Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 98 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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" Nr. 98 DIE NEUE WELT Seite 3 1 Vor dem Beginn. Großer Andrang von Besuchern. — Viele Beamte. — Zahl der Delegierten. — Die Jewish Agency wirft ihre Schatten voraus. — Die Aktionskoraiteesitzung. — Kons flikt zwischen Nationalfonds und Keren Hajessod. Von unserem Sonderberichterstatter. Zürich, 27. Juli. Das Züricher Fremdenamt meldet bis zum Eröff* nungstage 3500 fremde Besucher. Die Zahl dürfte sich noch wesentlich erhöhen. Sie steht in einem argen Miß» Verhältnis zur Größe der gemieteten Säle. Vor den Ein« gängen stehen hunderte Besucher und klagen, daß sie trotz vorheriger Bestellung keine Einlaßkarten erhalten haben. Besonders lebhaft beschweren sich die Jungen und Mädchen, welche gruppenweise von weit her gekommen sind. Aus Wien allein sind es über sechzig. * Der Kongreß dürfte nach den vorläufigen Angaben des Kongreßgerichtes ungefähr 300 Delegierte zählen. 250 gewählte und über 50 Virilisten umfassen. Die Gruppe der allgemeinen Zionisten besitzt 137, beide, Arbeiter* Parteien, welche jetzt einen Block bilden, 81, die Misrachi* sten an 50, die Revisionisten zwischen 18 und 20, die Radikalen 12 Mandate. Bemerkenswert ist, daß die Zahl der Schekelzahler und Wähler gegenüber den früheren Kongressen beträchtlich gesunken ist. Die große Zahl von Zuschauern und die kleine Wählerzahl sind Zeichen da* für, daß sich das Interesse veräußerlicht hat. Auffallend ist die große Zahl von zionistischen Beamten, welche aus Palästina und aller Herren Länder herbei* geströmt sind. Weniger Kongreßwähler und eine wach* sende Zahl von Beamten beim Kongreß. Diese Gegen* Überstellung ist kein Zeichen einer gesunden Entwicklung. * Das Aktionskomitee, die oberste Kontrollbehörde der Zionistischen Organisation, hat schon fleißig getagt. Es erledigte Vorfragen, welche das Programm des Kon» gresses und die Zusammensetzung der Kommissionen be* treffen, beschäftigte sich aber auch mit sehr wichtigen sachlichen und programmatischen Angelegenheiten, welche mit der Erweiterung der Jewish Agency in engem Zusammenhange stehen. Hier konnte man die kommenden großen Schwierigkeiten vorausahnen. Als das A. C. mit der Vorberatung des nächsten Budgets begann, stellte der radikale Abgeordnete Grünbaum die Frage, ob die Zionistische Organisation überhaupt noch ein Recht hat, ein Budget zu beschließen. Wenn dieses Recht dem Rate der erweiterten Jewish Agency (Council) zufällt, dann haben Beschlüsse des Kongresses nur den Charakter von Anträgen a n den Council:. Soll es dann möglich sein, daß solche von der Mehrheit des Kongresses beschlossene Anträge im Council von Zionisten bekämpft und eine z i o* n i s t,i s c h e Minderheit in die Lage versetzt wer* de, zusammen mit den N i c h t z i o n i s t e n grundsätz*. liehe Beschlüsse der obersten zionistischen Iristanz, des Zionistenkongresses, umstürzen zu können? Führt das. nicht zur Nullifizierung des Zionistenkongresses und zur Spaltung der Organisation? Grünbaum forderte Aus* spräche und Beschlußfassung über die Forderung der radi* kalen Zionisten, die zionistischen Delegierten in der er* weiterten* Jewish Agency an gewisse Kongreßbeschlüsse zu binden. Die Antwort, welche der Vertreter des Misrachi, Abgeordneter F a r b s t e i n, erteilte, zeigte, welchen bedrohlichen Kämpfen