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Die neue Welt · 1929-08-23 · Heft 101 (23.8.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 101 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr 101 DIE NEUE WELT Seite 3 Verhand demokralisdier Zioniston Samstag am 24. August um halb 9 Uhr abends im grollen Saale des Hotel Post, lM Fleischmarkt VERSAMMLUNG Gegenstand' Berithf über don XVf. ZlonistenkonpB Referent: Oberbaurat Robert Stricker Regiebeitrag 30 Groschen Jugendliche frei Die erweiterte Jewish Agency. Von unserem L. Die Amerikaner. — Die Beratungen. — Die Die nichtamerikanischen Nicht Zürich, 15. August. Die erste, die konstituierende Tagung des Coun» eil der Jewish Agency for Palestine hatte es viel leichter als der erste Zionistenkongreß. Sie fand alles vor, was. der Kongreßzionismus, in 32 Jahren geschah fen hat, sie wurde von ihm inhaltlich und technisch vor* beseitet. Trotzdem ist etwas Neues entstanden, das sich erst seine Wege zu bahnen, seine Erfahrungen zu sammeln haben wird. Der Zionistenkongreß hat seine in sechzehn Tagungen herausgebildete Verhandlungsart, seine Kämpfe und seine Feierlichkeiten, seine Tradition, seine vorge» zeichnete Geschäftsordnung, die zu Beschlüssen, Resolu* tionen, Wahlen führt, seine Nachtsitzungen und seine Abstinr;nungsart. Man kennt da einander, man weiß, was Gruppen und Menschen sagen werden, Köpfe, Führer, Teilnehmer sind bekannt. Die Nichtzionisten aus den verschiedenen Ländern kannten einander nicht. Eine Ausnahme waren die Herren aus Deutschland, England, Amerika; alle sind deutscher Herkunft, Jehudim. Der Führer der amerikanischen Dele* gation, Louis Mars hall, ein dreiundsiebzigjähriger wil* lensstarker Mann, hat Kraft, Einfluß, Wissen. Er darf tatsächlich im Namen der Juden Amerikas sprechen, nicht nur im Namen des American Jewish Committee. Als Henry Ford Abbitte tun wollte und beim American Jewish Congreß anklopfte, wurde ihm die Adresse Louis Marshalls als die der amerikanischen Juden angegeben. Felix M. W a r b u r g, dem früheren Präsidenten der United Jewish Chanty, dem Präsidenten des Joint Distri* bution Committee, dürfte anfangs die Wohlfahrtstätigkeit eine pietätvolle Fortsetzung der Tradition Jakob Schiffs gewesen sein. Im Laufe der Jahre ist er mit der Arbeit für Juden zusammengewachsen. Die übrigen Köpfe: L. K. Frankel, der ann mit den 1000 Dollar Wöchengehalt bei der Metropolitan Insurance, und Dr. James R o s e n« b e r g, der Anwalt der großen Finanz, der Präsident des Ägro Joint, der die Krimkolonisation durchführt. * Der Ton der Tagung war gedämpft, sachlich, ge* schäftlich. In dieser Art könnte man auch über andere Kolonisationen verhandeln. Eine wirklich festliche, wahr* lieh feierliche. Stimmung war nicht hervorzubringen. Viel* leicht darum, daß beide Teile einander noch nicht trauten, daß die Beziehungen noch nicht gebessert waren? Es fehl* ten das Weh des Kongresses, die Leiden der Galuth. Der Vorsitz wurde nach amerikanischer Art geführt, was ja auch im „Zusammenstellen" der Rednerliste zum Vor* schein kam. Die Abstimmungen gingen mündlich vor sich, der Vorsitzende sagte „say I" (sag ja), man hat „I" (ei) gerufen, bei den Fragen „no" (nein) schwieg alles — und W.-Berichterstatter. Beschlüsse. — Die Frage nach der Zukunft. — -Zionisten. — Die goldene Feder. Marshall enunzierte „carrie it" (angenommen). Wollte man begeistert sein, wiederholte man: „I, I" (ei, ei); irgendwo gemahnte das an das ostjüdische Stöhnen aj, aj... * Der Council, die Non Zionists, fanden sich vor das ganze, bedeutende, vom Kongreß geschaffene Material gestellt.. Budget — es wurde unverändert angenommen, man fand keine Zeit, die Einzelposten zu überprüfen. Man will im nächsten Jahre Erfahrungen sammeln; das folgende Budget soll dann das Administrative Komitee — die dem zionistischen Aktionskomitee entsprechende Körperschaft der Jewish Agency — auf* stellen. Resolutionen — der Kongreß hatte deren viele, viele zustande gebracht. Man hat sie zur» Kenntnis genommen, aber beraten und behandelt sollen sie erst vom Administrative Committee werden. Exekutive — der Kongreß gestaltete sie gewiß nicht klein, er wählte eine dreizehngliedrige, von rechts nach links, alle sind drinnen mit Ausnahme der Radikalen und Revisionisten. Für das Erste soll die Exekutive der Jewish Agency aus acht Zionisten und