Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 96 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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~-rNr. 9g _ DIE NEUE WELT_, . '. _Salto :ll Bevor Sie reisen — vSRFRßMANN Ii n im m n ■» CS^fc mm m ■ H Strickwaren etc. En gros — en detail BEiMlIllllll Uwl ■ «■lllflllll KOIIHIien Jie ZU URS« infolgekleiner Realen ipottblllial i, Rabensteig 3 mWattStm „Warum schämst du dich? Wir können ja offen davon sprechen" — sagt sie und bemüht sich, ihrer Stimme Klarheit zu geben; dabei drückt sie seinen Kopf immer fester an ihre Brust — „ich habe auch daran gedacht... sie wird eine bessere Frau für dich sein als ich. Ich werde dich nur stören und sie kann dir helfen." „Warum sprichst du so?" — Buchholz weint. „Weshalb denn nicht, Chaskel?... Ich wollte es dir selibst sagen, lange schon, du mögest lieber mit Miß Forster nach Europa fahren. Ich will nicht mitfahren. Ich bleibe lieber hier." „Liebst du mich nicht mehr?" —- fragt Buchholz. „Warum sollte ich dich nicht lieben, du Kind?" — Dwojre lacht. — „Doch mit dir mitfahren kann ich nicht. Miß Forster muß mit dir fahren." „Schweig', schweig', ich bitte dich!" „Warum können wir nicht davon sprechen? Warum weinst du? Ich will nicht, daß du weinst." „Und wer wird mit dir sein?" „Ich habe es mir überlegt. Mein Vater ist aWein und die Kinder sind klein. Es ist niemand da, der sich «m sie kümmert." „Die ein wenig Kleine, die ein wenig Dicke, diese Brejndelc Kosak, nicht wahr, eine brave Person?" Holzman hebt den Kopf, lehnt ihn an die spitzen Ellenbogen seiner dürren, ausgetrockneten Hand und blickt mit den scharfen, spitzen Augen in die Finsternis, die nur noch wie ein schütterer bläulicher Streifen durch den: Frühmorgen zieht. Bis zu dieser Minute hatte Holzman Brejndele Kosak fast vergessen gehabt. Jetzt erinnerte er sich daran, daß. sie die ganze Zeit drin zusammen mit dem Burschen gesessen habe — worüber mochten sie gesprochen haben? Wer weiß! Es gibt genug Zwischenträger, Schelme auf der Welt. Neinj, er kann es sfich nicht verzeihen, daß er sich mit den Leuten so hineingespielt hat, fast vergessen hat, auf den Jungen aufzupassen. Ein andcresmal soll ihm das nicht mehr passieren, ein nächstesmal, Holzman kann nicht mehr schlafen. Er verhustet sich und fragt Rafalesco mit halbwacher Stimme, worüber er eigentlich die ganze Zeit dort drüben mit Brejndele Kosak gesprochen habe. Rafalescos Antwort beruhigt ihn: worüber soll man sprechen? Ueber nichts. Ganz und gar nichts. Nur so herumgesprochen. Geplaudert. In die Welt hineingeplappert. „Aber doch?!" Rafalesco erzählt ihm, worüber sie geplaudert haben. Er gibt ihm phantastische Dinge wieder, gestrige Tage, und lacht über sich selbst, daß sich solche Lügen so leicht, so glatt wie Oer aus ihm herausgießen. Und j« mehr er lügt, um so gereimter sieht es aus*. Rafalesco fühlt, daß er nicht das spricht, was er sollte, unterbricht sich deshalb selbst. „Diese Brejndele Kosak, wahrhaftig eine brave Person. Eine gute Seele. Ein Mensch ohne Galle. Undt anscheinend eine brave Schauspielerin. Muß ausgezeichnet spielen können. Alle Schauspieler spielen hier ausgezeichnet. Was? Etwa nicht?" Keine Antwort. Wahrscheinlich schläft Holzman schön! Ja, er schläft schon. Holzman schläft schwer.. Etwas rührt sich dort immer bei ihm in der Brust, eis! röchelt und es rasselt von innen herauf, herauf