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Die neue Welt · 1929-08-09 · Heft 99 (9.8.1929) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 99 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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SefCe 8 DIE NEUE WELT Nr. 99 Welt, weil es glaubt, viel zivilisierter zu sein als die ganze zivilisierte Welt. Wir können keinen Druck ausüben. Ja sogar wenn die englische Regierung heute mit der Sowjetregierung Verbindungen anknüpft, so wird diese Verbindung auf der Grundlage gemacht werden, daß die Sowjetregierung sich nicht einzumischen hat in die Angelegenheit der englischen Regierung und die englische Regierung nicht in die i n n e r n Verhältnisse der Sowjetregierung. Was folgt daraus? Daraus folgt: Man soll eine Aktion niadien, der Kongreß wird eine Resolution fassen und sie wird per Akklamation angenommen werden, wie sie auch schon mit einem Kongreß per Akklamation angenommen wurde. Wir sind empört und erregt, aber, das ist doch keine Aktion. Wir befriedigen für einen Moment unser Gewissen dadurch, daß wir unsere Meinung heraussagen, aber dadurch wird es nicht einem einzigen Zionisten in Rußland leichter. Das ist keine Aktion, sondern eine Proklamation, eine Deklamation, alles, was Sie wollen, nur keine Tatsache. Sie tun alle so, als hätten Sie sich vergewissert, daß die Exekutive nichts tat. Die Exekutive ist doch dazu da, nichts zu tun, sich nachschleifen zu lassen, wir tun überhaupt nichts, eine Exekutive besteht aus Dummköpfen wie jede Regierung. Wir haben uns mit der Sache beschäftigt und sind zu gewissen Schlüssen gekommen. Wir .haben versucht, eine Verbindung Zu schaffen, versucht, Brücken zu schlagen, es war alles umsonst. Diese papierenen Resolutionen werden uns nicht weiter helfen. Vielleicht war das einzige, was man tan konnte, aus dieser Hölle so viel herousznretten, als möglich war. Wir haben so viel Menschen herübergebracht, als wir nach unseren Kräften konnten. Vielleicht haben wir in dieser Beziehung nicht genug getan. Wir haben nicht auf Wise gewartet, daß er nach Washington fährt, daß ihm irgend jemand etwas sagt und er nachher nach London kommt, mit Staatsmännern spricht und auf allen Volksversammlungen erklärt: Ich habe das'und das gesagt. Dadurch wurde kein Mensch mehr aus Rußland gerettet. Es ist in dieser Beziehung leider Gottes schlimmer als in der zaristischen Zeit. Die zaristische Regierung brauchte manchmal Anleihen und war empfindlich gegenüber der öffentlichen Meinung. Die Sowjetregierung braucht keine Anleihe und sie pfeift auf die Reputation. Wenn Herr Wise uns erzählt hätte: ich bin zur amerikanischen Regierung gegangen, z\\m Beispiel zui Herrn B o r ah, dem Präsidenten de* Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten, und ich habe ihn dazu gebracht, daß Hoover oder Stirn so n oder irgend ein anderer bedeutender Staatsmann auf Rußland direkt oder indirekt einwirkt, so hätte ich das als große Leistung bezeichnet. Aber wenn jemand Sie an Henderson schickt — und wir wissen schon, auf welcher Grundlage Herdefson verhandeln wird —, lieber Herrgott, das war doch kein Grund, eine so lange Reise zu unternehmen (Heiterkeit), nämlich nur deswegen. Ja, wir werden Resolutionen fassen, und wir meinen es auch ernst, wir wissen aber, daß unsere Macht nicht dazu ausreicht, dort irgendwie Abhilfe zu schaffen. Ich spreche gar nicht davon, daß viele unserer russischen Freunde uns raten, unsere Proklamationen einzustellen. Darum sollte Dr. Wise nicht sagen: ja wir müssen immer eintreten, wenn die Exekutive nibhts tut. Hat sich Herr Dr. Wise vergewissert, daß die Exekutive nichts tut, bevor er seine Schritte bei der englischen Regierung unternommen hat? Er hat mir das Vergnügen, gemacht und gesagt: wenn ich in London gewesen wäre, so wäre er mit mir zur englischen Regierung gegangen. Nun war ich nicht in London, aber es war doch ein.e Exekutive in London, es