vier Nichtzionisten bestehen. Das Aktionskomitee soll von den dreizehn Mitgliedern der zionistischen Exekutive die acht . bestimmen, die Non Sp arsarn photographieren Sie mit dem hochempfindlichen (17° Sch.) hochorthochromatischen Film! Wettbewerbsbedingungen kostenlos durch Schering-Kahlbaum A. G. Repräsentanz in Wien* VI., Webgasse 2 a. Zionists werden erst später ihre vier Vertreter für die Exekutive namhaft machen. Die nächste Exekutive der Jewish Agency soll sich aus vier vom Zionistenkongreß gewählten Mitgliedern und aus vier Nichtzionisten zu* sammensetzen. Zum Präsidenten der Jewish Agency ist Weitzmann, zum Vorsitzenden M a r s h a 11, zum Vorsitzenden*StelIvertreter Lord Melchett, zum Vor* sitzenden des Administrative Committee Warburg gewählt worden. Was soll werden? Was denken wirklich die Non Zionist, die Arne* rikaner, ihre Führer über die Zukunft? In einem intimen Gespräch entwickelt Louis Marshall ungefähr folgen* den Gedankengang: „Ich bin kein Prophet, ich weiß nicht, was die spätere Zukunft bringen wird. Jüdische Mehrheit in Palästina? Wird es möglich sein, sie beim Geburten* Standard der Araber zu erlangen? Was ich weiß, ist, daß wir mit der Joint Survey Commission die maßgebendsten, die verläßlichsten Experten sandten. Ihr Gutachten geht dahin, daß es durch Arbeit und Investitionen möglich ist, den Boden fruchtbar, erträgnisreich zu machen, die Berge zu walden, eine Industrie zu entwickeln. Wir wollen hiefür in den nächsten zehn Jahren alles tun, alle Anstrengungen machen, um dieses Programm durch* zuführen. Als ich die Schule besuchte," sagte Marshall, „war der Westen Amerikas eine Wüste, heute ist es durch Menschenarbeit eines der reichsten Länder. Wir wollen die Chance, die es in Pallästina für die Juden gibt, nützen." Der erste Organisationsversuch der Nichtzionisten. Man verstand unter Non Zionist nur die Ameri* kaner. In den anderen sah man nur. ein Anhängsel. Im Laufe der Tagung begannen die anderen sich zu regen. Die Konstitution Jewish Agency, eigentlich die Ab* machung, das Statut sollte von Weizmann und Marshall unterschrieben werden. Und sie, die anderen, die Nicht* amerikaner? Sie begannen zu brummen, wußten aber nicht, was zu tun wäre. Ein deutscher Zionist, Dr. Rosen* blüth, riet ihnen, sich zu organisieren. Ja, Deutschland, Organisation . * » Sie taten es in einem gewissen Sinne und erreichten eine Aenderung der früheren Absichten, Die Unterzeichnung des Statuts. Das Abkommen wurde für die zionistische Organisation von Weizmann und S o k o 1 o w, von den Nichtzionisten länderweise durch Vertreter unterfertigt. Der Tisch, auf dem der Akt lag, stand auf einer Erhöhung auf der Estrade, geschmückt mit Teppichen und Blumen. Weizmann stellte eine goldene Füllfeder bei, die ins jüdische Museum kommt. Als erster unterschrieb W e i z* mann und gab sodann eine neuerliche Erklärung über die Arbeit in Zukunft ab. Ihm folgte Sokolow. Von den Nichtzionisten wurde als erstes. Land Austria auf* gerufen, es meldete sich niemand. Für Polen unterschrieben zwei, Dr. G o l d f 1 a m m. für Kongreß* polen, für das übrige Polen Dr. Ade r. Er begann zu sprechen, sagte: „Es soll sein. mit Masel", das weitere erstickte in Tränen, er mußte gestützt werden >; >. * ngnsf Der Anteil der Juden am franzosischen Kulturleben. \ Am Vorabend der Revolution gab es in Frankreich 35.000 jüdische Einwohner, davon im Elsaß 20.000, in Lothringen 5000, in der Gegend von Bordeaux 4000, in den Städten Carpentras und Avignon 3000. Und wenn die Juden auch zahlreichen Verfolgungen ausgesetzt, mehr geduldet als anerkannt waren, begannen sie doch um die .Wende des 18. Jahrhunderts sich sozial emporzuarbeiten und ihre inneren Werte zur Geltung zu bringen. Im Handel und in der Finanz leisteten sie dem Staat ausgc* zeichnete Dienste: das Haus G r a d i s als Verschiffer der Truppen für den kanadischen Freiheitskampf, das Haus Pereire als Finanzierungsinstitut, nachdem schon früher unter König Ludwig die Straßburger Firma Cerfberr de Medelsheim die Verpflegung des königlichen Heeres durchgeführt hatte. Das Freiheitsdekret der französischen Revolution traf auf ein kulturbereites Judentum und war der Beginn eines raschen Aufstiegs. Schule und Armee öffneten sich ihm. n weit den Juden öffentliche Funktionen zugänglich wa> n, zeichneten sie. sich gleich darin aus. Wie