durichi den Hals und kann niemals zu Ende rasseln. Deshalb) verhustet er sich fortwährend und schnürt den Husten ab und flucht aus dem Schlaf „die Cholera...". Wäl'zÜ sich auf die andere Seite, schläft wieder ein und röchelt weiter, bis ihn für eine Weile wieder der Husten aufweckt!, so daß er wieder „die Cholera" flucht und wieder einmal einschläft. * Wie kann man in einer solchen Nacht schlafen? Das kann Rafalesco nicht begreifen. Eine halb winterliche, aber wundervolle Nacht; Gesegnet sei diese Nacht. Und er» springt von der Bettstelle auf. Er öffnet das Fensten, beugt sich halbüber hinaus und füllt sich> soviel er kann, mit frischer Luft, umfaßt mit einem Blick den ganzen Horizont. Ausgelöscht sind die Sterne. Auf der einen Seite hängt ein bleicher, verhauchter Mond im Untergehen. Ein Augenblick noch und er verschwindet. Das halbnächtige Blau verdämmert zum Frühmorgen. Kaum hat man sich's vensehen, wird der Tag mit seinem Lärmi beginnen. Unserm Helden ist alles gleich. Mag Tag seh*, mag Nacht sein, da Gott eine so wunderbare Welt hat Eine so teure, so gute, so süße Welt! Gesegnet sei diese. Welt! Wie kann man schlafen, wenn es in der Seele so wohl ist? Wie kann man schlafen, wenn das Herz so voll ist und er sp gern« singen möchte? Er möchte eiligen, singen... „Und nach Europa mit mir?" „Nein, Chaskel, das ist nichts für mich." „Dwojre, was redest du? Dwojre! Meine Dwojre!" „Weine nicht, ich bitte dich, weine nicht" — sie zieht ihn an ihre Brust wie eine Mutter ihr Kind... „Ich habe es nicht gern, wenn du weinst." * i Am Morgen bereute Buchholz, was bei Nacht geschehen war, und schwor Dwojre zu, er habe, nur sie lieb und werde nur mit ihr nach Europa fahren. Dwojre hörte ihn ruhig lächelnd an und nickte mit dem Kopf. Ihr Verhalten, ihr Lachen, ihre Freude ließen nicht merken, daß sie etwas ganz anderes im Sinne hatte. Er ging fort, um Miß Forster rasch zu verständigen, es sei beschlossene Sache, daß er mit Dwojre nach Europa reise. Ehe er noch zurückkam, hatte Dwojre ihre wenigen Habseligkeiten eingepackt," und mit demselben altmodischen Kofferchen, mit dem sie zu Buchholz,, gekommen war, verließ sie ihn; sie ging, um anderswo die verborgene Pflicht zu erfüllen, die sie in sich trutg als Erbe ihrer Mutter... Ende. 6 0. Kapitel. Diplomaten. Holzman roch mit seiner scharfen, spitzen Nase, daß der Direktor des Lemberger Theaters, dieser „Jokl ben Flekl", ein Auge auf seinen „Burschen" geworfen habe. Holzman hat Gott sei Dank einen scharfen Blick. Er hat gesehen, wie alle um seinen Rafalesco herumtanzen und auf ihn blicken wie eine Katze auf Schmalz), aber er tat so, als sähe er das nicht. ,Tanzt, Kinderfchenl, tanzt! Ihr tanzt ja auf eurer eigenen Hochzeit/ So dachte unser Holzman und ging einen „Schritt" nach dem anderen. Zuerst spielte er auf ein Blatt mit dem Bruder der Primadonna, der sich ihm zu stark um den Jungen herumdrehte und ihn anlächelte wie ein .„ungewaschenes Aas". Ihr könnfs euch malen, daß einen solchen wie diesen „Schmerbauch Schwalb" Holzman zehnfach hinter den Gürtel stecken könnte. Einmal bat Holzman den Tragödlsten Schwalb zu sich in eine Restauration und begann bei einem Glas Bier und bei Wurst ihn in den Tag hinein zu loben, sjch die glücklichen Jahre zu wünschen, um wieviel Schwalb mehr Schauspieler sei als alle seine Kollegen. „Solange soll sein Direktor Jokl ben Flekl Kränk haben, wie er nicht wert ist, einen solchen Tragödisten wie Schwalb..'