war eine Exekutive, die genau so verantwortlich ist wie ich. die die Geschäfte mit großer Mühe geführt hat, die Exekutive, die doch vom Kongreß gewählt wurde. Man hätte sie doch fragen sollen. Ich will noch auf eine Tatsache hinweisen. Es ist Ihnen, den Herren von der Opposition, und ich gehörte auch einmal zur Opposition, leichter als uns, da wir nicht alles beantworten können. Ich werde Ihnen ein Beispiel geben. Vor einem oder zwei Jahren hat ein Herr, Dr. Wise, oder irgend ein anderes Mitglied der amerikanischen Opposition, Reden gehalten und Artikel geschrieben über die Novomiejski-Konzession, das heißt darüber, daß man die Konzession noch nicht erteilt hat. Er hat gedroht, daß, wenn das nicht geschieht, man die Hilfe der amerikanischen Regierung anrufen w e r d e. Ich sprehe schon nicht über den Takt und die Taktik, eine Regierung gegen die andere auszuspielen, und wenn ich schlechte Witze machen wollte, würde ich sagen, wie jener Melamed es gesagt hat: Wenn zwei Könige sich zanken, sollst du dich nicht einmischen. Ich habe aber nicht die Stimmung, eszu sagen. Und die Herren haben nicht gewußt, daß die Hauptschwierigkeit in bezug auf die Er* teilung dec Konzession gerade aus Amerika kam. Und wenn ich Ihnen hier die ganze Geschichte von der Toten-Meer-Konzession erzählen würde, so wäre es sehr interessant. Es wäre auch sehr long. Aber es hätte ein Licht geworfen, nicht auf unsere große Geschicklichkeit, sondern auf unsere ungeheuren Sorgen und Schwierigkeiten. Wir können die» aber nicht einmal tun, denn wenn ich in einer Rede vor einem Jahre gesagt hätte, wir haben die Konzession bekommen, dann erhebt sich ein Antizionist im englischen Oberhaus und macht der Regierung Schwierigkeiten, indem er meine Rede zitiert. Und da ich durch meine Rede keine Schwierigkeiten machen wollte, soweit es mit dem Interesse des Zionismus harmoniert, so muß man sich über verschiedene Dinge ansschweigen und Über sich einen Redeschwall ergehen lassen. Ich stelle es Ihnen nnn frei, zu beurteilen, ob es richtig ist, in allgemeinen Sätzen eine Mandatarregierung anzugreifen and dann eine Exekutive zu wählen, die mit dieser Mandatorregierung tagtäglich verhandeln muß. Nun möchte ich einige Worte zur Agency sagen: Wir Zionisten bleiben eine Minorität im Judentum. Wir haben wohl Großes erreicht, aber so, in diesem Tempo, werden wir den.Bau Palästinas auch für unsere Generation nicht ausreichend weiterführen. Ich will nicht erst die Hunderttausende von Gefahren, die ein langsames Tempo in sich birgt, hier erwähnen, die Herren, die in Palästina leben, kennen* sie. Das war das eine Moment, und das andere Moment war ein Glaube, wenn- Sie wollen, eine Intuition, daß dieses Palästinawerk schließlich und endlich in die Seelen aller Juden dringen wird, und daß sie sich, wenn sie mit diesem Werke in Berührung kommen, von den Schlacken befreien werden, die eine jahrhundertelange Ghetto-Geschichte geschaffen hat. Und ich glaube, daß es schon heute viele nichtzionistische Juden gibt, die Palästina finden und empfinden und dafür arbeiten, vielleicht mit größerem Eifer als manche Zionisten. Wenn es schlecht ging und wenn man Geld brauchte, schickte man uns zu diesen Juden, um das Geld zu suchen, und sie gaben es. Sie gaben nicht alles, was sie geben sollten, aber sie gaben. Und wie hier schon richtig bemerkt wurde, wir sahen mit eigenen Augen, wie Palästina die Seele dieser Menschen erschütterte. Dazu kommt noch das, was ich immer gesagt habe: die Balfour-Deklaration. Palästina ist nicht uns gegeben worden. Nicht den Menschen, die sich heute an die Ecken des Opferaltars klammern, sondern ganz Israel. So hätte sich denn der Kongreß zu der Höhe erheben sollen — und ich hoffe, er wird es noch tun—, aus dieser Agency eine Knesseth Israel zu schaffen, ein mächtiges Instrument, das wir mit unserm Geiste beleben können. Schon heute hat die Sache mehr Kraft und Schwung, als wir vor einem