überall, so behaupteten auch hier in blindem Vorurteil die Anti* semiten, die Juden hätten die Finanz und den Handel an sich gerissen. Die Sache lag aber so, daß der Jude in Frankreich, sobald er sein Bürgerrecht erlangt hatte, ge* maß seinem Temperament, seiner Neigung und seiner Anlage sich auf den verschiedenen Gebieten des wirt* schaftlichen Lebens seinen Platz eroberte, ohne herrschen und ohne einen Vorrang behaupten zu wollen, im Einklang mit den Interessen seines Landes. Die jüdische Bevölkerung Frankreichs, durch natür* liehe Vermehrung und Zustrom aus dem Ausland wach* send, erreichte im Jahre 1914 die Zahl von 230.000 Seelen, inbegriffen das algerische Judentum .und die polnischen, russischen und rumänischen Emigranten, von denen sich mehr als 50.000 in Paris niederließen. Doch sind dies nur approximative Ziffern. Es ist nun interessant, festzustellen, in welcher Weise die jüdische Aktivität auf wirtschaftlichem Gebiete zum Ausdruck kommt und welche Leistungen sie her* vorgebracht hat. Bankwesen. Bei Beginn des 18. Jahrhunderts besaßen die Juden hervorragende Finanzinstitute. Zu den bekanntesten ge* hörten: Obry Hayem Worms de RomiMy; Berr Leon F o u l d und sein Sohn Achille F o u 1 d, Finanzminister unter Napoleon III.; Gar$on Goudchaux von Nancy und sein Sohn Michel Goudchaux, Finanzminister der 1848er Regierung. Einen besonderen Raum nimmt das Pariser Haus der Rothschild ein. Gegründet im Jahre 1912 von Baron James de Rothschild, erhielt es später den Namen „Banque de Rothschild Freres". Man nannte es im Volksmund „Maison de Ja rue Laffitte". Es wurde, festhaltend an den jüdischen Traditionen nationaler und religiöser Natur, ein wichtiges Zentrum für alle Finanzoperationen und gewann bald durch seinen soliden Ruf das Vertrauen der aristokratischen Familien und der ausländischen Regierungen. Von den drei Brüdern starb Alphons 1905, Gustav 1911, während der dritte, Baron Edmond de Rothschild (geb. 1845), zurzeit der Doyen des berühmten Hauses ist: Name und Werk dieses Mannes sind in «der ganzen jüdi* sehen Welt bekannt. Führen wir kurz seine Leistungen an: die jüdischen Kolonien in Erez Israel; die Schenkungen an die Pariser jüdische Gemeinde; die Unterstützung alloi französischen charitativen und wissenschaftlichen Insti* tute; sein Mäzenatentum den bildenden Künsten gegenüber. Seine Verwandten Eduard, Robert, James*Armand und Maurice de Rothschild gehören als Politiker, Financiers und Mäzene zu den populärsten Figuren von Paris. Ein zweites Bankhaus von dominierendem Einfluß ist die Firma Lazard Frere (Paris und New York) unter der Leitung des Chefs M. David Weill, der auch als Förderer der Wissenschaft bekannt ist. La Banque de Paris et des P a y s * B a s wurde von Henri Bamberger gegründet, in dessen Institut M. RaphaeI*Georges Levy wirkt, . ein hervor* ragender Wirtschaftspolitiker, Vizepräsident des Credit mobilier francais, ehemaliger Senator, Mitglied der Aka* demie der Wissenschaften, Schatzmeister des Zentralkon* sistoriums der französischen Judengemeinden, Autor zahl* reicher wissenschaftlicher Werke. Zu den namhaften Häusern gehören auch das Haus Louis*D r e y f u s, das außer finanziellen Transaktionen sich auch mit der Ein* fuhr von Getreide beschäftigt; ferner A. I. Stern & Cie. (Wiener Ursprungs), Heine & Cie., Cahen d'An* vers, Propper et Cie., A. F. Oppenheim und M. L. S a u p h a r, dessen Chef als Kultusvorstand eine große Rolle spielt. Industrie. An der Entwicklung der den .Welthandel voraus* setzenden Industrie, die das Antlitz der Welt verändert hat, nahmen die Juden Frankreichs reichen Anteil. Die erste französische Bahnstrecke —> Paris nach St. Germaine 1835 —• wurde von den Brüdern Emil Pe* reire und Isaak Pereire gelegt, die auch die ma* schinentechnischen Voraussetzungen schufen. Auch die Seeschiffahrt ist mit dem Namen der Pereire ver« bunden: Eugene Pereire, der Sohn Emils, war der erste Präsident der Compagnie Generale Transatiantique. M. Henri Foul d ist der Gründer und Präsident der groß* ten franz. Seetransportgesellschaft SocietS des Chargeurs Reunis. Zu den Initiatoren der Flugschiffahrt gehört der jüdische Senator Lazare Weil 1 er, und ein Jude, der bekannte Henry Deutsch de la Meurthe ist es, der. das Geld für die ersten Flüge des Ingenieurs Wilbur j

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