." Damit hatte Holzman ihn sofort gekauft. Er war ihm dort auf den Schuh getreten, wo er ihn drückte. Schwalb gestand ihm, natürlich geheim, daß er schon lange diesen Exploitator hatte zum Teufel schlagen wollen,, sei er aber erstens für ganze drei Jahre durch einen; Kontrakt gebunden und zweitens sei „kein Faden" vorhanden. Hätte er wovon, hehehe, dann, wo wäre er jetzt schon?! Solange soll Getzl ben Getzl nicht faulen! wie lange ihn Lemberg noch sehen würde. Er würde schon finden, wohin zu fahren mit einem solchen Primadonnachen wie seine Schwester. London, sagt man, ist eine ein bißchen größere Stadt als Lemberg, wie? „Ein bißchen", gibt Holzman zu und schlürft an seinem Bier. „Na, ein Theater, sagt man, gibt es dort, ein bißchen ein schöneres, wie?" („Ich glaub auch," gibt Holzman zu und schlürft an seinem Bier. Nein, noch schöner. Schwalb hat dort einen Bruder in London. Einen leiblichen Bruder. Auch einen Zigarettenhändler. Das heißt, einmal war er ein -Zigaretten- Händler, heute ist er schon ein „businessmann". Vor kurzem sein Porträt geschickt: ein Kerl mit einem solchen Bauch mit einer goldenen Kette, mit einem Diamantring — nicht zu erkennen, daß er das ist. Er schreibt ihmyder Bruder nämlich, um Gotteswillen hinzukommen mit der Schwester nach London, werden sie wissen, was das heißt auf der Welt gelebt. Holzman hört ihm zu. So ein Jahr auf ihn .wie klug der Bruder ist. Er, Holzman, hat er denn nicht selbst Lust, mit seinem Jungen nach London hinüberzuspringen? Es zieht ihn schon lange dorthin, nach diedem London. Ein braves Städtchen, sagt man, dieses London. Eifühlt, daß man dort das' große G machen kann. Die Hauptsache ist, daß man einen Cheder zusammenstellt wie es sich gehört. Er weiß, was ihm fehlt. Seiner Kompanie fehlt ein richtiger Tragödiker für die wirklich starken Rollen und eine schöne Primadonna wenn er diese zwei kriegt, dann der Teufel in die ganze Welt hinein. Nach einer halben Stunde, als die zwei. Seelen Holzman und Schwalb, große, starkduftende Trabukozigarren in den Mäulern4 die Restauration verließen, drückten sie sich sonderbar kräftig die Hände und lächelten-einander so freundlich an wie Menschen, die sich auf. den Wink' verstanden und sich in sehr dicker, sehr. ernster ..Gutfreundschaft gehindert haben. ■ <« Bemerkend, daß die „Pflanze" (Holzman) sich da etwas zü stark mit dem „Schinerbauch" (Schwalb) zusammengepaart hat, gab die Sippschaft' es'sogleich "den Ohren ihres Direktors ein: fc,Die Sache ist so, daher... Unser Itzigl ist etwas zu sehr verbandelt mit dem Kracher aus Bukarest." Der Direktor Getzl'ben Getzl hörte alle Zuträgereien wie ein Unschuldslamm an. Tat, als Wörde er delb und grün werden' und aufgebracht sein,über den „Vagäbünd" und hieß ihn zu sich rufen, diesen Zigarettenläufer Schwalb. Als Schwalb eingetreten war, schloß der Direktor Tür und Fenster, blickte sich nach allen Seiten um und hatte mit ihm ein langes Gespräch, intim, unter vier Augen und leise, ganz leise: „Warum? Vielleicht, daß jemand sein Ohr an jene Seite der Tür legt! Eine Welt voll falscher Menschen, Intriganten, Nichtstuer." Nach diesem geheimen Gespräch hatte dem Schwalb, als er des Direktors Kabinett verließ, das rote Gesichi wie „ein Brand geflammt und wie ein. Bär geschwitzt". Hat wahrscheinlich eine hübsche Portion abbekommen, dachten seine Kollegen, hatten sich aber sehr geirrt. 