Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 100 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 100 DIE NEUE WELT Seite 3 1 worden sind. Sokolow schließt mit der Aufforderung, daß alle sich heute als Juden freuen sollten, weil dieser Tag mehr schaffe als lange Zeiten in der Geschichte. Nach der Wahl eines Legitimation&aussohusses zur Prüfung der Mandate aus den Mitgliedern Cyrus Adler, Groncmann, Berl Locker, Max Schulmann, Lasky und Ader schließt Präsident Weizmann kurz nach 6 Uhr d'ie Sitzung. Marshall und Melchett Vizepräsidenten. Die meritorischen Beratungen. Zürich, 12. August. Heute vormittags wurde die erste Sitzung des Council abgehalten, wobei Louis M a r s h a 11 (New York) und Lord Melchett (London) zum ersten und zweiten Vizepräsidenten gewählt wurden. Hierauf skizzierte Prof. Weizmann das künftige Arbeitsprogramm der Agency. Er schloß sich dabei den Forderungen der Experten nach stärkerer Unterstützung des Aufbauwerkes durch die Regierung in Palästina an. Noch immer ist nicht abzusehen, führte er aus, wann die Palästina*Regierung einmal ge* mäß ihrer Verpflichtung uns freie Lände« reien zur Verfügung stellen wird. Es wird sogar behauptet, es gäbe überhaupt keines mehr, denn es befinde sich bereits in arabischem Besitz. Weiz* mann verlangte, daß wenigstens der Kataster beschleunigt und ein Teil der Beisan«Ländereien nach Vereinbarung mit den arabischen Besitzern für die jüdische Kolonisation freigegeben wird, statt brach und unbearbeitet zu liegen. Man bedürfe relativ nicht sehr viel Bodens, um das nächste Ziel zu erreichen, die geschlossene jüdi* sehe Siedlung von Emek Israel bis zum Tiberiassee. Die Schaffung eines kräftigen jüdischen Bauernstandes, die Grundlage der ganzen Arbeit in Pas lästina, werde bei Orangenpflanzungen auf kapitalistischer Grundlage nur möglich sein, wenn inmitten der Orangenkolonien jüdische Arbeitersied* Hungen .angelegt werden. Die Forderungen des Weizmannschen Minimalpro« grammes beziehen sich auf Beistellung von Regierungs* böden und beträchtlicher Subventionierung des jüdischen Erziehungs* und Gesundheitswerkes. Als Hauptaufgabe bezeichnete Prof. Weizmann die Schaffung einer Bodenreserve, die Errichtung von Arbeiteransied* hingen und die Verstärkung der jüdischen Einwanderung. Wenn man das spezielle Kol'oriisätiönsbudget für die nach« sten fünf Jahre mit 700.000 Pfund Sterling jährlich' ein*: setze, so werde man imstande sein, jährlich 1000 Familien oder etwa 5000 Seelen in der Landwirtschaft unterzu* bringen und insgesamt für eine Einwanderung von 100.000 Juden in den nächsten fünf * Jahren die Voraussetzungen zu schaffen. Dr. Lee K. Frankel teilte der Versammlung mit, daß Felix M. Warburg und Lord Melchett bereits je 500.000 Dollar für eine zu schaffende Gesellschaft für die Kolonisation Palästinas gezeichnet hätten. Felix M. Warburg bekannte sich zu einem Kolo« nisationsprogramm, das in erster Linie das Arbeiter« element berücksichtigt. Er kündigte umfassende Maß* nahmen zur Ausdehnung und Kräftigung der Kolonisa* tionsarbeit an. Direktor Wasser m ann erklärte unter stürmi» schem Beifall, daß „man uns Erez Israel (das Land Israel) ohne Erez (das Land) gegeben hat". Dr. Goldmann für die Radikalen sagte, daß die englische Regierung begreifen müsse, daß sie nach dem Mandat verpflichtet ist, nicht nur der Agency die Möglichkeit zur Arbeit in Palästina zu geben, sondern mit ihr