Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 97 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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T Seifei ~*£T »»■' ...........1... in. ii Ii i DIE NEUE WELT Nr. 97^ Allerfetnste fgatt c&ßSß- Wie Theodor Herzl starb. Von Hof rat Univ.-Prof. Dr. Gvtstay Singer, Wien.*) Im Dezember dos Jahres 1903 kam Theodor Herzl zu mir, um sich ärztlichen Rat zu holen. Ich war ihm vorher schon öfters am Krankenbette eines seiner Verwandten begegnet und wir sprachen wie zwei vertraute alte Bekannte. Schon längst hatte mich der Schriftsteller Herzl an sich gefesselt; ich verdankte ihm Erbauung und genußreiche Stunden. Die Plastik seiner Reisebilder, die Meisterschaft, mit der er das Parfüm des Pariser Salons in die deutsche Sprache eingefangen, die Anmut und Gemütsiiefe, mit der er die Seele seiner Kinder schilderte, hatte mich ihm stärk verbünden. Jetzt kam ein anderer zu mir. Ein blasser, müder, kranker Mann. Ich mußte bald erkennen, daß der Tod ihn schon belauerte. Sein Puls war unregelmäßig, das Herz in seiner Kraft schon geschwächt, was auch deutliche Stauungserscheinungen verrieten. Dazu die. Schatten . um seine sonst so feurigen Augen und die trüben Ahnungen, die ihn befielen. Ich -glaube, es ist mir eine Zeitlang gelungen, ihn. zu täuschen oder wenigstens vorübergehend zu beruhigen — aber nach allem, wa& ich mit Ortnerbesprach, der ihn auch, beriet, myßten wireine "fortschreitende" Herzmüskelerkrarikiihg annehmen, die ein baldiges Versagen der Herzkraft befürchten ließ. Oft,1 wenn er sich schlecht'fehlte oder aus den Verordnungen, die ihm Ortner gab, die Herzkrankheit, an der-er litt, herauslas, kam er zu mir. Ich habe ihn eigentlich nur psychisch behandelt. Und so kam es, daß wir im Gespräch manche Zeitereignisse streiften. - Aus dem Feuilletonisten und Causeur war ein Staatsmann geworden, der1 ernste, wie viele meinten, utopische Pläne ' schmiedete.1 - Ich habe inder Unterhaltung; mit ihm seine Schwärmereien oft mit Spott bedacht — ich?" habe ihm dafür nachher" im Herzen viel Abbitte geleistet. In seiner großen Güte und Kindlichkeit hat ex. das nie;|ib§l. genommen,., ja ^vieles, Jiaft er, selbst mit Heiterkeitquittiert. Bezeichnendr-ist' eine' Meine- .Episode, 4er.en ich mich. deutlich erinnere. Er war bei mir angesagt, kam nicht un4 es hieß, daß er für, längere Zeit verreist sei. Mehr konnte ich nicht erfahren. Als er schon recht lange weg war und niemand mir sagen konnte, wo er sich eigentlich, aufhalte, begann ich unruhig zu werden. Da stand. eines Tages Herzl wohlgelaunt, wie schon lange nicht, vor mir. Meine Vorwürfe beantwortete er mit Lachen und sagte mir dann ganz gravitätisch, daß er zum Dank für meine Fürsorge mir ein großes Geheimnis anvertrauen wolle. Er sei beim Sultan gewesen, mit dem er wegen der Abtretung Palästinas für die Ziönisten verhandelt habe. „Ihr Wort, daß Sie das für sich behalten, lieber Doktor!" „Ich verstehe," sagte ich, „eine geheime Monarchenentrevue." Darüber hat er wie ein Kind gelacht und mir alles verziehen, was ich früher durch abfällige Bemerkungen über diese nebelhaften Gründungen mir hatte zuschulden kommen lassen. .; , . , Viele Enttäuschungen und bittßre Erfahrungen haben an seinem mürben Herzen genagt. Im Anfang des Sommers sah ich ihn in Edlach, in einem Lehnstuhl liegen, mit geschwollenen Beinen. Er wußte jetzt genau, wie es um ihn stand und wehrte allen Trost" ab. ,~ An einem heißen Julinachmittag, es war ein Samstag,-wie ich mich noch genau erinnere, kamen *) Aus dem bereits erwähnten Buche Dr. T, Nuss'eribl'attes „Zeitgenossen über Herzl' mit Genehmigung des Verlages.; . ein paar Studenten zu mir, geführt vom ehrwürdigen Reverend Hechler. Herzl fühle sich sehr schlecht und ließe mich bitten, zu ihm nach Edlach zu kommen. Mit knapper Not erreichten wir den Zug. in düsterer Stimmung ging die Fahrt vor sich. Herzl lag in einem kleinen Gartenpavillon. Bevor ich zu ihm giiig, trat der anglikanische Priester, ein begeisterter Zionist, auf mich zu, sprach ein paar Bibelsprüche und legte mir die Hände wie segnend aufs Haupt. „Möge Gott Sie erleuchten, daß Sie dem großen, einzigen