Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 100 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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F Seite ö ßffi NEUE WECT' Nft KB •Auch" heuer werden wieder viele Abiturienten aa fremde Universitären gehen. Die Universität muß so aus* gestaltet werden, daß sie eine Stätte des Unterrichts wird und den Ansprüchen der Studenten genügt. Heute ist jeder Vater von Kindern in Palästina der Meinung, daß diese Kinder fremde Universitäten besuchen müssen, weil kein Mensch weiß, wann sie eine hebräische Universität haben werden. HÄUSER IN WIEN übernimmt zur Verwaltung behördlich autor. Gebäudeverwalter N.Weichselbaum, VIII,, Pfeilgassg 34, TfiJJ^-505 Kulante und fachmännische Interessenvertretung. Prima Referenzen. Die zionistische Bewegung in Rußland lebt. Rede eines russischen Delegierten* J e K u d a (Rußland — spricht hebräisch) t Im Namen der jüdischen Arbeiter in Sowjetrußland, wo die hebräische Sprüche verfolgt wird, begrüße ich den XVI. Zionistenkongreß. Wir sind gewohnt, aus Sowjetrußland übertriebene Nachrichten zu höreu. Eine Nachricht, die nicht mit Mord beginnt und mit Mord endet, genügt uns nicht, Das ist ein schlechter und schädlicher Weg. Wir haben kein Recht zu übertreiben. Es genügt, wenn wir die Wahrheit wissen. Ich will in kurzen Worten nur ein paar Einzelheiten aus dem Leben der Juden in Rußland erzählen, speziell über die Lage der hebräischen Sprache. Die Revolution hat alle kulturellen Institutionen .völlig zerstört, nichts ist geblieben; die Verfolgungen, die von Seiten der Regierung in Szene gesetzt wurden, haben die besten Kräfte, die führenden Menschen, die Schriftsteller und Redner vertrieben; alle haben sie Rußland freiwillig oder gezwungen verlassen. Nur wir einfachen Menschen sind geblieben, wir hebräischen Lehrer, die nicht geflohen sind und nicht fliehen konnten. Die hebräischen Lehrer begannen sich den neuen Bedingungen der kulturellen Arbeit anzupassen. Von Schulen ist nichts zu sagen. Kurse, Klubs, Buchverlage, Zeituugen, nichts ist geblieben. Wie sollten wir die Kulturarbeit fortsetzen? Wir mußten uns der Regierung anpassen.. Wir nahmen die Schüler der Schulen, teilten sie in Klassen und mit Hilfe der Eltern begannen wir unsere Tätigkeit fortzusetzen. Wir glaubten, daß der gegenwärtige Zustand nur kurze Zeit dauern und daß andere Zeiten kommen werden. So arbeiteten wir mehrere Jahre. Inzwischen fing die Jewsekzia an, uns immer ' mehr zu verfolgen, und wir kamen in große Gefahr. Die Jewsekzia verlangte von den Behörden, daß sie; diesem „Spiel" ein Ende machen. Und sie hat alles durchgesetzt. So müssen wir illegal weiter arbeiten. Ueber die gegenwärtige Lage sind verschiedene Nachrichten verbreitet worden. Darunter auch gute Nachrichten. Man weist auf das offizielle Gespräch hin zwischen Prof. Zeitlin ,und LunatseLarski, das die Gemüter beruhigt hat. Damit hat man die jüdische und die nicht jüdische Welt irregeführt. Es ist ja richtig, daß offiziell kein Dekret besteht, das die hebräische Sprache verbietet. Zu solcher Unverschämtheit ist man noch nicht gekommen. Die Regierung sagt: „Wir verfolgen die Sprache nicht. Ein zivilisiertes kommunistisches Land kann keine Spräche verfolgen." Und das ist die offizelle Kundgebung, die in der Welt verbreitet wird. Praktisch ist die Sache ganz anders. Es herrscht eine Atmosphäre des Hasses rings um unsere hebräische Kulturarbeit. Die Jewsekzia erklärt, die hebräische Sprache sei das einzig Konterrevolutionäre in Rußland. Und eine solche Erklärung ist geeignet, selbst die mutigsten Menschen davon abzuschrecken, sich mit der hebräischen Sprache zu befassen. Die jüdischen Väter wagen es nicht, ihre Söhne hebräisch