zusammen am Aufbau des jüdischen Nationalheims zu arbeiten. Oberrabbiner Low erklärte, zwei Abgeordnete in Ungarn hätten behauptet, daß er hier nur als Person erscheine, aber nicht die unga* rischen Juden vertrete. Demgegenüber stelle er fest, daß er im ungarischen Parlament zusammen mit Dr. Reich die ungarischen Juden und bei dieser Versammlung den ungarischen Verein Pro Palästina vertrete. Er halte es für ein Zeichen naiver Verblendung, wenn man es mit dem ungarischen. Patriotismus für unvereinbar erkläre, sich um die Angelegenheit des Gesamtjudentums zu kümmern. Die Agency sei dazu berufen, alle Schattierungen des zeitgenössischen Judentums wiederzuspiegeln und sie gleichzeitig zu einer neuen Einheit zu verschmelzen. Die Agejicy stellt kein Budget auf. Ein Zwischenfall. Z ü r i c h, 13. August. Die Jewish Agency beschloß heute, vorläufig kein eigenes Budget aufzustellen, son* dem das der zionistischen, Organisation m i t 750.000 P f u n d für einJahrzuübernehmen. Innerhalb dieser Zeit soll die Nachprüfung aller Unter* lagen für das nächste Budget durchgeführt wer* den. Direktor Wassermann (Berlin) berichtete, daß man hoffe, wesentlich höhere Summen aufzubringen und dann auch die Errichtung neuer Kolonien in Pa* lästina vornehmen;zu können. Im Namen ' der Juden des Balkans begrüßte der sephardische Qberrabbiner Jugoslawiens Aicalay. (Belgrad) die Anwesenden, während Oberrabbiner Fischer (Budapest) beantragte, an alle jüdischen Gc* meinden einen Aufruf zu richten, sich der Bewegung an* zuschließen. Zu einem Zwischenfall kam es, als nach Aeußerungen über die Zerstückelung Ungarns ein rumänischer Delegierter gegen politische Ausführungen protestierte, die auch der Präsident Motz» k i n für unzulässig erklärte. Die Palästinenser im Council. Im Zusammenhang mit der Beschickung der erweiterten Agency durch die Vertreter einzelner Länder machte auch Palästina seine Ansprüche geltend. Der VVaad Leumi sandte einen Brief au die Zionistische Exekutive, in welcher er seine Ansprüche an der nichtzionistischen Fifty forderte. Tatsächlich entsandte das Land sechs ihm zuikommende Vertreter, und zwar Ben Zwi, Mijuohes, Bialik, Müller, Aronowitsch (als Ersatz für Dr. Thon) und Rabb. Uziel. Ein 'hervorragender amerikanischer Zionist sandte an Louis Mars ha 11 nach Zürich ein Telegramm, worin er gegen den Eintritt Bialiks in den nichtzionistischen Part protestierte, um damit seinem reinen zionisujoiien Gefühl Ausdruck zu geben. Dieser ehrliche Protest fand seinen höchst charakteristischen Reflex bei der Sitzung der Delegation der Nichtzionisten, in welcher Marshal'l an die Palästinenser die Frage richtete, ob sie Zionisten oder Nichtzionisten 10 Blatt Papier iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiniiiiim 10 gute Bilder iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiii erzielen Sie mit Ein Versuch wird es beweisen! Lehrreiche Broschüre, kostenlos ), durch: . ■- -.•» A.