen Gräfte waren offensichtlich ungenügend. Um die Lage meistern zu können, wurden jüdische und englische Freiwillige eingestellt. Die. Araber griffen; diesmal die Außenvierfel an, so besonders Talpioln, das nachts evakuiert wurde. Dieser- Villenvorort ist vollständig verwüstet, auch die wertfolle Bibliothek des hebräischen Dichters A g n o n w^urde verbrannt. In anderen Vorstädten Jerusalems ging es ähnlich zu. Dabei wurden auch englische Regierungsbeamte, Studenten uswv getötet. Eine Synagoge und eine Moschee gerieten in Flammen. Vollständiges Chaos herrsehte in der Stadt, bis sechshundert Mann englischen Militärs eintrafen und die Ruhe wieder herstellten« Die Zahl der jüdischen Toten in Jerusalem und seiner Umgebung wird auf siebenundfünf zig geschätzt; die Ver 1 ttste der Araber sollennoch' größer sein. Die Zahl der Verwundeten ist gar?nicht abzuschätzen. In der Stadt herrscht ungeheure Erregung. Fast alle Geschäfte sinjd geschlossen. Lebensmittel sind nur noch äußerst schwer zu. erhalten und die Kinder sind meist ohne Nahrung. . Kriegsrecht in ganz Palästina. London, 26. August. Die Lage in Palästina hat sich trotz des Eintreffens englischer Truppen seit gestern erheblich verschlimmert 1 Die Regierung des Mandatsgebietes hat heute früh über das Gesamt« gebiet von Palüstina den Belagerungszustand verhängt, nachdem die Unruhen Ausdehnung auf das flache Land erfahren hatten. Die mobilen zugewanderten Araberstämme und Banden, die Bei den diesjährigen Kämpfen den entscheidenden Faktor bilden, haben sich sofort nach Eintreffen der englischen Verstärkungen aus Jerusalem zurückgezogen undV ziehen mordend und plündernd durch jüdisches Ansiedlungsgöblet. Obwohl die englische Regierung" -bisher Angaben über Verluste an Menschenleben beharrjfch verweigerte, kann man aus englischen privaten Meldungen schließen, daß bis gestern mehr als 150 J^jdefa getötet und 500 s c h w er verletzt word e'"n" s i n d. Die Verluste der Araber betragen nur rund die «Hälfte. Während die Kämpfe zwischen Juden und Arabern in den Dörfern weitergehen; . mächt Jerusalem den Eindruck einöri|Jbelagerten Stadt, da sich die Juden und das englijj&he Militär, auf einen verhältnismäßig kleinen Tellj^der. Stadt zurückgezogen haben, über den fortwahrend .Flug- > ,; '; , zeuge kreisen.; > v i; , '■■::J-~: - ■< ' -vCV Von Z$t zu Zeit. e,i)tpnt in den mensch^nJe^lfinr-Straßen das ,Ge'k.natter von Gey.efctjf^^tifS^ Maschiflneng^e/wehren. Versuche der %idhßT, (Jie, Altstadt in Brand zu stecken, wurden^OTrc^ Militär vereitelt.;;• , '• ^y" ■ Als besonders ernst wjrd diei Le^p^inlJ af $geschildert, >t6 es*neuerdings' ^^aj^^ikflen kiüp. In der Nähe der Stadt haben sieb? größere Araberbaiiden konzentriert, die eine&' A^tfg*jf$'-fiu£ f e 1 -;A$fi'w: planen. Aus Jerusalem ist jein| starkes Truppenkontingent nach Tel-Awiw entsendet 'werden, von' dem min: hofft, daß es bis zum Eintreffen der, Kriegsschiffe am MittVoch die Araber werde; abwehren Ijkönnen. - Gestern haben 'arabisetti{Banden zahlreicne Dörfer im weiten Umkreis Jerusalems überfallen. Besonder^ verhängnisvoll war, wie bereits gemeldet, der Ueberfall; auf Hebron. Dort war die berühmte Rabbiner- und- Talmudistenschulo das Ziel des; arabischen Angriffes.^ Etwa fünfzig Schüler sind .getötet worden, darunter zwölf Amerikaner. Dreißig amerikanische Schühp sollen bei der Verteidigung des Schulgebäudes verletzt,worden sein. Englische Studenten helfen bei der Sicherung der festen Polizei^ kjaserne mit, in die der Rest der Hebroner Juden aufgenommen wurde. Die Gesamtzahl de;r Schwe-rr verletzte/n beträgt siebzig. Die Regierung von Palästina versuchte, \ . die jüdischen Siedler in den gefährdeten Dörfern durch-Entsendung von Flugzeugen zu retten... Infolge der .geschickten Taktik der Araber, die ^bereits aus Trans Jordanien und Mesopotamien an Flugzeugaktionen und Bombenabwurfe^ gWÖhnt sind, wur d e dieser Zweck jedoch nicht erreicht. Die abgeworfenen Bomben sollen in den jüdischen Dörfern und unter den Ansiedlern, mehr Schaden und Verlusteangerichtet haben als bei den abzuwehrenden Arabern... Bewaffnung des jüdischen Selbstschutzes. Warnung an die Araber. Jerusalem, 25. August. (J, T. A.) Die Regierung hat Ib Jerusalem an alle Engländer und an einen