unterrichten zu lassen. Es gibt Hunderte und Tausende vpn Fällen, daß Eltern, die uns nahestehen, die hebräische Kultur preisgegeben haben, weil sie von der Behörde abhängig sind und sich fürchten, Wenn die Sache bekannt würde, würden sie, ihre . Posten einbüßen. Die Wahrheit muß gesagt werden und wir müssen die Heuchelei der russischen Regierung vor der ganzen Welt verkünden. Jedes Haus, in dem sich ein hebräisches Buch findet, ist in Gefahr. Selbst wenn man den Hausherrn. nicht einsperrt, so wird er doch sein Teil bekommen. Eine solche Atmosphäre genügt, um Furcht einzuflößen und die Menschen von aller kultureller Arbeit abzuhalten. ' - ' ■- ■ > Es werden Menschen, weil sie hebräisch lehren,! des Klerikalismus, des Chauvinismus, der Konterrevolution, des Zionismus beschuldigt und in die Verbannung geschickt. Das geschieht ohne Beweise, auf administrativem Wege, ohne öffentliche Verhandlung. Wir haben zu verschiedenen Malen versucht, uns zu beklagen, Jizchak Rabino witsc h, der eine Beschwerde erhob, wurde für drei Jahre eingesperrt. Und auch Menschen, die Statuten hebräischer Kulturvereine einreichten, wurden eingesperrt. Früher war an diesen Dingen die Jewsekzia schuld, jetzt aber sind es die leitenden Behörden und an sie müssen wir unsere Forderungen steilen. Im vergangenen Jahre haben wir noch einen Versuch gemacht. Wir haben Maxim G o r k i zu seinem Jubiläum beglückwünscht und ihm bei dieser Gelegen heit unsere Lage in Rußland dargestellt. Auf diesen Brief haben wir weder von ihm, r noch von der Regierung eine Antwort erhalten, . Lunatscharski. aber hat in einem Vortrag in Leningrad darauf reagiert, indem er sagte; „Jene bürgerlichen Zionisten, die nach Palästina wollen, hindern wir nicht daran hinauszugehen. Schulen oder Unterricht in der toten Sprache werden wir nicht erlauben." Und das geschah zwei Monate nach der Veröffentlichung des Gesprächs Zeitlins mit Lunatscharski! So groß ist die Heuchelei. Hebräische Bücher, alte tiüd neue, werden in dsn Bann getan. Man kann solche Bücher einzig für wissenschaftliche Zwecke bekommen. Wir gehen kulturell zugrunde, wir siechen dahin, es gibt keine Entwicklung und trotzdem iiöreii wir nicht auf, hebräische Kulturarbeit zu leisten. An jedem Orte haben wir Klassen von kleinen Kindern, von Jugendliöhen und von Erwachsenen, die ihrem Alter und ihrem Wissen entsprechend hebräische Sprache, jüdische Geschichte und Literatur bei uns lernen. Wir haben 18jährige junge Leute, die bei Beginn der Revolution sechs Jahre alt waren Und die Kultur der Jewsekzia durchgemacht haben. Sie sitzen unter uns in irgend einem abgelegenen Winkel, lehren Geschichte und halten Vorträge über die hebräische Literatur. Obwohl wir unter Höllenqualen leben, geben wir die Arbeit nicht auf. Sie geht von selbst weiter. Die zionistische Bewegung in Rußland lebt. Warum schweigt man? Warum hilft man uns nicht von außen? Wer nach Rußland kommt, weiß nur das, was man ihm zeigt. Es ist kein Wille da, zu sehen. Warum schweigt Ihr? Warum bringt uns die Zionistische Organisation und die kulturellen Organisationen keine Hilfe? Jetzt haben wir beschlossen, einen letzten Versuch zu machen und uns von dieser Tribüne aus zu beklagen. Wir haben während der letzten zwölf Jahre alles getan, was wir konnten und mehr als wir konnten und tun es noch. Was habt Ihr getan? Ich bitte Euch, ja ich fordere von Euch, tut, was Ihr zu tun habt und Ihr könntet sehr viel tun. Ihr könnt uns moralisch und politisch Hilfe bringen. j Die russischen^ Jüden müssen wissen, daß sie im Kampfe nicht allein' sind, daß hinter ihnen das jüdische . Volk in der genzöfti'/Welt steht. ■ . - Man ist der Meinung, daß1 es schädlich sei, gegen die Verfolgungen zu sprechen