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Die neue Welt · 1929-08-16 · Heft 100 (16.8.1929) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 100 (16.8.1929)
Date
1929-08-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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r Seile 1 DIE NEUE WELT Nr. 100 Die Pogrome in Litauen. Die Zeitungen dürfen nichts melden. — Der Redakteur der „Ydischen Stime" wegen einer Andeutung zu einem Monat Gefängnis verurteilt. — Keine behördliche Untersuchung der Geschehnisse. — In Kowno wurden sämtliche jüdischen Schilder zerstört. — Eine Synagoge geschändet, die Thorarollen zerrissen, Talmud-Folianten in den Abort geworfen. — Woldemaras sagt mit Rücksicht auf die Stimmung in der jüdischen Gesellschaft den angekündigten Besuch einer jüdischen Feier ab. Aus Kowno, 9. August, meldet die J. T. A.: Die l da es sich auch liier nicht um einen kommunistischen, son- Stiimmung unter der jüdischen Bevölkerung als Folge der dem um einen Kulturverci.n handelt, wiederholten schweren antisemitischen Ausschreitungen in, Auc,h dje detltsche an-tisemitisdie Presse zeigt sich den Kownoer Vorstädten, die unter Duldung und bestrebt) das Vorsähen der litauischen Pofeei und der zum Teil direkter Mitwirkung der Polizei vor sich gingen Faschisten m beschönigen. Bezeichnend ist hiefür die folm^ ' gende Mitteilung der ..Deutschen Zeitung": „In der Voralleln In Slobodka 63 Jüdische Verletzte stadt slabaden verhaftete die Pofeei kürzlich drei jüdische eut Folge hatten, ist fortdauernd sehr gedrückt. Den Zeitungen ist es verboten, etwas Uber diiese Ausschreitungen verlauten zu lassen. Der verantwortliche Redakteur der „Ydisohen Stirnie", der einzigen in Litauen erscheinenden jüdischen Tage'sfceiitung, die mir indtirekt imkI andeutungsweise auf die Geschehnisse hinwies, wurde zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Der Chefredakteur der „Ydischen fttroe", Dr. R. Rubin st ein, eine führende Perönlichkeit im jüdischen Leben Litauens, besuchte zum zweiten Male den Ministerpräsidenten Woldemaras und machte ihn darauf aufmerksam, daß trotz der vom Ministerpräsidenten gegenftber Dr. Rubinstein abgegebenen Versicherung, daß eine strenge Untersuchung <krchgeftrhrt u.nd d<ie Schuldigen bestraft werden würden, bis heute nicht die geringstem Anstalten einer solchen Untersaichung getroMen wurden. Ministerpräsident Woldemaras erwiderte, es könne eine solche Untersuchung erst eingeleitet werden, wenn diejenigen Personen, die unter den Ausschreitungen zu leiden hatten, Anzeigen bei den Behörden erstattet haben werden. Bis jetzt lagen solche Anzeigen nicht vor. Redakteur Ruibinstein versicherte, es seien solche Anzeigen massenhaft noch vor mehreren Tagen erstattet worden, allein die Behörden ignorieren alle Anklagen der. terrorisierten jüdischen Bevölkerung. Redakteur Ruibins'tein übergab dem Ministerpräsidenten eine große Menge Mater.iail.ien, die auf die antrjüdischen Ausschreitungen B&zug hahen. Mllt Rücksicht auf die gedrückte Stimmung in den jüdischen Geseillschaifts'kreisen der litauischen 'Residenzstadt Kowno hat Mwiisteripräsldent Woldemaras seinen angekündigten Besuch zur Feier des 70. Geburtstages des.gegenwärtig im Palästina le-benden früheren jüdischen Ministers Litauens, Dr. S'ianon R o s e n b a u tn, . abgesagt, und sich damit begnügt, dem Festkomitee einen Glückwunsch zu schidken und gleichzeitig mitzuteilen, daß der Staatspräsident Sm'etona Dr. Roseribauim einen hohen litauischen Orden verliehen halbe. Das Verhalten von Prof. Woldemaras, der ein Zusammentreffen mit jüdischen Persönlichkeiten mit Rücksicht auf die Geschehnisse zu vermeiden sucht, ist in Kowno viel 'bemerkt worden. Inzwiischen dauert die Hetze gegen die