man entgegengeht. Färb* stein protestierte gegen jede Bindung und erklärte, I - \ä w** a daß er keinen Augenblick zögern würde, Forderungen %i$&QHhft£b t^Cw^U ^^ÄwwSf^ jener Gruppe mit Hilfe der Nichtzionisten ' durchzusetzen, auch gegen Beschlüsse des Zionisten* kongres'ses. Nach stürmischer Debatte wurde die Erledi* gung der Frage vertagt. Die beiden Fonds. Nationalfonds und Keren Hajessod, hielten Tagungen ab. Ein Resultat dieser Sitzun* gen war der Beginn eines bedeutsamen Konfliktes. Auf der Tagung des Nationalfonds wurde, offenbar unter der Annahme, daß nunmehr der Aufbaufonds Keren Hajessod von rechtszionistischer Seite " ''e Geldmittel erhalten werde, ein Ausbau des nunmehr einzigen, rein zionisti* sehen Fonds, des Nationalfonds, beschlossen. Sammel* methoden, welche bisher dem Keren Hajessod vor* behalten waren, sollen nunmehr vom Nationalfonds gleichfalls in Anwendung gebracht werden. Auf der Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke folgenden Tagung des Keren Hajessod wurde von den Direktoren Hantke und Jaffe darüber lebhaft Klage geführt und protestiert. Sie erklärten, daß dies zu einer schweren Schädigung des Aufbaufonds und zu schädlichen Konkurrenzkämpfen zwischen den Fonds führen müsse. Der Vertreter der Exekutive, Sokolow, warnte eindringlich vor dem Glauben, daß mit der Er* Weiterung der Jewish Agency bald große nichtzio* nis'tische Geldmittel k ommen wür d en. Das sei einlangsamer' Prozeß. Der anwesende Präsident - des Nationalfonds Ussischkin erklärte dezidiert, daß der Nationalfonds sich nicht länger durch den Keren Hajessod binden lassen werde,, und daß er bei, sein.m Beschlüssen verharren werde.. Der Nationalfonds hat nicht nur große Schulden für bereits durchgeführte Boden* kaufe, sondern auch große Nachzahlungen zu leisten. Er muß jetzt Boden in großzügiger Weise kaufen. Er müsse LOYD ESTINO UND RETOUR ' mit den vorzüglichen Sälonschiffen „Adria" und „Carnaro". Fahrtdauer 5l/a Tage. Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22.-, II. Kl. Lst. 15.-, III. Kl. Lst.5.-. Für Chaluzim und Touristengesellschaften besondere Ermässigungen. Für Einzelreisende kostet die Fahrt Tr iest*Jaf I a rl a if a und zurück in der III. Klasse insklusive Kabine und Verpflegung bloß österreichische Schilling 345.— Auskünfte: Lloyd Triestino,Wien, I., Kärntnerring 6 der gesamten Körper-, Teint- und Haarpflege. Naturheilmittel und Rezepte zur Kürpcrverschönunff und Teintverjüngerung. 2. Auflage. S 8.— In allen Buchhandlungen. Prospekt gratis. Verlagsexpedition: J. Suflmann* Wien , I., Salztorgasse 7, Tel. tf»24»4-43 Vertreter allerorts gesucht. daher ohne Rücksicht auf frühere Bindungen gegenüber dem Keren Hajessod, seine Sammelarbeit auf allen Ge* bieten ausdehnen und seine Methoden unbehindert ver* vielfachen. Auch in dieser Frage sind schwere Kämpfe zu erwarten, nicht allein auf dem Kongresse, sondern auch bei der Arbeit nach dem Kongresse. Aus dem radikalen Kongreßklub Zürich, 28. Juli. Heute trat die Delegation der radikalen Zionisten zusammen. Sie ist aus den Delegierten und Vertretern der einzelnen Länder gebildet. Den Vorsitz führte Ingenieur Robert Stricker (Wien), Schriftführer sind Frau Dr. Margulies (Tschechoslowakei) und Ingenieur Land stock (Polen). In die Kongreßkommissionen entsendete der Klub nachstehende Personen: 1. Permanenzausschuß: Robert Stricker, Ersatz Dr. N. Goldmann; 2. Jewish Agency: Dr. Solow e i t s c h i k, Ersatz Dr. Margulies; 3. Organisation: Grünbaum, Ersatz Soloweitschik; 4. Politische Kommission: Dr. G o 1 d m a n n, Ersatz Dr. M a r g u 1 i e s; 5.