und zu protestieren. Aber schlechter als jetzt kann es gar nicht mehr sein. Euer Schweigen ist uns furchbar. Es richtet uns völlig zugrunde. Von hier aus muß ein mächtiger Protest erhoben werden, nicht nur in Form einer Resolution, auf die keine Tat folgt; ein Schweigen, das auf den Protest folgt, wäre furchtbarer für uns als das frühere Schweigen. Es muß in der ganzen Welt eine rege Tätigkeit einsetzen. Die hebräischen Schriftsteller, die Lehrer, die ganze zionistische Bewegung, das ganze Volk, ja auch Nichtjuden müssen dagegen protestieren, daß die Sprache der Propheten, die die Weltliteratur ziert, verfolgt und als konterrevolutionär bezeichnet wird, was sie nach ihrem Wesen nicht sein kann. Unter den schwersten Bedingungen halten wir unsere Fahne hoch. Helft uns, damit diese Fahne nicht in den Kot getreten werde! Man will uns in Rußland verschwinden lassen, es wird nicht gelingen. (Lebhafter, andauernder Beifall.) Vorsitzender Ussischkin: Ihr Beifall zeigt Ihr Verhältnis zu unseren neuen Marannen in Rußland. Wir übermitteln ihnen unsere Grüße und unsere Bewunderung. Wir hoffen, daß eines Tages die Wahrheit siegen wird und sie in voller Freiheit werden arbeiten können, wie in der ganzen Welt. (Beifall.) t * In der 1*3. Sitzung am» 7. August) erfolgt« der. 'Beliebt der GesuiMheitsikommission. Die vorgeschlageinea Anträge. wurden angenommen. Nachmittags folgten die iBe* richte der finanzpolitischen Kommissloin. Bs Wiarden wie-» der einmal strenge Bestimmai'ngen für So^dersaimmlungen beschlossen. Für die Frage der Anleihe und des Konitroll* amtes ■wurden Kommissionen eingestzt. Die Erweiterung der Agency. Das Statut. Der Kongreß sollte in der Sitzung van Mittwoch vormittags in die Beratung des Verfassungsentwurfes tür die J e wi sb Aig enc y ein/treten. Die Sitzung mußte aber, kaum 'begonnen, vertagt werden, da d'ie Stimmung hinsichtlich eitriger wesentlicher Funkte nicht geMärt war itrid tdiie Opposition, besonders die Fraktion der Reväsio» nisten, sich zu einem hartmäaklgen Widerstand rüstete. In der vorangegangenen gemeinsamen Sitzung der Azm^y-Kqmmlsslon und der Onganlsatlon^KonimlssiQn, die die ganze .Nacht andauerte, konnte (über die Frag« des Modaus bei der eventuellen Auflösung der erweiterten Agency keimte &mmw eraLeifc weaidea. Dagögau wurde in der Frage der Bindung d'** Vo-üuroiai dar vAonl$ih sehen Hälfte des C © u n c i I elit Beschluß gieffaßt* der; ungefähr Lautet: Der Ziottlstenkotigreß Ist berechtigt, in Fragen von fundamentaler Bedeutung zu beschließen, daß die von Ihm in den Council der Jewlsh Agency entsandten Personen gebunden sind, geschlossen nach' Ihnen gegebenen Direktiven zu stimmen. Ferner Ist der Kongreß berechtigt, das Recht der Bindung der zionistischen Stimmen auf das Aktionskomitee oder auf die zionistische Hälfte des Council der Agency (bei Mehrheitsbeschluß) zu übertragen. Doch kann, wo notwendig, die zionistische Hälfte des Council gemeinsam mit dem Aktionskomitee bei einer Zweldrittel- Mehrheit die Bindung des Votums für aufgeben erklären. _* Der (Permanenzauisschuß befaßte sich ml t d er F ofderumg der am« rilkanischen Ziionist aiij ahn en 25 Sitze der<, zionistis chen Council Hälfte zu üb erlas sein. Es wurde ein Vorschlag gemacht, diese Forderung detr ÄtnerKkamer M der Weise zii beifa-ledigen, daß man ihnen außer den ihnen (zahlenmäßig zukommenden, Sitzen auch noch dilie «Selbein Sitae, die amf die revisionistisehe Fraktion entfallen und deren Besatzung diese Fraktion ablehnte, überläßt. Den Amerilkawern schien es aber unerwünscht m sein, die Mandate einer geschlossenen Binzelgruppe, die noch dazu der extremen Opposition .angehört, ziu übernehmen. Der Permanenzaussohuß schlug daher vor, diese Frag© dem