Jüdische Bevölkerung fort. In Kowno wurden sämtliche Firmenschilder mit jüdischen Aulschriften mit Teer und Farbe bestrichen und unbrauchbar gemacht. Ein englischer Bürger namens Sem Hafner wollte die Banden, dlie mit. den Teer- und. Fartoentöpfen herumgingen, an ihrem Werike hindern, die Polizei nahm aber für die Banden Partei. Haimar reichte-wegen des Verhaltens der Polizei gegen seine Person eine Beschwerde beim englischen Gesandten ein. In dem Städtchen Jako'bowa, Kreis Kretingen, wurde die Ortssyuagoge geschändet. Die Thoraredlen wurden zerrissen und auseonandergestreut. Die Tahnudfolianten und andere religüöse Werke, die in einem Bücherschrank aufbewahrt wurden, wurden zerrissen und in den Abort geworfen. Die Polizei tut nichts,, um die Schuldigen, die man leicht feststellen kann, zur Verantwortung zu ziehen. Die litauische Gesandtschaft in Berlin leugnet die Pogrome. Doe Berliner litauische Gesandtschaft versendet eine Mitteilung an die Presse, in der es heißt, daß die Meldung, wonach in Kowno sich Judenpogrome ereignet hätten, den Tatsachen nicht entspricht. Dazu ist zu bemerken, daß außer den auf Informationen von unbezweifelbarer Authentizität beruhenden Nachrichten der .Jüdischen TelegraphenagentU'r" auch die Rigaer nichtjüdische Presse, u. a. auch die deutschgeschriebene „Rigaische Rundschau", auf Grund telephonischer Meldungen aus Kowno ausführliche Mitteilungen übe* die Geschehnisse bringt. Die antUildisch gestimmte Presse außerhalb Litauens versucht das Verhalten der Schüfzehve-reWie und der Polizei als Gegenmaßnahme geigen die geplanten kommunistischen Demonstrationen hinzustellen; dies obwohl bei den 63 allein in Slcbodika festgestellten Juden es sich fast ausschließlich um orthodox gesinnte Jüdische Bürger und um Zöglinge der berühmten Talmud-Hochschule handelt, die ihrer Anschauung nach niemals irgendeine Beziehung zum Kommunist/US haben können. Man ist in Kowno der Ansicht, daß auch den 36 meist im ganz jugendlichen Alter stehenden Jüngjiin>gen und Mädchen, die wegen Abhaltung einer Sitzung in ihrem Vereinsiokal durch den Militärkommandanten zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt wurden, eta schwere* Unrecfot geschehen Kommunisten, die dabei überrascht wurden, als sie Steine in die Fenster Jüdischer Häuser warfen, in der Absicht, Zwischenfälle zu provozieren." Ein Verzeichnis der Opfer. Aus Kowno meifdet die J. T. A.: Auf die litauische Judenschaft hat es einen schweren Eindruck gemacht, daß große demokratische ausländische Zeitungen die Mitteilungen der Litauischen Tölegraphenagcntur gebracht haben, in der behauptet'wird, daß ein Pogrom überhaupt nicht stattgefunden hat. Das Vertuschungs- Am Ii. August ist der Zionistenkongreß geschlossen worden. Nach Erledigung der Agency-Angelegettheit hatte er noch das Budget —' zum letzten Male — zu verabschieden und dann die neue Exekutive zu wählen. Aus den Verhandlungen des Kongresses ist zunächst nachzutragen, daß am 5. August (in der elften Sitzung) Frau Henriette S z o 1 d, Mitglied der Exekutive, den Bericht über das Gesundheits- und Erziehungswesen in Palästina erstattete. Sie teilte mit, daß die Sterblichkeit unter der jüdischen Bevölkerung, ..Palästinas sich in den letzten Jahren ganz er hebJLich;g;eb ess er.t hat. Von tausend Personen starben im Jahre 1925 fünfzehn, diese Zahl sank 1928 auf zwölf. -Noch/ deutlicher ist dieser Fortschritt in der Säuglingssterblichkeit zu konstatieren. Auf tausend Geburten, starben im Alter bis zu einem Jähr im Jalaiik 192? 131 Säuglinge', im Jahre 1928 fiel diese Zahl auf"'"97. 'In diesen Widen Zahlen steht Palästina der westlichen. Sfai^tik ziemlich nähe, obwohl wir; in Palästina doch'^och'gfewisse1 Bedingungen zu' bekämpfen häbenj die* sicu.'