Mann da drinnen helfen." Es war einer der ergreifendsten Augenblicke, die ich als Arzt erlebt habe. Ich ging mit Dr. Kornried, dem auch schon verstorbenen Oberarzt der Anstalt, zu dem großen Dulder. Er rang schon mit dem Tode. Mit fliegendem Atem stieß er die Worte hervor, man möge alles tun, damit er seine Mutter, welche man telegraphisch herbeigerufen hatte, noch sehen könne. Wir organisierten eine Nachtwache; die Studenten, die draußen kampierten, wechselten ab; Konried und ich waren unzählige Male bei ihm. Mit allen Mitteln haben wir das fliehende Leben zurückzuhalten versucht. Daß er den Morgen noch erlebte, war ein Wunder. Sein wohlgestalteter, athletischer Körper reckte sich immer wieder zu übermenschlichem Trotz auf; dann HBICT -SALB) Z&PFCUEH w^onm&**^-izmmom-to HAI M ALAN fiel er in die Kissen und schien bewußtlos. Das Stundenglas verrann unaufhaltsam. Immer wieder, wenn er ei n: wenig Atem erkämpft hatte, kam seine gebieterische Mahnung, alles zu tun, er müsse die Mutter noch sehen. Mit einem Male richtete er sich wie ein Imperator auf seinem zerwühlten Lager auf, deutete auf die Studenten draußen und sagte mir im feierlichen Ton, -mit der Geberde eines Sehers: „Es sind prächtige, .gute Leute; meine Volksgenossen! Sie werden sehen, sie ziehen in ihre Heimat ein!" Was man für ein Trugbild eines Sterbenden halten mußte, ist, welches Wunder, zur Wirklichkeit geworden! Endlich nach langen quälenden Stunden öffnet sich die Tür und eine große, schwarze Frau fliegt dem sterbenden Sohn an den Hals. Wir gingen hinaus. Was sie miteinander gesprochen, hat wohl niemand erfahren. Ich habe in diesen düsteren Augenblicken empfunden, daß ein brennender Wunsch, der söihe Seele in den letzten Jahren umfangen hielt, zur Erfüllung wurde.1 Von seiner leiblichen Mutter geleitet, ist ex der heimatlichen Mutter Erde, der Scholle, die er "für sich und sein ungluck**' iichesf/Volk ••«rkäm^ftej^|ige1öiltj';-; >: Er starb wie der' Prophet im Angesicht des gelobten Landes. ', Herzl und der Sozialismus. : Auf dem Bankett in Petersburg anläßlich 'des Aufenthaltes in Rußland "1903 befand sich Theodor Herzl in der Situation, einem Redner der Poale Zion in bezug auf die Verknüpfung des Zionismus mit dem Sozialismus zu. antworten.. Nach einem Bericht von Ben*Zion K a t z iin Warschauer „Hajnt": führte Herzl .aus:. „Ich sehe hier, daß es einige gibt, die den historischen Fe h l.e r .wiederholen wollen, den unsere Brüder in Westeuropa seinerzeit gemacht haben. Diese Juden, vertrauten den. guten. Herzen-der Liberalen und halfen den Liberalen nicht-nur . mit ihrem Geld, sondern auch mit ganzer Seelie, Massenweise nahmen die Juden am; Freiheitskampf in Westeuropa teil .und jetzt sehen wir in Wien als Bürgermeister einen Antisemiten, als Präsidenten des Reichstags /einen Antisemiten, und wenn es einen Konflikt zwischen Juden und einem Nichtjuden gibt, so we.iß der. Jude von vorneherein,., daß er verliert. Das Pf Iii gen.fr em der Felder bringt die Vernich* tung der Juden, und des Judentums. Für Fremde arbeiten wir, aber nicht für uns. Für uns gibt es nur einen Weg:' das ist Zionismus! Und die sagen, man könne Zionist sein , und auch andere Arbeit leisten, in der sje eine Rettung für das-, jüdische Volk erblicken, bringen weder hier .noch dort'Nutzen. Die Zeit ist da, daß jede Partei ihre Grenzen kenne. Jede Vertuschung bringt uns', großen Schaden, , Das Baseler. Programm ist klar. Das Programm wie es ist, hat große Sympathien in Europa. Aber wenn man es mit anderen Dingen verkleidet, die nichts mit Zionismus zu tun haben — dann hört man auf, an uns zu glauben, und nimmt an, daß das Baseler Programm eine Maske für andere Dinge ist. Wenn wir sehen, daß man in den Zionismus vor» zeitig verschiedene Ideen hineinträgt — ich betone das Wort „vorzeitig", denn ich bin nicht gegen die Idee für die Zukunft — habe ich großen Verdruß. In Palästina, in unserem Lande, wenn dort ei«e extreme Partei in sozialem Sinn geschaffen wird, wird sie am Platz sein. Die Partei wird bestimmt am Aufblühen des Landes mithelfen. Dann werde ich mein Verhältnis zu dieser Partei festlegen. Es tun mir alle jene Unrecht, die sagen, daß