neu zu wählenden Aktiomslkoimiitee zur Entscheidung zu überlassen, und Wies gieichizeitig auf gewisse Möglichkeiten einer Lösung hin. Mittwoch, den 7. August, nachts, begann die Sitzung des Kongresses, in der in die Beratung der Verfassung der Jewish Agency eingegangen wurde. Es herrschte eine Stimmung tiefsten Ernstes, die sich auf die Galerien übertrug. Die Parteien umd Fraktionen haben ihre henvorragendsten Persönlichkeiten mr Debatte vorgeschickt. Die Hauptkämipfe konzentrierten sich auf die Frage des Modus bei einer eventuellen Auflösung der erweiterten Agency; bauiptsächllicih drehte es sich darum, oh eine solche Auflösung tniit einfache«* Mehrheit oder mit einer ZweiidiLtte^. Mehrheit des Council beschlossen werden könne. Einem zweiten Streitpunkt bildet (der Passus bezüglich der F r eine! t des Siedlers, selbst über die Form seiner Wirtschaft zu bestimmen. Eine scharfe Debatte riefen auch die Anträge des Misraühi hervor, die eine Ergäimziung des Ka*i pitels über hebräische Kultur betrafen, nach der Richtung, daß die religiösen Bedürfnisse des Jisehuiw zu befriedigen sind. Den Bericht erstattete Dr.. Georg HaJper«. Er verlas das Statut erfd gab in längerer Rede den Motivemberliclht. Die Sitzung wurde um 7 Uhr unterbrochen und mm 9 Uhr fortgesetzt. Als erster Kontrjaredmer sprach Oberbaurat Stricker. Ich will nicht den fruchtlosen Versuch unternehmen, durch meine Rede eine Aenideruing im Resultat der Alb-: Stimmung herbejizuführen. Ich möchte nur den Weg beleuchten, den jetzt die Zionistische Organisation gehen wird, und bei dieser Gelegenheit einige Worte von dem M'anne •sprechen, dessen Bild hier hängt, von dem Manne, über den mit Recht auf diesem Kongreß wenig gesprochen wurde, weil vielleicht die einizelnen gefiühlt haben, daß sie nicht ganz würdig sind, von diesem Manne zu sprechen. (Rufe: Das .ist eine Befleriidiguing!) Was ist es? Eine Beleidigung! Vor zwei ■ Jahren halben wir in Bösel das dreißigjährige Jubiläum des Zioinistenlkong.resses gefeiert. Bei diesem Anlaß sind die Herren, die dem ersten Kongreß beigewohnt haben, also meist heutige Führer des Zionismus, auf die Tribüne gegangen umd 'halben gesprochen. Sie haben vom sich gesprochen, was sie' sind und Was sie gemacht haben. Da ist dann einer, umseir alter Freund MotzIMn, aufgesprungen und hat ungefähr gesag*: „Was redet' ihr da beraum? Warum sprecht ir nicht von Heral? Warum erinnert ihr nicht an ihn, die ihr hier in diesen Saal gekommen seid alsSMaiven? An'der Tür habt ihr es euch noch überlegt, ob Ihr hereingeben sott, ob es nicht zu groß, nicht eiu gefährlich ist, was dieser Mann von euch verlangt, und dann seid ihr herelngegangen und er hat zu euch gesprochen. Als Sklaven seid ihr gekommen und .als freie Männer seilet ihr heimgegangen.44 HeiU'te tot es umgekehrt: Als freie Männer sind Sie gekommen und als Sklaven gehe» Sie Hinaus, Nicht als Sklaven großer Eroberer oder großer Genies, nein, als Sklaven von Männern, deren Größe darin besteht, daß sie Geld haben. (Zwischenruf: Die hat auch Heirizl gesueihti) Sie haben recht, Beriz/l hat die Reichen gesucht umd er ist ziu ihnen gegangen, und er hat erkanmt, daß es mit den Reichen nicht au machen ist, und dia Iist er zu^m Volk ge* gangen. (BetöaEL) In diesem Momente war er der große Herzi, in dem Momemt, wo er den richtigen Weg gefunden hat. Heute aber führt Weiamann Sie den Weg zurück, «jurücik den Weg Herals, zurück vom Volke zu den Redchen. Aber merken Sie sich eines: Awch W«i* mann wird den Sinn der Geschichte nicht umdrehen,, Der Siran der Geschichte ist, 'daß noch kein einiziges Volk von «einen Reichen befreit worden ist. Die Reichen sind dann mitgegangen, wenn dos Volk sie gen zwupgeat hat; ndctofc irdwÄg.