Jahre dachten und glaubten, und morgen wird die Agency als zentrale Kraft im Judentum dastehen, weil eben Palästina diese Wirkung auf das Judentum hat. Es waren die zwei Momente, die mich und meine Freunde und Kollegen bewogen haben, diesen schweren Weg, der schon sechs oder sieben Jahre dauert, zu gehen. Grünbaum erinnerte mich mit Recht an ein Wort, das ich als junger Mensch gesagt habe: daß ich in den drei Tagen des Kongressesz die einzigen drei Tage, sehe, in denen ich mich als freier Mensch in der Welt fühlen kann. Und so war es auch bis zur BalfourrDeklaratiön. Und', dann kam die Balfour-Deklaration und sie kam zu einer Zeit, wo das Judentum zerschlagen war. Für mich war die Balfour-Deklaration kein Geschenk, sondern ein ungeheurer Wechsel und eine Forderung an uns. Da stand das zerschlagene Judentum vor dieser Forderung, Palästina mit Seinen Felsen und trockenen Feldern und Wüsten, und wie eine Sphinx redete es mich immer an: Entweder du wirst mich fruchtbar machen, aus diesen Sümpfen, Gärten, aus diesen Felsen Felder machen oder ich fresse dich auf, ich zerstöre dich. Und da verging die ganze Freude und man n>ahm das Joch der Arbeit auf sich, jahraus jahrein, tagaus tagein. Und dazu brauchte man Menschen, Geld, Wunder. Und es geschah ein Wunder: es kamen die Menschen. Und wir müssen durch alle Stätten und. Winkel des Ghetto gehen, um ihnen, die wir in die Schützengräben geschickt haben, die Möglichkeit zu geben, zu arbeiten. Und da, lieber Grünbaum, ist mir die Freude vergangen. Sie sollte auch Ihnen vergehen. Wir werden dieses Joch weiter tragen, bis die besseren Tage kommen, die wir nicht erleben werden. Dies zu sagen, dazu braucht man mehr Mut als ein paar englische Beamte anzugreifen. So steht die Lage. Werden Sie sich auf dieses Niveau erheben, dann wird aus der Agency eine Knesseth Israel werden und dann werden auch die Paragraphen der Konstitution in Ordnung sein. Es wird alles in Ordnung sein. Werden Sie es nicht tun, dann sagen Sie heute nein. Dann werde ich Sie anklagen vor der jüdischen Geschichte und vor dem jüdischen Gott, daß eine große Zeit eine kleine Generation gefunden hat. (Langanhaltender Beifall.) k * Mittwoch, dein 31. Juli (hielt der Kongreß ©ine Nachtsitzuug. Zu Worte kaimen J, Her «er (Bessarabien), H. Fa,rcihy (Sofia), Dr. M, Glücksohn ((Palästina), iDr. M. Höndes (Warschau), Jiean Fl« scher (Antwerpen). Dr. Schemarjahu Lewin: loh kann begreifen, daft nuan. warnt, kann auch begreifen, daß man pessimistisch Ist und sich in Prophezei* ««gen ergebt. Aber in dieser Debatte hat mich eine Erscheinung rneTfewürdlg berührt: Soviel auch über das Jewisfo A-z^noy-Abkommtn gesprochen wurde, so sprach man doch mir von einer Seite, watend das Abkommen auf zwei Seiten beruht. Sie sprechen immer nur von Mar«! shaii und Warburg, es kommen doch »auch Sozialisten, was ebenso kennzeichnend ist für den Wandel der Zeiten, wie das Kommen von Marschall und Watburg. Und nach Marshai und Wartburg und den anderen werden noch weitere Kreise kommen. Meinem Sie ja nicht, daß diese, die jetzt .kommen, die am 'Weitesten entfernten sind, es giibt solche, die noch weiter von Uns entfernt sind, denn die Kräfte im Zentrum de»s jüdischen Lebens, die wir repräsentieren, waren bisher nicht ausreichend, um die äußerste Peripherie heranzugehen. Wir haben zwei Flügel im Judentum. Glauben Sie wirklich, daß es nur e\m Assimilation gibt? Es gab und gibt auch eine linke Assinrilation, vom Bund bis zu den Trade Unions in Ameritot, eine Aissiimilation, die sich in der Jüdischen Presse ausdrückt, die ganz assimiliert ist, im 10. Stockwerk des „Vorwärts". Da aber die Bewegung stärker geworden äst, so zieht sie mit ihrer zentripetalen Kraft von einer Seite Marsh&ifl und Warburg, von der anderen Seite Shipliakow. und die anderen Jüdischen Sozialisten heran. Solange Wir bloß auf den zionistischen ' Gedanken angewiesen waren, waren wir zu schwach, daß unsere Kräfte