-Budget und Finanzen: Dr. Margulies; 6. Immigration und Arbeit: Chefredakteur Goldberg, Ersatz Dr. S c h e c h t e r; Kolonisation Dr. S c h e c h t e r, Ersatz B e n e v i s t i; Hochschulkammer: Dr. G o 1 d m a n n, Ersatz Stricker; Erziehungskommission: Abg. Hartglas, Ersatz Chefredakteur Finkelstein. Ins Präsidium des Kongresses wurde Podlischewsky (Warschau) entsendet. Der Klub nahm zur Frage der finanzpolitischen Kommission Stellung. Diese Kommission, welcher die Kontro 11 e der Gebarung aller wirtschaftlichen und finanziellen Institutionen (Banken, Fonds, Unternehmungen usw.) obliegt und die am letzten Kongresse viel zur Aufdeckung schädlicher Mißstände beitrug, ist diesmal im Programme des Kongresses ü b e r-< haupt nicht vorgesehen. Der radikale Klub be-. schloß, die sofortige Einsetzung dieser Kommission zu beantragen, dies um so mehr, als aus den den Delegierten vorgelegten offiziellen Berichten hervorgeht, daß eine Kontrolle dringender als. je erforderlich scheint. Ein ominöses Vetorecht! Delegierte aus Amerika < brachten eine Nachrichti welche Befremden und Aufsehen erregte, aber nach dem Stande der Verhandlungen mit den reichen amerikanischen Nichtzionisten viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Die oberste Leitung der erweiterten Jewish Agency soll bekanntlich von einem vierziggliedrigen Administrationsrat besorgt werden, der aus zwanzig von den Zionisten gewählten Mitgliedern und zwanzig Nichtzionisten bestehen wird. .Wie berichtet wird, soll Herr Marschall im Namen der Nichtzionisten ein Vetorecht bezüglich der zionistischen Das Blut schreit! Von B. Epelbaum. Jene Nacht — unter den Nächten des Jahres soll sie nicht gezählt werden — war sommerlich, still -und verträumt. Tiefblauer Himmel hing lächelnd rings um die Nac'ht und große, stöbern glänzende Sterne — Sterne, die in den ukrainischen blauen Himmel eingestickt sind — blickten auf das jüdische Städtchen hera<b; Die Felder ringsum atmeten herfoe Düfte aus. Aus den Wäldern stieg das Rauschen erblühter Bäume auf. Irgendwo in einem Teich quakten Frösche und baten'um Regen. Das Städtchen seihst aber schwieg schwer wie der alte überwachsene Friedhof, schwieg in dichter Angst, die Häuschen und Gäßo'ben umschloß. Alle Fenster waren dunkel. Die Scheiben schwarz,, glänzend, erschreckend wie die Augen schwarzer Katzen. Di'e Häuschen sahen wie Ruinen aus. Juden schwiegen drinnen und hatten weiße Gesichter, hörten auf das schwere Podien ihrer Herzen und iispelten mit Mutlosen Lippen Gebete und Psalmen. Die schliefen, lagen mit den Ge- . sichfern nach unten, die Ohren scharf, hinhörend auf jedes leise Geräusch der Nacht. In dieser Gegend brannte Petlijuras Wüten. Brannte mit Hohn und Haß. Und dabei brannten' auch die jüdischen Städtehen. Wie ein Brand, der über die Erde schleicht, kroch das wilde Wüten von Städtchen zu Städtchen, von jüdischem Haus zu jüdischem Haus, und trieb Wahnsinn dn die Kidischen Herzen. Wer weiß, wann die Stunde schlagen und der schwarze Brand das Städtchen erreichen wird. Aber schlagen wird sie. Es naht diese Stunde, die das Blut a/us jüdischen Ledhern saugt, seit so vielen Tagen schon, das Mark in den Knochen erstarren läßt, seit so vielen Nächten schon. Und Flucht Übt es triefet. AHe Weige