-'vpn'xler' wfest^&eh^Kul'tur sehr weit entfeifnen. ':'uU :'v" ' ...'-\' ' ■■ ,i t •'( '.'•>'• •. •>,!.'.■ ■' ■' •: "■ ' Gegenüber der Verringerung der t Sterblichkeit ist im allgemeinen keine bedeutende Verringerung der Morbidität zu bemerken,' die allerdings aus dem Grunde nicht so deutlich zu konstatieren ist, weil sowohl unsere eigenen als auch die Statistiken der Regierung nicht sehr vollkommen sind. In einer Beziehung müssen wir noch immer zugeben, daß unsere Morbiditätsverhältnisse sich nicht sehr gebessert haben* nämlich in bezug auf Malaria. Und gerade in diesem Jahre haben wir zu erwarten, daß eine große Ausdehnung der Malaria erfolgen wird. Das ist eben die Kehrseite eines gesegneten Jahres, das mit dem 'reichlichen Regen nicht nur eine große Ernte an Frucht, sondern auch eine große Ernte an Malariaerkrankungen bringt. Wir müssen immer ganz entschieden darauf bestehen, daß eine starke Prophylaxe angewendet w^ird, und müssen noch immer unsere eigenen Siedler in dieser Beziehung erziehen. Audi in dieser Aktion war ein großer Fortschritt bemerkbar, doch wir müssen uns vcm Augen halten, daß Malaria eine Krankheit ist, die m\r dann schwindet, wenn man das Land entwickelt. Eine bedeutende Besserung ist in der Bewegung der Typliusfälle zu verzeichnen, wenn attdi in diesem Sommer eine Epidemie in Tiberias und Uiögebung, hauptsädilich leider bei Kindern, festzustellen .war. Nichtsdestoweniger sind gegenüber 1500 Typhusfällen im Jahre 1926 nur einige hundert Fälle im Jahre 1928' zu verzeichnen. Viel größer ist die Zahl der Dysenterieerkrankungen, vor allem deshalb, weil die Möglidikeit für eine weitgehende Hospitalisation von Dysenterie fehlt. Der Fortschritt in der Bekämpfung der endemischen Augen- und H a u t k r a n k h e i t e n im Lande dauert an, Ich möchte hier darauf hinweisen, daß j wir im vergangenen Jahre Besuche mehrerer ärztÜdier Autoritäten auf dem Gebiete der Augenkrankheiten hatten, die sich alle voll Bewunderung über den Fortschritt in der Heilung der Augenkrankheiten, besonders unter den Schulkindern," ausspradien. Wenn wir diese Kampagne weiter führen und auf Erwadisene in demselben Maße ausdehnen könnten, dann könnten wir Palästina in einigen Jahren tradiomfrel madien. t Dodi bei dem jetzigen Budget ist das nicht müglidi, Keine Veränderung zum Besseren ist in der Tuberkulose eingetreten. Nicht weniger als 400 Personen befanden sich unter der Kontrolle der Liga zur Bekämpfung: System geht so weit, daß man den Aerzterr verboten hat, während der antijüdischen Exzesse den Verletzten Bescheinigungen über ihren Zustand auszufolgen. Die Ableugnung der Litauischen Telegraphenagentur wurde nach Ländern wie Lettland, wo man über die Geschehnisse genauer informiert ist, nicht gesandt. Um den Anschein zu erwecken, daß das Vorgehen gegen die Juden, mit der Abwehr kommunistischer Aktionen zusammenhängt, hat der M iIi t ä r k o mmaitdant in Kowno 48 Juden unter der Beschuldigung, am 1. August eine kommunistische Kundgebung vorbereitet zu haben, zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. In Wirklichkeit sind mindestens 45 der Verurteilten vollkommen unschuldige jüdische Bürger und Jugendliche, die nichts mit Kommunismus zu tun haben. Von den während des Pogroms in Slobodka verletzten 63 Juden haben die folgenden erheblichere Verletzungen davongetragen: Salonion Flink, Samuel M a z, Isak Lazn i k, Elija Z e r c o v i z, Ghanan F r i e d m a n, Aron S c h a p i r o, Maisei BI o c h, Moisei M i n z, Dina T s c h e rm a n, Mendel K ah an, Moisei Gluck, Gersenon Mo- I o t s c Ji n iik, Fiarel I v e;n i z k i, A. Fe ld m a n n, F. Okun i e z k i, M. Aronowsk i, Ch. J o e 1 s. B. B a k, L. B a k, N. Aronowski, M. Biron, M. Kam