-G. Repräsentanz in Wien ■i seien. Die als Delegierte besti'rrmiten Palästinenser bekannten sicdi natürlich .als Zionisten. Trotzdem muß sogar dem Naivsten die Teilnahme palästinensischer Delegierter an einer nichtzi o n i s t i s c h cn Kammer' höchst sonderbar erscheinen. Betrübend ist es, wenn sich palästinensische Zionisten zu einem Spiel hergaben, das jede zionistische Würde untergräbt. Begrüßungen der Agency. Dokumente der Patrioten. Die ungarisch-jüdischen Abgeordneten Paul Sandor und Dr. Geza Desi haben es für gut befanden, mit einer Erklärung gegen den Ziomislenkongreß und die „Jewish Agency" hervorzutreten. Die beiden Herren halten es für angezeigt, in der Zeit so gewaltiger Vorgänge im Judentum, auch die Aufmerksamkeit auf ihre ansonsten ziemlich geringfügigen Persönlichkeiten zu lenken und sich gewaltig aufzuputzen. Sie protestieren, wie sie sich so anmutig ausdrücken, als Gesetzgeber jüdischen Glaubens gegen den Zionismus, das nationale Judentum und — bei Assimiianten solchen Schlages kann es an einer Denunziation nicht fehlen — gegen die Zionisten aus Ungarn, die sich in Zürich befinden. Es hat niemand die Herren Sandor und Desi gefragt; es gibt niemanden, der ihnen im jüdischen Dingen Autorität zuerkennt und so nimmt man ihre Erklärung als einen mißlungenen Versuch hin, sich in Szene zu setzen. Der Vorsitzende des Ungarischen Zionisteniverbandes, Herr Dr. Leopold Osztern, hat eine Gegenerklärung veröffentlicht. Sie kommt aus Zürich und ist deshalb nacht so harmlos zu nehmen. Denn in Zürich — sollte man meinem — stehen alle, die sich Zionisten nennen, unter dem Eindruck des Kongresses. Aber es verhält sich doch amders und es ist ein trauriges Zeichen, daß Zionisten von Zürich aus einen Brief schreiben, in dem sie sich gegen die Vorwürfe Sanders und Dsis verteidigen, sie wären j ü d is cm - na t i on a 1. Nein, sie perhorresziren eine jüdische Nationalitäten-, Politik, sie weisen ausdrücklich eine sogenante jüdische politische Propaganda von sich. Nämlich die ungarischen Zionisten, für die Herr Dr. Osztern spricht, der keine besonderen Nationalitätenrechte vindiziert (wir müssen hier der unglaublich deutschen Ausdrucksweise des „Pester Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke ■MIMMUMMWUBtMMl^^ Lloyd" folgen, der offenbar aus dem Ungarischen übersetzt), weil dies einer im Gesetz verankerten Grundlage entbehren würde. Das ist nicht die private Meinung des Herrn Dr. Osztern; er teilt vielmehr mit, daß diese Anschauungen als verpflichtende Erklärungen des ungarischen Z1 o n i s t c n b im d c s zweimal publiziert worden sind. Er teilt weiter mit, daß die ungarischen Zionisten aus patriotischer Pflicht für die Einheitspartei gestimmt haben, für die Partei also, in der sich der Hojjas und der Gömbös und der Wolff und ähnliche Judenmörder und Pogromhetzer befinden. Das ist ein —. sagen wir — merk würdiger Zionismus. Nicht merkwürdiger allerdings als der Zionismus anderwärts, so wie er seit einigen Jahren geworden ist. Subtrahiert man von dieser Gegenerklärung die krassen magyarischen Verhältnisse und die von Sandor und Des! versuchte Erpressung, so ist dieser ungarische Zionismus noch immer gleichwertig einem Zionismus, der vor den Niahtziomistcu sich degradiert oder der der internationalen Sozialdemokratie nachläuft. Auch die Wiener Union erklärt. Die Union deniitschösterreicihischer Juden muß sicli auch zum Wort melden. Was Sandor und Desi kann, das kann man in Wien auch, und so publiziert die „Neue Freie Presse" die folgende Erklärung: ,yDem Beispiele ihrer gleichgcsinnten Glaubens-, brüder in Amerika, England, Deutsahland, Framlkreidh, Italien und zwanzig anderen Staaten folgend und .getreu ihrer seit Jahrzehnten beobachteten Haltung, hat es die Union deutschösterreichischer Juden im Einvernehmen mit dem Klub der unlonistischen Kultusivorsteher Wiens als ihre Pflicht erachtet, einer