großen Teil der zur Abwehr der arabischen Angriffe organisierten jüdischen Selbstwehr Waffen und Muni- .Ion verteilt, ,Es kannten hernach die auf entlegene Jüdische Viertel; in Jerusalem von Arabern unternommenen Angriffe leicht abgewehrt werden, . Die Regierung, ^veröffentlicht ein offizielles K«tk munlque\ in weldherh gesagt wird/es seien M aß.n ah me'n - r * r riiett wor dVn,' um die 'Ordniüifc" •''wTedeirhe'rjttt' stellen. An alle Teile der Bevölkerung, erging eine Warnung, sich jeder Gewalttätigkeit zu' enthalten. (J. T. A.) Die Regierung hat den Groß-Mufti von Palästina, der in Palästina allgemein als der Urngber der unter den Arabern betriebenen Hetze in Verbindung mit dem Klagemauer-ProlbJem gilt, verwarnt ürtd ihm mitgeteilt, daß sie ihn persönlich für die - weiteren Vorkommnisse in Palästina verantwortlich macht. Die gleiche Warnung richtete die Regierung an den Vorsitzenden der arabischen Exekutive Musa Kazira Pascha und an andere Führer der'arabischen Nationallsten sowie an den Scheich von Mukhtar und die Scheichs der umgebenden Dörfer. Öberrabbiner K o o k sandte an den britischen Reichsrabbiner pr. Hertz ein Telegramm, in welchem er erklärt, die* palästinensische Judenheit sei i n größter Gefahr, er möge bei der englischen Regierung durchsetzen, daß die Hilfe so schnell als möglich ibonwnt. Der Pogrom in Hebron. Genauere Meldungen." Jerusalem, 25. August. (J. T. A.) Erschütternde Nachrichten, trafen heutje a^u s Hebron'ein. Dort haben die Araber die' .kleine; ^jüdische Gemeinde und die große Jcr^biwah (Thora-Lehranstalf), die in Hebron vor einigen Jahren als der Hauptzweig der berühmte^ Slabodkaer Jeschiwah in Litauen errichtet wordin ist, überfallen und ein Blutbad angerichtet. Man zähli 45 Tote, unter ihnen zwei Rabbiner, die an der Jeschiwah als Lehrer winken, ferner etwa 50 Verletzte. Die , Nachnichten aus Hebron haben die Jerusalemer Judenheit furchtbar er« schüttert. Letzte Meldungen besagen, daß der U e b e r* rest der ..jüdischen Einwohnerschaft Hebrons und des Bestandes der Jeschiwah im Po Ii*;:ze i g e b ä u d e e i n g es ch 1 os s e n ist! Aus Jerusalem haben sich Militär und bewaffnete Juden nach Hebron begeben. Nach weiteren Meldungen wurden bei dem lieber» fall auf die, Jeschiwah in Hebron yon den Jeschiwah-Jüngern 42 getötet und 47 verletzt. Unter den Getöteten sollen 'sich 12 Amerikaner befunden haben, Es heißt, daß sich' . die Bachurim zur Wehr gesetzt haben und daß auf aralbi* Kschej Seite 40 Personen gefallen sind. 'I;., Auch die C'hassidim-Kolonie Nac'hlat'h Jakob bei {.Haifa wurde von Arabern angegriffen. Die Kolonisten setz* | t^n. sich zur Wehr und schlugen zunächst die Angriffe ab. / J Rechoboth in schwerer Gefahr.! .London, 26. August, (J. T. A.) Der Führer der palästinensischen Arbeiterschaft Ben Z w i, der sich in Rechobpfh aufhält, hat auf dem Wege über Kairo ein Telegramm' nach London gesandt, in welchem es heißt: Die' Kolonie. Rechoboth (eine der größten und reichsten ,'KoLonien Palästinas) wird angegriffen; wir sind v e r, r a t e n,. w d r sind v o n d e r ganzen 'W e'l-'t, a b g e s c h n 111 e n. Die Lage im ganzen Lande ' Ist ieine gefährliche. Unsere Kraft reicht zur Abwehr nicht aus. Rettet uns! ■».,.. h Die Toten von Tel-Awiw. Jerusalem, 26. August. (J. T. A.) Bed den Angriffen der Araber auf:- TeWLwiw am Sonntag nachmittag wurden ■sechs Juden getötet:, und eine größere Zahl Juden verletzt. Die Getöteten £fnd:•■ *R oze n, Benjamin G o 1 db e r g, Feingold, .Ha^a-ri/ der englische Jude Berkowitz und Frau Ma^i^^a MJsracW Der Präsident d^| .^abrikanten-Vereiniaung in Tel« .Awiw, Dr. Walter Mos|Vv,ist unter den Verwundeten. In .der Nacht vom '2^;bls z«m 26. August, die im allgemeinen; ruhig verlief,., Ä4^n weitere acht Juden, die bei den Kämpfen getötete* in den Spitälern ihren bei den Abwehrkämpfen erjiaMe'n'en" Wunden erlegen sind, In ajier Stille bestattet. ' " 'j \ / Während dier Nacht"wurden Äeka/bbiner Schach und Giazer von Arabern getötet. Ihren Wunden erlegen sind der, bekannte Ingenieur aus Mpza R ei tan und der .sephardisoh-jüdtsdhe Führer Reuhen V ap p o. Der 0^1cbmmls»sfiT.j5.Ji lwi Fhi«z«if;aiis"London eirigetroffenV^* ' *' 4 ä

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