ich dem Gedanken nach von fortschrittlichen sozialen Ideen weit entfernt bin. Aber hier, unter den gegenwärtigen Verhältnissen, ist es verfrüht, sich mit der .Realisierung dieser Ideen zu befassen. Der Zionismus erfordert ganze Menschen und keine halben. Menschen, die ihre Kräfte verschiedenen Dingen widmen, können uns keinen Nutzen bringen. Betrachte ich eure Lage, meine Brüder, so sage ich euch: Ihr tut nicht gut daran, zionistische Prinzipien mit anderen Prinzipien zu vermischen." Diese vor ' den russischsjüdischen Ziönisten ge* sprochenen Worte bezeugen wieder die Ganzheit des Herzischen Systems als des unbedingten Judenstaats* Zionismus. Theodor Herzls Erbe. Als Theodor Herzl vor 25 Jahren starb, hinterließ er ein Erbe, wie es noch kein Führer des jüdischen Volkes in der Zerstreuung hinterlassen hat; den zum ersten Male zusammengefaßten politischen .Willen zur Lösung der Judenfrage: den Zionistenkongreß und die Zionistische Weltorganisation. In diesen Faktoren ist das jüdische Volk nach 2000 Jahren das souveräne Subjekt seines Schicksals geworden. Eine Reihe Von Reflexen, darunter die Dreifus- Affäre, gab dem an der Peripherie des Judentums stehenden Weitmann Theodor Herzl den Impuls, die Schwedens beste Rasierklinge rasiert schnell, angenehm, erhält die Haut zart Vorzimmer' und Küchenmöbel Für solvente Kunden Zahlungserlelchterung I sg^^£ JOSEF KÖßLITZ & SOHN jüdische Situation in ihrer ganzen Anormalität und Trägikl1zunerfa8senr'un-d v.wang '^n zugleich, die Lösung zu suchen und zu begründen und zu einer revolutionären Umgestaltung des Begriffes „Jude" durch die Tat zu sehreiten; Worin bestand die Revolütiohierung durch Herzl? .Darin, "daß1 er die Wirklichkeit1 der Judenfrage in der Welt bloßlegte und sie aus dem Dunkel religiöser .,und rass.emäßiger .Definitionen in das Licht soziologisch begründeter Notwendigkeit . 'stellte. Die Judennot war . der Ausganspunkt, der Jüdenstaat der Endpunkt! Jene beinhaltet wirtschaftliche, kulturelle und politische Niederhaltung der Minorität, die durch' die Z e r s t r e ü ü n g bedingt ist, und daher ist die Befreiung von der Niederhaltung nicht durch humanitäre Maßnahmen^ durch Aufklärung .und: defensive Abwehr möglich — der Kampf von Majorität und Minorität ist eine naturnotwendige soziologische Erscheinung .—,' sondern nur durch die radikale Maßnahme, die Minorität von der Majorität zu lösen. D i e Juden frage ist eine politische Frage. Die Lösung muß eine politische sein: das jüdische Volk ist ein Volk! Ihm muß nUn das verlorengegangene Attribut wiedergegeben werden: d:as Land als Heim für das ganze Volk! Die territoriale Zusammenfassung hat politische Methoden zur Voraussetzung, die im strikten Widerspruch zu allen philanthropischen, humanitären und staatsrechtlich labilen Maßnahmen stehen müssen. Sie bedingt die völkerrechtlich antizipierte Garantie des Judenstaates. Die logische Folgerung aus dieser Erkenntnis brachte Herzl nach zwangsläufig sich ergebenden Niederlagen bei der ■ jüdischen Autokratie und Plutokratie — den Baronen Hirsch und Rothschild und deren Kollegen —*„.z.ur Schaffung der jüdischen Demokratie:, Der Zionistenkongreß und die Zionistische Weltorganisation, als Manifestation des politischen Willens sind die Instrumente der jüdischen Gesamtheit, die Realisierung* des Judenstuates unterwegs; sie heben sich erst mit dem faktischen Sein des Judenstaates auf. In diesem Rahmen konnten Bestrebungen wie die des sogenannten Achad Huumschien Kulturzionismus und nicht politisch-zionistischer Kolonisierungsforraen keinen Platz fiuden, weshalb sie dem Phänomen Herzl verständnislos, ja kämpferisch gegenüberstehen mußien. Herzls politische Konzeption der Lösung der Judenfrage hat drei Jahrzehnte hämischer Kritik, aber auch praktischer Bestätigung hinter sich. Gerade die wichtigsten Ereignisse, die den Zionismus vorwärts trieben, tragen den Stempel von Herzls Geist. Balfour- Deklaration und Völkerbundmandat tragen Herzischen politischen Charakter. Sie könnten die Stufen sein, auf denen man zu Herzls Judenstaat hinansteigt. Sie könnten es sein, würde nicht die Tendenz der früher angedeuteten Gegenströmungen durchbrechen,