61. Kap ite 1.. . . Holzman geht einen Schritt nach dem andern. Die Schauspieler des Lemberger Theaters hatten ein neues Stück Arbeit vor sich. Sie zerbrachen sich die Köpfe darüber, was denn der Bukarester Direktor und ihre Brejndele Kosak so dicke Freunde zueinander geworden seien. Und sie begannen, wie es ihre Art ist, das Pärchen zu verspotten, die Zungen zu schleifen und Um sich zu werfen mit den geflügelten Wor^u ],,Ein Leben bei ihnen wie neben ' dem Ba4!"j - „.Seht nur zu, lob es sich da nicht.-um. ein^Sliwung*) handelt."' '"• „Glück auf 2U:guter; Stadt **)>!" v :v „Gebe Gott*":*) Blut!" . °J „Es soll ihnen gut verlaufen!" fK r? K Wem hätte es einfallen können, daß Holzman sich durch die Schönheit da den Weg zur Primadonna Henrietta Schwalb bahne. Man hätte Hoizmans Nase und Holzmans Spürsinn haben müssen, um in so kurzer Zeit herausriechem fcu können, jdaß .Brejndele Kosak den besten Mittler' dazu abgibt. Und er ging an die Arbeit, klug, .geschickt, -mit Energie, mit Lust, wie es sich gebührt.. •»-. ,; Begonnen hat es natürlich mit' einem Gespräch, mit einem Spaziergang, einem Besuclv bei ihr. zuhause, alte Bekannte 'doch! Je weiter, um so freundlicher. *,Es freut ihn, daß er sie sieht. Schade nur, daß Schtchüpjpak nicht da ist.' ■ ■ \; ),|,Was wäre dann?" fragt sie :U.nd' sieht ihn mit ihren kleinen japanischen Augen an und will erraten, was er meint. .'„Würde er wenigstens zerspringen."!„Amen. So füge es sich, Herr,der Welten. Aus Ihrem Mund in Gottes Ohr." Fast, fast hat sie „aus deinem Mund" sagen wollen, faßt sich aber. Es ist ihr unangenehm, ihm .„Sie" zu sagen. Herr der Welten, was aus einem Menschen Werden' kann. Wenn Schtschuppak jetzt da wäre Und einen Blick auf seinen Hotzmach werfen könnte, würde er wirklich zerspringen. So denkt Brejndele Kosak, sieht Holzman an und kann sich an ihm nicht sattsehen. Sie hört seinem Reden zu und kann sich nicht satthören. Es ist gar nicht der! Mensch. Wahrhaftig, es ist auch nicht seine Sprechweise. Er spricht gar von „Zweck", von „Geschäft", von „Kapital". „Hotzmach" und „Kapital", chacha!: Er rühmt sich, ein bißchen Geld, Gott sei Dank, zu besitzeu. Er ist kein großer Kapitalist, sagt er, aber mit Schtschuppak hält er noch den Vergleich aus. Jener hat Brillanten; er hat Bargeld. Eine bare Münze ist mehr wert als alle Brillanten, sagt er. Der Teufel in des Geldes Vater hinein. „Lassen Sie Schtschuppak in Ruh," unterbricht ihn Brejndele Kosak. „Heute hat er Sorgen und keine Brillanten mehr." „Ich werde es,nicht glauben, bevor es meine Augen sehen. Und ich werde mich nicht früher beruhigen, als bis Schtschuppak meine Stiefel putzt. Die Cholera soll auf ihn kommen mitsamt meinem Husten." Spricht er von Schtschuppak, regt er sich auf, und ist er aufgeregt, .verlaustet er sich. Ausgehustet, steckt er die Finger rechts und links unter die Weste, schreitet mit den langen, dünnen Beinen durch das Zimmerchen der Madame Tschernjak hin und her, blickt auf ..dte Fußspitzen und hört nicht auf, sich vor ihr zu rühmen: *) Absichtlich verdreht für Siwug — vprbestimmtes Paar.;; **) Absichtlich verdreht für Stunde. ***) Absichtlich verdreht für Glück. j) Absichtlich verdreht für ablaufen. Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. so Nachdruck verboten. Roman von Schalom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. Rosen hall. (36 Forlsetzung)