Organisation beizutreten, die, entsprechend dem Mandat des Völkerlbundes, helfend u<nd beratend dabei mit wirk cn soll, verfolgten, entrechteten, ihrer Heimat beraubten Juden eine neue, rechtlich, gesicherte Heimstätte zu bieten. Die Union deutschösterreichischer. Juden begrüßt die Zusammenarbeit der Glaubemsbrüder so vieler Länder an diesem philamthropisclh'en Kolonisationswerk, sie legt aber die schärfste Verwahrumg gegen jeden, von welcher Seite immer kommendem Versuch ein, diese im Einiklang mit dem Völkerbund und der englischen Regierung eingesetzte beratende Körperschaft als eine, jüdisch-nationale oder als eine toternationale jüdisch-politische Institution hinzustellen. Die Juden Oesterreichs, die sich seit. Generationen als Bürger dieses Staates fühlen, lahmen jede nationale Minderbeitspolitiik entschieden ab. Sie lieben ihr österreiobisahos Vaterland umd wollen — vereint und geeint rnifit Uhren andersgläubigen Mitbürgern — heute wie imimer mit ihrer ganzen Kraft an dessen kulturellem umd wirtschaftlichem Wiederaufbau mitarbeiten. Unbeschadet ihrer Rechte und Pflichten gegenüber ihrem österreichischen Vaterland wird die Vertretung in die Jewish Agemcy entsendet, zumal mach dem klaren Wortlaute der Balf our-Delclaration und des England erteilten Palästinamandais bei der Errichtung der Heimstätte in Palästina „nichts geschehen soll, was die Rechte und die politische Stellung der Juden än irgend einem anderem Lande beeinträchtigen würde". Die Union deutschösterreichisohr Juden wird im Einvernehmen mit dem Klub der unioniistischen Kultusvorsteher Wiens ihre Vertretung in dem Augenblicke zurückziehen, in dem die Agency eine Wirtksamkeit entfalten würde, die den in dieser Erklärung niedergelegten Grundsätzen wider-, spricht. Der Klub der unionistisohen Kultusvorsteher Wiens hat, wie weiter mitgeteilt wird, die Herrem Dr. Paul Hamme r s c h 1 a g, Direktor der Creditamstalt, und Dr. Jakob O rn st ein, Präsident der Union deutschösterreichischer Juden, als Vertreter nominiert. Die Jewish Agency ist die Körperschaft, die beim Aufbau der nationallen Heimstätte der Manidatsregierumg zur Seite zu stehen hat. Das ist, ob man nun will oder nicht, eine politische Aufgabe. Die Union hätte sich das früher überlegen müssen. Zu ihrer Beruhigung mag aber gesagt werden, daß diese neue Agency dem Territordalpatriotismus niemals stören wird ... Die Klagemauer. Mißerfolg der Kongreßabordnung in London. Wie bekannt, hat der Zionistenlkongreß eine Abordnung, bestehend aus Colone! K i s h und dem Vizebürgermeister von Jerusalem David Yellin nach London entsendet, um dort die Beschwerden des Kongresses wegen der Vorgänge an der Klagemauer zu vertreten. Die Abordnung sprach im Kolonialamt vor, wo sie zuerst vom Stellvertreter des Umterstaatssekretärs Shakbu rr y, dann von diesem selbst empfangen wurde. Dieser erklärte, daß das Kolonialamt keinen direkten Einfluß auf die Handlungen der Palästinaregierung nehme, die in ihrem Bereich selbständig vorgehe. Er legte der Abordnung ein von ihm nach Jerusalem gerichtetes Telegramm vpr, in welchem die Regierung ersucht wird,, „die Lage zu .beobachten und die entsprechenden Schritte zu umternehmen". Diese Antwort der Londoner Regierung entspricht nicht der Art, wie man Wünsche einer so großen Viersammlung' behandelt, die als der oberste Repräsentant einer Weltorganisation Abstellung anerkannter Uebelstände verlangt.