her g, Seh- Alper, L. S a 1 z b u r g, Ch. F r i c d m a n n, J. Schedewitz, M. J a f o w e t z k u M. L c v i n, Samuel P e I i e r ewitsch, M. K a h n und A. Fei d m anh. der Tuberkulose. Von den Tuberkulosekranken starben etwa 90, das sind etwa 4 Prozent der allgemeinen Sterblidikeit. Es wurde in den letzten Jahren der ernsthafte Versudi gemadit, die passive Stellung, die nie Regierung früher in den Angelegenheiten des jüdischen Gesundheitswesens angenommen hat, zu. ändern. In einer Anzahl von Fällen wurden positive Ergebnisse erlangt, in einigen Punkten dauern die Verhandlungen nodi an. Die Versuche, die auf dem Gebiete der Kooperation mit der Regierung gemacht wurden, können als wertvolle Leistungen angesehen werden. Wir betrachten das Heranziehen der Regierung auf dem Gebiete des Gesundheitswesens als dringende Notwendigkeit. Die üblidie Auffassung, daß es unser Ziel sei, alle schönen Werke auf dem Gebiete des Gesundheitswesens . durchzuführen, ist grundsätzlich . falsdi., Ich darf ohne , Ueb.ertrei^ung ,behaupten,, daß die Arbeit, die sich in den letzten zwei Jahren auf dem Gebiet des Gesundheitswesens vollzogen hat, fruditbar war. Wir haben in dem Gesungheitswesen des Landes eine Ersparnis von '20.000 Pfund vorgenommen, ohne daß der Umfang und die Qualität der Arbeit in starkem Maße geschwächt wurde. Ferner haben wir in diesem Zeitraum von der Regierung eine Summe von 11.000 Pfund bekommen, die sie für Unterstützung unserer eigenen Institutionen gegeben hat. Ueber das Erziehungswesen sagt die Referentin: Was die Subvention der Regierung betrifft, kann ich nicht viel Hoffnung machen, daß sie in der nächsten Zeit vergrößert wird; in dieser Beziehung bin ich nicht im Einklang mit der Regierung. Sie bezahlt uns ihre Unterstützung nicht auf der Basis des Verhältnisses unserer Schulkinder zu den Schulkindern in den anderen Schulen, sondern auf der Basis der jüdischen Einwohnerzahl zu der allgemeinen Einwohnerzahl. Das ist unrichtig; es, ist eine Einstellung, die wir bekämpfen müssen. , Ich mödite aber wieder auf die Einheit und die Autonomie zurückkommen. Der Eigentümer der zionistischen Schulen in Palästina ist die Zionistische Organisation, d. h. die zionistische Exekutive. Die Sdüußfolgerung aus diesem Satze ist: wenn die Exekutive die Eigentümerin der Schulen ist, dann hat sie gewisse Pflichten, aber auch gewisse Rechte. Die Erfüllung der Pflichten ist von ihr gefordert worden, die Redite konnte sie aber nicht ausüben. Zum Beispiel: eine grundlegende PfUdit der zionistischen Exekutive ist, für die Lehrer ein Minimalgehalt festzustellen und es ihnen zukommen zu lassen, Eine Skala muß angenommen, und audi eingehalten werden, um die Lehrer zu sidiern. Das hat die zionistische Exekutive auch getan, wir haben eine solche Skala, und wenn die Lehrer nicht vollständig gesichert wurden, dann ist das jüdische Volk dafür verantwortlich zu machen und nicht die Exekutive. Ich muß Ihnen sogar die Mitteilung madien, daß die Lehrer wiederum beeinträchtigt worden sind. Ich habe ein Telegramm erhalten, in welchem mir mitgeteilt wird, daß seit zwei Monatenwiederum keine Gehälter ausgezahlt wertlen? weil kein Geld eingelaufen ist. Deshalb ist es Pflicht der zionistischen Exekutive, eine Ge* haltsskala auszuarbeiten und einzuhalten. Nur so können wir einen Lehrerstab entwickeln, und nur wenn ein Lehrorstab existiert, können wir eine riditige pädagogi- ■ :he Entwicklung erwarten. Wenn man solche Pflichten hat, und im gegebenen Augenblidc bedeutet diese Pflicht die Auszahlung von 70.000 bis 80.000 Pfund jährlich, dann muß man audi Rechte habeat .Weshalb, .wurden diese. Rechte, der zigaistu Fortsetzung des Berichtes.

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