sind versperrt. Und wohin auch flüchten? Wer wird Heil bringen? So blieb das Städtchenam Platz, so lag man die finsteren' Nächte in Kleidern und hörte auf jedes Geräusch, auf jeden Klang der Nacht. Und die Nacht war sommerlich, stiill, verträumt, f"vi ein blauer Himmel hing rings um das Städtchen. * In jener Nacht hat die finstere Stunde geschlagen. Der schwarze Brand fraß an den jüdischen Gehöften und erreichte das Städtchen. Ztiim Städtchen drang plötzlich das Klirren scharfer Sensen, Getrampel schwerer Stiefel, Pferdehufe, und betrunkenes. Geschrei, das in der Nacht gröhlte. Das'' ganze Städehen erbebte in bangem Zittern und -erstarrte in Ohnmacht. Metallische Schwere erdrückte es. In den St'ü'behen saßen Juden mit Weiib und Kind, Schnur und Eidam saßen ahme Witz und ohne Verstand. Nadeihart standen die .Haare unter den Mützen. Weiße Augen starrten aus weißen Gesichtern. Die Herzen zappelten «wischen Spießruten, konnten nich t •platzen, verstanden nicht sich zu beruhigen. Es naht die Stunde. Die abgematteten jüdischen Leiber weinten und flehten das Ende für sich herbei. Öh! Wer ,kennt nicht den Beginn des Schreckens, der schön so lange quält! Mag es doch endlich geschehen und der Schreck zerreißen! Aber die Herzen bebten. Und was jetzt? Zu wem flehen? Wo Hilfe suchen? Nur eines blieb hoch zu tun . , . Was? Das wußte man nicht klar. Nur das Gefühl lag in den Heroen, Von finsterer Stube zu finsterer Stuibe irrte dieses finstere Winde Gefühfl. Ale griffen es mit den Händen, wußten nur nicht was es s'ei. Der Lärm kam näher, betäubender. Das Lachen hallte wieder mit düsterer Verkündung. Im ersten Häuschen, das am Rande des Städtchens steht, saß ein junger Jude vor Schreck erstarrt. Der Schrecken hatte den »Körper eisstarr gemacht, aber im Blut war das Gefühl reiif geworden. Plötzlich — ein bleiches schaudervolies Schreien entrang sich seinen Mund, ohne seinen Willen, ohne sein Erfassen. Und das Geschrei konnte nicht mehr aufhören. Das Blut hat zu schreien be-? gönnen. Und diese Stimme drang ins Nachbarhaus und sogleich begann ein Zweiter zu schreien, und dann ein Dritter. Die Kehlen begannen aufzutauen, so wie man eine Kerze anzündet, eine nach der andern. Kehle heftete sich an Kehile, Haus nach Haus begann zu schreien und — auf einmal — alle lebenden Wesen des Städtchens; schrien mit solchem Geschrei wie das einer vom Hunger zermürbten Wolfsherde. . Das Geschrei flehte nicht, klagte nicht, sondern schrie in die Welt hinein. Verzweiflung und Wahnsinn schrien. Das ganze Städtchen schrie jetzt ein Geschrei. Weilt, sieh, was mit uns geschieht! Welt, sieh, keine Hilfe! Nur das Geschrei ist da. Wer das Geschrei gehört hat? Niemand. Nicht Himmel und nicht Erde.. Ein Städtchen steht 'zwischen Feldern und Wäldern und schreit Grausiges in die Weit hinein. * Die Bande Banditen blieft) am Rande des Städtchens stehen und Schreck machte sie verstummen. Au'gen gaUften, und Gesichter tölpelten. Das Geschrei verstärkte sich. Das Geschrei flammte schwarz auf und umfing das ganze Städtchen. Die ukrainischen Bauern 'begannen zuTückzuw:eichen, Die betrunkenen Hirne begannen nüchtern zu werden. Das Geschrei drückte sie zurück.' Ein Teil senkte die Köpfe, ein Teil bekreuzte sich. Der Schrecken, der aus dem Ge*. schrei schlug, brachte bigotte Ekstase. Die still1? Sekunde zog sich, wurde größer und das Geschrei tobte. Es war eine Sekunde des Niederhruchs. Einer von ihnen mit