bis an die Peripherie gereicht hätten, . ■ > heute aber haben wir Palästina und das Verhältnis auf unserer Seite ist heute nicht tifty^ sondern fifty plus Palästina. Palästina wird gestaltet worden nach dem WunscK derjenigen, die diie tägliche Arbeit dort leisten. Hatte ein« andere Partei einen solchen Fortschritt In Palästina ge-i habt, so hätte sie ihn ganz anders ausgenützt. .Wito ver-i stehen es eben gar nicht, die Wiirkumg unserer Ide© auszunützen. Wir haben keinen Zionismus mehr in uns, wir begnügen uns mit den organisatorischen FoTOien, Ich habe vor dem Kommenden keine Angst. Ich kenne die Leute, düe heute zu uns kommen, ich habe sie bekämpft, aber wenn Sie glauben, daß diese Leute keine Beziehung zum jüdischen Problem haben, so irren Sie sich. Wir kehren von dier Organisation 0Utfüclc tour wegumg und wollen dieser Umkehr Ausdruck iverieJifoert durch die Agency. Ussischkin: Unsere Lage in Eriez Israel ist nicht gul. Ich nennet keine Tatsachen, denn sie haben keine Bedeutung, es ist nur ein allgemeines Gefühl. Eine ungeheuer 'tragische Frage ist brennend: die Frage der Klagemauer. Diese Geschichte dauert schon Jahre, tisrt am brennendsten im letzten Jahre geworden» und die Nachrichten, die jetzt. kommen, sind schrecklich. Ich Wierde Ihnen sagen, was ich vor vier Monaten einem der höchsten Leiter der s englischen Regierung in Palästina gesagt habe: 'Sagen Sie mir als Gentleman ehrlieh und offen, wenn diese selbe Geschichte mit ihren Gesetzen und Beziehungen zur arabischen Welt nicht bei uns an der Klagemauer, sondern beim Christusgrab geschehen wäre, hätten Sie nicht in 24 Stunden die ganze Frage erledigt? Seine Antwort war: wir hätten säe soforiü eiv ledigt. Darin liegt die ganze Tragödie. Ich weiß, wir sind kchwacb, ich weiß, wir, haben keine Kräfte ich weiß, wir. haben keine Möglichket, die Situation zu ändern. Wir sind schuld, daß wir schwach sind, dier größte Fehler in der Welt ist Schwäche. Aber eines will ich den Präslidenten fragen: Wozu uns beruhigen? Wozu uns die Situation so darstellen, als ob sie beruhigend sied? WS* sind hier in diesem Saale keine Feiglinge. Wir sind Zio-: nisten seit Jahrzehnten, wir haben uns niemals gefürchtet, auch vor Kemal Pascha nicht, wir werden keinen Schritt zurückweichen, wie schlecht die Situation im Lande auch . immer ist. Wk werden größere Anstrengungen machen, wir werden mehr Energie entwickeln. Das zu sagen» wäre die Aufgabe eines Führers und nicht die Beruhigung: alles ist in Ordnung. Wir haben ein sehr schönes Referat von dein neuen Mitglied der Exekutive Prof. Brodetsky über Erziehung der Jugend gehört. Er sagte, die Jugend geht von uns weg, wir müssen Maßnahmen treffen, sie wieder to unsere Reihen zu bringen. Er hatte nicht vollkommen recht Die Jugend geht nicht von uns weg. Sie geht weg aus den Reihen der Allgemeinen Zionisten. Sie finden zehntausende junge Menschen in den Reihen desi linken Flügels, viele -tausend« der Jugend in den Reihendes psrachi Hazair und Hapoel Hamisrachi, viele tausende in den Reihen des Revisionismus. Sie linden aber keine J«* gend in den Reihen der Allgeineinen Zionisten. Ich sehe mit offenen Augen, was geschieht. Das Er* gebnis sind die Wahlen des XVI. Kongresses. Im Generalstab der Heiligspreoher, in^ Deutschland, hat es drei neue Mandate des MIsrachl gegeben. Im zweiten Generals'tab, in Amierika, haben die Allgemeinen Zionisten nur dlp Hälfte aller Mandate bekommen. Hier hat gestern ein Delegierter aus Deutschland gesprochen, Kurt Blumenfeld, und zwar über die sogenannten Flügel im Direktorium des Keren Kajemeth, und hat sie beschul« digt, daß nicht alle frei sind, sondern ihre Instruktionen von ihren Partelen bekommen, Deshalb sei der Keren Kajemeth in Gefahr. Herr Blunienfeld, was Sie sagten, ist nicht richtig. Wir arbeiten mit diesen Vertretern viele jähr« und ich wäre glücklich; wenn alle Mitgftederj de«

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